Konservativismus in seinen Widersprüchen. 12 Jahre „Bones“

Nach 12 Jahren endet die Fernsehserie Bones. Das dezidiert konservative Figurenensemble legt in seinen Konflikten wie aus Versehen den Finger auf innere Widersprüche des Konservativismus.

Bones von Ozzy Delaney - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Vor etwa zwölf Jahren erschien im Onlinemagazin Ferretbrain eine vernichtende Kritik der ersten Folgen der damals neuen Serie Bones. Zwei Dinge vor allem stießen Rezensenten Dan Hemmens sauer auf. Einmal die Art und Weise, in der die Protagonistin auf wissenschaftlicher und kämpferischer Ebene geradezu mit Superkräften ausgestattet scheinen, und dann deren regelmäßiges Auftreten als ungefiltertes Sprachrohr einer konservativen Agenda. Auch in sozialpolitischen Fragen, etwa in ihrer unerbittlichen Haltung für die Todesstrafe, werde Temperance „Bones“ Brennan stets als die Stimme der Vernunft präsentiert, so Hemmens damals.

Während die konzeptionelle Kritik an der Figur Bones bestehen bleiben kann, obschon es mir generell scheint man müsse all diese neueren Geeks-bekämpfen-Verbrechen-Serien eher im Sinne einer Superheldengeschichte denn im Sinne eines kriminalistischen Realismus lesen, möchte ich zum jetzt anstehenden Abschluss der mit zwölf Staffeln unerwartet lange erfolgreichen Serie die politische Kritik entlang zweier Linien zurückweisen oder zumindest einschränken.

Erstens nämlich halte ich es für eine Fehleinschätzung, dass der Zuschauer angeleitet wird, Temperance Brennans Einschätzungen auch außerhalb des Labors als die rationale und richtige Perspektive auf Augenhöhe zu nehmen.

Zweitens halte ich es vor dem Hintergrund meines früheren Rückblicks auf den „erbarmungslosen Liberalismus“ beinahe schon hegemonieller Shows wie Friends mit ihrer Affirmation alles Bestehenden für durchaus unproblematisch, wenn eine Show einmal die Widersprüche innerhalb des konservativen Spektrums dramatisch ausleuchtet – und sei es, wie wir sehen werden, aus Versehen.

Die Konservativität von „Bones“

Zugegeben, Temperance Brennan trägt einige sehr konservativ Ansichten mit sich herum. So die von Hemmens bereits angesprochenen enthusiastische Zustimmung zur Todesstrafe, die generelle Überzeugung, dass einem im Leben nicht nur nichts geschenkt werde, sondern die Existenz als Kampf ums Dasein auch „natürlich“ und somit zu bejahen sei, sowie die Neigung zur liberal/libertären Naturalisierung von ökonomischen Entwicklungen. So erklärt sie etwa in der Folge The Baby in the Bough (3-12) Einwohnern einer strukturschwachen Region im Brustton der Überzeugung:

Ökonomien leben und sterben wie ein Organismus. Wenn sie sterben ist die logische Entscheidung, umzuziehen.

Und all diese Dinge werden gerne als sogenannte „anthropologische Fakten“ präsentiert, wobei Bones die Forensische Anthropologie als eine stahlharte Wissenschaft begreift, in der kein Platz ist für die zahlreichen Positionen, Interpretationen und Richtungsstreits, die die reale Anthropologie beinahe vor allem Anderen auszeichnen.

Andererseits: Brennans Haltung zur Todesstrafe ändert sich merklich, als der eigene Vater in Kontakt mit dieser Institution kommen könnte. In Staffel 11 lässt ein gerade noch verhindertes Fehlurteil dann Booth sogar ganz von der Todesstrafe abrücken und Bones stark zweifeln. Vom Kampf ums Dasein möchte Bones an anderer Stelle kaum mehr sprechen, als sie in einem heruntergekommenen Stadtviertel stattdessen beklagt, dass der Staat sich nicht engagiere, wenn auch ganz pragmatisch vor dem Hintergrund, dass solche Zustände Gewalt und Verbrechen brüteten. Als in der Folge The Bond in the Boot das Stipendium des Praktikanten Wendell aufgrund der Wirtschaftskrise eingestellt wird, zählt Brennan nicht nur all die sozialen Zwecke auf, für die sie spendet, sondern ruft kurzerhand ein neues Stipendium ins Leben. Und in eben der Folge The Baby in the Bow wird der Wirtschaftsfatalismus komplett relativiert, als Bones eine persönliche Verbindung zu einem jungen Mitglied der Gemeinde aufbaut. Nun lobbyiert sie zuerst für eine öffentlich finanzierte Brücke in das abgeschnittene Land und zahlt diese, als der Staat seiner Aufgaben nicht nachkommt, kurzerhand selbst (wie gesagt: Superheldin, nicht Kriminalistin).

Manchmal braucht es nur eine Kleinigkeit, wie eine Brücke, damit eine Stadt sich erholt,

sagt sie nun.

Auch ansonsten bleibt Brennans politische Haltung widersprüchlich. Sie lobt die sozialkritischen Stücke von Massive Attack, in einem ihrer Bücher sind alle Opfer Großkapitalisten, die es sozusagen verdient haben, sie hält Immigration für unvermeidlich bis notwendig, geißelt die Geheimdienst-Interventionspolitik der USA in Lateinamerika, die für einen Teil der Einwanderung mitverantwortlich sei und kritisiert den „War on Drugs“ harrsch, ist aber beim „War on Terror“ schon beinahe lächerlich penibel auf Bush-Linie. Krieg im Allgemeinen macht Bones derweil mehrfach als „rationalen“ Gesellschaften unwürdiges Männlichkeitsritual lächerlich und sie wäre gern Vegetarierin, auch aus Sorge vor dem Klimawandel.

Wie ein Splitter im Hals stecken bleiben sollte zudem dem konservativen Zuschauer die verächtliche empathielose Haltung gegenüber jeder Art von Religion sowie der Ehe (Die Beispiele sind zu zahlreich um sie alle aufzuführen), und das klare Bekenntnis zur „Ehe für Alle“.

Ein derart widersprüchlicher Charakter taugt wohl kaum als ungefiltertes Sprachrohr konservativer Agenda. Bedacht werden allerdings sollte, dass im Gegenzug auch nicht von einer absichtlich widersprüchlichen Vielschichtigkeit ausgegangen werden muss. Vielmehr haben die Serienschreiber wohl tatsächlich einfach versucht umzusetzen, was sie für eine hochintelligente und (über)rationale Persönlichkeit halten. Da kommt eigentlich immer Blödsinn heraus. Manchmal Klugscheißer im Stile von Lisa Simpson, bei denen suggeriert wird Intelligenz und linksliberales Denken hätten in eins zu fallen. In diesem Fall dagegen vor allem brutal berechnende emotionale Kälte, die sobald ein Gedanke aufs globale Level gehoben wird sich zwanghaft in Widersprüche verwickelt.

Die Konservativität von Bones

Aber folgt die Serie selbst nicht zumindest im Ganzen dennoch konservativen Leitlinien?

Ja und Nein. Da Bones als republikanisches Poster-Girl bereits ausfällt, sollte der Blick naturgemäß sich auf Seeley Booth verlagern. Der ist ja nun nicht etwa liberales Gegengewicht seiner Partnerin, sondern eher der „Konservative mit Herz“, dessen Bauchgefühl in sozialen Fragen als Korrektiv zu Brennans „Rationalität“ fungiert. Wodurch hier vor allem zwei interagieren, die sich im Wesentlichen einig sind und nur in den Gründen dafür variieren. Das verleiht der Show sicher Schlagseite. Allerdings: Auch Booth ist nicht bruchlos. Sein Hass auf Menschen, die gegen den Irak-Krieg protestieren etwa wird nicht nur unter anderem vom Verlauf der Folge The Soldier on the Grave auf die Probe gestellt, sondern auch von der eigenen Existenz. Denn der Zuschauer weiß ja, dass Booth, wie er selbst erklärt, beim FBI möglichst viele „Bad Guys“ fangen will, um seine früheren Taten als Scharfschütze zu sühnen. Taten, die im Rahmen des Krieges natürlich vollkommen legal waren. Und aus Booths eigener Sicht geboten. Was ist diese Sühne anderes als fortgesetzter Protest gegen das Prinzip des Krieges selbst? Booth als Bones Bauchgefühl erfährt übrigens mit der Einführung von Dr. Gordon Wyatt (immer großartig: Stephen Fry) und später Dr. Lance Sweets selbst nochmal eine starke Relativierung. Beide entsprechen dann schon deutlich stärker dem liberalen Modell eines kritisch-reflektierten Patrioten, und ihre psychologischen Interpretationen der Handlungen Booths und Brennans sind derart simpel gestrickt und werden derart von der Show gestützt, dass hier der Zuschauer am ehesten seine persönliche Stimme der Vernunft, den so genannten Common Sense finden dürfte.

Bei allen Schwächen und Inkonsistenzen, die der Behandlung sozialer Fragen in Bones zukommen, kann man der Serie übrigens zumindest zugute halten, dass diese thematisiert werden. So sind sie auf dem Tisch. „Bones“ behauptet wie Hayek die menschliche Gesellschaft sei ein Organismus, dem man sich nur anpassen könne. Und Bones zeigt dann oft genug das Gegenteil. Viele weiter „links“ stehende Serien (s.o.) dagegen zeigen die Welt rein als einen solchen Organismus. Und erst dadurch wird bereits die Idee, dass auch andere Perspektiven möglich seien, unterminiert.

Die versuchte Wende

Ab Staffel 7, als Brennan nach einem One-Night-Stand mit Booth unerwartet Mutter wird, scheint sich allerdings eine scharf konservative Wende abzuzeichnen. Besonders im Frauenbild. Einige Folgen wirkt es als solle Brennan in die Rolle einer vorsichtigen und den Mann die gefährliche Arbeit machen lassenden Mutter gedrängt werden, und als werde das auch vom Serien-Narrativ sanktioniert. Auch das Familienbild steuert auf ein streng christliches Vater-Mutter-Kind Ensemble zu. Aber naja… so wirr wie die Geschichte bis dahin zusammen gewürfelt wurde, kann das nicht funktionieren. AUSNAHMSLOS ALLE Familien in Bones sind nämlich hoffnungslos zerrüttet. Booth ist der Sohn eines Trinkers, der ihn misshandelt hat, die Mutter ist abwesend. Bones ist die Tochter eines Mörders und lebte jahrelang in Pflegefamilien. Sweets ebenfalls! Angelas Vater ist ein zwar liebevoller aber ein bisschen zu lockerer Rocker, die Mutter wiederum abwesend. Da gleitet dann bereits die Inszenierung der Geburt des Booth&Brennan Kindes Christine (!) in einem Kuhstall, nachdem ein Hotel das während eines Falles von frühen Wehen überraschte Paar abgewiesen hat, in Richtung Farce ab. Wird hier doch nicht weniger dargestellt als die Geburt eines weiblichen Heilandes durch eine kampfatheistische Mutter während der katholischen Vater des Kindes, der nicht nur diese Frau niemals heiraten wird, sondern bereits ein zweites Kind mit einer anderen Frau ehelos gezeugt hat daneben steht und versucht klarzustellen, dass Jesus kein „Mythos“ sei. Auch dass Brennan im Einsatz vorsichtiger zur Sache ginge ist schon allein aus Gründen der Dramaturgie nicht von langer Dauer, vielmehr hat Booth bald damit zu kämpfen, dass die erfolgreiche Bestsellerautorin nebenbei das hundertfache von ihm verdient. Und so weiter, und so fort.

Keine Propaganda

Bones ist keine Propaganda, keine Show mit klarer Agenda. Vielleicht wäre es das gern. Doch so wie sich die Konflikte unter dem eher konservativen Ensemble (das nebenbei in einer Show aus dem FBI-Millieu durchaus nahe liegt) entwickeln, stößt konservative Weltanschauung durchaus immer wieder an ihre Grenzen. Vielleicht würde ein genauerer Blick auf diese Konstellationen auch helfen, die zwischen den Kollegen Mauch und Brosche ausgetragene Debatte über Konservativismus noch einmal genauer zu beleuchten. Denn Bones legt, gerade weil es als leichte Unterhaltung nicht groß versucht, sozialkritisch zu sein, den Finger beinah wie natürlich auf konservative Bruchlinien. Hier werden Haltungen verhandelt, die man nicht teilen muss, die aber durchaus ihre Gründe und ihre Berechtigung haben. Hier wird ein starkes Wertesystem als Leitlinie hochgehalten, und gleichzeitig als meistenteils unreflektiertes fragwürdig gemacht. Dabei braucht es noch nicht mal linke „Querulanten“, um das scheinbar so Sichere zu erschüttern. Es genügt eine Dynamik, wie sie ganz von selbst entsteht, wenn das sichere Wertesystem mit anderen Wertesystemen und der Realität kollidiert.

Dass nicht aller Konservativismus zum Trumpismus führt, und dass es trotzdem Fluchtlinien auch in diese Richtung gibt (interessanter Weise ausgerechnet die von Brennan und dem Verschwörungstheoretiker Hodgins geteilte Rancune gegen verkrustete Eliten, Großkapital und „leistungslosen“ Reichtum) hätte man von Bones lernen können. Tatsächlich legt die Serie früh, allerdings völlig unkritisch, den Finger auf diesen heute so wichtigen Querfront-Moment. Und zwischen Staffel 8 und 9 bekommt der Elitenhass reales Gewicht, als Booth tatsächlich Opfer einer bis zu J. Edgar Hoover zurückreichenden Verschwörung bürgerlicher Antidemokraten und des „tiefen Staates“ wird. In Staffel 10 kommt dann noch ein neuer Agent hinzu, von dem Booth sagt: „He hates the 1 % even more then I do.“ Aber – ich sprach bereits vom Fehlen eines konsistenten Weltbildes oder auch nur einer entsprechenden Charakterentwicklung: Nun ist es wiederum Brennan, die das System verteidigt.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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  • Alexander Matthey

    Serie nicht gesehen – Artikel aber stark (y)

    • sh

      Danke. Würde sie jetzt auch nicht zwingend empfehlen. Das bleibt hinter Sopranos zB doch weit zurück, halt ne ganz klassische Serie. Aber eben ungemein erfolgreich grad abseits des meinungsmachenden Zuschauer/Kritikerspektrums.

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