Katzenliebe

Wir bewundern die großen Säugetiere, weil wir in ihnen unsere Emotionen erkennen. Aber wir gehen mit ihnen nicht moralisch um.


Gehen Sie gerne in den Zoo? Bewundern Sie die stolzen Tiger und Leoparden? Freuen Sie sich über die spielenden Tierkinder? Und ist es nicht putzig, wie sie miteinander zanken? Und wie sie dann ängstlich Schutz bei ihren Eltern suchen? Sind sie berührt, wenn Sie sehen, dass Männchen und Weibchen einander ihre Zuneigung zeigen? Haben Sie Mitleid, wenn ein Tier von den Artgenossen geärgert oder geschlagen wird, und dann ängstlich und traurig allein in einer Ecke steht?

Wir beobachten Tiere, vor allem höhere Säugetiere wie Affen, Raubtiere, Hunde und Katzen, mit Zuneigung, weil wir in ihrem Verhalten unsere eigenen Emotionen, Freude, Zuneigung, Spaß und Angst wiedererkennen. Niemand, der sich über einen gewissen Zeitraum mit diesen Wesen beschäftigt hat, wird bestreiten können, dass sie eine Seele, einen emotionalen Geist besitzen. Mögen sie auch nicht denken können, wie wir denken, mögen sie auch keine Sprache haben, wie wir sie besitzen, um unsere Gedanken auszudrücken – sie fühlen offenbar ähnlich wie wir, sie empfinden, sie haben Emotionen, sie leiden oder sie sind zufrieden und glücklich.

Wenn wir das aber zugestehen, dann stellt sich die Frage, ob wir überhaupt ein Recht dazu haben, diese Tiere in Zoos einzusperren, damit wir ihnen bei ihrer Freude und ihrem Leiden zusehen können. Und wenn wir uns dieses Recht schon, mit welchen Begründungen auch immer, herausnehmen, dann müssen wir weiterfragen, wie wir mit diesen Tieren im Zoo umgehen dürfen, und was sich eigentlich aus ethischen Gründen verbietet.

Die Lokalzeitung berichtet heute, dass den Tigern und Leoparden im Zoo in Münster ein neues Gehege gebaut werden soll, viel größer soll es sein als das alte Gehege. Was erst mal schön klingt, lässt den Leser am Ende doch irritiert zurück. Denn für die Zeit des Baus wird das Tigerpaar Fedor und Nely in „Urlaub“ geschickt. Nicht etwa gemeinsam, sie werden in unterschiedliche Zoos verfrachtet, bis zum Sommer.

Die Tiere, deren emotionale Verbundenheit uns gerade noch begeistert hat, werden nun zu reinen Objekten einer Zoo-Logistik. Vermutlich gab es nirgends ausreichenden Platz für die beiden. Also sperrt man Fedor für ein paar Monate zu anderen fremden Tigern, Nely ebenfalls. Oder kommen sie für die Zeit gar in „Einzelhaft“? Kommt man vielleicht auf die Idee, Fedor mal eben mit einem anderen Tigermädchen zusammenzubringen, damit es vielleicht Nachwuchs gibt? Eins ist sicher: Niemand hat die beiden gefragt, ob sie mal getrennt Urlaub machen wollen, oder ob sie unter der Trennung leiden werden.

Für den Umgang mit diesen Tieren, insbesondere mit den höheren Säugetieren und anderen, bei denen wir annehmen können, dass sie Gefühle, Leid und Freude empfinden, muss gelten: Alles, was wir mit ihnen machen, muss mit unseren moralischen Vorstellungen vereinbar sein. Das kann im extremen Fall schwierig werden. Aber im Falle der Renovierung oder Erweiterung eines Tiergeheges im Zoo muss es Lösungen geben, die die Tiere nicht aus ihrer vertrauten Umgebung reißen, und sie schon gar nicht von ihrem vertrauten Partner trennen.

Es wird gern mit allen möglichen Argumenten dafür geworben, wie gut und richtig die Arbeit der Zoos ist. Arten, die vom Aussterben bedroht sind, sollen erhalten werden, sagt man, wenn man versucht, Männchen und Weibchen nach wissenschaftlichen Kriterien zum Sex zu bewegen. Wir müssten etwas tun, um unseren Kindern die Tierwelt nahe zu bringen, sagt man auch. Aber über moralische Aspekte unseres Umgangs mit den konkreten Tieren, die man als Individuum und nicht einfach als Vertreter einer Art, als Subjekte und nicht als Objekte der Wissenschaft oder der Umwelt- und Bildungspolitik anzusehen hätte, denken wir selten nach. Dabei wären wir es diesen Tieren, denen wir sogar Namen geben und die wir so bewundern, schuldig, sie als fühlende Wesen, als individuelle Kreaturen zu begreifen. Auch wenn das am Ende die ganze Idee des Zoos in frage stellt.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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