Jenseits von Neymar

Für 222 Millionen Euro wechselt Neymar nach Paris. Viel Geld, aber nicht zu viel für Neymar, meint José Mourinho. Der Trainer von Manchester United fürchtet aber die Konsequenzen des Transfers. Zu recht. In den überhitzten Profifußball fließt noch mehr Geld, und die Flut droht, auch die schlechtesten Boote zu heben.

Alle Augen auf Neymar: Der Brasilianer ist nun der teuerste Fußballspieler der Welt. Hier ein Bild von den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro 2016. Foto: Wikimedia Commons; Autor: Fernando Frazão/Agência Brasil

Warum in aller Welt, zahlt Paris Saint Germain (PSG) unvorstellbare 222 Millionen Euro für Neymar? Die Antwort lautet einfach: Weil sie es können! Nicht der Klub selbst, sondern seine Geldgeber aus Katar. Und weil der europäische Fußballverband UEFA ziemlich lax mit seinen eigenen Regeln zum Financial Fairplay umgeht. Grob umrissen, sollen die Vereine seit 2013 nicht wesentlich mehr Geld ausgeben als sie in einem Zeitraum von drei Jahren eingenommen haben. Zwar sehen die UEFA-Statuten Puffer und Ausnahmen vor, doch auch die sprengen die Pariser mit ihrem Neymar-Deal deutlich. Zwar tritt PSG bei dem Deal nicht als Akteur auf, sondern lediglich der Spieler selbst sowie seine arabischen Finanziers. Aber niemandem, der nicht gleichzeitig an den Weihnachtsmann, den Osterhasen und das fliegende Spaghettimonster glaubt, dürfte verborgen bleiben, was da gespielt wird.

Dementsprechend heftig fielen die Reaktionen aus. Besonders harsch der Kommentar des Trainers des SC Freiburg, Christian Streich: „Der Gott des Geldes wird immer größer und irgendwann verschlingt er alles. Aber die meisten werden es erst merken, wenn alles verschlungen wird.“ Das Statement ist nachvollziehbar. Dennoch bekomme ich immer dann Magenschmerzen, wenn außerhalb von Kirchen und Sonntagsschulen Gott ins Spiel gebracht wird. In unseren Breiten und in unserem Zeitalter sollten weder Politiker, noch Unternehmer und schon gar keine Sportfunktionäre irgendwelchen göttlichen Wesen verpflichtet sein, sondern in erster Linie dem Wohl der Institutionen, die sie vertreten. Und rational betrachtet, macht der Neymar-Transfer für alle Beteiligten Sinn. Für den Spieler, für den Verein, aber auch für die Sponsoren aus Katar.

Brasilianer dürfte größer als Messi werden

Neymar ist ein bekannter und gut bezahlter Fußballer. Er ist aber noch nicht der „Fußballer schlechthin“ auf diesem Planeten. Aber genau der könnte er nächstes Jahr werden. Im Sommer 2018 findet in Russland die Fußball-Weltmeisterschaft statt, und Neymars Brasilianer sehe ich neben den Franzosen als den großen Turnierfavoriten. Schon 2014 beim Heimturnier in Brasilen war der damals erst 22-jährige Mittelfeldstratege die entscheidende Figur in einem ansonsten allenfalls mediokren Team. Wie wertvoll Neymar ist, sieht man daran, dass Brasilien mit Neymar durchaus ernstzunehmende Mannschaften wie den aktuellen Südamerikameister Chile und Kolumbien schlagen konnte, ohne den Superstar aber später mit 1:7 gegen Deutschland unterging.

Man muss kein Prophet sein, um vorauszusagen, dass ein inzwischen deutlich besser aufgestelltes brasilianisches Team und ein weiter gereifter Neymar nächstes Jahr das Maß aller Dinge sein werden. Der 25-Jährige könnte dann in die Starsphären aufsteigen, die im Fußball zuletzt Diego Maradona, Franz Beckenbauer und Pele erreicht haben. Einen Cristiano Ronaldo, einen Lionel Messi dürfte er klar hinter sich lassen. Dass Neymar bei PSG bereits jetzt die alles überragende Persönlichkeit sein wird, dürfte dessen Entwicklung nicht hemmen, sondern – im Gegenteil – weiter beflügeln. Neymar scheut Verantwortung nicht, er sucht sie, er braucht sie.

Wirtschaftlich ist der Deal vernünftig

Eine solch epochale Sportfigur nutzt seinem Klub in vielerlei Hinsicht, nicht nur beim Verkauf von Trikots oder anderer Fan-Utensilien. In Frankreich, wo es jenseits der Großklubs aus Paris oder Lyon keine mit England oder Deutschland vergleichbare, weit verzweigte Fußballinfrastruktur gibt, werden sich die Stadien füllen wie nie zuvor. „Neymar gucken“, heißt es dann in Metz, Montpellier oder Monaco. Entscheidend ist für die Pariser aber nicht die Französische Meisterschaft, sondern die Champions League. Hier konnte PSG trotz der Verpflichtungen des schwedischen Enfant Terribles Zlatan Ibrahimovic oder des deutschen Jungstars Julian Draxler nie die Erwartungen erfüllen. Neymar soll den Klub gerade in Europa auf ein anderes Level heben. Die WM 2014, so schlecht sie für die Brasilianer am Ende lief, ist für die PSG-Macher der Beweis, dass dieser Star aus einem schwachen Team ein zumindest konkurrenzfähiges machen kann.

Der größte Gewinner des Neymar-Deals ist aber der Staat Katar. Viele Millionen Petro-Dollar haben die Katarer bereits in ihr Prestigeprojekt, die Weltmeisterschaft 2022 im eigenen Land, investiert. Vorfreude darauf ist bis jetzt aber nirgends ausgebrochen. Im Gegenteil: Wegen der Kosten, der Ökobilanz, dem angeblich schlechten Arbeitsschutz auf den Baustellen und der Verlegung des Turniers in den europäischen Winter, steht die Veranstaltung in der Dauerkritik.

Neymar soll Image von Katar aufpolieren

Zugpferd Neymar soll die Trendwende schaffen und die Fans für die Sportveranstaltung in der Wüste begeistern. Ich traue dem Brasilianer ja viel zu, aber nicht, dass er einen derartigen Stimmungsumschwung bewirken kann. Der Wüstenstaat eignet sich halt genauso wenig für die Ausrichtung einer Fußballweltmeisterschaft wie Grönland als Standort für ein Beachvolleyballturnier. Der Versuch, mit Neymar das eigene Image aufzupolieren, scheint den Katarern aber das viele Geld wert zu sein. Zumal fürs Erste nicht mehr über Skandale, sondern ausschließlich über den Mega-Deal gesprochen wird. Falls die PR-Strategie dennoch daneben geht, hält sich der Schaden in Grenzen. „Ausreichend Spielgeld“ scheint im Öl-Emirat ja kein Engpass zu sein. Deswegen dürfte nicht Christian Streich, sondern der Trainer von Manchester United, José Mourinho, den entscheidenden Punkt in der Sache gemacht haben.

Mourinho hat recht, wenn er feststellt, dass die 222 Millionen Euro für Nemyar nicht das Problem sind, sondern die Konsequenzen, die aus diesem Deal resultieren werden. In einen bereits maßlos überhitzten Transfermarkt wird weltweit noch mehr Liquidität gepumpt werden. So gibt es Gerüchte, dass Neymars bisheriger Klub, der FC Barcelona, bereits daran denkt, die frischen Millionen fast in Gänze in Antoine Griezmann von Atletico Madrid zu investieren. Sollte es so kommen, dann werden die Madrilenen ebenfalls mit vollen Taschen auf Einkaufstour gehen. Und irgendwann müssen selbst für äußerst durchschnittliche Fußballer sehr, sehr viele Geldscheine auf den Tisch gelegt werden.

Die Flut hebt alle Boote

So konnte es passieren, dass der FC Everton 34 Millionen Euro (!!!) für den Torwart der englischen U21-Nationalmannschaft, Jordan Pickford, locker machen musste. Welttorhüter Manuel Neuer kostete den FC Bayern München einst „nur“ 30 Millionen. Hierzulande überwies übrigens der 1. FC Köln gerade 17 Millionen für Jhon Cordoba an Mainz 05. Die Leistungsbilanz des Kolumbianers: 10 Tore in 51 Bundesligaspielen. Vom Hocker reißt das einen erst einmal nicht. Und mein allgemein als besonders knausrig bekannter Verein Eintracht Frankfurt gab in diesem Sommer die Rekordablöse von sieben Millionen Euro für Sebastien Haller vom FC Utrecht aus. 14 Tore gelangen dem Mittelstürmer in der eher zweitklassigen niederländischen Eredivisie. Toll! Dass die Flut alle Boote hebt, auch die schlechten, das ist, und da bin ich bei Mourinho, die wahre Krux an der Neymar-Rekordablöse. Und daran wird der Fußball noch lange zu knabbern haben.

Findige Journalisten haben schon berechnet, wie viele französische Krankenschwestern oder deutsche Fabrikarbeiter man für die Neymar-Ablöse ein Jahr lang bezahlen könnte. So pervers die Transfersumme klingen mag, ich glaube dennoch nicht daran, dass die Kommerzialisierung des Sports in naher Zukunft gestoppt wird. Es gab ja schon genügend Tabubrüche, die Anlass zu Fundamentalkritik am Profifußball gaben: Ein Kräuterlikör als erster Trikotsponsor in Deutschland, das Bosman-Urteil und die anschließende Explosion der Transfersummen sowie im vergangen Jahr der Aufstieg des am österreichischen Reißbrett entworfenen Brauseklubs RB Leipzig in die Bundesliga. Immer wieder wurde das Ende des Fußballs, wie wir ihn kannten, beschworen. Die Fans indes sind weiter in die Stadien geströmt. Und sie werden es wohl auch tun, wenn für den ersten Kicker eine Milliarde Euro gezahlt wird. (In der Causa RB Leipzig gibt es vielleicht nicht ganz unberechtigt erscheinende Einwände, dass der Deutsche Fußball Bund bei der Lizensierung dieses Vereins möglicherweise gegen seine eigenen Statuten haben könnte, weshalb sich der DFB bei der Kritik an der Verletzung des Financial Fair Play der UEFA zurückhalten sollte. Aber das ist eine andere Geschichte.)

Kommerzialisierung nicht zu stoppen

Aber kein Krug kann beliebig oft zum Brunnen gehen, irgendwann muss er brechen. Ein Sport, in dem sich alles nur ums Geld dreht und nur noch wenig um den Ball, wird erst abgeschmackt und dann abstoßend wirken. Die entscheidende Frage lautet: Wann genau wird das sein?

Die Neymar-Millionen, und das haben Mourinho und Streich erkannt, werden den Entfremdungsprozess der Fans beschleunigen. Vielleicht sollte sich der Fußball daher auf etwas besinnen, was auch in der Wirtschaft immer mehr in Mode kommt: Unternehmerische Nachhaltigkeit. Aber in einer Welt, in der die großen Sportverbände ihre eigenen Fair Play-Regeln und Lizenzbedingungen oft nur wie freundliche Handlungsempfehlungen handbaden, würden auch Nachhaltigkeitsberichte letzten Endes nur bedrucktes Papier bleiben. Und das wäre gerade eines nicht: nachhaltig.

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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