Die Forderung nach Klarheit – über einen unklaren Begriff

Konsensforderung: „Klare Sprache“. Aber was Klarheit ist, ist gar nicht so klar. Und hinter „klarer“ Sprache lassen sich Unklarheiten mindestens so geschickt verbergen, wie hinter „unklarer“, meint Kolumnist Sören Heim. Alles klar?

Klare Linien, Nebeltrübe - Bild: Sören Heim

„Fremdwörter sind die Juden der Sprache“, so Adorno in der „Minima Moralia“. Diese Zuspitzung mag dem anstehen, der die Nähe von Antisemitismus und Intellektuellen Feindlichkeit hautnah erleben musste. Hier soll moderater daran anschließend, aus der Erfahrung mit „Kritiken“, die von Hegel über Derrida bis eben Adorno die unterschiedlichsten Denktraditionen unverdaut über einen Kamm scheren, und zwar den grobborstigen der sogenannten „verschwurbelten Sprache“, allgemeiner ausgesagt werden: In den Vorwurf der Unverständlichkeit fließt fast immer das Ressentiments gegenüber komplexen Gedanken ein. Gegenüber Gedanken, deren sprachliche Fassung daran erinnert, dass Sachverhalte selbst oft komplexer sind als die bornierte Sprache des „Das und Das ist Fakt“.

Aber halt, kommt jetzt zwingend der Einwand auch vom wohlwollendsten Leser: „ Es muss doch machbar sein einen klaren Gedanke (auch bei kompliziertem Sachverhalt) einfach auszudrücken!“ Und da fangen die Probleme an. Die sind, wie wir sehen werden, grundlegender Natur.

Kannst du das nicht klarer ausdrücken?

Doch beginnen wir mit dem einfachen Satz „Ein klarer Gedanke sollte einfach ausgedrückt werden“. Was ist „ein klarer Gedanke?“ Wann wurde er „einfach ausgedrückt“, wann nicht? Ist ein klarer Gedanke zwingend auch ein richtiger Gedanke? Kann nicht gerade auch der all zu klare Gedanke dem unklaren Sachverhalt Gewalt antun? Der einfache Satz bereits „Ein klarer Gedanke sollte einfach ausgedrückt werden“ enthält so viele Schwierigkeiten und Unklarheiten, dass man ihn durchaus zurecht als dunkel und schwierig – als unklar – kritisieren kann.

Dass die Unklarheit aber stets in der Sprache liege und nicht im Gegenstand, den man bei unklarer Sachlage ja immer noch klar durch das Darlegen der unklaren Sachlage beschreiben könne, des weiteren ist positivistischer Fetisch. Schon die Probe aufs Exempel anhand Grundfragen sogenannter harter Wissenschaften (was wäre besser geeignet, als die Physik?) erschüttert die Überzeugung. So istdie Kosmische Hintergrundstrahlung wohl einer der besten stofflichen Nachweise den Anfängen des Universums, kurz nach dem sogenannten Urknall. Aber wieso ist die Strahlung (und überhaupt auch die Materie) im Universum annähernd gleich verteilt, wenn wir uns den Urknall als zentrales Ereignis, Ausgangspunkt der kosmischen Expansion, vorstellen, eben als „Knall“?: (((·))). Nun, doch weil der Urknall sozusagen überall und nirgends, auch zeitlos, stattfand. Eben nicht einfach als Explosion im Raum, der samt Zeit ja überhaupt erst Resultat des „Urknalls“ ist. Und kann man da eigentlich von „stattfinden“ sprechen?
Klingt das nicht schrecklich unklar? Es dürfte dennoch eine ganz gute sprachliche Näherung an die Gehirnverrenkungen sein, die das Sprechen über die Frühzeit des Universums mit sich bringt.
Und klingt derweil nicht „Urknall“ zwar viel klarer, ist aber ein wenig irreführend?

Und man komme mir jetzt bitte nicht mit „so kompliziert wir nötig, so klar wie möglich“. Eine schrecklich unklare Forderung, die kaum über die Tautologie hinausgeht!

Klarheit als Deckmantel unsauberen Denkens

Unendlich schwierig ist es, das Konzept der Raumzeit in einer offenkundig auf dreidimensionale Räume zugeschnittenen Sprache auch nur halbwegs verständlich zu machen, auch das Ballonmodell macht es nicht leichter, zwingt es doch auch Raumzeit als Raum zu denken. Und doch wird man gezwungen sein, wie es von Weizsäcker nach Bohr formuliert, über Relativitäts- und Quantentheorie „weiter in der Sprache Kants zu sprechen“, wenn man sie außerhalb von Formeln vermitteln, also erst be-greifen möchte. Mindestens so komplex sind Verschlingungen gesellschaftlicher „Gegenstände“. Sogenannte Unklarheit liegt oft genug nicht allein in der Sprache, nicht allein im Gegenstand, sondern an deren Schnittstellen. Und: In einer Weise, die die Forderung nach Klarheit selbst zum Deckmantel unsauberen Denkens werden lässt. Denn so gut man sich sicher hinter komplizierten Formulierungen verstecken kann, um ein vielfaches besser versteckt es sich hinter leichten. Sie schützt nicht nur das fragile Schwert der Sprache, sondern der Mob, die Masse derer, die stets das „Naheliegende“ verteidigen.

Ein eindrucksvolles Beispiel sind Karl Poppers ultraklare, von Walter Kaufmann herausgearbeitete Verdrehungen zu Hegel, die in ihren offenkundigen Falschheiten selbst den Meister der Selektivzitierer, Edward Said, übertreffen dürften und gerade ob ihrer Einfachheit von der Masse der Popperjünger bis heute unkritisch geschluckt wurden. So nähert sich im intellektuellen Diskurs die Forderung nach Klarheit leicht der nach dem „gesunden Menschenverstand“ im politischen an, mit ähnlich fatalen Folgen. Damit soll nicht gesagt sein, dass es nicht unnötig schwierige Texte gibt. Und sich selbst als Autor anzuhalten, möglichst klar zu formulieren ohne unzulässig zu vereinfachen ist sicherlich ratsam. Allerdings: Die wenigsten Autoren werden absichtlich unklar formulieren. Es ist erkenntnisträchtiger, erstmal anzunehmen dass ein Satz tatsächlich genau so da stehen muss, wie er da steht. Und sich dann nach dem „Warum?“ zu fragen.

Beim Hegeln helfen?

Ob eine „unnötige“ Schwierigkeit vorliegt, das ist die Crux, lässt sich eben erst mit Gründen entscheiden, wo man sich bemüht hat, das Problem zu verstehen, das ausgedrückt werden soll. Jede Kritik vor dem Verstehen ist im besten Fall intuitiv, und schrecklich verwundbar. Schon die Abwehr der Unklarheit macht sich ja, wie oben gezeigt, wieder der Unklarheit verdächtig. So taugt der Vorwurf der Unklarheit ad infinitum besonders als Debattenvermeidungsstrategie.

Eine Anekdote zum Schluss. Folgendes berichtet Kaufmann in seinem Popper-Essay:

Da tut man wohl, sich daran zu erinnern, wie hoch Goethe und Schiller ihn schätzten, und wie sie bedauerten, daß dieser hervorragende Geist es so schwierig fand, sich mitzuteilen. Es ist rührend zu lesen, wie sie in ihrer Korrespondenz einen Plan schmieden, ihm in dieser Beziehung hilfreich zu sein: Goethe solle ihn doch mit einem Mann, der eingebildet aber nicht sehr klug sei, zum Tee einladen: dann würde dieser erfahren, was wirkliche Geistesgröße sei, und Hegel würde gezwungen sein, sich klarer auszudrücken, um sich überhaupt verständlich zu machen.

Nun scheinen die beiden Herren, die hier Hegel klarer machen wollen, relativ „klarer“ Autoren. Aber sind sie auch begrifflich schärfer? Oder nicht letztlich, wenn man gräbt, unklarer? Doch wen kümmert das heute noch? Längst fallen doch Schiller und Hegel und Goethe alle gemeinsam dem Verdikt der „unklaren Sprache“ anheim. Auch dieses Urteil spricht der Volksmund übrigens, etwa in der Gestalt Heinz Erhards, bereits wieder in einer Sprache der böse Zungen längst unnötige Komplexität nachsagen dürften…

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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