Geld oder Meer?

Der Glücksatlas 2016 bringt es ans Licht: Die glücklichsten Deutschen leben in Schleswig-Holstein, die glücklichsten Europäer in Dänemark. Dass Küstenlandschaften allein nicht happy machen, darauf deuten die Namen der jeweiligen Schlusslichter hin: Mecklenburg-Vorpommern und Griechenland. Es spricht einiges dafür, dass Bill Clintons alter Wahlkampfspruch gültig bleibt: It`s the economy, stupid!

Die glücklichsten Deutschen leben angeblich in Schleswig-Holstein. Sie können - wie hier in Sylt - den Sonnenuntergang am Strand genießen. Dieselbe Sonne geht auch für ihre vermeintlich unglücklichen Nachbarn in Mecklenburg-Vorpommern jeden Abend unter. Foto: Wikiemdia Commons; Autor: Tobias Mandt

Das Glück spricht Plattdeutsch. Zumindest legt das der „Glücksatlas 2016“ nahe, den die Deutsche Post in der vergangenen Woche veröffentlich hat. Zum sechsten Mal in Folge führt Schleswig-Holstein die Umfrage an. Auch bei einem europaweiten Vergleich liegen nördliche Gefilde vorn. Hier fühlen sich unsere dänischen Nachbarn nach eigener Einschätzung am glücklichsten.

Auf den ersten Moment erschienen mir die Spitzenpositionen einleuchtend. Meer, Strand und dort arbeiten, wo andere Urlaub machen! Kein Wunder, dass das Glück bei den Nordlichtern zu Hause ist! Hatte uns nicht unser Alt-68er-Deutschlehrer Heinrich Bölls „Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral“ eingebimst? Darin bedauerte ein armer Fischer deutsche Touristen, die das ganze Jahr schuften müssen, um sich ein paar Wochen Entspannung in seiner maritimen Heimat leisten zu können, während der Seebär – blank, aber glücklich – dem „dolce fa niente“ frönte. Ich hielt das ja für Humbug, denn Hemden mit dem Krokodil, Sportschuhe mit dem swoosh und den neusten Videorekorder –  also all das, was in der 80er Jahre-Welt eines Schülers angesagt war – konnte sich der Fischer mit Sicherheit nicht erlauben. Muss ich nun also, nach so vielen Jahren, Abbitte bei Böll und dem Lehrer leisten?

Bölls Fischer hatte kein Videogerät

Gerade als ich zum inneren „ich widerrufe“ ansetzen wollte, fiel mir eines auf: Am Ende des deutschen Glücksrankings liegt Mecklenburg-Vorpommern und bei der Europa-Variante schneidet Griechenland besonders schlecht ab. Außerdem folgen auf Schleswig-Holstein die Binnenregion Franken, Niedersachsen (ok, da gibt es auch Meer), Baden und Hessen. Also Landstriche, die außer von wirklich hübschen Mittelgebirgen auch von geschäftigen Wirtschaftszentren wie Wolfsburg, dem Großraum Mannheim/Heidelberg oder dem Rhein-Main-Gebiet geprägt werden. Und wo Weltkonzerne wie Volkswagen, Siemens,  Lufthansa oder SAP ihren Sitz haben

Nun haben Mecklenburg-Vorpommern und Griechenland mit Schleswig-Holstein und Dänemark eines gemeinsam, nämlich ziemlich viel Küste. Zudem ist das Klima in Hellas ungleich komfortabler. Zumindest bei mir sorgen mediterrane Temperaturen für wesentlich mehr Glücksempfinden als norddeutsches Schmuddelwetter. Zudem ziehe ich die griechische Küche in der Regel Labskaus oder Rollmops vor (Na gut, Dänemark ist inzwischen so etwas wie ein kulinarischer Hotspot mit exzellenten Lokalen. Nur sind diese extrem teuer und die pekuniären Eintrittsbarrieren dementsprechend hoch. Eine anständige griechische Taverne ist günstiger).

Küstenregionen am Anfang und Ende der Rankings

Was MeckPomm und Griechenland wirklich von führenden Glücksregionen unterscheidet ist offensichtlich: wirtschaftliche Perspektiven, Arbeitsmarktsituation, Angebote der Daseinsvorsorge. Wie es der Zufall will, verzeichnet Mecklenburg-Vorpommern seit einigen Jahren die höchste Arbeitslosenquote hierzulande, und aufgrund von demographischem Wandel und Wegzug bluten einige Landstriche regelrecht aus. Außerhalb des Wirtschaftszentrums Rostock und dem Verwaltungssitz Schwerin bleibt häufig nur der Tourismus als entscheidender Wirtschaftsmotor. Und immer wenn der Herbst kommt, geht das Gros der Feriengäste.

Auffällig ist außerdem, dass im innerdeutschen Vergleich alle neuen Bundesländer auf den hinteren Plätzen rangieren. Dabei ist die Ostsee in Warnemünde genauso blau wie in Travemünde und die Sonne über Erfurt genauso hell wie über Schweinfurt. Und bei der Gesundheitsvorsorge, einem anderen entscheidenden Kriterium, hat gerade Ostdeutschland seit dem Zusammenbruch der sozialistischen Mangelwirtschaft entscheidende Fortschritte gemacht. Die durchschnittliche Lebenserwartung ist seit dem Ende der DDR deutlich gestiegen, die Versorgung mit Apparatemedizin und komplizierten Arzneimitteln ist auf ein ganz anderes Level gelangt. Deshalb tendiere ich doch eher zu Bill Clinton als zu Heinrich Böll: „It`s the economy, stupid!“

It´s the economy, stupid!

Auch Griechenland macht bekanntermaßen schwere Zeiten durch. Die Dramen um Staatsfinanzen, Arbeitsmarktreformen und Euroverbleib dürften uns allen in Erinnerung sein. Ich weiß nicht, ob ich falsch liege, aber ich denke schon, dass der eine oder andere griechische Fischer seinen Kindern etwas anderes wünscht, als am Meer zu sitzen und nichts zu tun. Nämlich eine Zukunft mit mehr Jobperspektiven und Chancen auf gesicherten Wohlstand. Zur Not auch irgendwo im Norden, in Dänemark, den Niederlanden oder Deutschland. Aber sicher viel lieber zuhause in Attika. Das Phantasieren vom Nichtstun, das dürfte so ein Fischer dann doch lieber Literaten wie Böll oder eben solchen Zeitgenossen überlassen, die mit ihrem in Deutschland verdienten Geld ans Meer fahren und träumen.

 

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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