Romeo und Clara

Ich bin wieder da. Treue Leser erinnern sich aus der letzten Dingdong-Kolumne: Ich habe inzwischen geheiratet und hatte dann in Folge auch erst mal einiges zu erledigen, ich bitte um Nachsicht. In der Honeymoon-Kolumne geht es dann aber jetzt auch um: Liebe.


Foto: Haas

Das wohl berühmteste Liebespaar der Geschichte dürften Romeo und Julia sein. Hoffe ich zumindest. Könnten auch, wenn man die Umfrage im Frisörsalon durchführt, Brangelina sein oder ein paar Jahre vorher Liz Taylor und Richard Burton, aber das blende ich in meiner Leitkultur-Arroganz einfach mal aus.

Ganz ganz großes Kino ist die Fantasie-Ouvertüre „Romeo und Julia“ von Tschaikowsky. „Fantasie“-Ouvertüre darum, weil nach einer Ouvertüre ja eigentlich immer was kommt, eine Oper oder ein Ballett oder was auch immer. Oder im Kino halt ein Film nach dem Vorspann. Hier aber nicht. Hier ist die ganze Geschichte schon komplett in der Ouvertüre drin. Hammer. Was für ein geiles Ding.

Tschaikowsky gilt völlig zurecht als Schutzheiliger der russischen Leitkultur und wurde als solcher unter anderem auch bei der Eröffnungsfeier zu den Olympischen Winterspielen in Sotschi geehrt. Kein Wort dort aber natürlich darüber, daß er homosexuell war, also falsch geliebt hat, und dadurch erheblichen Anfeindungen ausgesetzt, bis hin dazu, daß ihm der Suizid nahegelegt wurde. Das wird von den homophoben russischen Leitmedien einfach mal geschmeidig ausgeblendet. Wenn auch nicht abschließend geklärt ist, ob sein plötzlicher Tod darauf zurückzuführen ist.

Das soll aber bitte kein Russenbashing sein. Schon gar nicht aus meinem deutschen Mund. „Wir“ blenden ja auch gern mal „die zwölf Jahre“ (als ob es nur um diese zwölf Jahre ginge) aus, weil Vergangenheit ja mal Vergangenheit sein soll, sind dann aber stolz auf Bach, Goethe und Schiller und unsere Leitkultur, das ist kein Stück weniger verlogen. Zudem halte ich Russland für das aus klassisch musikalischer Sicht prägendste Land der letzten hundert Jahre. Oder wie ich manchmal sage: Die meisten der wirklich geilen Musiker und Komponisten der letzten hundert Jahre sind entweder Russen oder Juden oder russische Juden. Mein Volk. Beide.

Hier also gleich noch mal ein großer Russe: Sergei Prokoffieff, und noch mal mit Romeo und Julia. Hier nicht nur ein Vorspann, sondern ein richtig abendfüllender Riemen. Sogar mit Überlänge, kostet hier aber nichts extra. Den müssen Sie sich jetzt nicht unbedingt sofort ganz reinziehen, da machen Sie sich mal bei Gelegenheit eine Tüte Mikrowellen-Popcorn oder öffnen eine Flasche Wein und lassen einen Abend lang die Glotze aus. Anspieltipp für die Schnelle: „Tanz der Ritter“ (oder auch „Montague und Capulet“) bei etwa 27:35. Woah!

 

Auch ganz großes Kino, dieses Mal im wörtlichen Sinn, ist die Romeo und Julia-Verfilmung von Franco Zeffirelli aus dem Jahr 1968 (ein übrigens ganz vorzüglicher Jahrgang). Die muß ich mir regelmäßig ansehen, ich werde einfach nicht satt davon. Die Musik dazu ist von Nino Rota, einem Urgestein der Filmmusik, am bekanntesten wohl durch die Musik für „Der Pate“. Für Teil 1 wurde er für den Oscar nominiert (die Nominierung wurde zurückgezogen, weil ein Thema bereits für einen früheren Film komponiert wurde), für Teil 2 gab es den Oscar dann.

 

Überhaupt: Filmmusik. Das ist der Bereich, in dem „klassische“ Musik noch die breite Masse erreicht. Bitte verstehen Sie diesen Satz als Teaser für eine noch folgende Kolumne.

Für heute aber bleiben wir bei klassischer Kunstmusik. Zunächst das „Ständchen“ von Franz Schubert aus dem Zyklus Schwanengesang (der so heißt, weil er das letzte Werk vor Schuberts viel zu frühen Tod war). Der Text ist von Ludwig Rellstab:

Leise flehen meine Lieder
Durch die Nacht zu Dir;
In den stillen Hain hernieder,
Liebchen, komm‘ zu mir!

Flüsternd schlanke Wipfel rauschen
In des Mondes Licht;
Des Verräthers feindlich Lauschen
Fürchte, Holde, nicht.

Hörst die Nachtigallen schlagen?
Ach! sie flehen Dich,
Mit der Töne süßen Klagen
Flehen sie für mich.

Sie verstehn des Busens Sehnen,
Kennen Liebesschmerz,
Rühren mit den Silbertönen
Jedes weiche Herz.

Laß auch Dir die Brust bewegen,
Liebchen, höre mich!
Bebend harr‘ ich Dir entgegen!
Komm‘, beglücke mich!

Das „Original“ ist geschrieben „Für eine Singstimme mit Begleitung des Pianoforte“, es gibt aber unzählige Bearbeitungen für andere Besetzungen. Hier eine von Jacques Offenbach orchestrierte Version.

 

Es gibt aber natürlich auch eine Transkription für Klavier von – Stammleser ahnen es bereits – Franz Liszt, womit ich schon mal elegant überleite zum Instrument für den Rest dieser Kolumne.

 

Ganz schön ziemlich zauberhaft, wie Khatia das spielt.

Ob und wenn: an wen Schubert da im Besonderen dachte, ist mir nicht bekannt. Bekannt ist aber, an wen Robert Schumann dachte, als er den Zyklus „Myrthen“ schrieb: An seine Clara.

Robert und Clara dürften das wohl berühmteste Liebespaar der Musikgeschichte sein, und ihr Briefwechsel ist der Nachwelt erhalten geblieben.

Bald hätte ich vergessen, daß ich diese Nacht sehr schön und lieb von Dir geträumt. Du küßtest mich und setztest mir einen wundervollen frischen Myrthenkranz auf, während Du mich mit aller Innigkeit dabei in Deine Arme schlossest. Ich erwachte ganz glücklich und dachte an Dich

schreibt Clara 1840 an Robert, da wußte sie wohl noch nichts von Roberts Hochzeitsgesch… Ups, Spoiler!

Die Sache sah nämlich zunächst alles andere als rosig oder myrtig aus. Zwar gehörten die beiden keinen verfeindeten Geschlechtern an und es gab keine fatalen Gefechte. Aber für den alten Vater Wieck galt Robert als rechter Loser und keine angemessene Partie für seine bereits gefeierte Starpianistin Clara, und so hat er seine notwendige Einwilligung zur Hochzeit verweigert. Eine ziemlich miese Sache für Clara und Robert, aber ein Glücksfall für uns: Das hat uns diesen einzigartigen Briefwechsel beschert und in Robert einen kreativen Schub ausgelöst. Schließlich haben die beiden dann die Einwilligung gerichtlich eingeklagt, und Robert konnte Clara doch noch den Myrtenkranz aufsetzen. Bzw. der Kranz kam eigentlich von Cäcilie:

Tagebuch 11. September 1840

Polterabend! Mein Robert machte mir noch ein schönes Brautgeschenk. „Myrthen“ –

ich war ganz ergriffen. Cäcilie überreichte mir den Myrthenkranz. Es war mir

ordentlich heilig zu Muthe, als ich ihn berührte. Einige Freunde verbrachten mit uns

einen heiteren Abend.“

Das erste Lied aus „Myrthen“ ist „Widmung“, nach einem Text von Friedrich Rückert.

Du meine Seele, du mein Herz,
Du meine Wonn, o du mein Schmerz,
Du meine Welt, in der ich lebe,
Mein Himmel du, darein ich schwebe,
O du mein Grab, in das hinab
Ich ewig meinen Kummer gab.
Du bist die Ruh, du bist der Frieden,
Du bist der Himmel mir beschieden.
Daß du mich liebst, macht mich mir wert,
Dein Blick hat mich vor mir verklärt,
Du hebst mich liebend über mich,
Mein guter Geist, mein bessres Ich!

Wir hören zunächst das Original für Gesang und Klavier, danach die Transkription für Klavier solo von Franz Liszt. Jaja ich weiß, den Link hab ich schon mal gebracht. Aber ich hab den schon hunderte wenn nicht tausend Mal angesehen, da können Sie auch zweimal. Also ehrlich.

 

 

Nun war Robert Schumann nicht der einzige, der in Clara verschossen war. Auch Johannes Brahms hat sie wohl zeitlebens geliebt. Und als wäre es nicht schon verzwickt genug, sich in eine verheiratete Frau zu verlieben (ich weiß da, wovon ich rede): Der junge Johannes (23 Jahre jünger als Robert und 14 Jahre jünger als Clara) hatte Robert, der das junge Talent förderte, einiges zu verdanken. Unter anderem Robert Schumann in der „Neue Zeitschrift für Musik“:

Und er ist gekommen, ein junges Blut, an dessen Wiege Grazien und Helden Wache hielten. Er heißt Johannes Brahms, kam von Hamburg, dort in dunkler Stille schaffend, aber von einem trefflichen und begeistert zutragenden Lehrer gebildet in schwierigen Setzungen der Kunst, mir kurz vorher von einem verehrten bekannten Meister empfohlen. Er trug, auch im Äußeren, alle Anzeichen an sich, die uns ankündigen: Das ist ein Berufener.

Geschmack hat er offensichtlich gehabt, der Robert.

Der Briefwechsel zwischen Johannes und Clara ist uns leider nicht erhalten geblieben, den haben die beiden zum größten Teil einvernehmlich vernichtet. So viel hier aber aus einem erhaltenen Brief von 1856:

Meine geliebte Clara, ich möchte, ich könnte Dir so zärtlich schreiben, wie ich Dich liebe, und so viel Liebes und Gutes tun, wie ich Dir’s wünsche. Du bist mir so unendlich lieb, dass ich es gar nicht sagen kann. In einem fort möchte ich Dich Liebling und alles mögliche nennen, ohne satt zu werden, Dir zu schmeicheln. […] Deine Briefe sind mir wie Küsse.

Erhalten ist uns aber Gott sei´s getrommelt und gepfiffen das musikalische Werk von Brahms – mit Ausnahme einiger früher Werke, die er wegen Robert Schumanns höchstem Lob als unzureichend empfand und vernichtete. Eine der schönsten Liebeserklärungen in der Musik ist der zweite Satz der Sonate Nr. 3 f-moll von 1853, der von Clara Schumann uraufgeführt wurde. Die Sonate Nr. 3 ist zwar, anders als die Sonate Nr. 2, nicht „Frau Clara Schumann verehrend zugeeignet“, aber wer hier gemeint ist, wenn Brahms diesem Satz drei Verszeilen von C. O. Sternau voranstellt, ist für mich nicht zweifelhaft.

Der Abend dämmert, das Mondlicht scheint
da sind zwei Herzen in Liebe vereint
und halten sich selig umfangen.

Der zweite Satz beginnt bei etwa 9:58.

 

Damit verlassen wir Romeo und Robert, bei Clara bleiben wir gewissermaßen noch ein wenig.

Als die verheiratete Frau, in die ich mich verliebt hatte, mit unserer ersten Tochter schwanger war, die aus vielfältigen nicht näher benannten Gründen Clara heißt, hörte und spielte ich in hoher Schlagzahl den zweiten Satz aus Chopins erstem Klavierkonzert. Als sie mit unserer zweiten Tochter Greta schwanger war, hörte und spielte ich in hoher Schlagzahl den zweiten Satz aus Chopins zweitem Klavierkonzert. (Inzwischen habe ich diese Frau dann auch geehelicht und unsere Verbindung legalisiert, anders als Der Harte Hund, der in liderlichen Verhältnissen lebt.)

Ach wissen Sie was: Wir gehen doch noch mal schnell zurück zu Robert. „Hut ab, Ihr Herren, ein Genie!“, so Schumann über Chopin anläßlich dessen Variationen über Mozarts „La ci darem la mano“. Anläßlich Chopins beiden Klavierkonzerten: „Chopins Werke sind unter Blumen eingesenkte Kanonen.“ Ja, Geschmack hat er gehabt, der Robert. Ein 1a Talentscout.

Alle drei Werke (und ein paar weitere) sind auf der brandaktuellen Doppel-CD „Chopin Evocations“ von Daniil Trifonov zu finden. Die Klavierkonzerte sind dort deutlich anders interpretiert als in den beiden folgenden Links. Seien Sie neugierig.

(Ich liebe meine Frau und meine Kinder und meine Familie. Und ich liebe den Jungen.)

Zweite Sätze bei 21:35 bzw. 15:10.

 

 

Hut ab, Ihr Damen und Herren, ein Genie!

Clemens Haas

Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

More Posts

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen