Foodwatch und die Wahrheit

Sind die Kritiker des Ernährungsvereins Lügner? Ganz im Gegenteil, meint Thilo Spahl.


Der Essensretterverein Foodwatch fühlt sich als Opfer. Als Opfer verleumderischer Kräfte, die unsaubere Methoden unterstellen. Na ja, wen sollte das wundern. Die Guten kommen ja immer unter die Räder in dieser rücksichtslosen Welt der Konzerne, die unsere Kinder vergiften. Da hilft nur kräftig spenden. Deshalb berichtet Foodwatch von den empörenden Machenschaften seiner Kritiker auch in einem Brief an die Gemeinde („Newsletter“), der mit den Worten des verbal mit den Tränen ringenden und doch Trost und Hoffnung findenden Geschäftsführers endet:

Ich will Ihnen nicht verheimlichen, manches Mal sind diese Angriffe nicht so leicht wegzustecken. Was mir immer dabei hilft: Ich weiß, viele, viele stehen hinter uns, verurteilen diese Lügen. Ich bitte Sie: Helfen Sie uns, dass wir noch mehr und stärker werden. Denn je mehr wir sind, desto höher ist unsere Schlagkraft. Zurzeit haben wir etwa 36.000 foodwatch-Förderinnen und -Förderer. Helfen Sie uns, und werden Sie Förderer/Förderin von foodwatch, damit wir noch stärker werden und uns mit Ihnen zusammen wehren können.

Foodwatch bezieht sich unter anderem auf die am 9. Januar in der Welt veröffentlichten 12 Thesen für den mündigen Verbraucher, die ich mit zu verantworten habe und in denen die Organisation kurz in Zusammenhang mit „unwahren Behauptungen“ erwähnt wird. Ich muss also auch zu den Peinigern des Vereins zählen, zu deren Abwehr fleißig Gelder akquiriert werden, und stehe in der Pflicht, die Kritik zu begründen, was ich in diesem und weiteren Artikeln gerne tun will.

Um welche Lügen geht es?

Foodwatch hat unter drei vermeintlichen Lügen zu leiden:

Lüge Nummer eins: foodwatch täuscht die Verbraucherinnen und Verbraucher und führt Medien in die Irre!

Lüge Nummer zwei: foodwatch lügt!

Und, als Gipfel der Unverfrorenheit:

Lüge Nummer drei: foodwatch bevormundet die Verbraucherinnen und Verbraucher – die Industrie dagegen kämpft für deren Freiheit!

Ich will in diesem Kommentar nicht auf alle drei eingehen, später kommt mehr. Heute erstmal zu Nummer 3, also der Frage der Bevormundung. Dass davon keine Rede sein könne, macht Foodwatch an der sogenannten Lebensmittelampel fest, der von dem Verein seit Langem geforderten Kennzeichnung von Lebensmitteln entsprechend Ihres Gehalts an Fett, Zucker und Salz in den Farben rot, gelb und grün für viel, mittel und wenig.

Die Lebensmittelampel wird von Foodwatch als eine Maßnahme dargestellt, die für Transparenz sorgen soll. Der Verbraucher soll deutlich und auf den ersten Blick sehen, was in dem Produkt drin ist. Warum ist das bevormundend?

Erstens weil eine Ampel über Information hinausgeht. Die zugrundeliegende Information mit den genauen Angaben zu den Inhaltsstoffen befindet sich ja bereits auf den Etiketten. Die Ampel geht weiter. Sie interpretiert die Information für den Verbraucher und übersetzt sie in einen Warnhinweis (rot), respektive eine Empfehlung (grün). Auf jedem Produkt soll also eine Produktbewertung nach den von einem Verein von selbsternannten Essensrettern geforderten Kriterien angebracht werden. Auf jedem Produkt soll plakativ signalisiert werden, ob Foodwatch (und andere) es für gut oder schlecht hält. Das ist schlimm genug und für meinen Geschmack durchaus bevormundend.

Es ist aber noch nicht alles. Die eigentliche Bevormundung  liegt im eigentlichen Ziel der Aktion. Es geht nicht in erster Linie um Transparenz. Es geht auch nicht nur darum, das Verhalten der Verbraucher zu beeinflussen. Letztlich geht es darum, die Wahlmöglichkeiten einzuschränken. Die Hersteller sollen dazu gebracht werden, die Warnhinweise von ihren Produkten runter zu bekommen. Da Rot dazu dient, Käufer abzuschrecken, ist jeder Anbieter aus ökonomischen Gründen unter Druck, möglichst wenig Rot im Sortiment zu haben. Letztlich zielt die Ampelpflicht darauf, das ganze Lebensmittelangebot zu verändern. Die Regale sollen möglichst nur noch mit low fat, low sugar und low salt Produkten gefüllt werden. Die bisher kleine Diät- und Schonkostabteilung soll möglichst den ganzen Supermarkt ausmachen.

Ein Trost: Die Rechnung würde nicht aufgehen. Viele Verbraucher sind zwar verunsichert, die meisten essen aber trotzdem immer noch gerne, was ihnen schmeckt. An die roten Ampeln würden sie sich wohl gewöhnen. Am härtesten würden dagegen auf „gesunde“ Ernährung fixierte Foodwatch Fans getroffen, die einerseits sozusagen grüne Belohnungspunkt sammeln könnten, andererseits jedoch immer wieder kleine Stiche durch rote Bestrafungspunkte einstecken müssten, wenn sie in einem schwachen Moment ungesunden Gelüsten nachgeben. Ich dagegen würde in der Universitätsmensa (wo ja schon lange alles bunt markiert ist, damit sich die zukünftige Elite ja auch richtig ernährt) auch weiterhin zielsicher an die Theke mit dem leckeren rot gelabelten Essen steuern.

Stellen wir uns einmal vor, die Sache wäre so einfach. Die Welt der Lebensmittel ließe sich in Gut und Böse einteilen (was nicht der Fall ist, denn jeder Einzelne von uns kann sich zwar mehr oder weniger gesundheitsförderlich ernähren, es kommt dabei aber ausschließlich auf die Mischung aller Zutaten und zudem auf die individuellen genetischen Voraussetzungen und den gesamten Lebensstil an.) Was würde dann passieren, nachdem die Essenswächter alle „ungesunden“ Lebensmittel in den illegalen Untergrundhandel verbannt hätten?

Der Erfolg stellt sich ein. Alle ernähren sich zucker-, fett- und salzarm, die Volksgesundheit erklimmt immer neue Höhen. Dann ist es Zeit, weiter zu machen. Nicht nur die Lebensmittelindustrie stellt ja Dinge her, die nach Ansicht Berufener zum Wohl des Bürgers in höherem oder aber geringerem Maße beitragen. All die vielen anderen Produkte  sollte man doch mit gleichem Recht und gleicher Deutlichkeit ampelmäßig kennzeichnen, oder nicht? Sie alle enthalten ja alle möglichen Stoffe und haben vielerlei Eigenschaften, die besser oder schlechter sein können. Autos, Stromtarife, Kaffeekannen, Schwimmflügel, Kissenbezüge, Sonnenbrillen, Wurstumverpackungen. Und vor allem die Produkte der Unterhaltungsindustrie: Bücher, Filme, Spiele. Die enthalten ganz gefährliches Zeug: Ideen, Meinungen, falsche Vorbilder. Und die Erzeugnisse der Medien: Artikel, Reportagen, Kommentare, News. Für die brauchen wir doch auch Klarheit hinsichtlich der Schädlichkeit der Ideen und der Wahrheit der Behauptungen. Nicht ausnehmen wollen wir die Kampagnen der Kampagnen-NGOs: gegen Gentechnik, für Tiere, gegen TTIP, gegen Merkel. Wie wirken die sich eigentlich auf das allgemeine psychische und physische Wohlbefinden aus? Viel Arbeit für Berufene. Aber es kann geschafft werden: Alles bekommt grüne, gelbe und rote Punkte. Endlich herrscht Transparenz und der Bürger ist voll umfassend informiert und von jeder Notwendigkeit entbunden, sich selbst eine Meinung oder ein Urteil zu bilden. Wer wollte es wagen, ihn deshalb als entmündigt zu bezeichnen?

Wie steht es um die Fakten?

Aber zurück in die gute, alte Gegenwart. Schauen wir uns den Beweis an, warum Ampelbewertung  für Foodwatch keine Bevormundung ist. Er besteht in der Interpretation einer kleinen Meinungsumfrage, die der Verein von TNS Emnid durchführen lassen hat.  Da wurden 1002 Menschen im Januar 2016 eine Reihe von sogenannten „Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung“ vorgelegt. Sie sollten jeweils ankreuzen, ob sie sie für (1) sehr geeignet, (2) geeignet, (3) weniger geeignet, (4) gar nicht geeignet halten. Eine der Maßnahmen war so formuliert: „Angabe der Anteile von Fett, Zucker und Salz in Lebensmitteln durch Ampelfarben auf der Produktvorderseite: rot steht für ’viel’, gelb für ’mittel’ und grün für ’wenig‘“. Ergebnis: 78% kreuzten entweder (1) oder (2) an. Daraus leitet Foodwatch ab: „80 Prozent der Verbraucherinnen und Verbraucher wollen die Lebensmittelampel.“

Über das Runden des Ergebnisses wollen wir einmal hinwegsehen und es nicht als Unwahrheit bezeichnen. Gelogen ist aber definitiv die behauptete Identität von Satz 1 „Ich halte xy für geeignet.“ und Satz 2 „Ich will xy.“ Ich zum Beispiel halte einen Polizist vor jedem Haus für geeignet, Einbrüche zu verhindern. Ich halte den Ausschank von Hochprozentigem am Arbeitsplatz für geeignet, um die Stimmung zu heben. Ich halte Süßigkeiten für geeignet, um quengelnde Kinder ruhig zu stellen. Ich halte das Verbot von Flugreisen für geeignet, um den Ausstoß an Klimagasen zu verringern. Ich halte das Hühnerhalten für geeignet, um immer frische Eier zu haben. Aber ich befürworte oder fordere nichts von alledem. Und schon gar nicht als gesetzliche Vorgabe.

Zweites Problem. Warum kreuzen Leute an, etwas für geeignet zu halten? Vielleicht, weil sie es gut finden. Vielleicht, weil sie  es in einem technischen Sinn für geeignet halten. Vielleicht, weil sie glauben, damit leben zu können. Vielleicht, weil sie sich denken: „Klingt jetzt nicht unbedingt falsch, kreuz ich halt mal an.“

Drittes Problem: Wenn drüber steht, es handele sich um „Maßnahmen zur Förderung gesunder Ernährung“, dann glaubt der Befragte, der sich noch nicht eingehend mit der Thematik beschäftigt hat, es handele sich tatsächlich und erwiesenermaßen um eine Maßnahme „zur Förderung gesunder Ernährung“. So ist die Eignung, nach der vorgeblich erst gefragt wird, in der Frage schon impliziert. So ein Trick wirkt sich natürlich auf das Ergebnis aus.

Mit der gleichen Methode begründet Foodwatch auch bei anderen Fragen den Anspruch, Volkes Wille zu vertreten. Zum Beispiel mit den Behauptungen „Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger will zweckgebundene Abgabe auf Zuckergetränk.“ Oder:  „Drei Viertel der Bürger für Werbebeschränkung bei Kinderlebensmitteln.“ Auch die daraus abgeleiteten Forderungen haben natürlich überhaupt nichts mit Bevormundung zu tun, sondern alle nur mit Verteidigung der Bevölkerung  gegen die Supermärkte durch den per Meinungsumfrage mandatierten Notwehrverein Foodwatch.

Soviel also zur vermeintlichen Lüge Nummer drei. Und ein bisschen was, stelle ich gerade fest, war ja auch schon zu den Nummern eins und zwei dabei.

 

Thilo Spahl

Thilo Spahl

Thilo Spahl ist Diplom-Psychologe und lebt in Berlin. Er ist freier Wissenschaftsautor, Mitgründer des Freiblickinstituts und Redakteur bei der Zeitschrift NovoArgumente.

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