Die Bullys von Burg Schreckenstein

Sören Heim schaut sich die beliebten Schreckenstein-Bücher nochmal an, die er als Kind verschlungen hat. Und findet neben noch immer netten Geschichten einen gar nicht netten Gemeinschaftskult, Lob des Mobbings inklusive

Vianden Castle von Alun Salt - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Hmm. Die Ritter von Burg Schreckenstein. Eine der erfolgreichsten und langlebiges deutschen Jugendbuchserien. Verfilmt, von Rufus Beck eingelesen, sogar als PC-Spiel verwurstet. Kann es wirklich sein, dass sich außer Niklas Bender in der FAZ , allerdings eher behauptender als analytischer Weise, noch niemand näher das in diesen Büchern vertretende Gesellschaftsbild angesehen hat?

„Im Vordergrund steht die Gemeinschaft, das Individuum und der Konfliktfall sind Ausnahmen, Abweichler nicht erwünsch“,

urteilt Bender. Und das ist das mindeste, was festzuhalten wäre.

Denn dass Jugendromane auch Gemeinschaftlichkeit hochleben lassen ist sicher noch nicht weiter problematisch. Zwar, mancher Hardcore-Liberalist mag, wo Gemeinschaft nur ruchbar wird, den Individualismus sterben sehen und den freien Westen untergehen. Doch heißt das vor allem die triste Realität verdrängen, die längst nicht nur von den sogenannten „sozial Schwachen“ oft und oft genug dauerhaft als eine feindselige erfahren wird, heißt des weiteren immer wieder, Individualität mit Individualismus, Ichstärke mit Atomisierung zu verwechseln. Es ist unter dem Druck letzterer kaum zu vermeiden, dass mancher dazu tendiert Zweck- und Zwangsbündnisse zu Lebensgemeinschaften zu verklären (Serientipp: Ally McBeal), zur Gemeinschaft zwar, zur Freundschaft aber (noch) nicht fähig zu sein. Gerade für Kinder und Jugendliche ist die Bande zudem ein fast notwendiges Moment der Abnabelung von Eltern und Institutionen (Pipi Langstrumpf, Die Rote Zora, Das Fliegende Klassenzimmer sprechen davon Bände).

Eine besondere Gemeinschaft

Doch die Schreckensteiner Gemeinschaft ist eine besondere. Hier mischt sich von Anfang an ein erzieherischer, dezidiert erwachsener Ton mit ausgestrecktem Zeigefinger in das Jugendgemeinschaftsideal. Deutlich wird das relativ früh im ersten Buch, wenn etwa mit dem Ritterschwur auch das Abschreiben und jegliche weitere Vorteilserschleichung gegenüber der Institution Schule radikal verboten werden und durch innere Zwänge im Corpus der Schülerschaft durchgesetzt. Ein Band wird geschmiedet zwischen Schülern und Lehrern zum Wohl der Schule als Heimstatt, der Lehrer Doktor Waldmann ist schnell mehr Ritter als Lehrer und der Direktor Meyer wird, wohl von Hassenkamp nicht ganz zufällig gewählt, von der gesamten Gemeinschaft als „Rex“, also König, tituliert. Die an der Reihe so geliebten Streiche werden dabei ausdrücklich von der Schulleitung als etwas Positives angesehen solange sie nicht „unehrenhaft“ über die Stränge schlagen, ein kontrolliertes sich Ausagieren irgendwo zwischen Waldorf und Wandervogel ist das Ideal. Wo andere Romane die dunklen Seiten der Bandmentalität durchaus problematisieren, macht sich die Autorität in Schreckenstein sogar zum Komplizen von Züchtigungsmaßnahmen innerhalb der Schülerschaft. Als im Auftaktroman Die Jungens von Burg Schreckenstein der „Neue“, Stefan, sich den Ritterregeln nicht fügt und zudem auf technische Gadgets und anderen dekadenten Kram von außerhalb nicht verzichten möchte (er „störte die Gemeinschaft, die sich gerade so schön entwickelte“), mit Spannlack an ein Bügelbrett geklebt, in Toilettenpapier gewickelt und mit Spottversen bedacht wird, heißt es:

„Ritter und Lehrer schmunzelten gleichermaßen (…) alle gingen zur Tagesordnung über und frühstückten wie immer“,

wobei der arme Junge weiter verklebt und gebunden bleibt. Die Aktion lobt später der „Rex“ ausdrücklich:

„Der Denkzettel, den ihr verteilt habt, scheint mir gut gelungen. Da die Idee von Stephan selber stammt, kann er keinen Schaden nehmen, sondern nur lernen“

Es ist nicht das letzte Mal, dass Mobbing und Züchtigung gebilligt werden.

Antiuniversalistische Ritter

Zuletzt stellen die Ritterregel übrigens auch keinen universalistischen Verhaltenskodex dar, als welche sie ironischerweise in den historischen Ritterromanen etwa des Arthur-Epenkreises durchaus postuliert werden (Parzival ist auch den Mauren gegenüber ritterlich, Das Rittertum kennt generell keine Landesgrenzen), sondern in erster Linie einen den eigenen Bund betreffenden. Als es etwa darum geht im selben Roman in einer Neustädter Kneipe zu spionieren, gilt der Kodex nicht, auch Lügen ist plötzlich erlaubt.

Die Ritter und die Neue Rechte

Nun halte ich bekanntermaßen den Einfluss von Jugendliteratur auf die Charakterbildung für überschätzt. Die Ritter von Burg Schreckenstein sind keine schrecklichen Bücher, die in den Giftschrank gehören. Die Reihe ist sogar noch harmloser als das seltendämliche TKKG, worin vier Kids Verbrechen vor allem dadurch aufklären, dass drei von ihnen nichts Relevantes zum Fall beizutragen haben, wärend der Anführer die richtigen Leute verprügelt, was dann regelmäßig auf die Spur der oft ausländischen, physisch entstellten oder sonst wie deutlich als nicht zur Gesellschaft gehörig markierten Täter bringt. Interessant finde ich allerdings, dass die Bücher u.a. im Forum der Sezession empfohlen werden, in einem Umfeld also, das sich sonst gern lautstark über ungehörige Beeinflussung durch Literatur aufregt, die zum Beispiel gleichgeschlechtliche Eltern in einem positiven Licht präsentiert. Den Streitern wider politischer Korrektheit in Kinderliteratur geht es eben höchst selten um die Literatur um der Literatur willen, sondern gewöhnlich darum, der eigenen Norm schmeichelnde Texte vorzufinden.

Kinderliteratur ist, leider, fast immer mehr oder minder Doktrinär. Und meine Güte! Wie würden Eltern aller Couleur nicht erst gegen Literatur Sturm laufen, die sich ernsthaft in erster Linie an Wünschen und Begehren von Kindern und Jugendlichen orientiert. Kinder und Jugendliche nämlich begeistern sich oft für Dinge, da stehen Eltern die Haare zu Berge…

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Ulf Kubanke

    schön beobachtet, dank dir 🙂

    jaja, erst kommt „schreckenstein“, danach endet man dann mit „eyes wide shut“.
    …ich hätte diesen pseudorittern ja den jungen gg allin vorbeigeschickt…

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