„Black Is Beautiful“ – Eine Kolumne zu Ehren großer Black Music-Pioniere

Die „Hörmal“-Kolumne Ulf Kubankes steht dieses Mal unter dem Motto „Black is beautiful“. Sie ehrt wichtige Musiker und Evergreens, deren Wirken beweist, dass die Kunst im Gegensatz zu Politik und Gesellschaft keine Hautfarbe kennt, Rassismus verachtet und allen gehört.

Fotomodels von links nach rechts: Mukeba Muamba & Anka Flavour Taken by Eddy Art a.k.a. Eddy Sonntag Copyright und Permission by Sonntag/Muamba/Flavour

Ist es nicht paradox, liebe Freunde? Obwohl die Musik selbst keinerlei Hautfarbe kennt und nur gespielt, gehört und genossen werden möchte, unterteilen wir selbst sie oft in Schubladen, die genau auf derlei Äußerlichkeiten abheben. So gilt auch unter Musikschaffenden und Autoren etwa Rock meist als typische Angelegenheit des „weißen Mannes“ und Jazz, Soul oder Blues als „Black Music“. Sicher, man kann die Wurzeln musikhistorisch entsprechend herleiten und aus den überwiegenden Vertretern eine Schublade basteln. Das Problem solch einengender Nischen liegt jedoch im Aufrechterhalten solcher Schubladen. Denn sie werden im Verlauf der Zeit unweigerlich zu eng, nicht wahr? Ganz schlimm: Sogar hier in der Überschrift geht es auch schon wieder los.

Deshalb stelle ich hier mein Herzblut samt ein paar Stories und Songs zur Verfügung, die jene Pioniere ehren, deren dunkle Hautfarbe in den 50er, 60er oder 70er Jahren im Alltag ihrer Lebenswirklichkeit ein oft gravierendes Hindernis verkörperte. Jene, die sich hiervon gleichwohl nicht eine Sekunde beirren ließen und trotz oft schlechter Ausgangsbedingungen diesen Faktor zur Hölle schickten, den weißen Mainstream infiltirerten und musikhistorisch wichtige Pioniere waren. Selbstredend ist so eine launige Liste nie vollständig, nicht einmal annährend. Das ist wie mit der Richteskala. Auf übliche Verdächtige wie Jimi Hendrix oder James Brown verzichte ich ganz bewusst, denn deren Schatten wirkt oft all zu dominant. Letztere brauchen ohnehin bei Gelegenheit eine eigene Kolumne.

Doch genug des Schwafelns und ab ins Geschehen:

Dinah Washington

Ohne jeden Zweifel ist Dinah Washington eine der spannendsten Künstlerinnen des 20. Jahrhunderts. Ihre Karriere begann in den schäbigen kleinen Jazz & Bluesclubs im Chicago der frühen 40er. Später wurde hieraus die erste Frau überhaupt, die als Headlinerin in Las Vegas auftrat. Ihr Repertoir war für damalige Verhältnisse von einer Bandbreite, die nicht nur unüblich war – und nicht wenige Kritiker irritierte – sondern sie ebenso zu einer der ersten Crossover-Sängerinnen machte. Egal ob Jazz, Blues, Country, Soul oder weißen Popsong: Sie umarmte alle Genres und stempelte diese mit ihrem unverwechselbaren Timbre.

In einer Ära voller Rassismus und Sexismus benahm die Afroamerikanerin sich ganz selbstverständlich wie ein weißer, männlicher Rockstar. Sie wechselte Schmuck, Pelze, Autos oder teure Schuhe ebenso oft wie ihre Lover. Bis zum Ende ihres kurzen Lebens war sie 7 mal verheiratet. Da kommt höchstens Liz Taylor mit. Ihr energischer Fahrstil war ebenso berüchtigt wie ihr ebensolches Mundwerk.

Washingtons Temperament und Stimmungsschwankungen sind ebenfalls legendär. Sie konnte fluchen wie ein Kutscher und lieferte sich Faustkämpfe mit Clubbesitzern und Reportern. Da auch ihre Band nie genau wusste, in welcher Gemütslage sie sich gerade befand, machte man vor Gigs aus dieser Not eine Tugend. Bei den Proben bereitete man sich auf bis zu fünf höchst unterschiedliche Setlisten vor – von introvertiert melancholisch bis extrovertiert lodernd – um jederzeit spontan auf Dinahs Verfassung reagieren zu können.
Entsprechend grandios waren ihre Konzertauftritte. Besonders herausragend: Die Shows beim Newport Jazz Festival.

Gleichwohl: Washingtons Abhängigkeit von Schlankmachern, Schlafmitteln und Aufputschpillen bei heftiger Alkoholsucht machten das Ganze nicht einfacher und sollte sie 1963 mit 39 Jahren das Leben kosten.

„Cry Me A River“ (1953 von Arthur Hamilton verfasst) wurde unter anderem von Julie London, Shirley Bassey, Ella Fitzgerald oder Diana Krall gesungen. Doch sie alle können sich nur hinter Dinahs 1959er Version anstellen ohne je an ihr vorbei zu kommen.

Bobby Womack

Es ist stets wundervoll, wenn Film und Soundtrack von erlesener, einander ergänzender Qualität sind. „Across 110th Street“ aus dem Jahr 1972 ist schon für sich genommen ein großartiger Thriller und verdienter Klassiker des Blaxploitation-Genres; auch Dank des Aufspielens vom ungleichen Duo Anthony Quinn und Yaphet Kotto.

Die gesamte Filmmusik steht dem in nichts nach, funktioniert indes auch ohne den Streifen. Absoluter Höhepunkt ist Bobby Womacks energisches Titelstück. Jede Silbe, jeder Ton atmet die Leidenschaft eines Mannes, der endlich fort will von der falschen Seite der Stadt mit ihren Schatten, ihrer Gewalt und bitteren Armut. Man spürt in jeder Sekunde die Brechstange seines unbedingten Willens, endlich die fucking Grenze in Form der separierenden 110th Street zu überwinden. Dies verknüpft sich mit sexy Groove zur feurigen Hymne in ein besseres Leben.
Womack ist auch deshalb so berückend, weil der Text sein eigenes Schicksal spiegelt. Mittels eigener Musik komponierte und sang er sich buchstäblich aus dem Ghetto heraus. Die Familie Womacks war in dessen Kindheit zeitweise so abgebrannt, dass sie von entsorgten Schweineschnauzen lebten, die er und seine Brüder aus den Mülltonnen von Supermärkten fischten.

Womack: „Die Hood war so verdammt Ghetto, dass die Ratten uns nicht behelligten und wir sie auch in ruhe ließen.“

Eddie Hazel

Das Gitarrensolo ist der Wahnsinn, nicht wahr? Viel Liebe für Eddie Hazel! Hazel, der leider nie so berühmt wurde wie Hendrix und technisch auch nicht ganz so brilliant war, wie Jimi. Aber Eddies emotionale Ausdruck ist – nicht nur in jenen Tagen des Jahres 1971 – weltweit einmalig.
Für mich ist dieser Song mithin einer der intensivsten Gitarrenmomente aller Zeiten. Wen das kalt lässt, der hat kein Herz. Alles hier gebotene ist One Take und komplett spontan improvisiert.George Clinton sagte:in etwa „Alter, spiel einfach so, als wäre deine Mutter gerade gestorben.“

Tja, das tat Hazael dann auch.

Die ersten drei Funcadelic-Scheiben (vor Hazels Ausstieg), sind meine Lieblingsplatten von ihnen.

Desweiteren ist mir nicht einerlei:

Hazels erste und leider einzige Soloplatte „Games, Dames & Guitar Twangs“ aus dem Jahr 1977 ist ebenso wundervoll. Kann ich jedem nur wärmstens empfehlen.

Eartha Kitt

Viele nannten sie „Königin der Nachtclubs“. Orson Welles nannte sie „die aufregendste Frau der Welt“.

Was für eine große Künstlerin und mutiger, politischer Mensch, deren Biografie genau so spannend ist, wie ihre Musik. Eine ausführlichere Würdigung Kitts ist in dieser „Hörmal“-Rubrik für den Jahresverlauf geplant.

Oscar Peterson

Höchst selten kommt es vor, dass Musikgenies – und Oscar Peterson darf man getrost ein solches nennen – sowohl als Begleiter wie auch als Solisten bahnbrechende Akzente setzen. Sein ebenso virtuoses wie sinnliches Pianospiel rückt ab Mitte der 40er Jahre u.A .Fred Astaire, Ella Fitzgerald, Herbie Hancock, Billie Holiday, Louis Armstrong, Lester Young, Count Basie, Charlie Parker, Quincy Jones, den wilden Stan Getz, Coleman Hawkins, Dizzy Gillespie oder Freddie Hubbard ins rechte Licht. In Ansehung von Petersons überragenden Fähigkeiten und seiner Sensibilität, sich auf jeden Partner perfekt ein zu stellen, verleiht Duke Ellington dem karibischen Kanadier den Beinamen „Maharaja der Tasten“.

Solo bringt er es mit seinem Trio bzw. Quartett auf über 50 LPs. Darunter sein Klassikeralbum „Night Train“ (1963 mit einer grandiosen Interpretation des gleichnamigen Ellington-Stückes) oder die brillante „Easter Suite“ (1984 für die BBC), in der er sich der Klassik bediente.
Besondere Akzente setzte er ebenso als Filmmusikkomponist. Unter diesen Scores befindet sich auch mein ganz persönlicher Favorit des Mannes aus Montreal: Der „Blues For Allan Felix“.
Bereits in seinem erfolgreichen Broadway-Theaterstück „Play It Again, Sam“ baut Woody Allen eine Hommage gen Peterson ein.

Entsprechend begeistert komponiert und spielt der Pianoman diesen Track für den gleichnamigen Film von 1972 (mit Diane Keaton). Getreu dem namensgebenden Hauptcharakter Allan Felix verleiht Peterson den nicht einmal drei Minuten einen leicht nervösen Grundton ohne dabei das Blues-Thema zu dekonstruieren oder degradierend in den Hintergrund zu drängen.

Lässig, locker und mit einer flockigen Leichtigkeit ausgestattet, transportiert sein Lied nahezu perfekt die komödiantische Grundstimmung des Films. Entsprechend breit setzt Woody Allen die Nummer in einer großen, hochkomischen Szene ein.

Luther Ingram

Die Versuchung des Seitensprungs, die Verruchtheit der Affäre, das schlechte Gewissen gegenüber der Familie und die alles beiseite wischende Erotik des Subjekts der Begierde! All das bietet „If Loving You Is Wrong“.

Stax‘ Songwriter schrieben diesen Klassiker des Soul ursprünglich für The Emotions. Zu einer Veröffentlichung kam es jedoch nicht. Gut so! Denn das Weiterreichen an Luther Ingram hat sich mehr als gelohnt. Sein schmachtender Gesang in Verbindung mit dem herrlich schwülen Softcore-Sound des Arrangements, erobert den Track komplett.

Obwohl zahllose auch sehr gelungene Varianten von u.A. Isaac Hayes, Millie Jackson, Percy Sledge oder Ramsey Lewis existieren: Ingrams Urversion bleibt das Maß aller dinge. Viel Spaß mit dem Reiz des Verbotenen.

Betty Davis

Kaum zu glauben – dennoch wahr: Ohne die gebürtige Betty Mabry, die auch als Fotomodel manche frühen optischen Glanzpunkt setzte, wäre die Geschichte der heutigen Populärmusik im Allgemeinen sowie die Geschichte von Fusion oder Funk im Besonderen eine ärmere. Auch Miles Davis “Bitches Brew”/”On The Corner” wären ohne den unterschätzen Einfluss dieser kompromisslosen Schönheit womöglich nie entstanden. Nebenbei verkörpert sie das Rolemodel der Frau als selbstbewusste Musikerin/Macherin, die sich simultan als Sexsymbol (nicht als Sexobjekt!) inszeniert.

Beschäftigt man sich ein wenig mit ihrerer Biografie, kommt eine erstaunliche Vielfalt zutage. Das Leben einer Frau, die verstanden hat und Lust daran empfand, absolute Körperlichkeit als erotisches Lockmittel einzusetzen, während sie gleichzeitig mit musikalisch überbordendem Talent plus echter Substanz glänzt.

Die brillante Taktik: einerseits die Muse geben. Andererseits darauf achten, nie und nimmer auf das Klischee der “sexy Tussi” reduziert zu sein. Für Betty Davis kein Problem: Sie hat einfach alle gleichermaßen wahnsinnig gemacht. Mit Hendrix samt dessen Experience oder Sly Stone war sie eng befreundet. Den unbekannten Commodores verhalf sie zum ersten Plattendeal, und Gatte Miles profitierte von der Heranführung an Jimi, Sly und Rock. Sie alle waren verrückt nach ihr; Körper wie Geist. Eine Zauberin!

Die totale Alphafrau?

Ja!

Bereits vor dem ersten Date mit Miles Davis stellte sie unmissverständlich klar: “Ich mag vieles sein, aber sicher nicht (d)ein kleines Mädchen”. Das hat er wohl verstanden. Sie ist nicht nur die “conditio sine qua non” – die nicht hinwegdenkbare Ursache – für Fusion und “Bitches Brew”. Oh nein, es passiert sogar eine Aufnahmesession echter Betty Mabry/Davis-Songs; produziert von Miles/Teo Macero und eingespielt mit u.A. Teilen der Jimi Hendrix Experiens aus dem Jahr 1968. Das ist im Grunde die wahre Geburtsstunde der Fusion. Eine Art “Bitches Brew” Part I, der totale Prototyp.

Ihre regulären ersten drei Alben – “Betty Davis”/”They Say I’m Different”/”Nasty Gal”, erschienen zwischen 1973 und 1975 – sind nicht nur musikhistorisch essentiell. Die Songs gerieten schlichtweg überwältigend. Cracks wie Pointer Sisters oder Neil Schon (Journey, Bad English) rissen sich um die Zusammenarbeit. Die ebenso derbe wie verführende Mischung aus Kratzbürsten-Funk, Hardrock und groovy Soul lässt sogar Giganten wie Sly & The Family Stone oder die grandiosen Parliament/Funkadelic recht blass bzw unausgegoren aussehen. Bis heute klingen diese über 40 Jahre alten Scheiben modern, individuell und im Genre unerreicht.

Sie ist die Mutter!

Ebenso ist Davis so ziemlich die erste ihrer Art. Eine Frau die nicht nur schreibt, mit einspielt und singt. Sie produziert den Löwinnenanteil des Materials auch gleich selbst und behält die “full artistic control”. Inhaltlich und als Pose tauscht sie einfach die Prämissen. Sie weiß um die Wirkung ihres Aussehens und wirft den Körper bereitwillig in die optische Waagschale. Bahnbrechendes sexy Coverartwork oder Gigs im Neglige sind nur ein Bruchteil dieses Konzepts. Auch die Lyrics zeigen eine sexuell offensive Frau, die auf männliche Domänen pfeift und selbst den Anmacher gibt. Sie holt sich als echter Rockstar, was sie will und sie will verdammt nochmal alles! Was für ein Vorbild!

Jetzt mögt ihr fragen: Warum kennt man sie dann in der breiten Öffentlichkeit kaum, warum blieb ihr Werk Geheimtipp für Kenner und Genreliebhaber?

Nun, manchmal reicht es einfach nicht, die erste und beste zu sein, nicht wahr? Manchmal genügt es nicht, sich die viel umworbene Kehrseite auf zu reißen. Manchmal benimmt sich das Leben eben einfach wie ein verdammter Hurensohn.

Im Fall Betty Davis bewahrheitet sich die alte Bowieweisheit, wonach es im Showbiz ein Vorteil ist, immer der zweite zu sein, der etwas macht, nicht der erste. Davis war ihrer Zeit anscheinend zu weit voraus. Die Türen öffnete sie zwar. Jedoch nur für Nachfolger wie Grace Jone, Prince, Madonna, Björk etc. Ihr selbst jedoch blieb die Pforte verschlossen.

Die Gesellschaft besaß längst nicht die Reife, eine mit so immensem Selbstwertgefühl ausgestatte Macherin zu ertragen. Zu schätzen wusste es erst recht kaum jemand. Davis steckte ein überkommenes Rollen- bzw. Weltbild in Brand als viele noch hinter dem Mond lebten. Ganz besonders schlimm waren torpedierende Anfeindungen von Rassisten, Puritanern und christlich angepinselten Klerikalfaschisten, denen “eine Schwarze, die in Lingerie auftritt” und ihr Ding so selbstverständlich macht wie ein weißes Rockidol, mehr als nur suspekt. Davis war für sie eine Lästerung, eine “ihren Platz verlassende Negerin”, eine echte Hure Babylon.

Zur Krönung des Schlamassels blieb ihre obig erwähnte Fusion-Platte unveröffentlicht – zu unkommerziell für das Label. So blieb ausgerechnet diejenige, der die Musikwelt so viel Dankbarkeit schuldet, komplett auf der Strecke. Voller Grimm und Bitternis zog Davis sich vor Dekaden aus der Öffentlichkeit zurück.

Trotzdem ist die Story keine traurige Geschichte. Denn noch lebt sie. Und in den letzten Jahren konnte die mittlerweile über 70 Jährige beobachten, wie ihre vergriffenen Platten wiederveröffentlicht wurden, die mediale Anerkennung langsam sichtbar wurde. Sogar die verschollene 1968er Proto-Fusion-Scheibe ist vor kurzem als “The Columbia years 1968-1969” erstmals erschienen.

Manchmal muss man wohl einfach durchhalten, bis die Zeit reif ist.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

More Posts

Wir verwenden Cookies, um Funktionen für soziale Medien anbieten zu können und die Zugriffe auf unsere Website zu analysieren. Außerdem geben wir Informationen zu Ihrer Nutzung unserer Website an soziale Medien und für Analysen weiter. Durch die Benutzung unserer Webseite stimmen Sie dem zu. Weitere Informationen

Wir verwenden Plugins, mit denen Sie unsere Inhalte in sozialen Medien wie Facebook, Twitter und Google+ teilen können. Bereits durch den Aufruf von Seiten werden Informationen an diese sozialen Medien weitergegeben. Außerdem verwenden wir Google Analytics, um die Nutzung unserer Seite analysieren zu können.

Schließen