Six Of The Best – Sechs aktuelle Perlen, die man nicht verpassen sollte

Die Hörmal-Kolume feiert ein kleines Jubiläum. Mit dieser 50. Ausgabe ruft Ulf Kubanke eine neue Unterrubrik ins Leben. „Six Of The Best“ stellt in unregelmäßigen Abständen jeweils ein halbes Dutzend aktueller Songs und Platten vor, die man nicht verpassen sollte.

Foto: Ulf Kubanke, taken by Zizino, Copyright by Kubanke/Zizino

Wir alle kennen das Dilemma: Man ist zwar durchgehend von ganzen Wagenladungen übler Musik umzingelt. Dennoch gibt es weit mehr herausragende Songs, Alben und Musiker, als dass man über alle ausführlich schreiben kann. Zumindest in einer wöchentzlichen Kolumne ist das Ziel der Vollständigkeit unerreichbar. Erst recht, wenn zwischendurch immer wieder spontane Nachrufe unabdingbar sind, wie sie der Sensenmann seit einiger Zeit verlangt.

Hier soll die Subkategorie „Six Of The Best“ Abhilfe schaffen. In unregelmäßigen Abstäden stelle ich jeweils ein halbes Dutzend aktuelle Highlights vor, deren musikalische qualität mehr als nur ein geliehenes Ohr verdient. Ganz egal ob Weltstar oder Geheimtipp! Also schnell die Schatztruhe geöffnet und los geht es mit folgenden sechs Duplonen of Song.

1. Zunächst erwartet uns eine recht neue Band mit außergewöhnlichem, gute Laune verbreitendem Konzept. MEUTE ist der Besetzung nach eigentlich ein Spielmannszug, eine Marschkapelle samt Trommler und Blasmusik. Von wegen! Das Kollektiv um den Trompeter Thomas Burhorn bezeichnet sich selbst indes als Techno- und Deep House-Band!

Es ist herrlich. Die Hamburger schnappen sich bekannte Nummern von DJs und Komponisten der Techno/House-Szene und dengeln die Trackss mit viel jazzy Gefühl auf die organische Ebene um. Ihr markig postuliertes Ziel: Die Rückführung der elektronischen Musik zu ihren Wurzeln. Das klappt wunderbar. MEUTEs sympathisch augenzwinkernde Mischung kommt bei Technohassern ebenso gut an, wie bei dessen Jüngern, bei Jazzpuristen ebenso wie bei Clubgängern. Auf dem neulich abgehaltenen renommierten Reeperbahn-Festival waren sie zu Recht ein Publikumsliebling. Gerade erschien ihr Debütalbum „TUMULT“. Davon spiele ich hier für Euch Laurent Garniers Klassiker „The Man With The Red Face“. MEUTEs Version ist dem Original weit überlegen. Hört nur selbst:

2. Verweilen wir doch erst einmal im Groove. Der deutsch-chilenische Produzent und elektronische Musiker Matias Aguayo hat dieser Tage ein besonderes Album herausgebracht. „Sofarnopolis“ wandelt abseits des gewohnter technoiden und housigen Aguayo-Pfades. Der in Köln aufgewachsebne Klangtüftler erinnert sich hier seiner eigenen Jugendhelden aus dem Postpunk-Genre. Er schnappt sich die damals empfundene Grundstimmung und setzt sie in einen ebenso psychedelischen wie tanzbaren Zusammenhang. Das Ergebnis kann sich hören lassen. Besonders das süchtig machende „Nervous“ begeistert als kosmopolitischer Soundbastard. Es klingt ein wenig als würden Alien Sex Fiend Latino-Rhythmen entdecken.

3. Nicht minder großartig schmeichelt sich Tori Amos neues Album „Native Invaders“ in die Ohrmuschel. Es ist ein wahrhaft kämpferisches, dabei ebenso sensitives Werk geworden. Aber ist das bei Tori nicht immer so? Die Songs fußen teilweise auf persönlichen Schicksalschlägen und behandeln deren Überwindung. Ebenso nutzt La Amos die Natur als Vorbild; jene Flora und Fauna, die – sich stets erneuernd – selbst konstant ums Überleben kämpft und sich den Schicksalsschlägen des Menschen gegen ihren Lebensraum ohne Unterlass erwehren muss. Man hört auf der Platte ein paar für ihre Verhältnisse sehr groovy geratene Tracks. Sogar eine Wahwah-Gitarre kommt auf „Native Invaders“ zum Einsatz. Die zugrundeliegende Dramatik findet sich gleichwohl besonders im an dieser Stelle vorgestellten „Raindeer King“. Hier bekommt der Hörer ein im besten Sinne typisches Amos-Stück voll prägnanter Pianoläufe und jener dunklen Anmut, die ihren vom Feuer geküssten, intensiven Vortrag stets umhüllt.

4. Ich habe viel für The National aus Ohio übrig. Mit gut gemachter Melancholie bekommt man mich sowieso. Besonders interessant fand ich stets, wie sie den Schleier der Verzweiflung live lüften, indem sie ihr eigenes Konzept mit heftigen Rock-Attacken konterkarieren. Auf ihrem neuen, erneut sehr guten Album mit dem sinnlich-sinsistren Titel „Sleep Well Beast“ kommen erstmals auch im Studio beide Seiten der Amerikaner zum Tragen. Hier das charismatische „The System Only Dreams In Total Darkness“:

5. First Breath After Coma ist nicht nur ein gelungener Bandname, der auf dem gleichnamigen Song von Explosions In The Sky. Beruht (vgl. nur die letzte Kolumne) basiert. Er hält, was er verspricht. Die fünf Portugiesen aus Leiria sind die Darlings der dortigen Post Rock- und Alternative-Szene. Zwischen elegischem Post Rock, psychedelischer Klangmalerei in Sepia und traumverlorener, leicht melancholischer Haltung entspinnen sie ihre einnehmende, fast gothische Atmosphäre. Das Album „Drifter“ mit seinen „Salty Eyes“ erschien dort bereits 2015. Aufgrund des verdienten Erfolgs veröffentlichten sie es nun auch hierzulande bzw. weltweit.

6. Zum Schluss der Kolumne lege ich Euch einen Song nah, der bei mir seit einiger Zeit mehrfach pro Woche läuft. Würde man die Band um Sänger und Hauptsongwriter Adam Granduciel als gegenwärtige Könige des Eklektizismus bezeichnen, wäre das sicherlich keine Übertreibung. Doch was bei so vielen Kollegen in ödem Epigonentum ausartet, mündet bei The War On Drugs in eigenständiger Musik. Dieser hört man einerseits die tiefe Prägung durch große Americana-Ikonen wie Dylan, Springsteen, Young oder Petty (schnüff!) überdeutlich an. Doch andererseits ist Granduciel genau der richtige Mann, die Traditionen mit modernen Strömungen und anderen Stilen zu verbinden. Hinzu kommt: Sein Songwriting ist herausragend.

Die wilde Mischung der Band baut von Ambient über Krautrock und Indierock alles in ihren fließenden Folkrock ein. Sogar Spurenelemente von Postpunk und New Wave lassen sich mitunter ausmachen; etwa im tollen „Red Eyes“ von ihrer 2014er Platte „Lost In The Dream“. Die Melange kommt bei jungen Fans ebenso an wie bei der älteren Rockgeneration. Jeder erliegt ihrem Charme. Zwar ist Bandmitgründer Kurt Vile schon seit Jahren nicht mehr mit von der Partie und startete längst eine erfolglreiche Solokarriere. TWOD jedoch haben sich mit ihrem neuen Album „A Deeper Understanding“ mittlerweile zum totalen Chartbreaker entwickelt. Weltweit in den Top Ten und in den USA sogar Nummer eins der Billboardhitliste ohne auch nur den geringsten qualitativen Kompromiss ein zu gehen. Chappeau!

Jedes einzelne Stück ist eine zauberhaft melodische Schönheit; allesamt perfekt produziert von Granduciel höchstpersönlich. Mein Favorit ist das epische 11-Minutenlied „Thinking Of A Place“. Lasst Euch davontragen von diesem hochgradig hypnotischen Stück.

 

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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