Besonnenheit ist unsere schärfste Waffe!

Gastkolumnist Dr. Bertold Höcker ist Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises Berlin Stadtmitte. Er schreibt über den christlichen Umgang mit Terror.

Breitscheid Platz, Berlin - Bild: Emilio Esbardo unter CC-BY-4.0, zugeschnitten

Der Anschlag am 19. Dezember 2016 auf dem Breitscheidplatz vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche in Berlin zeigt, dass der Terror auch in Deutschland angekommen ist. Auf symbolträchtigem Platz mit einer Kirche, die durch ihren Bau versinnbildlicht, was Gewalt anrichten kann, sind zwölf Mitmenschen ermordet und zahlreiche verletzt worden.

Besonnenheit schützt vor Spaltung

Als Christen und Christinnen ist bei solchen Anschlägen Besonnenheit unsere schärfste Waffe gegen die Angst. Besonnenheit schützt uns vor den gesellschaftlichen Spaltungs- und Radikalisierungstendenzen, die die Gewalttäter schüren wollen. Was besonnenes Denken und Handeln angeht, sind uns dazu die biblischen Gestalten, voran Jesus Christus, Vorbild. Er hat zum Gewaltverzicht aufgerufen, etwa bei seiner Gefangennahme. Als Petrus einem Knecht mit dem Schwert das Ohr abschlägt, um die Festnahme zu verhindern, herrscht ihn Jesus an: „Stecke dein Schwert in die Scheide, denn wer das Schwert nimmt, wird durch das Schwert umkommen“( Matthäus 26, 52). Auch als eine Ehebrecherin gesteinigt werden soll, spricht Christus den Satz: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein auf sie.“ (Johannes 8, 7.) Allerdings ist auch überliefert, dass er Gewalt ausgeübt hat, in dem er zum Beispiel die Händler aus dem Vorhof des Tempels vertrieben hat und ihre Tische umstieß (Matthäus 21, 12). In der Gesamtheit der Überlieferung von Jesus Christus im Neuen Testament wird klar, dass Gewalt kein Mittel der Durchsetzung von eigener Überzeugung sein kann. Das kann nur der wechselseitige Respekt davor, Teil der Schöpfung Gottes zu sein. Dieser Gedanke ist Basis für die Gleichheit und Unversehrtheit aller Menschen.

Dennoch sind wir allezeit von Gewalt umgeben. Auch in der Bibel wird von Terror berichtet: In Städten, die erobert werden, soll nichts, was atmet, am Leben bleiben (5. Mose 20, 16); Mord an allen Kindern in Bethlehem und der gesamten Gegend durch Befehl des Königs Herodes (Matthäus 2, 16).
Die Besonderheit des Terroranschlages in Berlin liegt ja nicht in der Gewalt, sondern dass diese zu uns gekommen ist. Täglich ist zu hören, wie viele Menschen bei Anschlägen ums Leben kommen oder verletzt werden. In fast jeder Nachrichtensendung wird von vielfachen Morden durch Bombenanschläge etc. berichtet. Aber die Orte schienen weit entfernt. Nun ist es auch bei uns. Es war ohnehin nur eine Frage der Zeit, wann es passierte.

Drei mögliche Reaktionen

Auf die nun mehr spürbare Bedrohung gibt es drei Grundmöglichkeiten zu reagieren:

Die erste Möglichkeit ist, dass ich versuche, alles zu ignorieren. Es hat ja nicht mich getroffen. Die Nachbarstadt oder das Nachbarviertel ist nicht mein Viertel, es ist entfernt. Bei mir wird schon nicht passieren. Diese Argumentation beruhigt die Angst aber nur scheinbar: Sie frisst sich unter der Oberfläche weiter und meldet sich dann in Formen von Fremdenfeindlichkeit und rückwärtsgewandten Einheitsvorstellungen von Gesellschaft. So wird versucht, ein als ursprünglich heil gedachtes Leben von unerwünschten Personen abzuschotten. Dass damit Unschuldigen unterstellt wird, sie wollten Terroranschläge verüben, ist nur eine Folge dieses Denkens, das sich christlich auf jeden Fall verbietet.

Die zweite Möglichkeit ist, nach den Regeln menschlicher Einsicht vorzusorgen, ohne mein Leben zu verändern. Dann versuche ich, ohne unterstellten Verdacht die Arbeit der Sicherheitsorgane zu unterstützen und bin auch sonst wachsam gegenüber den Erscheinungsformen im öffentlichen Raum, die auf einen Anschlag verweisen könnten – etwa wenn ich an einem öffentlichen Ort ein alleine aufgestelltes Gepäckstück sehe. Allerdings ist das Kriterium der Grenze meiner Aktivitäten dazu, ob ich mich im Alltag davon einschränken lasse. Sobald ich das merke, muss ich gegensteuern. Sonst hätten Terroristen schon bei mir gesiegt und eine Verhaltensänderung erzwungen, die ohne den Anschlag nicht stattgefunden hätte. Dieses ist ein ganz wichtiges Kriterium im Verhalten gegenüber Terroristen. Sowie ich damit beginne mein Verhalten auf sie abzustimmen, haben sie gewonnen. Man darf sich aber niemals von Terroristen ein Verhalten aufzwingen lassen. Auch wenn sie nie von einem Anschlag betroffen sein werden, können sie dennoch zu seinem Opfer gehören, wenn sie ihr Verhalten ändern. Das Verhalten aufgrund von Anschlägen nicht zu ändern, ist eine klare Form von Widerstand gegen Terror.

Die dritte Möglichkeit ist, zu versuchen ein Optimum an vermeintlicher Sicherheit herzustellen. Der Weg dahin führt nur über das Einschränken von Freiheiten, über Auskundschaften und Überwachen von Menschen und Material mit allen Regeln moderner Technik. Der Preis dafür ist hoch, denn er besteht in der Reduzierung von Freiheiten, die fast alle schwer erkämpft worden sind. Darüber hinaus erzeugt dieser Weg in der Gesellschaft ein Gefühl der Ohnmacht: Er liefert uns einem Überwachungsapparat aus, dessen Kontrolle schwierig ist und eine Eigendynamik entfaltet, die weitere Einschränkungen von Freiheit zu Gunsten von Sicherheit fordert.

Friede beginnt gewaltfrei

Als Christinnen und Christen verkünden wir den Gottessohn Jesus Christus, der in eine Welt voller Gewalt und Angst hineingeboren wurde. Im Römischen Reich herrschte das Recht des Stärkeren, und brutale Gewalt war an der Tagesordnung. Gegen alle Angst vor dieser Gewalt machen wir uns die Botschaft des Friedefürsten Jesus Christus zu eigen: Du bist ein geliebter Mensch. Und da alle Menschen von mir geliebt sind und werden, soll Friede unter euch sein. Wenn alle gleich geliebt sind von dem einen Herrn der Welt, kann es keinen Grund geben, Menschen Rechte abzusprechen oder sie zu verletzen.

Der Friede auf Erden beginnt gewaltfrei in unseren Herzen und Köpfen. Dabei ist hervorzuheben, dass im Christentum die Unterscheidung von Person und dem, was sie tut, kategorial ist. Sie gehört unverlierbar zum christlichen Glauben. Dieses gilt daher auch für die Mörder, die anderen Menschen das Leben rauben. Die Taten dieser Mordenden können wir verurteilen und bestrafen, aber niemals die Menschen vernichten. Das ist Gottes Sache und daher kann es auch christlich keine Todesstrafe geben, weil damit ein Mensch vernichtet und nicht nur seine Tat bestraft würde.

Mit diesen Grundlagen unseres Zusammenlebens müssen wir uns gegen Versuche wehren, andere Menschenbilder von der Ungleichheit oder Verworfenheit bestimmter Gruppen von Menschen in unserer Gesellschaft zu etablieren. Terror fragt auch immer unser Bild vom Menschen an, das im öffentlichen Leben gelten soll. Hier auf den grundlegenden Deutungen von Menschsein, die unser Zusammenleben prägen, zu bestehen, gehört zu den Widerstandsleistungen, die wir angesichts von Terror fordern müssen. Unser Grundgesetz beruht auf dem christlichen Menschenbild. Solange wir die davon abgeleiteten Werte verteidigen, kann uns kein Terrorist etwas anhaben. Widerstand gegen Terror in Form von Besonnenheit, keine Verhaltensänderung in unserem Leben aufgrund von Anschlägen, abgewogene Sicherheitsvorsorge und Bestehen auf dem Menschenbild des Grundgesetzes sind die angemessenen Formen zivilgesellschaftlichen Umgangs mit Terroranschlägen. Die Angst davor gehört zum Leben, aber man kann mit ihr anders umgehen, befolgt man die hier dargelegten Grundsätze. Auch Christus gibt in den Abschiedsreden an seine Jünger diesen folgendes mit: „In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden“ (Johannes 16, 33)

 

  • derblondehans

    … werter Dottore B.H., der islamische Terror in Deutschland ist nicht angekommen, er ist von (krankhafter) Verantwortungslosigkeit ins Land geholt worden. Würde Jesus so etwas tun?

    ‚Wenn der Hirte die Wölfe zur Herde rechnet, sind die Schafe verloren.‘ Oder?

  • The Saint

    Unerträgliches Geschwafel. Sobald man irgend etwas unternimmt, haben die Terroristen also schon gewonnen, soso. Und besonnen wäre es gewesen, nicht die Grenzen aufzumachen und auf Kontrollen zu verzichten.

    • Klausi

      Und auch noch komplett gaga und geschichtsvergessen: „Im Römischen Reich herrschte das Recht des Stärkeren, und brutale Gewalt war an der Tagesordnung.“ Das mit der brutalen Gewalt mag man noch durchgehen lassen, schließlich haben sie den Herrn Jesus ans Kreuz genagelt, aber das „Recht des Stärkeren“? Ohne das römische Reich gäbe es kein BGB und kein internationales Privatrecht. Entweder der Herr Superintendent weiß es nicht besser, dann sollte er keine Artikel schreiben, oder er will die Leser für dumm verkaufen.

      • The Saint

        Außerdem: ohne das Römische Reich gäbe es die Kirche des feinen Herrn überhaupt nicht.

        • derblondehans

          … die Lutheraner sind nicht Kirche, s.h., Ratzinger. Sie nennen sich selber ‚Evangelische‘, weil sie vorgeben, sie hätten ihre Lehren aus dem Evangelium ‚geschöpft‘. Sie bilden keine gemeinsame Kirche, sie sind in mehr als 250 Sekten gespalten und haben ihren Glauben von Anbeginn ständig geändert. Ein gelehrter Protestant, Klaus Harms – ‚ man könne diese Lehren alle zusammen auf einen Fingernagel schreiben.‘ – ‚protestantische Leeren‘ also. Nun ja.

  • Galgenstein

    Die Sache mit den Händlern im Tempel stellt sich bei genauerer Betrachtung doch etwas anders dar. Die Juden mussten ihre Opfer im Tempel darbringen. Dies konnten sie entweder durch Geld- oder durch Sachspenden erledigen. Das eröffnete den Wechslern (es durften nur jüdische Münzen geopfert werden. Wer die nicht hatte musste sie bei den Händlern erst tauschen lassen) und Händlern ein einträgliches Auskommen. Für die Händler und Wechsler stand nicht mehr der Gottesdienst, sondern das eigene Geschäft im Vordergrund. Gott war nur noch Mittel zum Zweck. Da sich Jesus nicht sonderlich beliebt mit seinem Zorn auf die Händler machte, führte wohl mit zu seiner Kreuzigung. Er hatte ihn das Geschäft verdorben.

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