20 Jahre „OK Computer“ – Eine Festschrift für Radioheads Kultalbum

In der neuen Hörmal-Kolumne würdigt unser Musik-Wahnsinniger Ulf Kubanke Radioheads Meisterwerk „OK Computer“ zu dessen 20. Geburtstag und erklärt die Bedeutung der Band.

Pic by Radiohead/Perlophone/Capitol Music Group

„20 Jahre „OK Computer“ von Radiohead! Ein guter Grund, Album und Band einmal näher unter die Lupe zu nehmen. Die Scheibe ist zu Recht eine der definierenden Platten der 90er; Radiohead selbst eine der einflussreichsten Kombos überhaupt. Unumstritten sind sie gleichwohl nicht. Die folgenden Zeilen zeigen auf, warum das so ist.

Beim Stichwort Radiohead scheiden sich meist die Geister. Den einen bedeuten sie eine große Offenbarung im Ästhetik, Klang und Innovation. Bei Anderen gelten sie mitunter als Jammertüten, deren Effekte und Inszenierung die Substanz gelegentlich übersteigen. Die Wahrheit steht jedoch auf einem dritten Blatt. Radiohead ist eine hochbegabte, unverwechselbare Rockband und Soundmaschine, bei der Freunde des eingängig-melodischen Songwritings mit eingebauter Tränendrüse genau so heimisch werden, wie Fans sperriger Dekonstruktion und Avantgarde.

Nichts ohne den Gesang

Kongenial unterfüttert vom Thom Yorkes schwerelosem Lamento, welches er zur hohen Kunstform und Markenzeichen erhebt. Sein Gesang ist es, der die musikalische Landschaft drumherum überhaupt erst ermöglicht und ins rechte Licht rückt. Trotz Yorkes Dominanz in Songwriting und Texten sind die Beiträge der Restmitglieder essentiell. Besonders Jonny Greenwoods unverwechselbares Gitarrespiel, seine Arrangements und Soundhexereien bedeuten einen wichtigen Eckpfeiler in Radioheads Werdegang. Greenwood hat sich mittlerweile längst einen weltweit geachteten Namen gemacht. So komponierte er etwa die Filmmusik von „There Will Be Blood“ oder kollaborierte bereits mit Genies wie dem erklärten Radiohead-Fan Steve Reich („Radio Rewrite“) oder Krzysztof Penderecki.

„OK Computer“ ist der absolute Meilenstein unter ihren Longplayern. Er setzt mehr auf Progrock als beide Vorgänger und gibt Miles Davis „Bitches Brew“ als Inspiration an. Die Gemeinsamkeit liegt indes lediglich in Anmut und Größe ihrer Kompositionen und ist nicht stilistisch zu verstehen. Dabei nehmen sie musikalisch schon den Niedergang der ausklingenden europäischen Idylle vorweg. Die Harmonie der Songs bekommt Risse. Eruption und Depression reichen einander die Hände. Kulmination dieser Entwicklung ist der berühmte „Paranoid Android“ samt seines ausdrucksvollen Videoclips.

Eine ganze Nachfolgegeneration intelligenter, junger (Alternative) Rockbands geht hieraus hervor. Radioheads freigeistiger Umgang mit Musik trifft das Lebensgefühl von Millionen. Ein Teil dieser aufgehenden Saat sind Bloc Party oder TV On The Radio, die explizit „OK Computer“ als maßgebende Inspirationsquelle angeben.

Gefühls-Tsunami

Auch den Freunden großer Melodien bietet dieses dritte Studioalbum Radioheads eine Handvoll der schönsten, balladesken Nachtlieder aller Zeiten. Melancholie, Romantik, Desillusion, Hoffnung, Liebe? Ja, alles zusammen! Sie mischen es ineinander und hauen dem Hörer einen regelrechten Gefühls-Tsunami um die Ohren. „Exit Music For A Film“ ist so ein Killermoment. Seine Melodie ist simpel, dabei ungemein hypnotisch und effektiv. Was immer man gerade macht. Man muss unwillkürlich aufhorchen und unterbricht es. „Today we escape…we escape….“

In eine ähnliche Kerbe haut die Hitsingle „Karma Police“. Bewaffnet mit Akustikgitarre, Piano und einem Hauch Beatles anno “Sexy Sadie” lamentiert Yorke sich durch diesen verdienten Charterfolg. “For a minute there I lost myself….I lost myself.”

Auch die – ohnehin stets untadelige – Textebene erweist sich auf „OK Computer“ als raffinierter denn je. So tritt eine Doppebödigkeit hinzu, die in ihrem Werk bislang fehlte. Bestes Beispiel dieser superben Entwicklung ist das intensive „No Surprises“. Bis heute ist umstritten, ob es hier lediglich um die Flucht aufs Land oder doch um Suizid dreht. Mit Glockenspiel und Tambourin bauen Jonny Greenwood und Ed O‘ Brien ihrem Sänger einen Kokon, der die suggestive Kraft in Yorkes Stimme vortrefflich verstärkt. “…so no alarms and no surprises for me.” Der Song verliert auch nach oftmalig wiederholtem Hören nicht das Geringste seiner durchdringenden Kraft.

Die zum Jubiläum aufgelegte Wiederveröffentlichung „OKNOTOK“ hat sogar noch mehr in petto. Neben herausragender Tonqualität lockt das Paket mit etlichen Non-Album-Tracks. Da wären zum einen die überwiegend lohnenswerten acht B-Seiten zu den damaligen Singles. Desweiteren gibt es drei bislang unveröffentlichte Lieder. Hiervon empfehle ich Fans besonders das Outtake „I Promise“ aus den damaligen Aufnahmesessions.

„Scheiß Techno-Gewichse“?

Ein weiterer Löwenanteil der fachlichen Anerkennung Radioheads speist sich aus dem künstlerischen Umgang mit diesem auf keiner „Beste Alben der Welt“-Liste fehlendem Megaseller. Es wäre ihnen ein Leichtes gewesen, den beliebten Stil fort zu führen und diese goldene Zitrone kommerziell zu pressen, bis der letzte Tropfen Kreativität verloren ginge. Doch nicht mit Yorke und Co! Mitten auf der Erfolgswelle, reißen sie das Ruder herum, verlassen den Pfad aller bisherigen Trademarks und holen zur Jahrtausendwende mit „Kid A“ und dem Nachfolger „Amnesiac“ die Abrissbirne aus der Schublade.

Konventionelle Songstrukturen? Vergesst es! Hier herrscht die totale Verfremdung, Dekonstruktion und Umwandlung der Band zum schillernden Post-Everything-Monster. Elektrischer Steckdosensalat und knochige Kreativität vögeln miteinander, bis eine Art erhabener Avantgarde-Behemoth sich aus diesen Trümmern erhebt. Nicht jedermanns Sache, aber großartig! Noel Gallagher (Oasis) nennt es „scheiß Techno-Gewichse“. Ich nenne es: Einen mutigen Schritt, mit dem sie ihre Karriere riskierten, alles auf eine Karte setzten und gewannen.

Mithin ergibt sich der enorme Einfluss Radioheads gerade aus dem Wechselspiel zwischen großem Experiment und großen Melodien. Es ist ein für altgediente Fans und Novizen gleichermaßen irritierender Kontrast als konstante musikalische Gratwanderung. Doch selbst dieses strukturelle Bild bleibt nicht bipolar. Denn man kann keinen Artikel über Radiohead verfassen, ohne ihre dritte Kraft zu erwähnen. Es ist das e i n e Lied, das alles andere überstrahlt und unterwandert. Der e i n e Übersong, den man auf jedem Kontinent kennt, liebt und der im Laufe der Jahre zu einem der meistgecoverten Tracks der Gegenwart mutierte: „Creep“!

Niemand relevantes kritisierte dieses Lied je negativ. „Creep“ ist einer der besten, gefühlvollsten Rocksongs aller Zeiten und funktioniert sogar bei passionierten Radiohead-Muffeln. Mit Ohrwurm-Chorus und großer Gitarre erklimmt das Stück ab 1993 den Gipfel zu Welthit und Evergreen. Namhafte Kollegen wie Amanda Palmer oder U2 adeln das “Ekel” mit gelungenen Coverversionen.“What the hell am I doing here? I don’t belong here.”Oh, doch! Radiohead gehören in den ewigen Tower of Song als musikhisthorisch wichtige Band.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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  • Der Gast

    ein unfassbar gutes Album und super Kolumne,… obwohl ich „KId A“ noch etwas besser empfand.

    Zudem: „Greenwood hat sich mittlerweile längst einen weltweit geachteten Namen
    gemacht. So komponierte er etwa die Filmmusik von „There Will Be Blood“ […]“
    Das war mir vorher nicht bewusst. There Will be Blood zählt zu meinen absoluten Lieblingsfilmen und das nicht nur wegen der grandiosen schauspielerischen Leistung von Day-Lewis und Dano, sondern auch wegen der dichten Atmosphäre die kreiert wurde, voran maßgeblich auch die Musik beteiligt war.

  • Jan Eustergerling

    Die Bezeichnung „Kultalbum“ hat für mich eher einen abwertenden Sound. Das Album ist viel zu gut dafür. Lange Zeit habe ich es für Überproduziert gehalten – zu viel Effekt über grossartige Songs. Denn Radiohead sind vor allem grossartige Songwriter. Das einzige, was man dieser grossartigen Band vorwerfen kann, das Sie die Balance nicht immer gut hinkriegen und die Studiofrickelei irgendwann zum Selbstzweck wird. Das schwangt zwischen den Alben stark. Das extremste Werk ist sicher „King of Limbs“, wo Songswriting praktisch keine Rolle mehr spielt. Auch ein konsequenter Schritt. Aber das Pendel schlägt immer wieder zurück: das übrigens nicht minder grossartige „In Rainbows“ halte ich für fast gleichwertig wie „OK Computer“. Und „the Bends“ halten auch nicht wenige für die beste Radiokopf. Aber genau das ist ja die große Stärke der Band: sie ist unberechenbar, sie kennt keine Grenzen ausser denen, die sie sich selber setzen. Und, was ebenso wichtig ist: sie agieren wirklich als Band. Denn wo immer Tom Yorke bei anderen Projekten oder Solo mitwirkt, fehlt diese Balance, ist es eine müde Version von Radiohead.
    Zurück zur OK Computer: ich finde sie auch heute noch etwas überproduziert. Aber ihre Songs sind so grossartig, ihre Stimmung, ihre Radikalität, ihre „magischen Momente“ so strahlend, das man nicht umhin kommt, das Werk schlicht als grosse Kunst zu bezeichnen. Denn das ist sie.

    • Ulf Kubanke

      yeah, the bends ist natürlich auch extrem stark. allein schon wegen „fake plastic trees“ und „street spirit“. mit der „in rainbows“ rennst du bei mir und steve reich auch offene türen ein. aber beide alben haben eben nicht den zusätzlichen popkulturellen faktor, den ich ganz bewusst als „kutalbum2 bezeichnet habe.

      ich finde ja, man kann durch seriöse verwendung solcher worte – wenn auch nur wohldosiert – selbige mitunter rückerobern aus dem sprachlichen chantanellen-gebiet. 🙂

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