Der schon immer Ungelesene. Launisches zum Weiss-Geburtstag

Derzeit wird der hundertste Geburtstag von Peter Weiss gefeiert. Natürlich geht es wieder mehr um Politnostalgie als um Kunst. Aber zwei Hörbuchprojekte dürften Bleibendes schaffen.

Bild: SH

Jetzt redet man wieder über Peter Weiss. Zum Beispiel beim SWR. Da wird dann beklagt, dass dieser Autor nach 1990 in der Versenkung verschwunden sei und dass wohl auch der hundertste Geburtstag nicht zu einem echten Revival führen werde. Das man Weiss nicht wieder lesen werde. Der Einwand eines Diskussionsteilnehmers zur beachtlichen internationalen Weissrezeption wird schnell abgebügelt, stattdessen penetrant gefragt, was uns der Autor heute politisch zu sagen habe.

Ästhetik des Widerstands, oder…

Da liegt der Hund(dertste) begraben. Denn gelesen hat man Weiss ja in Deutschland immer schon kaum, stattdessen gründeten sich identitätspolitische linke Zirkel um des Autos größtes Buch, die in Messianischem Kult ein letztes Mal ein Gemeinsames und eine Führungsfigur für ihre immer disparateren Anliegen suchten. Man beschäftigte sich mit der Ästhetik des Widerstands. Und nur wenn man darauf beharrt, kann man von der heutigen Bedeutungslosigkeit des Autors sprechen. Denn Weisssches Schreiben ist national und international insofern etabliert, als das Weiss nur einer von zahlreichen Autoren und nicht der erste und nicht der bedeutendste ist/war, die Kunstbetrachtung&Gesellschaft im seinerseits konsequenten Kunstwerk zusammen denken.

Ästhetik des Widerstands?

Pynchon, Cortazar (Musik), Carpentier (Musik, Tanz), Bolano (Musik & Literatur) Ben Okri (Skupltur, Malerei) – um nur ein paar große Namen in den Raum zu werfen. Weiss ist nicht Böll, Grass, Walser, kein Thesenonkel, und auch wenn es vordergründig falsch schiene, sich nun vor allem auf die Ästhetik des Widerstands zu konzentrieren, wird man dem Werk nur gerecht werden wenn man es liest, statt Exegese zu betreiben. Man fühlt sich in der Mehrbödigkeit der scheinbar so gradlinigen und Prinzipien strenge mich Erzählung dann vielleicht sogar bald eher in den Werken Bernhards oder Sebalds, als irgendeinem sozalistischen Realismus. Wie Ästhetik widerständig wird, erfährt man dann schon im Lesen.

Und weil der Text zwar, wenn man ihn nur nicht zu langsam liest, gar nicht so schwierig ist, aber doch lang und sperrig, ist wohl das kostenlose Hörbuch das Beste, was von diesem Weiss-Geburtstag bleiben wird. Schade, dass einige Vorleser arg straucheln, manchen Namen (Gericault), manchen Begriff (Komintern) überhaupt beim Lesen zum ersten Mal zu entdecken scheinen, ein paar mal gar an den unpassendsten Stellen lachen. Nun gut, es ist live und kostenlos. Die ebenfalls kostenlose 12-Teilige Hörspielbearbeitung immerhin soll exzellent sein.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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