„Aber sie können mich nicht brauchen“

Ein schönes Buch über einen Dichter, der folgenlos blieb und doch Wirkung bis heute hat.


Es erscheinen noch schöne Bücher, solche, bei denen man gern über das glatte Papier streicht, bei denen das Umblättern ein ästhetisches Erlebnis ist, bei denen man die Seiten wie ein grafisches Kunstwerk betrachten kann, obwohl auf ihnen nur der Text, die Seitenzahl und die Kapitelüberschrift zu sehen sind. Die neue Serie „… und die Folgen“, deren erste Bände derzeit im Verlag J.B. Metzler erscheinen, gehört dazu. Das Buch „Hölderlin und die Folgen“, geschrieben von Rüdiger Görner, liegt vor mir, darüber hinaus ist ein Band zu Schiller sowie einer zu Heine bereits erschienen.

So schön, wie das Buch ist, so angenehm ist der Stil des Autors. Görner versteht es, auf einem anspruchsvollen Niveau zu schreiben und dennoch eine emphatische Atmosphäre zu erzeugen, in der der Leser zunehmend ein Verständnis für den Dichter und seine Dichtung gewinnt.

Das Buch ist sowohl eine Annäherung an Hölderlin und dessen Dichtung, mithin ein Verfolgen der „Wortspuren“ des Dichters, als auch ein Überblick über die Wirkungen, die Hölderlins Werk in den rund 200 Jahren seit seiner Entstehung in der europäischen Kultur gehabt hat. Dabei von „Folgen“ zu sprechen, wie es der Titel der Serie nun einmal erfordert, scheint dem Autor allerdings aus nachvollziehbaren Gründen schwer zu fallen. Hölderlins Dichten hat zwar Wirkungen gehabt und bewegt noch heute die Experten und Lyrik-Genießer, aber es ist auf der anderen Seite merkwürdig folgenlos geblieben.

Was wären denn „Folgen“ einer Dichtung? Literatur kann zum Fanal für Revolutionen ebenso werden wie zum Ausgangspunkt oder wenigstens Einschnitt in der Literaturgeschichte selbst. Literarische Werke können Umstürze auslösen – wenn sie auch nie der Grund, die Ursache dafür sind, oder sie können das Werk anderer Literaten nachhaltig beeinflussen.

All das ist dem Werk Hölderlins wohl nicht vergönnt gewesen, Görner versucht gar nicht, die Welt- oder Literaturgeschichte der letzten 200 Jahre so zu deuten, als wäre sie ohne Hölderlin anders verlaufen. Und doch, das wird deutlich, lässt Hölderlin uns nicht los.

Philosophen wie Adorno und Heidegger haben sich seiner angenommen, haben sein Werk zum Material ihres Denkens gemacht. Die Literaturwissenschaft hat versucht, sich einen Reim auf Hölderlin zu machen, sein Werk zu deuten und sein Leben zu verstehen. Indem Görner diese Bemühungen nachzeichnet, lernt der Leser nicht nur etwas über Hölderlin, sondern auch eine ganze Menge über die Methoden, Ziele und Möglichkeiten dieser Disziplinen.

Görners Buch steht unter dem Motto der Selbsteinschätzung Hölderlins „Aber sie können mich nicht brauchen“ – und das ganze Buch ist der Beweis des Gegenteils. Es zeigt, wie sehr wir Hölderlin brauchen können.

Es ist ein schönes Buch, und so wird es wohl als Geschenk für Freunde schöner Bücher gut geeignet sein. Hoffentlich schlägt der eine oder andere Beschenkte es auch auf und vertieft sich darin – es lohnt sich sehr.

Rüdiger Görner: Hölderlin und die Folgen

Metzler-Verlag 2016, 160 Seiten, Hardcover

ISBN: 9783476026514

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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