Stalins „Krieg gegen das eigene Volk“ – zum 80. Jahrestag des „Großen Terrors“

Der brutale Feldzug Stalins gegen die bolschewistische Machtelite, der während des sogenannten „Großen Terrors“ stattfand, erinnert äußerlich an die Vorgänge in Frankreich zur Zeit des jakobinischen Terrors. Aber auch die Unterschiede sind gewaltig. Dem „Großen Terror“ und seinen Begleitumständen ist diese Kolumne gewidmet.

Gedenktafel mit Fotos von Opfern des Großen Terrors, die auf dem NKWD-Schießplatz in Butowo bei Moskau erschossen wurden. Foto: A Bocharov. Gemeinfrei

Bereits nach zwei Jahren lehnten sich die Vertreter der bedrohten jakobinischen Führung gegen den Tyrannen auf und bereiteten am 9. Thermidor 1794 der Schreckensherrschaft Robespierres ein Ende. In der Sowjetunion hingegen fand eine Art „Thermidor“ – die Abrechnung mit dem Tyrannen – erst postum statt, nämlich auf dem XX. Parteitag der KPdSU im Februar 1956, drei Jahre nach dem Tode Stalins.

Identitätskrise der bolschewistischen Partei

Im Jahre 1937 erreichte der von Stalin begonnene „Große Terror“ seinen Höhepunkt. Der russische Regimekritiker Wladimir Kormer beschrieb nachträglich die Atmosphäre dieses Jahres mit folgenden Worten:

Alles Lebendige wurde zerstört, die Nation verwandelte sich in ein Sklavenheer …Die unbändige, allgegenwärtige Angst lähmte alle … Sie war unerträglich. Man hatte das Gefühl. … die Erde könne dies nicht mehr ertragen.

Der von Kormer beschriebenen Entwicklung ging eine beispiellose Identitätskrise der bolschewistischen Partei voraus. Die Oktoberrevolution, die die Bolschewiki als die größte Revolution in der Geschichte der Menschheit bezeichneten, strebte die weltweite Verwirklichung solcher marxistischen Postulate wie die Bezwingung des „Weltkapitals“, die Abschaffung des Privateigentums und die Aufhebung der Klassengesellschaft an. Nichts dergleichen ist aber den Bolschewiki in den ersten Jahren nach der Oktoberrevolution weder im internationalen noch im nationalen Rahmen gelungen. Die proletarische Weltrevolution erwies sich, vor allem nach dem Scheitern des sogenannten „deutschen Oktobers“ im Jahre 1923 als eine Chimäre und auch in Russland musste die  „proletarische Offensive“ nach dem Misserfolg des während des russischen Bürgerkrieges (1918-1920) entstandenen kriegskommunistischen Systems vorübergehend gestoppt werden. Der freie Markt und private Eigentumsverhältnisse wurden nun zum Entsetzen der überwältigenden Mehrheit der Parteimitglieder, zumindest partiell rehabilitiert.

Die immer größere Kluft zwischen der bolschewistischen Doktrin und der Realität war mit einer immer stärkeren Erosion der Partei als Institution verknüpft, in der ein erbitterter Kampf um die Nachfolge Lenins ausbrach.

Die Erosion von Institutionen führt aber, wie die Erfahrung zeigt, zu einer Aufwertung von Personen, mit denen man jetzt Heilserwartungen unterschiedlichster Art verknüpft.

Dies war also die Ausgangssituation für die 1929 begonnene Stalinsche Doppelrevolution von oben, die die Kollektivierung der Landwirtschaft und Industrialisierung des Landes zum Inhalt hatte.

Die durch utopistische Sehnsüchte inspirierte revolutionäre Offensive der Bolschewiki, die im ersten Anlauf – während des russischen Bürgerkrieges von 1917-1920 – gescheitert war, gelangte nun zum Erfolg. Das Privateigentum – das wichtigste Hassobjekt der orthodoxen Marxisten – ist abgeschafft worden. Alle wirtschaftlichen Ressourcen des Landes wurden nun dem Dirigismus der zentralen Planbehörden unterworfen.

Diese wohl beispiellose totalitäre Umwälzung von oben ließ sich mit der Partei, die Stalin von Lenin erbte, nicht verwirklichen. Nur eine gehorchende und nicht eine diskutierende Partei wie sie in den 1920er Jahren immer noch gewesen war, konnte den verzweifelten Widerstand von 130 Millionen Bauern, die sich gegen deren Enteignung wehrten, brechen.

Der bolschewistische Typ ändere sich, schrieb 1932 der russische Exil-Historiker Georgij Fedotow. Für die Parteiführung sei nun bedingungslose Erfüllung der „Generallinie“ viel wichtiger geworden, als freiwillige Anerkennung der bolschewistischen Ideen. Die Parteidisziplin werde höher eingestuft als der revolutionäre Idealismus.

Und was könnte der von Fedotow angesprochenen Disziplinierung der Partei besser dienen, als die Errichtung eines Führersystems mit einem unfehlbaren Führer an der Spitze?

Der Stalin-Kult

Der Stalin-Kult erhielt eine quasi offizielle Weihe auf dem 17. Parteitag der Bolschewiki im Januar 1934, der den „Aufbau des Sozialismus in einem Lande“, d. h. die Bezwingung der sowjetischen Bauernschaft feierte. An den Lobpreisungen Stalins beteiligten sich jetzt nicht nur Vertreter der Stalin-Fraktion, sondern auch ehemalige Kritiker Stalins aus den Reihen der geschlagenen Parteiopposition. Nikolaj Bucharin, der noch 1929 Stalin als den Totengräber der russischen Revolution bezeichnet hatte, erklärte auf dem 17. Parteitag:

Stalin war vollkommen im Recht als er die vor allem von mir formulierten Thesen der rechten Abweichler zertrümmerte. Dabei hat er glänzend die Prinzipien der marxistisch-leninistischen Dialektik angewandt.

Einer der Führer, der 1927 bezwungenen sogenannten „linken Opposition“, Lew Kamenew, fügte hinzu:

 Die Epoche in der wir leben, wird in die Geschichte, und das steht außer Frage, als die Epoche Stalins eingehen. Jeder von uns ist dazu verpflichtet, mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften die Unantastbarkeit (der Autorität Stalins) zu verteidigen.

Diese unterwürfigen Sätze stammten von dem gleichen Politiker, der noch im Dezember 1925 – auf dem 14. Parteitag der Bolschewiki – Stalins Führungsqualitäten massiv in Frage stellte.

Die Mitglieder der Stalinschen Fraktion versuchten, die „liebesdienerischen“ Erklärungen der ehemaligen Gegner des Generalsekretärs noch zu übertreffen. Nicht alles glänzte jedoch hinter der prächtigen byzantinischen Fassade des Frühstalinismus. Seit dem Beginn der Stalinschen Revolution von oben brodelte es in der Partei, die nach außen Geschlossenheit demonstrierte. Viele Parteifunktionäre waren von der Unmenschlichkeit, mit der das Regime gegen die wehrlosen Bauern vorging, erschüttert. Viele fühlten sich durch den apodiktischen Führungsstils Stalins herausgefordert und strebten nach der Wiederherstellung der innerparteilichen Demokratie, die ihrer Ansicht nach in den zwanziger Jahren in der Partei noch geherrscht hatte. Diese Unzufriedenheit offenbarte sich sogar während des 17. Parteitages, des „Parteitages der Sieger“, der äußerlich einen beispiellosen Triumph Stalins darstellte. Bei den geheimen Wahlen zum Zentralkomitee erhielt Stalin unerwarteterweise viel weniger Stimmen als andere populäre Parteiführer, so vor allem Sergej Kirow. So stellte die Partei zu Beginn der dreißiger Jahre immer noch kein willenloses Werkzeug in den Händen der Führung dar.

Auf dem 17. Kongress gebärdete sich die bolschewistische Partei wie ein allmächtiger Demiurg, der imstande sei, über Nacht einen neuen Menschen zu kreieren. In einer gleichgeschalteten Gesellschaft stellte aber eine derart selbstbewusste Partei einen Fremdkörper dar. Das von ihr zur eigenen Stabilisierung entwickelte Führersystem begann sich gegen sie zu richten. Auf dem 17. Parteitag beklagte sich Stalin über das „falsche Bewusstsein“ mancher Kommunisten. Als Beispiel für den „Wirrwarr“ in den Köpfen vieler Bolschewiki nannte Stalin die These vom spontanen Hineinwachsen der Sowjetunion in eine klassenlose Gesellschaft:

Sie geraten in höchste Verzückung in Erwartung dessen, dass es bald keine Klassen mehr geben werde – also auch keinen Klassenkampf, also auch keine Aufregungen und Sorgen, dass man also die Waffen beiseite legen und sich getrost schlafen legen könne in Erwartung der klassenlosen Gesellschaft.

Zunächst war es nicht ganz klar, mit welchen Mitteln Stalin das „falsche Bewusstsein“ vieler Kommunisten bekämpfen wollte. Erst während des „Großen Terrors“ klärte sich diese Frage allmählich auf – die Überwindung des „falschen Bewusstseins“ wurde im Wesentlichen durch die Beseitigung vieler seiner Träger erzielt.

Welchem Ziel dienten die Moskauer Schauprozesse?

Der Vernichtungsfeldzug, den die Stalin-Riege 1936 gegen ihre wichtigste politische Stütze  ­– die sowjetische Machtelite – in Gang setzte, gehört zu den erstaunlichsten Phänomenen der neueren Geschichte. Sowohl die Motive der Täter als auch das Verhalten der Opfer geben der Forschung viele Rätsel auf, dies um so mehr, als die Grenzen zwischen Opfern und Tätern zur Zeit des „Großen Terrors“ oft fließend waren. Symbolisiert wurde der Große Terror durch die Moskauer Schauprozesse, die – ungeachtet der partiellen Öffnung der russischen Archive – den Forschern immer noch Interpretationsschwierigkeiten bereiten. Zwar gehörten Schauprozesse gegen politische Gegner seit der Entstehung des bolschewistischen Regimes  zu den wichtigsten Wesensmerkmalen der sowjetischen Justiz, so z.B. der Prozess gegen führende Vertreter der Partei der Sozialrevolutionäre (1922) oder gegen sogenannte bürgerliche  Spezialisten. Der am 19. August 1936 begonnene erste Moskauer Schauprozess eröffnete indes ein ganz neues Kapitel in der Geschichte der UdSSR. Hier wurden nämlich einige der engsten Gefährten Lenins und Mitbegründer des sowjetischen Staates beispielloser Verbrechen gegen ihr eigenes Geschöpf bezichtigt.

Aber nicht nur diese gespenstischen Anschuldigungen stellten die eigentliche Sensation des Prozesses dar, sondern auch die Tatsache, dass die Angeklagten die gegen sie gerichteten Vorwürfe im Wesentlichen akzeptierten. Ähnlich wie der Chefankläger waren auch sie der Meinung, dass ihre Verbrechen derart verwerflich seien, dass sie jede erdenkliche Strafe verdient hätten. Ihr Schicksal sollte eine Warnung für andere Kommunisten sein. Sie hätten wissen müssen, dass jeder Zweifel an der Generallinie der Partei, an der Weisheit Stalins, unweigerlich in den Abgrund führe.

Viele Beobachter meinen, Stalin habe sich mit Hilfe des „Großen Terrors“ seiner innerparteilichen Gegner entledigen wollen, die seine Unfehlbarkeit in Frage stellten. In diesem Zusammenhang weisen sie auf die bereits erwähnten Moskauer Schauprozesse hin, die in der Tat in erster Linie gegen ehemalige Kritiker Stalins gerichtet waren. In Wirklichkeit stellte aber die Auseinandersetzung mit den ehemaligen Parteioppositionellen von links und von rechts nur einen Nebenaspekt des „Großen Terrors“ dar. Denn die Stalin-Riege plante damals eine Operation ganz anderer, im Grunde beispielloser Dimension, bei der sie Kopf und Kragen riskierte. Denn das Wesen des „Großen Terrors“ stellte nicht die Beseitigung der Parteioppositionellen, die bereits seit Ende der 1920er Jahre machtpolitisch keine Rolle mehr spielten, sondern die Enthauptung der aktuell herrschenden Machtelite. Die Parteibasis, aber auch die sogenannten „parteilosen Bolschewiki“ – die einfachen Sowjetmenschen – wurden dazu aufgerufen, arrogante Parteifunktionäre zu kritisieren und zu denunzieren. Solche „unerschrockenen kleinen Leute“ – Denunzianten – wurden nun wie Helden verehrt. Es dürfte keine unantastbaren Autoritäten geben, verkündete Stalin auf dem berüchtigten ZK-Plenum vom Februar-März 1937:

 Wir, die Führer sollten nicht dünkelhaft sein und sollten verstehen, dass es, wenn wir Mitglieder des Zentralkomitees oder Volkskommissare sind, noch nicht bedeutet, dass wir alle Kenntnisse besitzen, die erforderlich sind, um die richtige Führung auszuüben. Der Rang an sich gibt weder Kenntnisse noch Erfahrung.

Diese pseudo-demokratische Devise stellte in Wirklichkeit einen Schlachtruf dar. Sie sollte eine blutige Abrechnung Stalins nicht nur mit seinen Gegnern, sondern auch mit seinen engsten Gefährten, den überzeugten Stalinisten einleiten, die die Schlüsselposition im Partei-, Staats-, Militär- und Wirtschaftsapparat innehatten. Es gehörte zum Wesen des stalinistischen Systems, dass sein Urheber nicht nur den Kontrollierten – der unterworfenen Gesellschaft –, sondern auch den Kontrolleuren – dem allmächtigen Partei-und Staatsapparat misstraute. Daher sein Vernichtungsfeldzug gegen große Teile der kommunistischen Elite. Stalin hielt anscheinend sein Regime nur dann für sicher, wenn sich niemand in seinem Machtbereich, seine engsten Gefährten eingeschlossen, sicher fühlte.

Die Enthauptung der herrschenden stalinistischen Elite vollzog sich, anders als die Abrechnung Stalins mit den früheren Parteioppositionellen, im Wesentlichen im Verborgenen, nicht vor den Augen der Weltöffentlichkeit. Welchen Sinn hatten dann die Moskauer Schauprozesse von 1936-1938? Dienten sie bloß der Ablenkung der Aufmerksamkeit der Außenstehenden auf einen Nebenschauplatz des „Großen Terrors“? Wohl kaum. In der auf den ersten Blick absurden stalinistischen Welt erfüllten die Schauprozesse mit ihren gespenstischen Anschuldigungen und nicht weniger gespenstischen Geständnissen der Angeklagten durchaus eine wichtige Funktion. Sie sollten beweisen, dass die engste Umgebung Lenins beinahe ausnahmslos aus Verrätern und Verschwörern bestanden hatte, die nach seinem Leben trachteten, denen sich eine Lichtgestalt entgegenstellte – Stalin, der all diese Feinde, die sich unter freundlicher Maske verbargen, entlarvte und entsprechend bestrafte. Und es gehörte zu einem der zentralen Postulate der stalinistischen Welt, dass man keinem Schein trauen dürfe. Jeder Staatsbürger, auch der prominenteste Funktionär im Partei-, Staats- oder Militärapparat könne in Wirklichkeit ein Feind sein. Die ununterbrochene Wachsamkeit stellte also wohl die wichtigste Tugend des Sowjetbürgers dar. Weh ihm aber, wenn er einen Würdenträger denunzierte, der aus der Sicht der Führung noch nicht in die Kategorie der Feinde eingeordnet wurde. Genauso schlimm, wenn nicht noch schlimmer war die nicht rechtzeitige Denunziation eines Funktionärs, der aus den für die überwiegende Mehrheit der Sowjetbürger unerfindlichen Gründen die Rolle des Feindes spielen musste. Der Begriff „Rolle“ ist in diesem Zusammenhang von außerordentlicher Bedeutung. Die Moskauer Schauprozesse waren bloß Rollenspiele, sie vollzogen sich nach sorgfältig ausgearbeiteten Drehbüchern. So gut wie nichts wurde dem Zufall überlassen. Im Wesentlichen dienten diese Schauspiele nur einem Zweck – der Verherrlichung Stalins. Nicht nur die Ankläger, sondern auch die Angeklagten mussten dazu beitragen. So sagte z.B. der bereits erwähnte Lew Kamenew, im August 1936 in seinem Schlussplädoyer Folgendes:

 Ganz gleich wie mein Urteil ausfallen wird, ich betrachte es im Voraus als gerecht. Blickt nicht zurück, schreitet voran! Gemeinsam mit dem Sowjetvolk folgt Stalin!.

 

Die Moskauer Schauprozesse sandten an die Weltöffentlichkeit folgende Botschaft: Sogar die schlimmsten Gegner des sowjetischen Staates mussten letztendlich zugeben, dass es sich bei Stalin um den nach Lenin genialsten Staatsmann aller Zeiten handelte. Insofern erwiesen, die bereits Ende der 1920er Jahre entmachteten Gründer des sowjetischen Staates kurz vor ihrem Tod der Stalinschen Tyrannei den letzten Dienst und trugen zu deren Stabilisierung bei.

Der bolschewistische „Ehrenkodex“

Von einem systematischen Widerstand der sowjetischen Machtelite gegen den Tyrannen konnte keine Rede sein. Nicht einmal innerhalb der Roten Armee entdecken die Forscher irgendwelche Anzeichen für einen organisierten Widerstand. Mehr noch: Viele Militärführer hatten am Stalinschen Vernichtungsfeldzug gegen ihre langjährigen Gefährten und Freunde sogar mitgewirkt.

So unterschied sich das Verhalten der bolschewistischen Machtelite grundlegend von demjenigen der sowjetischen Bauernschaft, die sich zur Zeit der Kollektivierung der Landwirtschaft verzweifelt gewehrt hatte. Diese unterschiedlichen Haltungen lassen sich in erster Linie dadurch erklären, dass die bolschewistische Oligarchie sich mit dem Staat, der einen erbarmungslosen Terrorfeldzug gegen sie führte, viel stärker identifizierte, als dies bei den Bauern der Fall gewesen war.

Die bolschewistischen Opfer Stalins fühlten sich in der Regel dem in der Lenin-Zeit entstandenen „bolschewistischen Ehrenkodex“ verpflichtet. Dieser Kodex verbot es, mit Gewalt gegen innerparteiliche Gegner vorzugehen. Dieser Tradition blieb die Mehrheit der Bolschewiki auch zur Zeit des „Großen Terrors“ treu. Die Verletzung des „bolschewistischen Ehrenkodexes“ kam für sie auch damals nicht in Frage. Dies ungeachtet der Tatsache, dass Stalin bei der Bekämpfung seiner Parteigefährten absolut keine Tabus respektierte. Dabei darf man nicht vergessen, dass es sich bei den alten Bolschewiki keineswegs um gewaltverabscheuende Pazifisten handelte. Sie hatten absolut keine Bedenken, gegen die sogenannten „Klassengegner“ Terrormaßnahmen brutalster Art anzuwenden. Stalin in die Kategorie der „Klassengegner“ einzuordnen, waren sie jedoch außer Stande.

Die Eigendynamik des Terrors

Der Terrorfeldzug des Regimes blieb nicht nur auf die Machtelite beschränkt. Breitere Bevölkerungsschichten wurden von ihm in einem noch stärkeren Ausmaß betroffen, was die Weltöffentlichkeit, die wie gebannt auf die Moskauer Schauprozesse blickte, nur unzureichend registrierte. Eine spezielle Kommission, die Anfang der 1960er Jahre im Auftrag der Führung der KPdSU die Ausmaße des „Großen Terrors“ untersuchte, nannte folgende Zahlen: In den Jahren 1937-1938 wurden  1372 392 Menschen verhaftet, davon 682 692 hingerichtet. Die Zahl der Parteimitglieder bzw. der Parteikandidaten, die den Repressalien zum Opfer fielen, betrug 116 885. Bei der überwältigenden Mehrheit der Terroropfer handelte es sich also nicht um Parteimitglieder. Es waren in erster Linie die während der Kollektivierung der Landwirtschaft enteigneten „Kulaken“ (wohlhabende Bauern) und Angehörige der sogenannten „feindlichen Nationalitäten“, die selbst oder deren Vorfahren aus Staaten stammten, die eine antisowjetische Politik führten: Polen, Deutsche, Letten, Finnen u.a.

Im April 1938 charakterisierte der bereits erwähnte Exilhistoriker Georgij Fedotow die damaligen Vorgänge folgendermaßen: „Stalin führt einen Krieg gegen ganz Russland, wenn man dieses einseitige Abschlachten von … wehrlosen Gefangenen einen Krieg nennen kann … Ein Mann – gegen das ganze Land. Noch nie war die Lage Russlands derart verzweifelt“ (Fedotow setzt hier die UdSSR mit Russland gleich – L.L.).

Wenn man all das bedenkt, so mutet die Tatsache, dass etwa die Hälfte der Befragten im heutigen Russland die Rolle Stalins in der Geschichte ihres Landes positiv bewerten, bizarr an. Dabei darf man nicht vergessen, dass es sich bei diesen Stalin-Verehrern nicht selten um Nachkommen der Opfer des Tyrannen handelt. Man fühlt sich in diesem Zusammenhang an die berühmte Verszeile des russischen Dichters Fjodor Tjuttschew erinnert: „Verstehen kann man Russland nicht …“.

Erst Ende 1938 – nach der Ablösung des Leiters des Sicherheitsorgane Nikolaj Jeschow, durch den nicht weniger berüchtigten Lawrentij Berija – ließ der Terror in der Sowjetunion etwas nach. Dies hatte aber wenig mit einem stärkeren Widerstand von Seiten der Opfer zu tun. Die Stalin-Riege hielt einfach die Fortsetzung des uferlosen Terrors, der alle Säulen des Partei- und Staatsapparates zu destabilisieren drohte, nicht mehr für opportun.

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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