DING DONG

Ich weiß gar nicht, ob Sie´s wußten, aber bei mir läuten in ein paar Tagen die Glocken. Also metaphorisch, ich heirate nämlich nur standesamtlich. Ehe für alle, da darf ich nicht fehlen. Ich will das ja eigentlich gar nicht so an die große Glocke hängen, aber so ganz ohne Pomp soll´s beim großen Ereignis auch nicht abgehen, darum wenigstens stellvertretend hier in meiner kleinen Kolumne. Heute also, liebe große und kleine Kinder, geht es in den Bach- und Sachgeschichten um Glocken.


 

 

In freudiger Erwartung auf den Festtag bin ich in Gönnerlaune und lasse heute einmal den Viersaitern den Vortritt: „Die Glöckchen“ von Niccolo Paganini, dem dritten Satz aus dem 2. Konzert h-moll für Violine, Orchester – UND Handglöckchen.

 

Tolles Partystück, das klingt nach Sekt und Häppchen und Tanz, und man kann als Virtuose schön damit angeben, was man so drauf hat. Das dachte sich auch Franz Liszt, der ja – Sie erinnern sich vielleicht (nicht nur) aus der Bachfolge – so ziemlich alles für Klavier gecovert hat, was nicht bei drei auf dem Baum war. So auch Paganinis Glöckchen, und das gleich mehrfach. Zunächst in der „Grande Fantaisie de Bravoure sur `La Clochette´de Paganini“, dann in „Paysage“, der dritten der „12 Etudes d´execution transcendentale“ (dort nur angedeutet und schwer erkennbar in einem völlig anderen und eher unvirtuosen Kontext) und schließlich in der populärsten Fassung als dritte der „Six Grandes Etudes de Paganini“.

Die Transzendentalen Etüden hatte ich vor fast genau drei Jahren von Daniil Trifonov gehört (das beeindruckendste Konzert meines Lebens), den ich neulich auch gerne mit dem 3. Klavierkonzert von Rachmaninoff gehört hätte; das aber haben neue Ein-/Ausreisebestimmungen in den USA verhindert (Danke Trump 1!11). An seiner Statt spielte Behzod Abduraimov, der ein würdiger Ersatzspieler war und als Encore eben diese dritte Paganini-Etüde gab.

Donnerwetter. Chapöchen! Wir lassen aber mal die Virtuosen zurück und reisen in unserem Zeitmobil 400 Jahre zurück. Zu unrecht etwas in Vergessenheit geraten ist der englische Komponist William Byrd. Die früheste mir bekannte „musikalische Nachbildung“ von Glocken ist sein Werk „The Bells“.

Ich sage „musikalische“ Nachbildung, weil ein Cembalo (oder Virginal) natürlich nicht klingt wie eine Glocke. Das Nachbilden wird dann sozusagen durch Melodie und Rhythmus erledigt, den „klassischen“ musikalischen Parametern.

Es gibt aber auch komplett verschiedene kompositorische Ansätze. Dazu steigen wir wir wieder in unser Zeitmobil und reisen ins Jahr 1962 zur Komposition „Bohor“ von Iannis Xenakis. Ausgangsmaterial für die elektronisch verfremdeten Klänge sind unter anderem eine laotische Mundorgel (Khaen), irakische und indische Schmuckstücke, byzantinische Gesänge und Klavier. Im Bild sehen Sie eine Skizze der Komposition.

Wie lang haben Sie durchgehalten? Als Fahrstuhlmusik ist das natürlich nur bedingt geeignet, man muß aber dazusagen, daß dieses Werk nicht dazu gedacht ist, auf einem Laptop abgespielt zu werden, sondern es „braucht Raum“, wie Xenakis ausdrücklich feststellte. Man solle sich dabei fühlen wie im Inneren einer großen Glocke. Bei Aufführungen dieses Werks wurden dazu um die Zuhörer herum vier spiegelbildlich angeordnete Lautsprecherpaare aufgestellt, über die dann das 8-kanalige Tonband abgespielt wurde. Also ganz ähnlich wie bei Ihnen zuhause bei der Dolby-Heimkinoanlage (wo ich so drüber nachdenke, könnte man das in einem Fahrstuhl dann doch tatsächlich ganz gut realisieren). Damit kann man durchaus sehr reizvolle Effekte erzielen. Ich hatte einige Male das Vergnügen, solcherlei Musikproduktionen im „Klangdom“ des ZKM Karlsruhe (Zentrum für Kunst und Medien) zu betreuen, wobei einem dann zur „Verräumlichung“ satte 47 Kanäle ringsum und von oben bis unten zur Verfügung stehen. Das macht schon Spaß. 47! Nimm das, Dolby!

Aber weil Sie so tapfer waren, haben Sie jetzt wieder ein wenig gewohnten Wohlklang verdient. Wir brauchen dafür das Zeitmobil nicht zu nehmen, die paar Schritte gehen wir zu Fuß ins Jahr 1977. So ein bißchen Bewegung tut mir auch gut, sonst werd ich zu fett und passe nicht in meinen Hochzeitsanzug, wie Der Harte Hund stichelt.

Ich behaupte sogar, daß das gleich folgende Werk unter allen heutigen Musikbeispielen den größten Zuspruch erfahren wird. Also nicht wegklicken! Nach einer kurzen Werbeunterbrechung sind wir wieder da.

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Hier sind wir wieder. Beim folgenden Musikbeispiel dürfen Sie sich entspannt zurücklehnen und genießen, träumen, trauern oder was immer Sie möchten, und Sie brauchen keine musikalisch codierte Glocke mühsam zu dechiffrieren, die ist einfach da. „Cantus“ von Arvo Pärt, das Totengeläut für den 1976 verstorbenen Benjamin Britten.

„Warum hat das Todesdatum Benjamin Brittens – 4. Dezember 1976 – eine solche Reaktion in mir ausgelöst? Während dieser Zeit war ich offensichtlich an einer Stelle angelangt, in der ich die Größe eines solchen Verlustes erkannt habe. Unbeschreibliche Schuldgefühle, sogar mehr als dies, kamen in mir auf. Gerade hatte ich Britten für mich entdeckt. Erst kurz vor seinem Tod fing ich an, die Reinheit seiner Musik schätzen zu lernen. Sie beeindruckte mich in ähnlicher Weise wie die Balladen von Guillaume de Machaut. Außerdem wollte ich Britten über einen langen Zeitraum hinweg auch persönlich kennenlernen – und jetzt werde ich nie die Möglichkeit dazu haben.“

So schön.

Und wo wir gerade bei Totenglocken sind: Im Alter von 15 Jahren hat Dmitri Schostakowitsch für seinen gerade verstorbenen Vater die viersätzige Suite für zwei Klaviere op. 6 geschrieben. Ein Werk, das von der Musikwissenschaft eher gering geschätzt wird, wohl weil es ein Jugendwerk ist und mit seinen stark romantischen Bezügen eher untypisch für sein weiteres Schaffen. Ich dagegen liebe dieses Werk geradezu abgöttisch. So sehr, daß ich es seit Jahren umschreibe für Klavier und Orchester. Ich vermute, daß Schostakowitsch die Suite eben für zwei Klaviere geschrieben hat, um sie dann auch gemeinsam mit seiner ein Jahr älteren Schwester aufführen zu können. Zum einen, weil es natürlich Symbolcharakter hat, wenn die Kinder für den verstorbenen Vater gemeinsam spielen. Zum anderen aber auch, weil einem plötzlich völlig mittellosen 15jährigen kein Orchester zur Verfügung steht. Aber wir können ihn dazu nicht mehr befragen. Hier der derzeitige Stand des Prelude.

Was keinem der vielen promovierten Musikwissenschaftler aufgefallen zu sein scheint (jedenfalls habe ich nie irgendwo etwas darüber gefunden, und ich habe ausgiebig gesucht): In seinem allerletzten Werk, der Sonate für Viola und Klavier op. 147, verwendet Schostakowitsch – schwerst krebskrank und sehr unsicher, ob er das Werk überhaupt noch vor seinem eigenen Tod vollenden kann – genau dieses Glockenmotiv von absteigenden Quarten aus seinem unterschätzten Jugendwerk. Hören Sie mal ganz am Ende rein ab etwa 4:20 (da ist es am prägnantesten und dichtesten und damit eindeutigsten, dann aber nachher auch das ganze Werk bitte): Das letzte, was Schostakowitsch uns noch mit allerletzter Tinte mitgibt, ist das Todesglockenmotiv. Das seines Vaters über 50 Jahre früher, und sein eigenes.

Puh. Das war jetzt aber viel Tod, dabei hat doch alles so prickelnd angefangen mit dem Paganini-Champagner. Eine Hochzeit und viele Todesfälle. So ist das Leben. Aber Sie haben ja recht: Unterhaltsam muß es trotzdem sein. Also schnell was Leichtes.

Da nehmen wir doch auf die Schnelle mal Edvard Grieg mit „Klokkeklang“. Das sieht schon als Wort lustig aus, und Grieg hat auch noch einen lustigen Hut auf. Weiß gar nicht, warum er so bedröppelt guckt, der Miesepeter.

 

Achso, mir fällt grade auf, daß Sie ja vielleicht gar nicht wissen, was Glocken sind. Hab ich ja gar nicht erklärt bis jetzt, da wird’s aber so langsam allerhöchste Eisenbahn! Ich zeig Ihnen mal welche. Also NICHT die vom Harten Hund (der ja eigentlich eine Harte Hündin ist), sondern die von Westminster.

 

Daß ich Ihnen hier ausgerechnet die Westminster-Glocken zeige, hat natürlich einen tieferen Grund. Nichts geschieht hier zufällig!

In der Orgelliteratur, insbesondere in der französischen, gibt es eine ganze Reihe von Werken, die mit „Carillon“, also Glockenspiel, benannt sind. Das bekannteste darunter dürfte das „Carillon de Westminster“ von Louis Vierne sein.

 

Yo! Das einzige, was so eine fette Kirchenglocke wie etwa Big Ben ausknocken kann an Wucht, ist so eine fette Kirchenorgel wie die in Notre Dame.

Hui, die Kolumne ist ja schon jetzt ziemlich lang! Ich klatsch Ihnen mal schnell – und um Platz zu sparen ohne viel Gelaber – drei Glockenwerke hin von Claude Debussy und Maurice Ravel, ich kann mich nicht entscheiden. Von Debussy „La cathédrale engloutie“ (Die versunkene Kathedrale) aus den Preludes Band 1 sowie „Cloches à travers les feuilles“ (Durch Laub hindurch klingende Glocken) aus den Images Band 2, und von Ravel „La vallée des cloches“ (Das Tal der Glocken) aus den Miroirs.

 

 

 

Viel sagen muß ich da nicht, die Werke sprechen bzw. klingeln und dingdongeln ja für sich selbst. Und über Debussy und Ravel soll an anderer Stelle noch mal ausführlicher gesprochen werden.

Ein Werk, an dem man zum Thema Musik und Glocken nur schwer vorbeikommt, ist die Kantate für Orchester, Chor und Solisten mit dem programmatischen Titel „Die Glocken“ von Sergei Rachmaninoff. Textgrundlage ist das gleichnamige Gedicht von Edgar Allan Poe in einer freien Übersetzung ins Russische von Konstantin Balmont. Da geht es in den vier Strophen jeweils um eine Phase des Menschseins: Kindheit, Hochzeit (ahaaa!), Reifezeit und Tod. Ich kann Ihnen aus Platzgründen nicht das gesamte Gedicht einkopieren, aber wenigstens die jeweils ersten drei Zeilen (in einer deutschen Rückübersetzung):

  1. Höret die Schlitten mit den Glocken –
    Silberglocken!
    Von welch einer Welt der Heiterkeit erzählt ihre Melodie?
  2. Höret die melodischen Hochzeitsglocken –
    Goldene Glocken!
    Welch eine Welt von Glück erzählt ihre Harmonie.
  3. Höre die lauten Sturmglocken –
    Metallene Glocken!
    Welche Geschichten von Furcht erzählen sie mit Nachdruck.
  4. Höret das Läuten der Glocken –
    Eiserne Glocken!
    Welch eine Welt von feierlichen Gedanken

 

Rachmaninoffs Glocken waren übrigens die zweite Hälfte des oben erwähnten Konzerts, bei dem Behzod Abduraimov als Ersatz für Daniil Trifonov spielte. Hier noch einmal „Campanella“, dieses mal von Nikolai Medtner, und dieses mal mit dem echten. Wahren. Und einzigen. Daniil. Trifonov.

 

 

Clemens Haas

Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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