Masse als Klasse?

Über einen populären Trend anhand eines weniger populären Mammutwerks

Bild: SH

Nádas tut uns den Gefallen nicht, mit dem noch Tolstoi und Proust ihren Lesern das Schwimmen in ihren Romanozeanen erleichtert haben. Nádas verzichtet auf eine durchgehende Handlung, welche die Leser auf konventionelle Weise bei der Stange hält. Es gibt bei ihm nicht das vertraute Spiel der Handlungsstränge, die auseinanderlaufen, sich verwirren, sich dann finden, ordnen und zum Schluss einem alles irgendwie auflösenden Ende zustreben.

Was Andreas Isenschmitt über Péter Nádas Parallelgeschichten schreibt, trifft es genau:

Nádas fängt sozusagen mittendrin an, mit einer schneebedeckten Leiche im Berliner Tiergarten kurz vor Weihnachten 1989, kümmert sich dann über unzählige Kapitel kaum um seine Leiche, eröffnet stattdessen alle paar Hundert Seiten gleichsam einen neuen Roman, um zuletzt auch so zu schließen: mit neuen Orten, neuen Personen, neuen Handlungszusammenhängen, neuen Rätseln – so eben, wie andere einen Roman eröffnen.

Befremdlich aber, dass das weder neutral berichtet wird, noch Grund gibt zur Kritik. Vielmehr war es genau diese Eigenschaft, die die Rezensenten angesichts des 1700 Seiten-Brockens in Jubelstürme ausbrechen ließ.

Weltspiegelnde und ornamentale Kunst

Eine Tendenz, die ich schon in meinen Betrachtungen zum Tod der Serienform konstatiert habe: Das gewollte Fehlen künstlerischer Gestaltungsmittel wird vermehrt explizit als Qualitätsmerkmal herausgestellt. „Dieses Lied scheisse, iss mir egal“ – einmal mehr marschieren sogenannte Hoch- und Populärkultur im Gleichschritt, wenn es darum geht Mängel als Stärken zu verbrämen. Kunst heute, scheint’s, zerfällt wie überhaupt alle geistige Anstrengung, in zwei unverbundene Felder: Die (kritisch gemeinte) Weltspiegelung, die Totalität aber keine Ordnung kennt, und das Ornament, das Ordnung kennt aber keine Totalität: In dem die Ordnung unverbundenes Beiwerk bleibt.

Nádas Parallelgeschichten und Game of Thrones etwa (aber auch das verhasste „Unterschichtfernsehen“, fallen beide unter ersteres. Im Gegensatz zu ornamentaler Kunst (Helene Fischer, Disneyfiguren auf Schulhöfen, Jeff Koons,) wird dabei zumindest noch der Anspruch erhoben, der Welt kritisch den Spiegel vorzuhalten. Nur bleibt es eben bei der Spiegelung, weil im Geiste eines komplett den Formen dieser Welt verhafteten Positivismus die weitreichendere Organisation des Materials als realitätsfremd bzw. gekünstelt abgelehnt wird. So ergibt sich denn der einst undenkbare Effekt, dass ein Autor bezüglich seines Romanwerks in etwa genauso wenig weiß, wie es zu einem gelungenen Abschluss gebracht werden kann, wie das Kim Jong Un und Donnie The Trump angesichts ihres nuklearen Chicken-Games wissen, um den Preis, dass nichts, aber auch gar nichts mehr an der Kunst über den Welt- und Verhängniszusammenhang hinausweist.

Verweigerte Vermittlung

Erlaubt die spiegelnde Kunst zwar Hässlichkeit, und nicht zu knapp, verbaut sie sich jedoch formal die Transzendenz; das Ornament dagegen, das sich nun zumindest rein äußerlich noch zur Arbeit an der Form bekennt, lässt diese erstarren und läuft ohne Biss neben den relevanten Zeitfragen her. Die eigentlich vermittelnde Qualität der Kunst, die dialektisch darauf abzielen würde, die nicht seltenen, ja überwältigenden hässlichen Momente der Existenz aufzugreifen und ästhetisch zu überformen, zerfällt in zwei beinahe unverbundene Sphären, derer eine das tumbe Dauerfeuer der Hoffnungslosikgkeit noch verstärkt, während die andere den Zuckerguss anrührt, um die Scheiße schmackhafter zu machen.

Nun muss man diese Kritik angesichts Nádas Opus Magnum gewiss einschränken. Parallelgeschichten ist kein plumper Naturalismus, wie ihn George R.R. Martins Werk darstellt. Nádas immerhin arbeitet noch im Kleinen kunstvoll: Seine Art, sich sprachlich der Welt zu nähern kann (vielleicht erstmals!) mit Recht sur-realistisch, also auf- oder überrealistisch, genannt werden. Detailbeschreibungen (oft sexuelle Akte), die binnen Minuten stattfindende Handlungen über zig Seiten spreizen, bauen ungeheure Distanz auf zwischen Leser, Beschreibung und Beschriebenem, so dass regelmäßig in Parallelgeschichten Voyeurismus und radikale Entfremdung vom Text das Leseerlebnis gleichermaßen bestimmen.

Warum soll ich das lesen?

Nur fehlt eine dem Erlebnis beikommende Form: Man könnte den Roman überall anfangen. Überall beenden. Ihn für immer beiseite legen, wenn er all zu sehr strapaziert. Was viele Leser so auch zu halten scheinen. Und wer will es ihnen verdenken? Nichts hält bei der Stange, es sei denn, dass man eine gewissenhafte Rezension verfassen möchte. Wo ein Werk mit Formlosigkeit protzt, ist es als Werk eben bereits aufgegeben. Keine Organisation lockt den Leser noch, zwänge ihn überhaupt, um eines antizipierten Genusses Willen, Dissoziation und Verstörung zu ertragen.

Verteidigung: Zum Pornografievorwurf

Befremdlich übrigens auch der Streit, ob es sich bei Parallelgeschichten um einen erotischen oder pornographischen Roman handelt. Es wirkt, als könnten weder die Freunde noch die Gegner des Textes den Finger darauf legen, was an Nádas eigentlich fasziniert bzw. abstößt.

Er hätte lieber alles an oder aus ihr herausgeleckt. Den demütigenden Dienst genossen. Den im Mund angesammelten Speichel mit der stark riechenden, aus der Fotze tropfenden, pissegewürzten, schleimigen Ausscheidung vermischen, in der er jetzt mit seinem zu harten, schmerzenden Schwanz herumplatschte wie in einem abgrundtiefen Sumpf voller verwesender Fischleichen und gelber Wasserlilien. Mit der hochgeschürzten Zungenspitze hineinlangen, zwischen ihren starken, prallen Schamlippen in die geöffnete Scheide hinaufgleiten. (367)

Solche Sätze sind weder erotisch noch pornographisch. Denn erotische wie pornographische Literatur wollen reizen und erregen (überhaupt: ist Erotik nicht oft genug nur ein Label, um Pornographiefeinden ihren Pornokonsum zu erleichtern?) Nádas erregt nicht. Er seziert. Vergrößert. Breitet aus. Sex ist ihm Brennglas und hauptsächliche Leinwand seines Sur-Realismus. Dass das irgendwann nervt, liegt vor allem daran, dass es eben auch hier weder eine Grenze gibt noch einen guten Grund für Grenzen. 500 Seiten Sperma und Mösensaft mehr oder weniger, an der künstlerischen Anlage von Parallelgeschichten änderte es nichts. Und in solchen Fällen ist weniger meist mehr.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel.

Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten.

Monographien:
Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front
Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover
kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu
Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen

Audio-Exklusiv:
La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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