20 Fingers

Was klingt besser als ein Klavier? Richtig, zwei oder gar vier Katz… ähm, Klaviere. Clemens Haas lässt uns in seiner aktuellen Kolumne hören, wie verdammt gut das klingt.


In der Pilotfolge meiner Kolumnenreihe habe ich meinen Eltern dafür gedankt, daß sie mir die Liebe zur Musik in die Wiege gelegt haben. Ich bin auch insbesondere dankbar, daß ich nicht nur irgendein Instrument lernen durfte, sondern ausgerechnet mein geliebtes Klavier. Nicht nur, weil es halt unglaublich geil klingt (das einzige, was eventuell noch geiler klingt als ein Klavier, sind ZWEI Klaviere) – das tun andere Instrumente auch, und jeder verteidigt sein Instrument wie eine Löwenmutter, selbst die Bratscher – sondern auch weil man damit autark ist. Andere Instrumente brauchen ja immer eine Begleitung, entweder von anderen nichtautarken Instrumenten oder eben vom Klavier, während es beim alleinigen Üben so dünn klingt, als hätte man eine entkoffeinierte Kaffeebohne mit hoher Geschwindigkeit durch ein Glas Wasser geschossen.

„Stimmt ja gar nicht!“, höre ich den wütenden Aufschrei vor allem der Viersaiter. Ja ok, es gibt natürlich auch Solowerke für andere Instrumente, schon allein die anbetungswürdigen Solo-Sonaten, -Suiten und -Partiten von Bach, aber der ideale Lebensraum für solche Instrumente bleibt das Orchester, das dann ein Klavier schon fast ersetzen kann. Als Höhepunkt ihrer Existenz dürfen sie dann vielleicht sogar bei einem Klavierkonzert begleiten, denn das zweiteinzige, was noch geiler klingt als ein Klavier, ist ein Klavier mit Orchesterbegleitung. Und das einzige, was eventuell noch geiler klingt, als ein Klavier mit Orchesterbegleitung, sind ZWEI Klaviere mit Orchesterbegleitung.

Und damit fangen wir gleich mal an, bevor Sie mir hier abspringen, weil es Ihnen hier so ganz ohne Katzen zu unspektakulär ist.

Ein Feuerwerk aus Tönen und Klängen, bunt und prickelnd wie Smarties auf Champagner: Francis Poulencs Konzert für zwei Klaviere und Orchester von 1932 mit den bezaubernden Labèque-Schwestern. Das Gelaber ist bei etwa 1:30 zu Ende. Sagte ich schon mal, daß die Franzosen irgendwie Cojones haben?

 

Es geht aber auch ohne Spektakel und ohne Orchester, mit einfachsten Mitteln. 1908 hat Maurice Ravel für die Kinder eines Freundes das Märchen Dornröschen („La belle au bois dormant“) für Klavier zu vier Händen vertont, später weitere vier Märchen (Le petit poucet/Der kleine Däumling, Laideronette, impératrice des pagodes/Die grüne Schlange, Les entretiens de la belle et la bête/Die Schöne und das Biest, Le jardin féerique/Der märchenhafte Garten; letzteres vermutlich ein fiktives Märchen), die dann unter dem Sammeltitel „Ma mère l’oye“ (Mutter Gans) erschienen. Insbesondere „La belle au bois dormant“ ist technisch so kinderleicht, daß selbst mittelbegabte Klavierschüler das ohne große Probleme vom Blatt – oder „prima vista“, wie das Italophone wie Der Harte Hund sagen – spielen können.

Wir hören aber keine mittelbegabten Klavierschüler, sondern die Grande Dame der Pianistenzunft, Martha Argerich, sowie Lang Lang. Ich bin jetzt kein ausgewiesener Freund von Lang Lang, aber ein Weltstar ist er allemal, und Mutter Gans kriegt er schon hin. Kicher.

 

Wundervoll. Ja, die Franzosen. Sagte ich schon mal, daß die Franz… Aua! Der Harte Hund boxt mich gerade in die Seite und guckt mich mit diesem Blick an, den ich gar nicht leiden kann. Ich hab halt Haasheimer.

Jedenfalls hat sogar das gemeine Publikum damals erkannt, wie grandios dieses kinderleichte Werk ist, so daß Ravel später eine Orchestersuite und noch später ein erweitertes Ballett aus Mutter Gänschen schuf. Da hatte dann das Orchester die Aufgabe, das Klavier nachzubild… Aua! Jetzt boxen mich auch noch die Orchesterinstrumentalisten in die Seite! Allerdings zurecht, wie ich zugeben muß. Denn Ravel ist ein GOTT unter den Orchestrierern. Geben Sie Ravel eine zweitklassige Bleistiftzeichnung, und er malt daraus ein absolutes Meisterwerk aus leuchtenden, dunklen, grellen und gedeckten Farben, und aus solchen, die Sie noch gar nicht kannten oder auch nur für möglich gehalten hätten. Das Experiment klappt leider nicht mehr, weil Ravel tot ist, aber es WÜRDE klappen. Echt jetzt.

Zurück zu den Lebenden. Und zugleich zu den viel zu früh Verstorbenen. Die Lebenden sind die Labèque-Schwestern, einer der viel zu früh Verstorbenen ist Franz Schubert. Jetzt wird’s mal ein bißchen ernst, Schluß mit Smarties-Champagner und Märchengärten, da müssen Sie jetzt durch.

Die Fantasie in f-moll für Klavier zu 4 Händen von Franz Schubert (Wenn Sie die ganz hören wollen, was ich natürlich ganz dringend empfehle, müssen Sie sich leider etwas mühsam durch youtube-Links klicken, man wird da ziemlich unsanft aus den Übergängen der Sätze gerissen, es geht zwar, ist aber ein Schmerz im Hintern. Tipp: Platte kaufen).

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, ich höre da den Tod durch jede Pore des Werks. Warum ich das (mittlerweile) so höre, kann ich wahrscheinlich nicht vermitteln. Es ist bei Schubert wie bei einem der anderen viel zu früh Verstorbenen: Mozart. Er erscheint vielleicht zunächst banal oder „leicht“ oder gar volkstümlich. Das ging mir in meiner Jugend genauso. Irgendwann kommt es dann aber – auch wenn es wie in meinem Fall ziemlich dauern kann – und man erkennt die Genialität und Tiefe hinter der vordergründigen Einfachheit, und lernt die Einfachheit schätzen als Merkmal größter Meisterschaft.

A propos größte Meisterschaft: Ich bin immer ein wenig skeptisch, wenn sich zwei (oder mehrere) absolute Megastars mal für ein Konzert zusammentun, wie oben etwa Martha Argerich und Lang Lang. Die haben dann vielleicht ein- oder zweimal (oder auch gar nicht) zusammen geprobt und spielen in der Regel auch noch von Noten, kennen das Werk also nicht mal auswendig oder „by heart“, wie man im angelsächsischen Sprachraum viel treffender sagt. Wenn man etwas nicht „mit dem Herzen“ kennt, wie soll man das dann wirklich überzeugend und mit persönlich empfundener Tiefe interpretieren? Und Musik ist (außer man hat das Privileg, allein Klavier spielen zu können) ein Mannschaftssport, da genügt es nicht, einfach Messi, Ronaldo und Neymar ohne gemeinsames Training zusammen auf den Platz zu stellen, auch wenn das für die Zuschauer natürlich erst mal ein schönes Spektakel ist.

Eine in dieser Hinsicht ganz andere Liga sind die Labèque-Schwestern. Die kennen sich gegenseitig (und die Werke, die sie aufführen) mit jeder Faser in- und auswendig. Ich hab die beiden mit der Schubert-Fantasie live gesehen, das war sehr sehr beeindruckend. Eine solche Präzision im Zusammenspiel, mit feinsten Nuancen bei Temposchwankungen und -wechseln, habe ich weder zuvor noch danach je erlebt, und das oft ohne jeglichen Blickkontakt, selbst bei Einsätzen. Ein Herz, eine Seele. Absolut unglaublich. Die eine sprintet aus dem Nichts in den freien Raum, und die andere serviert ihr blind mit der Hacke eine 30 Meter-Diagonalflanke direkt auf den Fuß.

Das „Schubert / Mozart“-Album habe ich mir nach dem Konzert wie ein artiger Schulbub signieren lassen, wobei Katia an mir herabsah und sagte: „Nice T-Shirt!“, worauf ich sie dann gleich noch bezaubernder fand. Hach!, würde Der Harte Hund sagen.

Trotzdem noch mal zu einem zusammengewürfelten All-Star-Team. Jedes Jahr im Juli treffen sich im schweizerischen Verbier Nachwuchskünstler und Weltelite der klassischen Musik zu zwei Wochen Konzerten, Meisterkursen, gegenseitigem Treffen/Kennenlernen und sicher auch, um es sich richtig gut gehen zu lassen. Wenn Sie mal ein Geschenk für mich suchen: So eine Dauerkarte für das Verbier-Festival wäre sehr nett, und ich würde dann im „W“ absteigen, wenn es keine Umstände macht.

Wir legen noch eins drauf und hören nicht nur 20, sondern gleich 40 Finger an den Tasten, und zwar diejenigen von Martha Argerich, Evgeny Kissin, Mikhail Pletnev und James Levine. Bäm! An den Viersaitern werden sie unter anderem begleitet von Gidon Kremer, Renaud Capuçon, Mischa Maisky etc. etc. Bäm!

Das Konzert für 4 Klaviere (oder Cembali) BWV 1065 von Johann Sebastian „The One“ Bach beim Verbier Festival 2002.

 

Man merkt natürlich, daß das All-Star-Team nicht viele gemeinsame Trainings hatte, da ist einiges nicht perfekt. Aber insbesondere der Mittelteil des zweiten Satzes (ab ca. 6:13) ist so über alle Maßen überirdisch schön, daß ich wünschte, er würde niemals enden. Niemals. Für immer ganz nie wieder. Gar nicht mehr. Ganz großer Sport. Danke oh Herr.

Mein absoluter Megastar fehlt natürlich noch, der war damals allerdings erst 11 Jahre alt, den hören wir jetzt – Überraschung! – zum Schluß. Daniil Trifonov zusammen mit seinem Lehrer Sergei Babayan (die beiden kennen sich also ganz gut, das verspricht abgestimmte Laufwege) mit der 2. Suite für zwei Klaviere von Sergei Rachmaninoff.

 

Clemens Haas

Clemens Haas

Clemens Haas, geb. 1968, hat Mathematik und Philosophie durchaus studiert mit eifrigem Bemühn, dann aber doch zurück gefunden zur ersten Liebe, Klavier und Tonmeisterei und dieses Studium dann auch abgeschlossen. Er arbeitet als freier Toningenieur und Komponist für ÖR und private Rundfunk- und Fernsehanstalten und für die Werbeindustrie.

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