Wer holt den Buchpreis? Zur Shortlist – II

Montag in einer Woche wird der Deutsche Buchpreis verliehen. Im zweiten Teil der Buchpreisprognosen bespricht Sören Heim auf Basis der von Verlagen bereitgestellten Hör- und Leseproben drei weitere Romane, unter anderem den Favoriten Thomas Melle, und versucht sich an einer Prognose zu den Preischancen der Werke.

Books von Christopher - unter CC-BY-2.0, zugeschnitten

Hier geht es zum ersten Teil

Reinhard Kaiser-Mühlecker –
Fremde Seele, dunkler Wald

Erwachende russische Bären. Provokative U-Boote. Erinnerungen an die Jugoslawienkriege. Reinhard Kaiser-Mühleckers Fremde Seele, dunkler Wald liest sich eingangs wie ein historischer Kommentar zur aktuellen politischen Lage. Protagonist Alexander ist aus einem Auslandseinsatz als Soldat zurückgekehrt, nun möchte er ausgerechnet an die Serbische Grenze. Der jüngerer Bruder Jakob, der ihn einst bewunderte, nun apathisch wirkt, führt den Hof der Eltern. Der fällt Stück für Stück der Auflösung anheim.

„Reinhard Kaiser-Mühleckers Figuren sind eingeschlossen in ihre Herkunft, in ihre Sprache. Es gibt kein Entkommen aus der eigenen Vergangenheit, und der Drang, aus der Gegenwart zu entfliehen, wird von der Alternativlosigkeit der Zustände absorbiert“, kommentiert die Jury. Tatsächlich wechseln Gespräche, die keine wirkliche Richtung kennen sich im Auftakt mit die Situation quasi kommentierenden Naturbeobachtungen ab:

„Ein zweites Birkenblatt war hereingeweht worden; es war genau gleich groß, und sogar die Färbung war gleich. (…) Das dreieckige, am Saum gesägte Blatt betrachtend, richtete er sich wieder auf. Jakob hatte die Tür geöffnet und wartete. Obwohl Alexander nur wenig von Jakobs Gesicht sehen konnte, sah er doch, wie ungeduldig sein Bruder jetzt war. Wie der Vater, dachte Alexander.“

Wirklich über springt der Funke aber nicht, zumindest stilistisch geht Kaiser-Mühlecker keine Risiken ein. Man darf ein solides Werk erwarten, ein Roman, der die Zeit überdauert, würde allerdings überraschen. Dass Fremde Seele, dunkler Wald zeitgenössische Politik beleuchtet ohne engagierte daher zu kommen, könnte ihm aber nach bisherigen Buchpreiserfahrungen zumindest Außenseiterchancen eröffnen.

Philip Winkler – Hool

Philip Winklers Hool spielt, wie der Titel unsubtil andeutet, in der Hooliganszene: „Heikos Leben, das sind die HOOLS. Als einer von ihnen nach einem Spiel zusammengeschlagen wird und sich aus der Szene verabschieden will, ist das für Kolbe wie Verrat.“ Der Auftakt wird betont gradlinig erzählt, der Leser wohnt den Vorbereitungen eines Kampfes bei. Hier schreibt ein Hool über sein Hoolsein, soll nahe gelegt werden, was nicht zwingend verrohte oder vulgäre Sprache bedeutet: Auch mit dem Klischee vom ungebildeten rechten Prügler wird direkt im ersten Kapitel aufgeräumt. Allerdings: Ist „Hooligans kommen aus allen Gesellschaftsschichten“ nicht längst Gemeinplatz? So oder so: Ein versuchter Spagat zwischen Szenesprech und möglichst breiter Publikumswirksamkeit deutet sich an. Ein Roman, der es allen recht machen will? Sätze wie „Seine gegelte Boxerfrise schrappt über den fettigen Polsterbezug der Kopfstütze“ oder die behutsame Verpopliterarisierung der Kampfvorbereitungen „Er hat ein rotes Fred-Perry-Polo an“ zumindest sind weder Fisch noch Fleisch. Zwar wird eine relativ kurzweilige Erzählung zu erwarten sein, die jedoch auf der Shortlist eher wegen ihres Gegenstandes als wegen der literarischen Form ihren Platz gefunden haben dürfte. Dass sich der Text im Ganzen übers gehobenem Mittelmaß erhebt, ist kaum zu erwarten. Und auch zum Preisträger wird’s nicht reichen. Wo einer vor allem spektakulären Stoff zu bieten hat konkurriert er mit Melle. Und die Jury dürfte kaum den Affront wagen, diesen debütierenden Jungspund Melle vorzuziehen.

Thomas Melle – Die Welt im Rücken

Die Welt im Rücken von Thomas Melle scheint der unbestrittene Buchpreis-Favorit dieses Jahres. Synopsis: Ein Icherzähler erzählt von seiner bipolare Störung, von „persönlichen Dramen und langsamer Besserung“. Die Zeit lobt „Wenn Melle seine manischen Phasen schildert, reißt er seine Sprache bis an die Ränder der Selbstwahrnehmung auf, versucht seine „Empfindungshektik“ ebenso zu rekonstruieren wie die Erinnerungslücken, die die Manie hinterlassen hat.“

Die Leseproben hinterlassen einen anderen Eindruck. Ob Melle vom „manischen“ Verkauf seiner Bibliothek berichtet oder von den Mechanismen der Psychiatrie, immer ist der Erzähler distanziert, zurückblickend, reflektiert. Wille zur stilistischen Gestaltung ist kaum zu erkennen. Die tagebuchartigen Passagen könnten von Trollope stammen, ein De Quincey bereits bildete die Fragilität der Psyche sprachlich radikaler ab. Wo Melle bildlich wird, wird es klischeelastig: „Die Tage [in der Psychiatrie] aus Milchglas, die Wochen wie Irrgärten.“ Wird er analytisch, lauern psychoanalytische Allgemeinplätze: „Keiner ist oder war je Herr im eigenen Haus“. Gewiss: Das im Kleinen Unscheinbare kann im Großen virtuos durchkomponiert sein, und das Madonnakapitel in der Leseprobe legt nahe, dass das Gesamtwerk gewissermaßen auch „bipolar“ angelegt ist. Aber lesen Sie: Sprachlich ist da kein Bruch mit Vorangegangenem zu bemerken. Madonna, Björk & Co werden leicht als die Bilder durchsichtig, als übergeordnete Metaphern, die sie für den Vergangenes reflektierenden Erzähler ebenfalls sind. Der Erzähler bleibt distanziert, analytisch.

Das lässt mich für die Gesamtanlage des Romanes, der nicht mal in Rohwolts Verlagsbeschreibung darauf besteht, Roman zu sein, wenig Gutes erwarten. Prognose: Literarisch kann ich hier keinen Buchpreisträger erkennen, doch Preise werden selten nach literarischen Kriterien vergeben. Letztes Jahr überraschte man, indem man den Favoriten leer ausgehen ließ. Dieses Jahr wird man überraschen, indem man nicht überrascht. Melle machts.

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Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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