Propaganda statt Medienkritik. Die unmögliche Polisphere-Karte

Die Vorstellung, dass man auf Basis sorgsam recherchierter Fakten zu weit von der Mitte abweichenden Schlüssen kommen kann ist bei Polisphere überhaupt nicht vorgesehen. Das ist Propaganda der Mitte, mit Medienkritik hat es nichts zu tun, sagt Sören Heim. Und was ist das eigentlich für ein Gesellschaftsbild, in dem Abweichung mit Unwahrheit korrelieren soll, Unterkomplexität allerdings nicht?

LA Times von Daniel R. Blume unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Eigentlich wollte ich die von Polisphere zusammenfantasierte Infografik zur Presselandschaft wie andere kindische Publicity-Stunts an mir vorüber ziehen lassen. Doch dann hat mit der GWUP zuerst eine Organisation das Teil kritiklos verbreitet, die sich gerne als „Skeptisch“ geriert, wobei man allerdings mit der Urteilsenthaltsamkeit des klassischen Skeptizismus nichts zu tun hat. Stattdessen werden immer wieder die gleichen Wahrheiten gegen Homöopathie, Parawissenschaft usw. heruntergebetet. Dabei liegt man selten falsch: Solange der Holzhammer des Rationalismus sich entsprechende Leichtgewichte als Gegner sucht trifft er relativ sicher, auch wenn er sich seinen Nagel kaum noch genauer anschaut. Aber gegenüber dieser Desinformationskarte wäre vielleicht einmal ein wenig echte Skepsis angebracht gewesen. Warum erklärten bereits aus lobbyismuskritischer Sicht die Salonkolumnisten und die Ruhrbarone.

Besser einfach mal den Mund zu halten

Nun hat denn auch noch Polisphere selbst nach heftiger Kritik die eigene Grafik zurückgezogen und überarbeitet. Dabei wanderte die antideutsche Linke Wochenzeitung Jungle World von relativ weit links unten nach unglaublich weit links oben. Keine Kleinigkeit: Von Polisphere wurde die Zeitung, deren Mitherausgeber unter anderem der in der Türkei festgesetzte Deniz Yücel ist und deren Stammautorenschaft größtenteils regelmäßig auch für Organe wie Welt, Zeit, TaZ und die Bundeszentrale für politische Bildung schreibt,, über Nacht zum zweit-“komplexesten“ Organ auf dem deutschen Medienmarkt, direkt nach dem Cicero (hat Polisphere den eigentlich seit Ende 2015 nochmal gelesen?). Es soll sich dabei dennoch bei der Jungle weiterhin mehr oder minder um „Fake News“ handeln. Hier soll nur kurz bei der Absurdität verweilt werden, dass einem „Think Tank“ überhaupt der gedankenlose Schnitzer passieren konnte, ein antideutsches (d.h. sich in der Tradition der kritischen Theorie verortendes, israelsolidarisches, dem Islam kritisch gegenüberstehendes) Medium eng mit dem derzeitigen Zentralorgan des linken Antiimperialismus, den Nachdenkseiten, zu gruppieren, oder den „Kotzkübel der Deutschen Linken“, Indymedia, in etwa dort einzuordnen, wo eines der ganz wenigen Medien verortet wird, die in allen Artikeln ausführlich Quellen angeben und idiotische Formulierungen wie „Studien haben ergeben/Wissenschaftler haben herausgefunden“ und ähnliches tatsächlich zugunsten der echten Verweise auf die entsprechenden Studien unterlassen. Was die reine Transparenz der Recherche angeht, könnte der etablierte Mainstream dort einiges lernen. Gut, Polisphere hat den Fauxpas ja immerhin eingestanden. Ich hätte allerdings gerne deren Selbstbewusstsein, das mir erlaubt ohne jegliche Scham die korrigierte Version gleich wieder zu präsentieren, als seien nun alle Probleme beseitigt. Besser wäre es vielleicht ein paar Wochen mal einfach den Mund zu halten.

Denn das Problem waren von Anfang an nicht falsche Einordnungen. Das Problem ist die Vorstellung, eine solche Grafik wäre in irgendeiner Weise erkenntnisfördernd und nicht selbst vor allem hochideologische Propaganda. Das fängt mit der Idee einer Presselandschaftskarte an, die statt der Auseinandersetzung am konkreten Gegenstand reines Labeling betreibt und setzt sich fort in der untauglichen Konzeption der x-Achsen, die ohne Wertung nicht auskommen obwohl sie es müssten: Eine radikale linke oder rechte Zeitschrift mit hohem Recherche&Reflexionsniveau etwa ist nach Polisphere geradezu denkunmöglich. Die Wahrheit (TM) ist in der Mitte festgeschrieben, Links- und Rechtsabweichungen konvergieren von Anfang an notwendig auch auf höchstem Niveau mit stärkerem Ausschlag auch immer stärker mit dem Label „Fake“. – Und was ist das eigentlich für ein Gesellschaftsbild, in dem Abweichung mit Unwahrheit korrelieren soll, Unterkomplexität (siehe zB die Bild, deren lange Liste von „Fehlern“ bekannt sein sollte) allerdings nicht?

Propaganda der Mitte

Die Vorstellung, dass man auf Basis sorgsam recherchierter Fakten zu weit von der Mitte abweichenden Schlüssen kommen kann, ist bei Polisphere überhaupt nicht vorgesehen. Das ist Propaganda der Mitte, mit Medienkritik hat es nichts zu tun.

Wer sich kritisch mit der Presselandschaft auseinandersetzen will, wird nicht drum herum kommen, das immer wieder aufs Neue an einzelnen Veröffentlichungen durchzuackern. Polisphere hätte da allein diese Woche einiges leisten können. So hat sich, wie Uebermedien aufdeckt, das ZDF gerade zum zweiten Mal einen fragwürdigen russischen Geheimdienstspitzel unterschieben lassen. Und die hochseriöse ZEIT Online machte sich ungefiltert zum Sprachrohr der haltlosen Schmutzkampagne des Helmut Kohl Sohns Walter gegen Angela Merkel, ohne dass im Artikel auch nur ansatzweise die mehr als notwendige Distanzierung von dem spätpubertären Unsinn ausgedrückt würde (eigentlich sollte man die Rants trotziger Kids in der Qualitätspresse sowieso totschweigen). Aber sowas wäre Arbeit. Und dann lesen es am Ende auch nur ein paar 100 Leute. Dann doch lieber so eine bunte Grafik ohne jeglichen Mehrwert.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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