Trump, Foucault, Said und die postmoderne Linke

Postmodernisten erwehren sich der Eindrücke, die Denktradition habe den Weg bereitet für eine Weltanschauung, in der Geschichten mehr zählen als Daten, in der Fakten und alternative Fakten austauschbar scheinen. Teils sicher zurecht, es lassen sich kaum direkte Linien ziehen. Doch setzten nicht schon Foucaults Begeisterung für die Islamische Revolution und Saids Israelkritik auf alternative Fakten? Und gibt es da nicht doch Berührungspunkte zum Weltverständnis neuerer Relativisten?

Lewis, Das Mittagsmahl - gemeinfrei. Während in der Folge Saids die gesamte westliche "orientalistische" Malerei als Komplizin des Imperialismus gedacht wird, sieht Ibn Warraq u.A. in diesem Gemälde ernsthafte Versuche des Einfühlens in den "Anderen".

Der Aufhänger…

Seit Donals Trumps Wahlsieg vergeht kaum eine Woche, in der sich nicht irgendjemand der Vorwürfe erwehrt, die „Postmoderne Linke“ habe beim Aufstieg des Rechtspopulismus tatkräftig mitgeholfen. Erstmal verständlich. Denn auch entsprechende Vorwürfe werden Woche für Woche wiederholt. Und natürlich ergibt sich so leicht eine geradezu ironisch „postmoderne“ Schuldverschiebung: Denn verantwortlich für den Aufstieg des Rechtspopulismus sind erstmal die, die seine Botschaften propagieren und jene, die diesen zustimmen oder die Populisten zumindest gewähren lassen, nicht irgendwelche ungreifbaren Diskurse.

Allerdings: So wirklich in Unschuld waschen kann der Postmodernismus seine Hände nicht. Und den Verweis darauf, dass es DIE Postmoderne gar nicht gebe, sollte man ebenso wenig gelten lassen wie ähnliche Ablenkungsmanöver des politischen Islam. Ein Denken, das in der Breite nur noch konkurrierende Narrative ohne prüfbaren Wahrheitsanspruch gelten lassen will, das um die prinzipielle Relativität dieser Narrative zu demonstrieren vor extrem selektiver Quellenauswahl und teils offener Fälschung oder Fehlinterpretation nicht zurückschreckt, dessen JüngerInnen sich zuletzt nicht zu schade sind, Rechtsstaat und Naturwissenschaft als „Rotz der Aufklärung“ zu denunzieren, darf sich nicht beschweren, wenn einer auftaucht, der im Management der Narrative sich mächtiger erweist. Dessen „Antipolitik“ größere Massen ergreift als nur die üblichen antiautoritären Zirkel. Vor allem: Ohne positiven Bezugspunkt ist die postmoderne Linke gegen einen solchen Machtmenschen hilflos. Das kritisierte schon Jean-Paul Sartre richtig an Michel Foucault.

Bisher haben es die Kritiker den Apologeten leicht gemacht, indem sie entweder eine eklatante Unkenntnis der entscheidenden Schriften demonstrierten und sich selbst errichteten Strohmännern eines Wald- und Wiesenrelativismus widmeten, oder wie Philosophieprofessor Michael Hampe in der Zeit sich wider (hoffentlich) besseren Wissens aus polemischen Gründen eben dieser Strohmänner bedienten.

Als jemand, der in der Uni sich gezwungen sah für Hausarbeiten zumindest zum Schein auf Koryphäen wie Foucault und Said zurückzugreifen, weil es etwa in der Anglistik unmöglich ist, diese Autoren zu ignorieren oder ihnen offen ablehnend gegenüber zu stehen, möchte ich hier, wenn auch im Rahmen einer Kolumne nur kursorisch, zu diesen Quellen zurückgehen, die Postmoderne dort greifen, wo sie sich auf ihrem anerkannten höchsten Niveau präsentiert.
A) Relativismus, B) Alternativen Fakten und C) Dämonisierungsmanövern: All dem werden wir in dieser Reihenfolge schon in (a) Foucaults Die Ordnung der Dinge, (b) Saids Orientalism sowie praktischer (c) im linken Verhältnis zu Israel begegnen.

Relativismus – der Fall Foucault

Michel Foucaults Die Ordnung der Dinge (Les Mots et les Choses) ist im Gegensatz zu seinen späteren Werken relativ unumstritten. Darin untersucht der Autor, noch ohne allzu augenfällige Schlussfolgerungen zu ziehen, von ihm postulierte Ordnungssysteme, bestimmte allgemeine Formen des Denkens könnte man sagen (Episteme), die sich parallel in allen Wissenschaften und Künsten der Zeit, für die die Ordnung gelte, niederschlagen. Kennzeichnend ist zweierlei: Einmal, dass Foucault weder den Versuch unternimmt noch das für möglich zuhalten scheint, eine Sphäre des Gesellschaftlichen Wandels bzw. des Wandelns im Ordnen als die Ursache der anderen auszumachen, und zum zweiten dass in Foucaults Darstellung nicht nur keine prinzipielle Hierarchie zwischen späteren und früheren Ordnungssystemen angenommen wird, sondern vielmehr prinzipiel keine Hierarchie. Ein scheinbar kleiner Unterschied auf Ebene der Worte, im Bezug auf die Dinge jedoch der zwischen skeptischer Vorsicht und Urteilsverweigerung als System.

Nur ein herausragendes Beispiel für die Fragwürdigkeit dieses Vorgehens: Foucault beschreibt parallele Umbrüche vom Merkantilismus zur politischen Ökonomie in der Folge Ricardos und Smiths1 und in der biologischen Taxonomie vom Denken in äußerlichen Ähnlichkeiten zur Linnéschen Systematik, sowie weitere parallele Umstrukturierungen im Bereich der Philosophie und der Grammatik. Nicht einmal ins Auge gefasst wird dabei die Möglichkeit, dass es für eine oder alle dieser Entwicklungen gute – materielle – Gründe gegeben haben mag. Dass etwa der Merkantilismus der Industrialisierung zunehmend ökonomische Schranken auferlegte und aus pragmatischen Gründen für eine dynamischere volkswirtschaftliche Entwicklung (und durchaus stückweise und über eine lange Zeitspanne) aufgegeben wurde bzw. werden musste.

Ähnliche gute Gründe ließen sich sicher auf fast allen Feldern finden, die Foucault beackert, allein für den Nicht-Experten in diesen zahlreichen Wissenschaften (der auch Foucault ist) ist es schwierig überall gleich vehement einzuhaken [Eine Auflistung zentraler Fehler in Wahnsinn und Gesellschaft liefert José Guilherme Merquior. Zu beachten ist, dass ich mich auf dem Gebiet nicht ausreichend auskenne um zu garantieren, dass diese Korrekturen ihrerseits richtig sind. Robert Fossier stellt das Verhätnis des Mittelalters zum Wahnsinn allerdings analog zu Merquior dar]. Foucault übrigens würde dieses kritische Einhaken wohl als selbst bereits hoffnungslos innerhalb der heutigen modernen Episteme verfangen von sich weisen. Wir werden dieser Selbstimmunisierung bei Said wieder begegnen. Niemals übrigens geht Foucault, eine interessante Auslassung in einer kriegerischen Welt, auf Bereiche der angewandten Physik, etwa der Ballistik ein. Wo dort doch durch das gesamte Mittelalter hindurch sicher nicht in Analogien gedacht wurde, sondern stets schon, ob im Trial and Error Verfahren quasi-experimentell, oder ab ca. 1500 berechnend, und damit tendenziell eher im Sinne jener naturwissenschaftlichen Moderne, die Die Ordnung der Dinge etwa ab dem 17./18. Jahrhundert anheben lässt.

Während Foucault einen auf den ersten Blick beeindruckenden Apparat an Quellen aus den Fachbereichen der Ökonomik, der Biologie, der Linguistik und der Humanwissenschaften heranzieht, fällt auf den zweiten auf, wie selten er erklärt, warum gerade diese Quellen entscheidend für eine Epoche sein sollen. Was nicht in das postulierte System passt unterschlägt er oder deutet es um, wie u.a. bereits Chomsky für die Linguistik und Wehler für die Kulturanthropologie kritisierten. Dabei profitiert Foucault bis heute davon, eher von jungen Studenten und Aktivisten gelesen zu werden, die in mindestens drei der vier Fachbereichen ähnlich unbeleckt sind wie er selbst und, was problematischer ist, solchen Lesern von „kritischen“ Dozenten ohne Gegengewicht empfohlen zu werden.

Man sieht weiterhin, dass in Foucaults „fröhlichem Positivismus“ (der Autor über sich selbst) sich auch der derzeit andeutende weltweite Paradigmenwechsel vom (selbstunkritischen) Empirismus zur alternativen Faktizität nur als Wandel nicht gegeneinander aufwägbarer Systeme beschreiben ließe. Doch Foucault Relativismus hätte seine Berechtigung, bliebe es beim rein methodischen Vorgehen, historische Entwicklungen zu betrachten, als geschähen sie ohne materielle Anlässe oder äußere Notwendigkeit. Das fördert immerhin auch erstaunliche parallele Entwicklungen im europäischen Denken zu Tage, deren Notwendigkeit zumindest nicht ohne weiteres anders als durch einen tatsächlich radikalen Wandel der Formen, in denen gedacht wird in ihrer Gesamtheit erklärt werden kann, wobei womöglich das zeitweilige Absehen von der Suche nach Ursachen für den Moment helfen könnte, diesen Wandel überhaupt in seinem ganzen Umfang und seiner Verschränktheit zu realisieren. Foucault allerdings lässt bereits in Die Ordnung der Dinge (und mehr noch in Wahnsinn und Gesellschaft) durchblicken, dass im Zweifel seine Sympathien beim nichtsystematischen, nichtklassifikatorischen Denken liegen. So qualifiziert er die aufklärerische Kultur als eine, die „gewissermaßen gegen den Strom der gesprochenen Sprache, der natürlichen Wesen, so wie sie wahrgenommen und gesammelt wurden, des Tausches, so wie er praktiziert wurde, anschwamm“. Und es genügt ihm nicht, methodisch vom Menschen als Subjekt zu abstrahieren, immer wieder subjektiviert er dagegen Strukturen selbst als Handelnde:

Wir wissen jetzt, woher diese Fragen kommen [was ist Sprache? Was ist ein Zeichen?]. Sie sind durch die Tatsache möglich geworden, daß am Anfang des neunzehnten ‚Jahrhunderts das Gesetz des Diskurses sich von der Repräsentation abgesetzt hat und das Sein der Sprache praktisch in Stücke zerrissen wurde2.

Was nicht benannt wird, verschiebt Foucault dabei kurzerhand außerhalb der Existenz. Zugleich aber ist ihm die Benennung, als gegen den Strom des Natürlichen anschwimmend, zutiefst fragwürdig:

Das wahre Infragestellen des Positivismus und der Eschatologie ist also keine Rückkehr zum Erlebten (das sie, um die Wahrheit zu sagen, eher bestätigt, indem es sie verwurzelt); sondern, wenn es sich auswirken könnte, dann ausgehend von einer Frage, die zweifellos abwegig erscheint, in solchem Maße ist sie in Diskordanz mit dem befindlich, was historisch unser ganzes Denken möglich gemacht hat. Diese Frage bestünde darin, ob der Mensch wirklich existiert (…) Wir sind nämlich so durch die frische Evidenz des Menschen verblendet, daß wir nicht einmal die Zeit, die jedoch nicht allzu fern ist, in der die Welt, ihre Ordnung, die menschlichen Wesen, aber nicht der Mensch existierten, in unserer Erinnerung bewahrt haben.“
[Hier ist nicht die evolutive Entwicklung des Menschen gemeint, sondern die Entstehung eines universalen Begriffes von Menschheit mit der Aufklärung]

Foucault zog bekanntlich durchaus politische Konsequenzen, besonders eindrücklich, als er 1979 über die Revolution aus Iran berichtete und dabei mehrere Elogen auf die spontane Kraft des Islamismus sang, der sich anschickte das posthumanistische Zeitalter nun wirklich anbrechen zu lassen. Die Proteste von Frauen gegen die bald einsetzende Repression der Revolutionäre ignorierte er dabei ebenso wie die brutale Niederschlagung der linken Opposition. Antisemitismus und Xenophobie verharmloste er. u.A.:

Zu den charakteristischen Merkmalen dieses revolutionären Ereignisses gehört auch die Tatsache, dass es einen absolut gemeinschaftlichen Willen aufscheinen lässt (…). Das ist großartig und kommt nicht alle Tage vor…

Ich weiß nicht, ob sie mit mir übereinstimmen, wir sind in Teheran und im ganzen Iran dem kollektiven Willen eines Volkes begegnet…

Der Rückgriff auf Traditionen und Institutionen, die einen Gutteil Chauvinismus, Nationalismus und Ausschluß bergen [ist] erforderlich, um »den Einzelnen wirklich mitzureißen…

Nun führt sicherlich kein Weg von Die Ordnung der Dinge geradewegs in die Terrorapologie. Aber es ist auch nicht absurd, von der Urteilsverweigerung als System über die Moderne im weiten Sinn zur Begeisterung für die spontane Empörung zu springen. Und kein Weg von der Ordnung führt in ernsthaft zu verteidigender Weise zum Kampf für den Rechtsstaat gegen dessen offene Feinde und stille Unterwühler.

Alternative Fakten und Nebelkerzen – der Fall Said

Anders als Foucault ist Edward Said von Anfang an Politiker. Sein Orientalism will seinerseits Episteme beschreiben. Diesmal präzise jene, die im „westlichen“ Blick auf „den Orient“ wirksam seien, wobei sie diesen als homogenen Raum erst konstruierten. Einmal mehr gilt: Es ist nicht alles falsch was Said schreibt. Es existiert eine Tendenz zur Homogenisierung des „Fremden“, die es ermöglicht(e) etwa die unterschiedlichen Kulturen der Türkei, des Iran, Saudi Arabiens oder schon allein die Welten der Oberschicht Istanbuls und der Arbeiter von Kars in eins zu fassen und als „typisch orientalische“ abzuqualifizieren (oder exotisierend aufzuwerten). Dabei schreckt jedoch besonders Said vor Homogenisierung nie zurück. So erklärt er in Orientalism:

The Orient was Orientalized not only because it was discovered to be „Oriental“ in all those ways considered commonplace by an avarage nineteenth-century European““ [meine Hervorhebung]

Und auch davor, selbst „orientalische“ Gemeinschaften zu homogenisieren, ist er nicht gefeit:

Ich bin für den Dialog zwischen den Kulturen und die Koexistenz zwischen den Völkern“ (Said 1997, S. 91) (…) „Verpflichtet sind wir in erster Linie gegenüber unserem eigenen Volk. (a.a. O:92)

Nun soll es hier nicht in erster Linie um Saids auch in Orientalism immer wieder durchschlagendes politisches Weltbild gehen, dass man, wenn man auch noch Aussagen wie die folgende hinzu zieht, durchaus als völkisch-antisemitisch beschreiben kann (wogegen sich Said, der Orientalismus und Holocaust in bewährter Weise als zwei Formen des Antisemitismus, also der Vorurteile über sogenannte Semiten verharmlosend zusammengefasst, u.a. auch in Orientalism erwartbar wehrt):

Die äußerst einflußreiche jüdische Gemeinschaft in Amerika drängt dem israelischen Willen immer noch Geld und eine reduzierte Sichtweise auf.“ (Said 1997, S. 123).

Hier geht es um das Verhältnis zu Fakten, das ein postmoderner Vordenker pflegt, wenn er darauf aus ist die eigene These zu beweisen. Zahlreiche dieser Fehler, Fakes und Verzerrungen nehmen Ibn Warraq, Daniel Martin Varisco und Robert Irwin minutiös in ihren Büchern Defending the West, Reading Orientalism: Said and the Unsaid sowie Dangerous Knowledge: Orientalism and Its Discontents auseinander. An dieser Stelle sollen wiederum einige Hinweise auf neuralgische Punkte ausreichen.

So meint etwa Said den Keim des westlichen Orientalismus in Aichylos Stück Die Perser ausmachen zu können, wobei er gegenläufige Textstellen u.A. bei Herodot ebenso ignoriert wie die Tatsache, dass vom lange kaum rezipierten Ayshylos schwerlich eine Linie gezogen werden kann zu mittelalterlichen Beschreibungen des sogenannten Morgenlandes. Zudem übersieht Said, wie schlecht die Perser Ayshlos‘ – ebenso wie das reale Reich der Achämeniden – als das vielbeschworene „Andere“ der Griechen taugen. Die Achämeniden waren ein Feind unter vielen, kaum kommen sie im attischen Blick übrigens schlechter weg als einst die Spartaner. In einer Zeit, in der man Feinden nicht gerade milde gegenüber trat und gerade acht Jahre (!) nach der Schlacht bei Salamis wird der Hof Xerxes von Aishylos übrigens ganz „griechisch“ als Subjekt seiner eigenen Tragödie behandelt. Eine unerwartet humanistisch-universalistische Haltung.

Sehr entscheidend für Saids Behauptung, der westliche Orientalismus sei auf Engste verschränkt mit der Ausübung imperialer Herrschaft über den Orient, ist seine Untersuchung der Arbeiten französischer Orientalisten im Gefolge Napoleons. Die damals entwickelten Zuschreibungen prägten, lässt sich Said zusammenfassen, den Wahrnehmungsraum des Nahen Ostens bis heute. Was Said dabei vorteilhaft vergisst, ist, worauf Warraq hinweist, die einfache Tatsache, dass die Region von der die Rede ist selbst nach optimistischer Rechnung nur etwa vier Jahre unter französischer Kontrolle stand, während mehrere hundert Jahre davor und noch ein gutes Jahrhundert danach das osmanische Imperium dort mit starker Hand regierte.

For a work that purports to be a serious work of intellectual history, Orientalism is full of historical howlers. According to Said, at the end of the seventeenth century, Britain and France dominated the eastern Mediterranean, when in fact the Levant was still controlled for the next hundred years by the Ottomans. British and French merchants needed the permission of the sultan to land.

Solche nicht-westlichen Imperialismen interessieren Said allerdings nicht, das zeigt sich unter anderem auch in der Art und Weise wie er das gut drei Jahrhunderte überdauernde Mogulreich in Indien niemals als Subjekt der eigenen Geschichte, sondern wenn überhaupt als Objekt des westlichen Blickes auftreten lässt.

Überhaupt widmet Said große Teile seiner Darstellung dem Wirken und der Wirkung der französischen Orientalisten Renan und de Sacy, wobei Said behauptet spätere Orientalisten hätten mehr oder weniger unkritisch von de Sacy abgeschrieben. Glaubhaft weisen Warraq und Irwin nach, wie überschaubar der Einfluss der beiden Franzosen auf den westöstlichen Diskurs ihrer und der Folgezeiten war. Als sei das nicht genug unterschlage Said, so Warraq, auch das spätere Schaffen Renans, in dem sich dieser teils deutlich von den eigenen früheren Positionen distanzierte. Said wüsste natürlich das Problem, dass sich nicht mal einzelne Akteure des Orientalismus gleichbleibend despektierlich über ihren „Gegenstand“ äußern, innerhalb seiner Theorie einzufangen, wie er es später etwa für imperialismuskritische Passagen in Joseph Conrads Herz der Finsternis tat:

They [Kurtz and Marlowe] … are ahead of their time in understanding that what they call darkness has an autonomy of its own, and can reinvade and reclaim what imperialism had taken for its own … yet neither Conrad nor Marlow gives us a full view of what is outside the world – conquering attitudes embodied by Kurtz, Marlowe … Heart of Darkness works because its politics are … imperialist.

Denn merke: „… without Empire …there is no European novel as we know it…”

Das heißt: Auch wenn ein Mensch im Westen Imperialismus kritisiert bleibt dies eine imperialistische Tat. Einfach weil er von der Existenz des Imperialismus profitiert, und sei es nur darin, dass man diesen nicht kritisieren könnte, hätte es ihn nicht gegeben. Ein klassisches Catch 22, überhaupt das Mittel Saids, sich gegen Kritik zu immunisieren.

Die lange führenden, allerdings keiner imperialen Macht zuarbeitenden deutschen Orientalisten ignoriert Said derweil weitgehend, wie auch insbesondere den extrem einflussreichen ungarisch-jüdischen Iganaz Goldziher, dem Said nur ein paar Sätze widmet. Dazu Gary Kamiya:

Said ignored Goldziher not because he was Jewish but because his exemplary career gave the lie to Said’s thesis.
(Warraq weist zudem darauf hin, dass Said Goldziher fälschlich als Deutschen einordnet)

Aber wenn er dann doch einmal deutsche Forscher streift ist Said auch nicht davor gefeit, sich lächerlich zu machen. Friedrich Schlegels Untersuchungen zur Verwandtschaft des Sanskrit mit dem Deutschen stellt er als typisch orientalistische Anmaßung dar, einen ähnlichen Hinweis von Sir William Jones qualifiziert er als Versuch ab, die europäischen Sprachen „in einer entfernten harmlosen orientalischen Quelle“ (meine Übersetzung – was immer das sein soll) zu verankern. Man mag kaum glauben, dass der vielgelesenen und vielzitierte Denker sich selbst an linguistischem Basiswissen über die indogermanische Sprachfamilie die Zähne aus beißt – und damit durchkommt!

Said ist nun nicht irgendwer. Er mag in der orientalistischen Fachwissenschaft kaum von Bedeutung sein, in den Philologien und besonders auch den populärwissenschaftlichen Diskursen bleibt er bis heute ein dominierender Denker. In der postmodernen Linken gehört er neben Foucault, Derrida und Butler zu einer der unhintergehbaren Säulen des eigenen Theoriekonstrukts. Dass deren Werke neben fragwürdigen Schlussfolgerungen, was im offenen Streit verschiedener Denkrichtungen zu erwarten und zu begrüßen ist, auch offenkundige Falschdarstellungen enthalten, ist dabei für den Uneingeweihten (und damit auch für den Studenten, der seinen Dozenten zumindest ein wenig vertrauen muss) schwer zu prüfen, gerade im modernen hektischen Studium, in dem kaum Zeit bleibt für ernsthafte Volltext-Lektüre. Zu weit das Feld, auf dem von den Autoren Expertise behauptet wird und mit scheinbar glaubwürdigen Quellen belegt.

Alternative Fakten in der Praxis – der Fall Israel

Ein relativ eng abgestecktes Feld ist dagegen der Streit um Israel, in dem die postmoderne Linke spätestens seit dem Sechstagekrieg 1967 als Denunziant des jüdischen Staates auftritt. Ob Judith Butler die Hamas als „Teil der globalen Linken“ exkulpiert (und später, halb und halb, davon zurücktritt, inwieweit das befriedigt mag jeder für sich selbst prüfen), Foucault islamistische Antipolitiker feiert, oder wiederum Said über die palästinensische Sache erklärt:

In our case, the fighting is done by a small brave number of people pitted against hopeless odds, i.e. stones against helicopter gunships, Merkava tanks, missiles.

Auch hier kann man bereits bei den Urvätern und Müttern der politischen Postmoderne davon ausgehen, dass Fakten verdreht oder zumindest unterschlagen werden, etwa indem Said die fortgesetzten Aggressionen arabischer Staaten von der 6-fachen Kriegserklärung durch Ägypten, Saudi-Arabien, Jordanien, Libanon, Irak und Syrien am Gründungstag bis hin zum Sechtagekrieg ebenso vergisst wie die bis heute halb offene Unterstützung der antisemitischen Hamas durch Iran oder den Krieg der alles andere als nur mit Steinschleudern bewaffneten Hizbollah im Libanon. Doch die Fake News bezüglich Israel sind derart dreist, durchschaubar und gleichzeitig ubiquitär, dass eine detaillierte Auseinandersetzung mit ihnen kaum lohnt, so oft wurde sie schon geleistet. Ob tote Kinder erfunden oder kurzerhand umgewidmet werden, ob man Israel zum 100.000sten Mal unterstellt den Gazastreifen auszuhungern oder ihm das Wasser abzugraben, ob man Teile Jerusalems als Siedlungen qualifiziert, Geier und andere Tiere als jüdische Spione denunziert, einen Staat, in dem die arabische Bevölkerung ganz selbstverständlich lebt, arbeitet, wählt und auch im Parlament vertreten ist zum Apartheidstaat umlügt, ob man behauptet Israel wolle die islamischen Stätten am Tempelberg zerstören und was nicht noch alles: wer diesen Unsinn glauben will wird ihn glauben, und lässt darin den fanatisiertesten Trumpisten im Vergleich als Waisenknaben erscheinen. Der Saidismus und sein fragwürdiges Verhältnis zu Fakten, die Foucaultsche Linie und ihr methodischer Relativismus, der mit der aufgezeigten impliziten Begeisterung für alles Urwüchsige, Vordiskursive, Voraufklärerische einhergeht, und analoge postmoderne Theorietraditionen erleichtern es, diese ressentimentbeladene Einseitigkeit wissenschaftlich zu verbrämen.

Ob es tatsächlich postmoderne Ideengebäude waren, die neben Wirtschaftskrise, inhumaner und inkonsistenter Nahostpolitik und kurzsichtigem Umgang mit Flucht und Vertreibung den Aufstieg des modernen Rechtspopulismus mit ermöglichten, darf weiter bezweifelt werden. Wie Ulrich Herbert richtig in der TAZ erklärte:

Die Absage an Rationalität, Diskurs, Abwägung und deren Ersetzung durch Propaganda gehört zum Wesen jeder autoritären und totalitären Herrschaft.

Daran, dass in der Kombination von Relativismus und Willen zur Macht postmoderne Linke und rechter Populismus Analogien aufweisen, bis hin zur Beschwörung des vordiskursiven erruptiven Ausbruchs des Volkswillens oder Zorns (Slotedijk spricht von Thymos), sollte kein Zweifel sein. Wäre dem geneigten französischen Chomeini-Apologeten von 1979 nicht vielleicht auch im ländlichen Wyoming “der kollektive Willen eines Volkes“ begegnet? Galt nicht auch hier, dass  „der Rückgriff auf Traditionen und Institutionen, die einen Gutteil Chauvinismus, Nationalismus und Ausschluß bergen erforderlich [ist], um »den Einzelnen wirklich mitzureißen“?

Vor allem gilt stärker denn je, dass auf Basis des apolitischen Antihumanismus kein fortschrittlicher Kampf gefochten werden kann. Wer den fechten will hat das postmoderne Elend hinter sich zu lassen.

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Quellen, so nicht im Text verlinkt:

Die Ordnung der Dinge: Eine Archäologie der Humanwissenschaften. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971.

Said, Edward: Culture and Imperialism. Vintage: New York 1994.

Said, Edward: Frieden in Nahost? Essays über Israel und Palästina. Verlag: Ort 1997.

Said, Edward: Orientalism. Vintage: New York 1994.

Said Orientalism. Prometheus Books: New York 2007.

Tilgner, Ullrich: Umbruch im Iran. Augenzeugenberichte. Analysen. Dokumente. Rohwolt: Berlin 1983.

Warraq, Ibn: Defending the West. A Critique of Edward Saids Orientalism

1 Es ist nicht ohne weiteres möglich und wäre auch nicht gerecht, das weit gespannte Netz von Assoziationen Foucaults anhand einfacher Fehler auseinander zu drücken, wie es später bei Said möglich ist. Hier allerdings eine typische Stelle.: „Gewöhnlich ist man ungerecht, oder sogar zweifach ungerecht mit dem, was man »Merkantilismus« nennt. Entweder denunziert man in ihm das, was er unaufhörlich kritisiert hat (den immanenten Wert des Metalls als Prinzip des Reichtums), oder man entdeckt in ihm eine Folge unmittelbarer Widersprüche: Hat er nicht das Geld in seiner reinen Zeichenfunktion entdeckt, während er seine Akkumulation als die einer Ware verlangte? Hat er nicht die Bedeutung der quantitativen Fluktuation des Bargeldes erkannt und ihre Wirkung auf die Preise verkannt; war er nicht protektionistisch und hat dabei auf den Warentausch den Mechanismus des Anwachsens der Reichtümer sich gründen lassen? Tatsächlich bestehen diese Widersprüche oder dieses Zögern nur, wenn man dem Merkantilismus eine Wahl aufzwingt, die für ihn überhaupt keinen Sinn haben konnte: nämlich die Wahl zwischen Geld als Ware und Geld als Zeichen.“

Fragwürdig bereits, wer jenes „man“ sein soll, das gewöhnlich dem Merkantilismus gegenüber ungerecht auftritt. Nur einsichtig, wenn man generell die sprachlich konstituierten Repräsentationen als das der materiellen Welt vorgängige ansieht weiterhin, dass der Merkantilismus sich mit Problemen, die in seinem Gedankengefüge keinen Sinn ergeben nicht konfrontieren lassen sollte. Vor allem aber, und da sind wir wieder beim ominösen „man“, bestand das Hauptproblem des Merkantilismus nicht auf der Repräsentationsebene bzw. im Diskurs sondern darin wirtschaftlich nicht einzulösen, was er versprach, weil die Theorie ihre Schwächen hatte. Ein im System von Foucault nicht möglicher, weil die Möglichkeit von messbarem Fortschritt und Hierarchie verlangender Gedanke.

2 Ich stelle mir eine analoge Erklärung zur Entstehung des modernen Kunstliedes vor:

„Es ist durch die Tatsache möglich geworden, daß am Anfang des neunzehnten ‚Jahrhunderts das Gesetz des Musizierens sich von der Emotion abgesetzt hat und das Sein der Musik praktisch in Stücke zerrissen wurde“

Was wenig mehr hieße als „es geschah“, da die zu erklärende Bewegung, die Absetzung also, als Erklärung untergeschoben wird und der zu erklärende Gegenstand, die Musik, zum Protagonisten wird.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • günter meisinger

    den artikel finde ich gut, die überschrift „postmoderne linke“ jedoch bewußt irreführend, da die postmoderne der feind der linken ist und umgekehrt. ich als linker mochte pseudolinke wie foucault nie; seine oberflächliche lobpreisung der „gemeinschaftsbildenden kraft“ des islam erinnerte mich spontan an jene „gemeinschaftlichkeit“ die auch die nazis herzustellen vermochten. linke würden dagegen nach dem inhalt dieser gemeinschaftlichkeit fragen und sich nicht nur an der form berauschen. aber konservative islamkritiker kommen halt nicht ohne linkenbashing aus.

    • Der Gast

      Foucault und oberflächliche Lobpreisung der „gemeinschafsbildenden Kraft“? Dies müssten Sie erläutern. Obschon ich kein Foucault Experte bin, scheint mir nach der Lektüre von „Überwachen und Strafen“ eher das Gegenteilige wahrscheinlicher. Maximal würde ich ihm eine Resignation attestieren, da laut Foucault Diskurse und die damit verbundenen Machtstrukturen im Rahmen menschlicher Gemeinschaften nicht umgangen werden können und man sich mit der Offenlegung dieser zufrieden geben muss.
      Zur Kolumne: Auf Grund der daraus entstehenden normativen Relativität bin ich doch recht verwundert wie sehr die beschriebenen Denker dennoch innerhalb der jeweiligen Denklogiken (Hamas u. co.) Partei ergreifen, im blinden Fleck jeglicher Selbstreflektion. In dem Sinne wären die eigenen Symbole und Praktiken nicht offengelegt und eine relativierende Relfektion nicht möglich.

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