„Reis“ – Hagiographie des Sultans

Der türkische Regisseur Hüdaverdi Yavuz hat das Leben Erdoğans verfilmt. Die Heiligenverehrung mit dem programmatischen Titel „Reis“ (Kopf, Chef, Anführer) läuft seit 4. März, gerade rechtzeitig vor dem anstehenden Verfassungsreferendum in der Türkei, auch in deutschsprachigen Kinos. Kolumnist Heiko Heinisch hat den Film gesehen.

H.E. Recep Tayyip Erdogan, Prime Minister of Turkey, United Nations Alliance of Civilizations (UNAOC) Rio Forum - von UNAOC - unter CC-BY-ND-NC-2.0

Zu zweit unter Türken, das war der Eindruck, der sich einem Freund und mir beim Besuch des türkischen Films Reis in einem großen Wiener Kinocenter aufdrängte. 20 Minuten vor Filmstart war die Vorführung nahezu ausverkauft. Wir konnten gerade noch zwei Randplätze in der zweiten Reihe ergattern. Österreichisch-türkische Familien, aber auch größere Gruppen Jugendlicher, die Mehrzahl der Zuschauerinnen mit Kopftuch, füllten den Saal schließlich bis auf den letzten Platz.

Symbolische Ereignisse

Der Film beginnt im Jahr 1961, genauer gesagt am 17. September 1961, in einer kleinen Teestube im Istanbuler Stadtteil Kasımpaşa, dem alten Hafenviertel nördlich des Goldenen Horns, einem der ärmsten Viertel Istanbuls. Es ist der Tag, an dem der erste frei gewählte und gleichzeitig erste islamistische Premierminister der Türkei, Adnan Menderes (1950-1960) auf der Gefängnisinsel İmralı hingerichtet wird. Das Militär hatte im Mai 1960 die Macht übernommen, um unter anderem zu verhindern, dass Menderes die unter Mustafa Kemal Atatürk eingeführte Trennung von Religion und Staat abschafft und die Türkei in einen islamischen Staat umwandelt. Menderes hatte sein Programm folgendermaßen zusammengefasst:

Wir haben unsere bis jetzt unterdrückte Religion von der Unterdrückung befreit. Ohne das Geschrei der besessenen Reformisten zu beachten, haben wir den Gebetsruf wieder auf das Arabische umgestellt, den Religionsunterricht an den Schulen eingeführt und im Radio die Rezitation des Koran zugelassen. Der türkische Staat ist muslimisch und wird muslimisch bleiben. Alles, was der Islam fordert, wird von der Regierung eingehalten werden.

Nach der Machtübernahme des Militärs war Menderes und hunderten weiteren Funktionären seiner Partei der Prozess gemacht worden. Unter anderem wurde er wegen seiner Rolle beim staatlich organisierten antigriechischen Pogrom in Istanbul im Jahr 1955 angeklagt, mit dem das christliche Leben in der Stadt mehr oder minder erloschen war. Davon erfahren die Zuschauer und Zuschauerinnen im Kino allerdings nichts. Als die Nachricht von der Hinrichtung via Radio die kleine Gesellschaft in der Teestube erreicht, zu der auch Tayyip Erdoğans Vater, von allen nur „Kapitän“ genannt, gehört, wird deutlich, dass mit Menderes einer der ihren ermordet wurde, einer, der sich für die Sache des Islam stark gemacht hatte.

Nach dieser programmatischen Einstimmung, dem ersten Trauma der Islamisten in der jüngeren türkischen Geschichte, bewegt sich der weitere Film auf zwei zeitlichen Ebenen, zwischen denen er immer wieder hin und her springt: Erstens Mitte der 1960er Jahre. Recep Tayyip Erdoğan hat die Grundschule abgeschlossen und wartet auf die Genehmigung zur Weiterbildung an einer Imam-Hatip-Schule, wo er ein Fachabitur für Imame absolvieren will. Zweitens das Jahr 1994 in den letzten Monaten vor Erdoğans Wahl zum Bürgermeister von Istanbul.

Der immer nur Gute

Die Grundaussage des Films: Erdoğan hat sich seit seiner Kindheit nicht geändert. Er war immer schon gut, ausschließlich gut, immer geachtet und zum Führer erkoren. Schon seine Freunde in Kasımpaşa nennen ihn Reis, Anführer, denn schon damals steckte in dem Jungen im armen Hafenviertel ein Führer. Ein Führer, der die Mission Adnan Menderes zu Ende bringen und der Religion und den Gläubigen wieder zu ihrem Recht verhelfen wird. Den Gehilfen des Teestubenbesitzers lehrt er das Beten, das Geld, dass ihm sein Vater zur Belohnung für die Aufnahme in die Predigerschule gibt, damit er sich ein rotes Fahrrad kaufen kann, schenkt er der Mutter eines Jungen, damit dieser weiter zur Schule gehen kann. Obwohl genau dieser Junge ihm mehrmals übel mitgespielt hatte, vergibt und hilft er ihm. Eine Eigenschaft, die dem erwachsenen Erdoğan – so könnte man meinen – vollständig abhandengekommen ist. Im Film jedoch erkennt der kleine Tayyip das Potential seines Widersachers und dieser wiederum anerkennt daraufhin Tayyips Führerschaft und nennt ihn fortan Reis.

Parallel dazu wird auf der anderen Zeitebene die Geschichte eines Mannes erzählt, der stets für sein Volk da ist, jedes gegebene Versprechen hält und die Korruption der religionsfernen Eliten bekämpft. Nach einem seiner Wahlkampfauftritte überreicht er einem kleinen Jungen seine Visitenkarte mit den Worten, er könne sich jederzeit an ihn wenden. Als der Hund des Jungen eines Tages in einen Brunnen fällt, erinnert er sich daran und ruft voller Verzweiflung an. Erdoğan, gerade von einem anstrengenden Tag zu seiner Familie heimgekehrt, macht sich unverzüglich auf den Weg (obwohl seine Tochter ihn bittet, zu bleiben), organisiert einen Hilfstrupp mit Seilwinde und rettet den Hund.

Später, als frisch gewählter Bürgermeister, widmet er sich dem Kampf gegen Korruption und wirft einen Bauunternehmer, der ihn zu bestechen sucht, mit Schimpf und Schande hinaus. Auch Drohungen können ihn nicht beeindrucken. „Wir fürchten den Tod nicht!“, sagt er in dem Bewusstsein, für die richtige Sache, für die Sache Gottes zu kämpfen.

Der Schauspieler Reha Beyoğlu, der Erdoğan darstellt, antwortete bei der Pressevorführung in Istanbul auf die Frage, ob denn gar keine Schwächen des Chefs gezeigt werden: „Er hat keine Schwächen! In seiner Kindheit, der Jugend und jetzt ist Erdoğan dieselbe Person. Ein Feind der Unterdrücker und ein Freund des Volkes.“

Schwarz und Weiß

Der Film endet im Jahr 1999. In einer öffentlichen Rede im ostanatolischen Siirt im Jahr zuvor hatte Erdoğan das mittlerweile berühmte Gedicht Asker Duası (vermutlich von Ziya Gökalp) zitiert:

Die Demokratie ist nur der Zug,
auf den wir aufsteigen,
bis wir am Ziel sind.
Die Moscheen sind unsere Kasernen,
die Minarette unsere Bajonette,
die Kuppeln unsere Helme
und die Gläubigen unsere Soldaten.

Die Analogie zu stalinistischen und nationalistischen Führer-Choreographien ist in dieser Filmszene unübersehbar. Als Erdoğan schließlich vom Staatssicherheitsgericht in Diyarbakır wegen „Missbrauchs der Grundrechte und –freiheiten“ sowie wegen „Aufstachelung zur Feindschaft auf Grund von Klasse, Rasse, Religion, Sekte oder regionaler Unterschiede“ zu einer zehnmonatigen Haftstrafe und lebenslangem Politikverbot verurteilt wird, wiederholt sich die Inszenierung: Tausende Anhängern jubeln ihm zu, als er vor den Toren des Gefängnisses eine flammende Rede hält, bevor er seine Haft antritt.

Alle Figuren des Films sind holzschnittartig angelegt. Wie in alten Western werden die Zuseherinnen und Zuseher nicht eine Sekunde im Zweifel darüber gelassen, wer gut ist und wer böse. Gut sind die Stammgäste und das Personal der Teestube in den Szenen der Kindheit und die meisten der armen Bewohner/innen von Kasımpaşa, denn sie sind bereit, das Wenige, das sie besitzen, für die Sache des Islam zu opfern – auch ihre Freiheit und ihr Leben. Selbst der ständig mit der Pistole herumfuchtelnde Mafiaboss des Viertels, ein cholerischer Ganove, den alle nur mit „Chef“ anreden, stellt sich mit seinen ganz eigenen kriminellen Mitteln in den Dienst der „guten“ Sache, während die Bösen durchwegs dem Alkohol frönen und/oder Drogen konsumieren.

Im Kinosaal um uns herum ist an den Reaktionen des Publikums nicht zu übersehen, dass die Botschaft des Films angekommen ist und für gut befunden wird: Erdoğan, dessen Berufung zur Führung des türkischen Volkes, der Gläubigen, ja der islamischen Umma insgesamt sich schon in Kindheitstagen angekündigt hatte, ist genau der Führer, den das Volk so lange gesucht hat, der neue Sultan, der es nun in eine glorreiche Zukunft führen und das Vorhaben Adnan Menderes, die Türkei wieder zu einem islamischen Staat zu machen, vollenden wird – wenn Ihr ihm am 16. April Eure Stimme gebt.

Der Abspann geht in Jubel und Applaus unter.

Heiko Heinisch

Heiko Heinisch

Nach Abschluss des Geschichtsstudiums arbeitete Heiko Heinisch u.a. am Ludwig-Boltzmann-Institut für historische Sozialwissenschaft. Nach längerer freiberuflicher Tätigkeit arbeitet er seit Mai 2016 als Projektleiter am Institut für Islamische Studien der Universität Wien. Nach längerer Beschäftigung mit den Themen Antisemitismus und nationalsozialistische Judenverfolgung wuchs sein Interesse an der Ideengeschichte, mit Schwerpunkt auf der Geschichte der Ideen von individueller Freiheit, Menschenrechten und Demokratie.
Er hält Vorträge und veröffentlichte Bücher zu christlicher Judenfeindschaft, nationalsozialistischer Außenpolitik und Judenvernichtung und widmet sich seit einigen Jahren den Problemen, vor die Europa durch die Einwanderung konservativer Bevölkerungsschichten aus mehrheitlich islamischen Ländern gestellt wird. Daraus entstand das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Europa, Menschenrechte und Islam – ein Kulturkampf?“ im Wiener Passagen Verlag (2012). Er ist Mitglied des Expert_Forum Deradikalisierung, Prävention & Demokratiekultur der Stadt Wien.
Im Dezember 2016 erschien das gemeinsam mit Nina Scholz verfasste Buch „Charlie versus Mohammed. Plädoyer für die Meinungsfreiheit“ im Passagen Verlag.

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