UND ES WARD LICHT!

Kaum zu glauben, wie die Zeit vergeht, das ist jetzt bereits meine zehnte Bach- und Sachgeschichte. Ein kleines Jubiläum! Da kann ich Ihnen natürlich nicht einfach irgendetwas vorsetzen, das muß schon was Besonderes sein. Etwas Göttliches.


Vielleicht erinnern Sie sich noch an mein Glaubensbekenntnis – Ich glaube an die Heilige Dreifaltigkeit: Bach als Gottvater, Beethoven als fleischgewordenen Sohn und Mozart als Heiligen Geist. Und vielleicht erinnern Sie sich noch an „Wenn die Engel für Gott spielen, so spielen sie Bach, füreinander spielen sie Mozart.“ Heute also spielen wir Mäuschen bei den Engeln.

Und kaum zu glauben: In meiner Jugend konnte ich mit Mozart eher wenig anfangen. Wirklich. Mit wenigen Ausnahmen. Eine davon ist gleichzeitig meine früheste mir bewußte musikalische Erinnerung. Ich kann mich an keinen Tag in meinem Leben erinnern, da ich dieses Werk nicht kannte, das ist mir geläufiger als alle Kinderlieder zusammen, vielleicht kenne ich es noch aus dem Mutterbauch: Das Klavierkonzert Nr. 20 d-moll mit der anbetungswürdigen Clara Haskil. Das ist das Allerheiligste. Immer gewesen. Und wird es immer sein.

 

Das ist ein mehr als würdiger Beginn für die Jubiläumskolumne. Bitte haben Sie einen kleinen Augenblick Geduld, ich muß mich erst ein wenig demütig im Staub wälzen.

Danke. Ansonsten empfand ich Mozart weitgehend als – ich wage es kaum, diese frevlerischen Worte zu tippen – zu gefällig und seicht. Aaaah, ich habe es getippt! Bitte haben Sie noch einmal einen Augenblick Geduld, ich muß meine Tastatur desinfizieren, mich geißeln und drei Mozartunser beten.

Danke. Ich hab da grad eine prima Idee: Um es nicht selbst aussprechen zu müssen, schiebe ich einfach feige die etwa 12jährige Tochter einer befreundeten Musikschulleiterin vor, die sie vor einiger Zeit in einem facebook-Post sinngemäß so zitiert hat: „Mama, ich will kein Mozart mehr spielen, ich bin doch kein Kind mehr!“

Kindermund tut Wahrheit kund. Also so KANN man das empfinden, und mir ging es damals ganz ähnlich. Die wahre Wahrheit aber ist: Mozart ist so über alle irdisch vorstellbaren Maße hinaus perfekt und alles folgt so zwangsläufig, daß man zu denken versucht ist: Ja klar, was denn sonst? Und das alles mit einer so mühelosen Einfachheit und Leichtigkeit, die dann alles als… Nun ja: Einfach und leicht erscheinen läßt. Ha! Einfach und leicht! Mit 12 ist man ja zum Glück noch nicht strafmündig.

Aber auch ich brauchte mein persönliches Erweckungserlebnis. Meines war im Kino: Bei Milos Formans Verfilmung von „Amadeus“. Das ist zwar auch ein toller unterhaltsamer Film, für mich aber ein geradezu spiritueller Moment in meinem Leben. Ich kannte Mozarts Werke natürlich schon ziemlich gut, aber da fiel es mir wie Schuppen von den Haaren. Höchstwahrscheinlich hätte meine Erweckung auch sonst früher oder später (eher früher) stattgefunden, trotzdem bin ich Forman ewig dankbar.

Das war auch die Zeit, als der Siegeszug der CD-Player begann, mein Bruder der Hifi-Nerd (ist er bis heute) hatte schon einen, und so habe ich dann ganz schnell meine allererste CD gekauft: Die Symphonien 40 und 41 mit den Wiener Philharmonikern unter Claudio Abbado. Insbesondere die 41 (Jupiter-Symphonie) habe ich dann wochen- oder monatelang mit der neuen praktischen Repeat-Funktion nonstop gehört.

Ich finde zwar eine Wiener/Abbado-Aufnahme bei youtube, aber das muß eine andere sein, insbesondere im zweiten Satz hat´s mir der Claudio da deutlich zu eilig, nach Hause zu kommen. Dann nehmen wir halt Nikolaus Harnoncourt.

Vielleicht haben Sie es schon vorher geahnt – der Harte Hund weiß es natürlich schon längst: Ich habe einen an der Klatsche. Also jetzt nicht so wie die Nestbewohner in einem anderen Film von Milos Forman. Also höchstens so wie McMurphy. Höchstens!

Ich bin angstkrank – so mit Panikattacken, Herzrasen, Atemnot, Todesangst und diesem ganzen miesen Zeugs, und war da einige Jahre in psychotherapeutischer Behandlung. So selten sind derlei Klatschen ja leider nicht, und vielleicht wissen einige darum, was man so alles anstellt, wenn´s einem nur dreckig genug geht. Ich zum Beispiel habe allerhand herumexperimentiert, und mein Mittel der Wahl zur Linderung der Symptome war schließlich: Badewanne und Mozart. Das hat funktioniert, wenigstens kurzfristig, und wenn´s einem richtig dreckig geht, ist man ja schon für eine halbe Stunde Erlösung dankbar. Also es mußte schon Badewanne UND Mozart sein, nur eins von beiden hat nicht gereicht. Auch nicht Badewanne und Bach oder Badewanne und Beethoven, auch wenn das alliterarisch reizvoll gewesen wäre, ich hab das im Selbstversuch hieb- und stichfest empirisch nachgewiesen. Vielleicht die Sache mit dem Mutterbauch?

Ich hab mir dann auch fast immer Klavierkonzerte zum Wannenbad verschrieben, aber wir haben ja schon mit einem angefangen und werden nachher auch wieder mit einem enden, darum jetzt was anderes.

Mir geht’s inzwischen mit der Klatsche ganz gut; Heilung gibt’s zwar nicht, aber es wird seltener und weniger schlimm. Es gab aber auch Phasen, da war es wirklich schlimm, und da hab ich verstanden, daß jemand den Notausgang aus dem Leben nimmt. Ich empfinde es darum immer als besonders unangenehm, wenn mal wieder ein prominenter Depressiver Suizid begangen hat und die asozialen Netzwerke von Kommentaren verseucht werden nach Art von „Aber er/sie hatte doch Kinder! Das ist doch verantwortungslos! Da hab ich kein Verständnis!“. Dankt dem Herrn dafür, daß euch die Gnade zuteil wurde, das nicht verstehen zu können, und haltet die begnadet dumme Fresse. Danke.

Für alle, die ihre fiese Krankheit nicht ertragen konnten, das Ave Verum Corpus. Stand jetzt hätte ich das auch gerne bei meiner eigenen Beisetzung.

Ave, ave, verum corpus,
natum de Maria virgine,
vere passum immolatum
in cruce pro homine,
cuius latus perforatum
unda fluxit et sanguine
esto nobis praegustatum
in mortis examine,
in mortis examine!

 

In meinem Alter war Mozart übrigens schon 14 Jahre tot. So viel zum Thema Gerechtigkeit.

Aber jetzt vertreiben wir wieder ganz schnell unsere Sorgen mit dem wunderbaren Klarinettenkonzert.

Geh ich Ihnen eigentlich mit meinem Zweiter-Satz-Tick schon auf den Sack? Ja? Mir doch egal. Dann hören Sie´s halt gerne ganz statt erst ab 12:35.

Ich bin ja grad im rationalen Arbeitsmodus, trotzdem läuft mir, während der zweite Satz im Hintergrund auf dem schnöden Laptop dudelt, die Brühe übers Gesicht. Und als ich dabei meinen stets zu Streichen aufgelegten Katz mal wieder zur Ordnung rufen muß, bricht mir die Stimme. Hab mir dann ein Bierchen geholt und den Link nochmal zurückgespult, weil es ein Frevel ist, auch nur wenige Sekunden Mozart zu verpassen, und siehe da: Brühe.

Wo mir noch das Erweckungserlebnis fehlt, ist die Oper. Wenn all die Wagnerianer vor Verzückung hyperventilieren, stehe ich davor mit einer Mischung aus Neugier bei einem Verkehrsunfall und blankem Entsetzen. Die Wagner-Ouvertüren sind großartig, aber sobald das Geträller beginnt, bin ich raus. Also so was von raus. Ähnlich bei all dem italienischen Zeugs (Der Harte Hund möge die Schnauze halten, sonst nenn ich ihn in Zukunft „Miss Ratched“), das läßt mich weitgehend kalt, während viele Opernfans bereit sind, obszöne Summen dafür zu bezahlen, um irgendeine gelenkige Gurgel zu hören.

Ausnahmen sind da für mich Barockopern – insbesondere die von Händel – und eben Mozart.

Ich versuch´s mal, weil ich´s mit Worten ohnehin nicht erklären kann, mit einem Beispiel. Sonst bleibe ich halt unverstanden, auch für mich selbst.

 

Demjenigen, der vor allem das Ende des Videos geschnitten hat, wünsche ich einige Wochen mit fies plagenden Hämorrhoiden. Was für ein Barbar!

Wir enden wie versprochen mit einem Klavierkonzert. Es ist natürlich in meinen Augen so gut wie unmöglich, bei Mozart gegen Clara Haskil zu stechen, aber Daniil macht das sehr fein.

Der zweite Satz ist zum Umfall… Ich hör ja schon auf!

 

Clemens Haas

Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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