G20: Hamburg war genau der richtige Ort

Sollen die Treffen der G7 oder der G20 in Zukunft auf einsamen Inseln oder Flugzeugträgern stattfinden? Gerade die Kritiker sollten darauf bestehen, dass die Staatschefs die Metropolen nicht meiden.

2009 fand das G20-Treffen in Pittsburgh statt. Foto: G20 Voice. Lizenz CC BY 2.0

In der Diskussion um die Randale am Rande des G20-Gipfels in Hamburg ist die Forderung erhoben worden, dass solche Treffen doch in Zukunft in einsamen Gegenden, am Besten auf schwer zugänglichen Inseln, Kreuzfahrtschiffen oder gar Flugzeugträgern abgehalten werden sollten. Die Bewohner großer Städte könnten so von Zerstörungen und Krawallen verschont bleiben, auch Verkehrsbehinderungen und andere Einschränkungen im Alltag könnten vermieden werden. Es würde weniger Polizei benötigt und der Schaden durch die Gewalttaten von Extremisten würde verhindert.

Man kann dem entgegenhalten, dass gerade eine gastgebende Nation, deren Regierung durch demokratische Wahlen legitimiert ist, sich nicht von Gewalttätern vorschreiben lassen darf, wo sie internationale politische Treffen mit anderen Regierungschefs und Staatsoberhäuptern durchführt. Zum Gelingen solcher Treffen, zum Entstehen einer konstruktiven Verhandlungsatmosphäre, trägt auch der Ort des Treffens bei, die Ausstattung der Verhandlungsräume, die Hotels, das kulturelle Rahmenprogramm. Auf einem Flugzeugträger findet nicht das gleiche Treffen statt wie in einer modernen europäischen Großstadt.

Man kann auch darauf hinweisen, dass Gewalttäter, die sich zusammenrotten um sich in blindem Zerstörungsdrang zu berauschen, andere Anlässe suchen werden, um an symbolischen Orten der Gesellschaft ihr kriminelles Werk zu vollbringen.

Vor allem aber muss klar sein: Auch und gerade für diejenigen, die friedlich ihren Protest gegen die globalen Machtstrukturen formulieren und demonstrieren wollen, für diejenigen, die legitim ihre Forderungen an die Regierungen der großen Nationen in die Öffentlichkeit tragen wollen, ist es wichtig, dass diese Treffen an bekannten, symbolisch besetzbaren Orten der Gesellschaft stattfinden, die kritisiert werden soll. Die Erreichbarkeit dieser Orte und die Symbolkraft ihrer Plätze sind notwendige Bestandteile des friedlichen Protestes. Wo sollte sich die Kritik der Globalisierungsgegner, der friedlichen Aktivisten und der Bürgerbewegungen denn artikulieren und formieren, wenn sich die Regierungschefs und Präsidenten auf Kreuzfahrtschiffe oder gar auf Flugzeugträger zurückziehen?

Die Treffen der Regierungen brauchen, ebenso wie der legitime Protest und die friedlichen Demonstrationen, die diese Veranstaltungen begleiten, den bekannten Namen, den symbolträchtigen Ort inmitten der Gesellschaft. Hamburg als Stadt des Handels und der Kooperation ist dafür geeignet gewesen wie kaum ein anderer Ort. Deshalb bleibt es richtig, das G20-Treffen hier abzuhalten und nicht in einem schwer zu erreichenden, abgelegenen Berg- oder Küstenort.

Würden zukünftige Treffen der G20 an geheimen oder für Demonstranten unzugänglichen Orten durchgeführt werden, dann würden sich die Regierungen schnell dem Verdacht aussetzen, sich weiter von den Bürgern, die sie repräsentieren und für die sie entscheiden sollen, zu entfernen. Deshalb braucht die internationale Politik weiterhin Plätze, an denen sich sowohl ihre wichtigen Vertreter als auch die Kritiker versammeln können.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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