Warum ist Stalin in Russland populär?

Kann man die Popularität Stalins im heutigen Russland darauf zurückführen, dass im Lande so gut wie keine Vergangenheitsbewältigung stattfand? Dieses oft verwendete Erklärungsmodell ist keineswegs befriedigend.

Stalin. Noch immer verehrt. Foto: Antonio Campoy, Lizenz: CC BY 2.0

„Stalin führt Krieg gegen Russland“

In Moskau soll demnächst ein Mahnmal für die Opfer des stalinistischen Terrors errichtet werden. Nicht ihnen gilt allerdings die größte Aufmerksamkeit der in der Regel staatsnahen russischen Massenmedien, sondern dem Diktator, der für ihre Leiden die Hauptverantwortung trug. Der Direktor des Staatsarchivs der Russischen Föderation, Sergej Mironenko, sagte vor kurzem, dass mehr als 50% der Russen die Rolle Stalins in der Geschichte ihres Landes „positiv bewerten“. Eine erschütternde und zugleich erstaunliche Zahl, wenn man bedenkt, dass sich die stalinistische Terrormaschinerie in erster Linie gegen die eigene Bevölkerung richtete. Mitten im Frieden erklärte die Stalin-Riege dem eigenen Volk den Krieg, als sie 1929 beschloss, der sowjetischen Bauernschaft (damals etwa 80% der Bevölkerung) ihr Eigentum mit Gewalt zu entreißen, um die sowjetische Realität an das zentrale Postulat der marxistischen Doktrin – die Abschaffung des Privateigentums – anzupassen.

Die enteigneten Bauern, deren Bewegungsfreiheit eingeschränkt worden war, wurden als Bürger zweiter Kategorie behandelt, als „Leibeigene des Staates“, wie die sowjetischen Bauern ihren Status selbst definierten. Darüber hinaus war eine der unmittelbaren Folgen der Enteignung von mehr als 100 Millionen Bauern die größte Hungerkatastrophe in der Geschichte des Landes, der etwa mehr als 6 Millionen Menschen zum Opfer fielen.

Der gegen die Bauern gerichtete Terror entwickelte eine Eigendynamik, die allmählich auch die anderen Schichten der Gesellschaft erfasste, nicht zuletzt die sowjetische Machtelite, die während des „Großen Terrors“ von 1936-1938 in einer beispiellosen Weise dezimiert wurde.
Im April 1938 – auf dem Höhepunkt des „Großen Terrors“ – schrieb der russische Exilhistoriker Georgij Fedotow: „Stalin führt einen Krieg gegen ganz Russland, wenn man ein einseitiges Abschlachten von wehrlosen Gefangenen einen Krieg nennen kann … Ein Mann gegen das ganze Land. Noch nie war die Lage Russlands derart verzweifelt“.

Wenn man all das bedenkt, scheint die Tatsache, dass unzählige Nachkommen der Opfer den Peiniger Russlands verklären, besonders unverständlich zu sein. In den westlichen Medien wird dieser Sachverhalt vor allem dadurch erklärt, dass in Russland bzw. in der UdSSR angeblich so gut wie keine Vergangenheitsbewältigung stattgefunden habe. Diese Erklärung ist allerdings recht oberflächlich. Ihre Verfechter lassen nämlich die Tatsache außer Acht, dass Russland bzw. die Sowjetunion bereits zwei mächtige Entstalinisierungswellen erlebt hat, die das Land jeweils zutiefst veränderten.

Ein zaghafter Abschied vom Stalinschen Erbe

Die erste Entstalinisierung begann bereits einige Wochen nach dem Tode des Tyrannen und wurde zur allgemeinen Verblüffung von den Zöglingen Stalins initiiert, die an der Errichtung des stalinistischen Terrorsystems seinerzeit selbst aktiv mitgewirkt hatten. Bemerkenswert war in diesem Zusammenhang der Befehl des Innenministers vom 4. April 1953 (also etwa einen Monat nach dem Tode Stalins) „Über das Verbot der … körperlichen Gewaltanwendung gegenüber Verhafteten.“ Im Befehl war „von grausamen Verhörmethoden der Sicherheitsorgane“ die Rede, „die dazu führten, dass viele unschuldig Verhaftete von den Untersuchungsleitern bis zum Zustand der totalen physischen Erschöpfung und der moralischen Depression … gebracht wurden.“

Aber nicht nur die Willkür der Terrororgane geriet nun unter den Beschuss der neuen Führung, sondern auch die zweite Säule des stalinistischen Systems – der Personenkult. Bereits einige Wochen nach Stalins Tod wurden in einem der Leitartikel der „Prawda“ jene Persönlichkeiten kritisiert, „die Prinzipien der kollektiven Führung dadurch verletzten, dass sie wichtige Fragen einzig durch ihre persönliche Entscheidung regelten, ohne die anderen Mitglieder des Politbüros zu Rate zu ziehen“.

Für einige Parteiführer ging diese Abkehr vom Stalin-Kult zu weit. Als ihren Initiator bezeichneten sie den im Juni 1953 entmachteten Innenminister und den ehemaligen langjährigen Leiter der Terrororgane Lawrentij Berija.

Auf dem ZK-Plenum vom Juli 1953 warfen die Stalin-Anhänger Berija vor, er habe sich wiederholt despektierlich über Stalin geäußert. Er habe es abgelehnt, Stalin als Fortsetzer des Werkes von Marx, Engels und Lenin zu bezeichnen. Ihnen wurde allerdings auf dem Plenum bereits entschieden widersprochen, und zwar von dem damals offiziell ersten Mann in der sowjetischen Machthierarchie, nämlich vom Ministerpräsidenten Georgij Malenkow, der sagte:

Sie müssen wissen, Genossen, dass der Personenkult Stalins pathologische Formen und Ausmaße angenommen hatte. Die höchsten Parteigremien ließen keine Kritik mehr zu. Wir dürfen es vor Ihnen nicht verbergen, dass dieser hässliche Personenkult zu apodiktischen Entscheidungen führte, die der Partei und dem Lande in den letzten Jahren großen Schaden zugefügt haben.

Die allmähliche Abkehr von der stalinistischen Herrschaftstechnik erstreckte sich auch auf andere Bereiche, so z. B. auf die Wirtschafts- und Sozialpolitik. Im Mai 1953 wurde eine allgemeine Preissenkung für viele Konsumgüter angeordnet. Die Konsumwünsche der Bevölkerung sollten nun stärker berücksichtigt werden als bisher.

Diese Reformen führten nicht über Nacht zur Erhöhung des Lebensstandards der Sowjetbürger. Es war allerdings kaum zu übersehen, dass die neue sowjetische Führung sich allmählich von der Politik der grenzenlosen Ausbeutung der eigenen Bevölkerung, wie sie unter Stalin praktiziert worden war, distanzierte.

Der postume „Tyrannensturz“ auf dem XX. Parteitag der KPdSU

Es bestand allerdings innerhalb der sowjetischen Führung keineswegs Übereinstimmung über das Ausmaß der Entstalinisierung und vor allem über die Frage, ob man Stalin offen angreifen dürfe oder nicht. Nikita Chruschtschow, der im September 1953 zum Ersten Sekretär des ZK der Partei gewählt wurde, trat am Vorabend des für den Februar 1956 geplanten XX. Parteitages – des ersten Parteitages nach dem Tode Stalins – für die öffentliche Enthüllung der Stalinschen Verbrechen und für die Rehabilitierung der Opfer des Stalinschen Terrors ein. Seine Kritiker im ZK-Präsidium, in erster Linie Außenminister Wjatscheslaw Molotow, teilten diese Ansicht nicht. Sie fürchteten, dass das sowjetische Regime solche Enthüllungen nicht überleben werde. So forderte Molotow, man müsse auf dem Parteitag unbedingt die Rolle Stalins als großen Führer und Nachfolger Lenins hervorheben. Auch Chruschtschow meinte, dass Stalin der Sache des Sozialismus treu geblieben sei:

Aber er machte alles mit barbarischen Methoden. Er vernichtete die Partei. … Er hat alles Heilige, was der Mensch hat, vom Erdboden hinweggefegt. Er hat alles seinen Launen untergeordnet.

Schließlich setzte sich Chruschtschow mit seinem Vorschlag durch, den Parteitag auf einer geschlossenen Sondersitzung über die Verbrechen Stalins zu informieren.

Janusköpfiger Chruschtschowismus

Die brutale Unterdrückung des Ungarnaufstandes im November 1956 durch sowjetische Panzer führte nicht, wie damals allgemein befürchtet, zu einer Restalinisierung der kommunistischen Regime.

Ungeachtet seiner zaghaften Versuche, die Wirkung seiner explosiven Rede auf dem XX. Parteitag abzuschwächen, galt Chruschtschow vielen Dogmatikern in der Parteiführung als der Auslöser einer der unheilvollsten Entwicklungen in der Geschichte des Sowjetstaates. Die Fortsetzung der Kritik am Stalinismus, die nun untrennbar mit dem Namen von Chruschtschow verbunden war, hielten sie für selbstzerstörerisch. Da Chruschtschow trotz seiner antistalinistischen Ressentiments sich unablässig darum bemühte, die Herausbildung von eigenständigen gesellschaftlichen Mechanismen im Lande zu verhindern, konnte er auch an niemanden appellieren, als der allmächtige Apparat im Oktober 1964 beschloss, sich des ersten Mannes in der Partei zu entledigen.

Der Sturz Chruschtschows, der von den bewahrenden Kräften in der Partei durchgeführt wurde, rief kein allzu großes Bedauern der Reformer hervor. Sie hatten sich von Chruschtschow ebenso abgewandt, wie dies die Dogmatiker getan hatten, wenn auch aus entgegengesetzten Gründen. Der XX. Parteitag symbolisierte für die Reformer den Anbruch einer neuen Epoche der Freiheit. Sehr schnell mussten sie aber feststellen, dass die Kritiker Stalins in der Parteiführung nicht bereit waren, auf das Wahrheitsmonopol der Partei zu verzichten; auch sie wollten nicht Abweichungen von der Generallinie, in welcher Form auch immer, dulden.

Dies war allerdings nur eine Seite der Medaille. Denn die Periode Chruschtschows assoziierte sich nicht nur mit Repression (siehe u.a. Boris Pasternak), sondern auch mit der Liberalisierung der sowjetischen Kulturpolitik. Zahlreiche kühne Werke, die sich mit der stalinistischen Vergangenheit schonungslos auseinandersetzten, konnten damals erscheinen, z. B. die Erzählung Alexander Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch“ über den Alltag im Archipel GULag. Insofern stellte der Chruschtschowismus ein janusköpfiges Gebilde dar, in dem antistalinistische und stalinistische Züge eine Symbiose eingingen und schwer voneinander zu trennen waren.

Gorbatschow demontiert das Stalinsche Kommandosystem

Die erste Welle der Entstalinisierung in der Sowjetunion hatte zwar die zentralen Säulen des „voll ausgebildeten“ stalinistischen Regimes – Massenterror und Personenkult – erschüttert, die Grundlagen des von Stalin in den 1930er Jahren errichteten Kommandosystems blieben aber unangetastet. Dazu zählte das von der Parteioligarchie beanspruchte Macht-, Informations- und Wirtschaftsmonopol. Die Erschütterung dieser Grundlagen fand erst etwa 1986/87 statt, als Michail Gorbatschow und seine Gesinnungsgenossen begannen, sich in einem immer stärkeren Ausmaß gegen die Überreste dieses Systems zu wenden.

Die Apologeten Stalins standen damals mit dem Rücken zur Wand. Und es war gerade die immer schärfer werdende Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Stalinismus, die der Perestroika eine beispiellose Dynamik verliehen hatte. Presseorgane, die sich mit der Stalinschen Schreckensherrschaft besonders intensiv auseinandersetzten, erzielten zum damaligen Zeitpunkt atemberaubende Auflagen. So stieg z. B. die Auflage der Zeitschrift „Argumenty i fakty“ von 9 Millionen im Jahre 1988 auf 33 Millionen im Jahre 1990.

Abkehr vom Leninismus

Bei vielen Reformern in der Mannschaft Gorbatschows handelte es sich um „Männer des XX. Parteitages“, die nach der Entmachtung Chruschtschows im Jahre 1964 ebenfalls kaltgestellt worden waren. Die Leichtigkeit, mit der es der regierenden Bürokratie nach dem Sturz Chruschtschows gelungen war, den Erneuerungsprozess abzuwürgen, stellte für sie ein Trauma dar. Sie führten den Sieg der Dogmatiker vor allem darauf zurück, dass Chruschtschow es nicht gewagt hatte, die in den 1930er Jahren entstandenen stalinistischen Strukturen gründlich zu erschüttern. Sie sehnten sich nach der leninistischen Vergangenheit als die Partei noch kein willfähriges Organ in den Händen der despotischen Führung war.

Dennoch ließ die Lenin-Euphorie in der Publizistik der Perestroika allmählich nach. Immer häufiger wurde das von Lenin während des russischen Bürgerkrieges (1918-1921) geschaffene System des Kriegskommunismus als der unmittelbare Vorläufer des stalinistischen Kommandosystems angesehen. Mit der Abkehr vom Leninismus erreichte die Vergangenheitsbewältigung in der Sowjetunion eine qualitativ neue Dimension. Denn dadurch wurde das gesamte Fundament des 1917 geschaffenen Regimes radikal in Frage gestellt, und es wurden die Voraussetzungen für einen Systemwechsel geschaffen, der dann nach dem gescheiterten kommunistischen Putschversuch vom August 1991 in der Tat auch erfolgte.

Die Stalin-Renaissance im postsowjetischen Russland

Die siegreichen russischen Demokraten verspielten indes sehr schnell ihr Vertrauenskapital. Dazu trug vor allem die im Januar 1992 begonnene wirtschaftliche Schocktherapie bei, die zur Senkung des Lebensstandards der Bevölkerung um etwa 50% führte, aber auch die Auflösung der Sowjetunion, die von den imperial gesinnten Kreisen im Lande als eine Art Apokalypse erlebt wurde. Die Fragen der Vergangenheitsbewältigung spielten von nun an für die Bevölkerungsmehrheit eine immer geringere Rolle.

Kollektiv erlebte Traumata führen, wie die Erfahrung zeigt, nicht selten zum Realitätsverlust und zur Entstehung von Geschichtslegenden. Beispielhaft hierfür war die Dolchstoßlegende, die die politische Kultur der Weimarer Republik so stark vergiftet hatte. Für Hermann Rauschning, den konservativen Kritiker Hitlers, befand sich Deutschland aufgrund der Mythen und Legenden, die der Niederlage von 1918 folgten, in einer Art Delirium. Auch die edelsten Pläne und Handlungen könnten Nationen, die sich in einer solchen Gemütslage befänden, nicht davon abhalten, ihren Marsch in den Abgrund fortzusetzen, so Rauschning.

Auch in Bezug auf das postsowjetische Russland wird oft der Begriff „Weimarer Syndrom“ angewandt. Die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Konstellationen sind auf den ersten Blick in der Tat groß. Wie damals in der Weimarer Republik, assoziiert sich die Demokratie auch im postsowjetischen Russland mit dem Zusammenbruch der hegemonialen Stellung des Landes, mit dem Verlust von Territorien und mit einer neuen Diaspora. Aber warum findet in dieser Situation ausgerechnet eine Stalin-Renaissance statt? Warum wird der Sieg der UdSSR über das Dritte Reich – das wohl wichtigste identitätsstiftende Ereignis im heutigen Russland – für viele Russen mit Stalin assoziiert? Dies ungeachtet der Tatsache, dass Stalins terroristischer Feldzug gegen das eigene Volk die Wehrkraft des Landes unentwegt unterminiert hatte, dass er ausgerechnet am Vorabend des Krieges gegen Hitler die Rote Armee enthaupten ließ. All diese Fakten werden von den Bewundern Stalins ignoriert. Der anfangs zitierte Sergej Mironenko sagt folgendes hierzu:

Es hat sich bei uns eine Tradition etabliert, die besagt, dass ein (Politiker), der kein Tyrann sei, sich nicht zum Führer eigne. Deshalb gilt Chruschtschow, der durch seine Rehabilitierungsmaßnahmen Millionen von Menschen rettete, im öffentlichen Bewusstsein als schwacher (Politiker).

Leonid Luks

Leonid Luks

Der Prof. em. für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt wurde 1947 in Sverdlovsk (heute Ekaterinburg) geboren. Er studierte in Jerusalem und München. Von 1989 bis 1995 war er stellvertretender Leiter der Osteuropa-Redaktion der Deutschen Welle und zugleich Privatdozent und apl. Professor an der Universität Köln. Bis 2012 war er Inhaber des Lehrstuhls für Mittel- und Osteuropäische Zeitgeschichte an der KU Eichstätt-Ingolstadt. Er ist Geschäftsführender Herausgeber der Zeitschrift Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte.

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