Wer ist der Depp beim Apostroph?

Ist die wahre Rechtschreibung gottgegeben oder folgt sie einem Naturgesetz? Oder ist es eine Religion? Ist ein weiser Priesterrat zuständig dafür, was verboten und erlaubt ist? Nichts davon. Also: Gebt den Apostroph endlich frei!


Würde der Schreiber dieser Zeilen ein Nachschlagewerk herausgeben, könnte er es das „Friedrich Lexikon“ nennen, so wie es bekanntlich die „Bertelsmann Lexikothek“ gibt. Oder sollte er das Werk „Friedrichs Lexikon“ nennen, so wie „Meyers neues Lexikon“? Dann würde das Publikum jedoch ins Grübeln kommen, ob der Herausgeber denn nun Friedrich oder Friedrichs heißt. Denn er hat einen Namen, den es auch – sozusagen in erweiterter Form – mit angehängtem „s“ gibt: Friedrichs.

Schon vor mehr als einhundert Jahren kam vielleicht genau aus solchen Überlegungen heraus ein Mann namens Kaiser auf die Idee, das Genitiv-s vom Namen durch einen Apostroph abzutrennen, als er das Schild über der Tür seines Geschäfts malte, damit man klar erkennt, wie der Mensch denn wirklich heißt, dem der Laden gehört. Dieser Brauch hat sich seit dem gehalten, auch wenn, in letzter Zeit vermehrt, kluge Sprachexperten gern und laut darauf hinweisen, dass diese Verwendung des Apostrophs im Deutschen falsch sei, dass die, die es trotzdem tun, Deppen seien, und mithin der Apostroph selbst ein Deppen-Apostroph.

Diese Sprachexperten halten eine Sprache mit all ihren kleinen und großen Zeichen und Regeln für eine gleichsam sakrosankte Sache. Vermutlich glauben sie, dass die Vorschriften der Rechtschreibung und der Sprachverwendung vom Himmel gefallen seien, dass es irgendwie objektive, wenigstens naturgegebene Gesetze gäbe, nach denen die Sprache zu verwenden wäre. Und in den heiligen Büchern, in denen diese Gebote festgehalten sind, kann man für alle Ewigkeit nachlesen, wer richtig und wer falsch schreibt, wer also ein gebildeter Mensch ist, und wer ein Depp.

Wenigstens aber, so meinen diese Leute, die oft und eifrig andere zu Deppen erklären, gibt es einen Rat von Weisen, ein Expertengremium von Sprachpriestern, die in ihrer Heiligkeit den Heiligen Büchern in nichts nachstehen, die durch weisen Ratschluss festlegen, was richtig und was falsch ist, und wer gegen die unfehlbaren Vorschriften dieser Weisen verstößt, ist ignorant, oder dumm.

Die Praxis der Sprachverwendung lässt aber einen anderen Schluss zu: Was nützlich ist, wird gemacht, was zur Verständlichkeit beiträgt, wird in die real geschriebene und gesprochene Sprache übernommen. Die Verwendung des Apostrophs kann sinnvoll sein, auch da, wo sie gegen eine Regel verstößt – und dann ist es gut, die Regel zu ändern. Regeln sind überhaupt nur für die da, die sich ohne Regeln nicht bewegen können – ob im Straßenverkehr oder in der Sprache. Regeln brauchen die, die sich immer ängstlich irgendwo festhalten müssen, um sich überhaupt bewegen zu können.

Der Apostroph hat auch beim Genitiv eine nützliche Funktion – gerade weil die deutsche Sprache so vielfältig ist. Es spricht nichts gegen ihn, außer der Tatsache, dass die Sprach-Besserwisser mit seiner Zulassung wieder eine Option verlieren würden, andere zu Deppen zu erklären. Von mir aus kann er – auch wenn ich ihn bisher nicht verwendet habe, auch vom Rat der weisen Sprachhüter gleich Morgen zugelassen werden. In die Sprachpraxis hat er längst Eingang gefunden. Und Friedrich’s Lexikon finde ich allemal schöner als „dem Friedrich sein Lexikon“.

Wahre Rechtschreibpuristen sollten ohnehin einmal einen Blick in die Originale unserer alten Meister werfen, ob sie Hölderlin oder Hegel, Schiller oder Marx heißen. Zu deren Zeit gab es noch keine heiligen Regelwerke, die festlegten, wie Deutsch zu schreiben sei, und kein Weiser Rat legte fest, was richtig und was falsch war. Jeder schrieb, wie er’s für richtig hielt. Das brachte Vielfalt in die Sprache – Und Überraschung: Man kann’s noch heute verstehen.

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Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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