Wollen Sie Vorstand werden?

Kaum jemand will Vorstand eines Großunternehmens werden. Aber immer mehr Frauen sollen jetzt per Quotenregelung dazu gezwungen werden, es dennoch zu versuchen.


Meiner bisherigen Erfahrung nach wollen die meisten Menschen, sowohl Männer als auch Frauen, etwas anderes werden als Vorstand eines Großunternehmens. Spätestens, wenn sie sich mit der Frage beschäftigen, was sie dafür tun müssten, um irgendwann mal die Chance zu haben, im Chefbüro eines DAX-Unternehmens platznehmen zu dürfen, winken die meisten ab. Es gibt wahrlich lohnendere Perspektiven. Viele wollen einfach einen schönen spannenden Gelderwerb haben, mit dem sie sich eine angenehme Freizeit finanzieren können. Einige wollen sich selbständig machen, freiberuflich arbeiten oder ein kleines Unternehmen mit einer Handvoll Mitarbeiter, die sie gut kennen und mit denen der tägliche Umgang eine Freude ist. Andere wollen was besonders kreatives machen, Filme drehen, Artikel schreiben, programmieren, moderieren, was auch immer. Eine leitende Position, noch dazu in einer vielstufigen Hierarchie, streben nur wenige an.

Quote auch für Einbrecher und Mörder?

Nun könnte es sein, dass mehr Männer als Frauen die Neigung haben, eine Ochsentour durch die Leitungsebenen eines Konzerns anzutreten. Es haben bekanntlich auch mehr Männer als Frauen die Neigung zu Drogenkonsum und Kriminalität. Wenn das so ist, dann wäre es völlig abwegig, zu erwarten, dass am Ende genauso viele Frauen wie Männer in den Chefetagen ankommen. Es erwartet auch niemand, dass es genauso viele Einbrecherinnen und Mörderinnen gibt wie Einbrecher und Mörder.

Die Familienministerin denkt jetzt mal wieder über eine Frauenquote nach. Will sie Frauen zwingen, etwas zu tun, was sie gar nicht wollen? Natürlich nicht, aber darauf müsste die Sache hinauslaufen. Oder es könnte passieren, dass eben nicht die geeignetsten Leute Vorstand werden, sondern die, die die Quote erfüllen.

Gut, ob die Leute, die heute die großen Konzerne leiten, unbedingt die besten sind, kann man lange diskutieren. Aber immerhin, sie haben es geschafft, dort hin zu kommen, und das setzt möglicherweise ein paar Qualitäten voraus, die man auch braucht, um da einen guten Job zu machen.

Die Quote bewirkt das Gegenteil

Es ist völlig richtig: Man muss viel dafür tun, geschlechtsspezifische Diskriminierungen abzubauen. Das ist eine tägliche Kleinarbeit, die einen langen Atem erfordert und vor allem mit einem Bewusstseinswandel im Alltag zusammenhängt. Eine befohlene Quote wirkt diesem Wandel geradezu entgegen, denn sie ist selbst eine geschlechtsspezifische Diskriminierung. Wer per Quote an die Macht kommt, hat niemals die gleiche Autorität wie jemand, der es geschafft hat, indem er die Regeln beherrscht. Vielleicht sind auch die Regeln falsch, die Spielregeln, nach denen die einen sich nach oben schieben und andere hinter sich lassen. All das muss man kritisch diskutieren, und dann ändert sich die Gesellschaft auch, so wie sie sich in den letzten Jahrzehnten verändert hat.

Und dann wird man allmählich sehen, wie viele Frauen wirklich ganz „nach oben“ wollen – und dieses „Oben“ ist hier sehr bewusst in Gänsefüßchen gesetzt. Denn was für wen wirklich Oben ist und ob Oben wirklich das Traumziel ist, das muss jeder Mensch für sich selbst herausfinden. Da helfen keine Quoten.

So wie wir nicht erwarten können, dass in den Gefängnissen irgendwann mal genauso viele Frauen sitzen wie Männer, werden auch in den Vorständen der Großunternehmen vielleicht niemals so viele Frauen wie Männer sein. Man weiß es nicht. Viel wichtiger ist, dass die Frage: „Sind Sie dort, wo sie gern hinwollten, und sind sie da glücklich?“ von ebenso vielen Frauen wie Männern mit „Ja“ beantwortet wird. Und das sollte zu schaffen sein.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

More Posts - Website

Follow Me:
Facebook

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen