Kleiner Bruder vs Literatur-Bundespräsident Kermani

Navid Kermani spricht in der Zeit über sein neues Buch und zeigt, wie konservativ Modernismus sein kann. „Weil das so ist“ ist eine schlechte Rechtfertigung literarischer Selbstreferentialität.

Cubism by Steve Johnson unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

„Warum muss Das Grüne Haus so kompliziert sein?“, fragt mich mein Bruder. „Warum passieren Dinge fast gleichzeitig, die doch teils Jahre auseinander liegen? Warum werden die lokalen Handlungen immer wieder unterbrochen? Wieso tragen die Figuren an verschiedenen Stellen des Buches unterschiedlichen Namen?“

Alles berechtigte Fragen, auf die es jedoch Antworten gibt: So macht etwa die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen die scharfen Kontraste des Peru der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zwischen schnellebig sich entwickelnder Urbanität und Amazonasgebiet, wo noch Missionare wie in schlechten Western versuchen, Ureinwohner zu „zivilisieren“, sehr unmittelbar erfahrbar. Dem vereinfachenden „was passiert als nächstes“ traditioneller Erzählungen mit seiner impliziten Betonung bruchloser Individualiät wird durch die Schlaglichter auf erst mit der Zeit einen klareren Zusammenhang erkennen lassende Erlebnisse die Brüchigkeit menschlicher Existenz entgegengestellt, die immer wieder zum Spielball nicht kontrollierbarer Kräfte wird. Und dass etwa Lituma einmal als El Sargento, dann wieder als einer der kleinkriminellen Unbezwingbaren je ganz anders auftritt unterstreicht das nochmal, auch namentlich (überhaupt treten fast alle Figuren unter 2 Namen auf, wobei der Spitzname regelmäßig auf Herkunft und/oder Funktion in Gesellschaft und Roman verweist).

Wir sind/werden (auch) die Rollen, die wir selbst wählen oder aufgezwungen bekommen. Und indem der Leser dem immer wieder nachzuspüren hat, verstrickt er sich ebenso in das Gestrüpp rund um das Grüne Haus, er teilt so gesehen die Erfahrungen der Protagonisten.

Das „Warum“ der (Post-)Modernen Trickkiste

Der Bruder ist im Gegensatz zu mir an der Uni nicht in intensiveren Kontakt mit belletristischer Literatur gekommen, er studiert Sport. Und die Schule hat sich für uns beide als absolut unfähig erwiesen, uns das Lesen, noch dazu das Lesen moderner Romane, schmackhaft zu machen. Man musste sich ja erstmal die Abneigung gegen Goethe und Mann wieder aberziehen. Trotzdem tauschen wir gerne Bücher aus und es zeigt sich immer wieder, dass ein Hochschulstudium eben nicht zwingende Voraussetzung zur Wertschätzung der großen (Post)Modernisten ist. Vor ein paar Jahren etwa haben wir auf einem Weinfest eine wirklich herausragende Interpretation der Bedeutung der „Zigeuner“ in Garcia-Marquez Hundert Jahre Einsamkeit entwickelt. Welche? Keine Ahnung, es war schließlich ein Weinfest.

Auf der anderen Seite stellt sich durch den familiären Perspektivwechsel intensiver die Frage nach dem „Warum?“ all der postmodernen Tricks und Spielereien, die zumindest von einem Teil des literaturkritischen Establishments mittlerweile mit derselben Selbstverständlichkeit hingenommen werden wie einst das restlose sich Fügen aller Handlungselemente in die elegante Lösung des Krimi. Und das ist schlecht, denn so wird aus künstlerischen Konsequenzen, die aus spezifischen historischen Situationen gezogen, nein, erarbeitet wurden, ein Ismus. Also ein geschlossenes bis tautologisches System, das nach dem Prinzip verfährt „ weil das schon immer so iss, muss das jetzt auch weiter so“.

Antwort Kermani: Weil es so ist!

Case and Point: Der neue deutsche Großschriftsteller, Günter-Grass-Nachfolger und vielleicht irgendwann Bundespräsident Navid Kermani. Der wurde von Iris Radisch in der Zeit erfrischend kritisch zu seinem neuen Roman befragt:

Die beiden verbringen die Nacht in einem deutschen Provinzwohnzimmer und unterhalten sich über die Liebe haargenau so, wie man schon immer befürchtet hat, dass in solchen Wohnzimmern über die Liebe geredet wird. Gleichzeitig reflektiert der Erzähler ständig über das Schreiben des Buches, das er schreibt, und diskutiert mit dem Leser und dem Lektor darüber, wie er seine Sache zu Papier bringen soll. Sie machen die Türen des Romans sehr weit auf und lassen viel Zufälliges und Triviales herein.

Nun könnte Kermani sich ein wenig Mühe geben und zu erklären, warum das vermeintlich Triviale im Roman vielleicht alles andere als trivial ist. Oder könnte zumindest kurz darlegen, warum es für diesen Roman notwendig ist, Teile des Materials scheinbar unbehandelt, wie zufällig, quasi antiliterarisch stehen zu lassen (ähnliches zeigte Adorno etwa für Beethovens Spätwerk). Kermani dagegen bedient sich einer Technik, die in Zukunft einmal als Biller-Gambit bekannt werden dürfte und hält stockkonservativ den Iss-Muss des Modernisten aufrecht:

Das macht ja die neuzeitliche Literatur aus, dass sie sich ständig selbst reflektiert. Dass sie zugleich immer zur Seite spricht. Das beginnt schon bei Don Quijote, dem Urroman der Moderne – denken Sie an den zweiten Teil, der so tut, als beziehe er sich auf die Veröffentlichung des ersten. Und der erste Teil gibt sich als eine Übersetzung aus dem Arabischen aus.

Ja und, Herr K.? Was kümmert uns das denn, dass das neuzeitliche Literatur ausmacht? Oder gar, wie das im Quijote war? Der Bruder trägt die Frage an mich immer wieder zurecht heran: Warum mach das sie aus? Welchen Zweck erfüllt dieses Mittel denn in genau diesem Buch? Solange ich mir nicht Rechenschaft darüber ablegen kann, wie ich es oben, in dem Format entsprechend gebotener Kürze, für Das Grüne Haus versucht habe, schreibe ich nicht. Oder, wenn ich’s doch mache, weil ich Spaß dran hab, weil es mir egal ist, weil ich damit Geld verdienen will, was auch immer, dann verstecke ich mich nicht hinter einem erstarrten Paradigma der Moderne, dessen Gründe ich noch nicht mal auf einen gewissen Abstraktionsniveau anzugeben vermag. Kermani aber antwortet durchgehend so, und dass er sich wahrscheinlich wirklich noch nie ernsthafte Gedanken über die Gründe seiner Werkkomposition gemacht hat, macht einen Text wie Dein Name im Gegensatz zu den kaum kürzeren Meisterwerken Bolanos etwa oder eines verkappten Modernen wie Doderer, so unlesbar (im Gegensatz übrigens auch zu Kermanis theoretischen Schriften, egal was man von deren Inhalten halten mag). So gibt Kermani auf Radischs Frage „Was soll die Koketterie mit dem Echtheitssiegel?“ zurück:

Die Unsicherheit, ob etwas erlebt ist, ist der Literatur inhärent – ja, die Unsicherheit macht für mich Literatur gerade aus. Das thematisiere ich, wie es Literatur von jeher thematisiert hat. Hat Proust denn etwas anderes gemacht, der sich im Roman Marcel nannte? Ich glaube, dass man über Proust hinaus gar nicht kommen kann in dieser Art des Schreibens. Voraussetzen muss man ihn aber schon und nicht so tun, als hätte es die moderne Literatur nicht gegeben und es wäre irgendein Beitrag zur Wirklichkeit, einfach mal wieder schnurstracks zu erzählen.

Gerade mit dem Eingestehen, „über XY nicht herauszukommen“ und mit dem Festtreten der modernen Literatur als reflexionslose Verfahrensweise aber tut man so, als hätte es die Moderne nicht gegeben. Hätte Proust wie Kermani gedacht, man hätte ihn wohl als minderen Flaubert-Epigonen vergessen. Die Fetischisierung des Modernismus ist nicht moderner als die bewusste erzählerische Absage an postmoderne Tricksereien. Aber so ein guter festgeklopfter Iss-Muss sollte in jedem Fall eine solide Grundlage für die Bundespräsidentschaft sein.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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