Wie fundamental sind Fundamentalisten?

Sind Fundamentalisten besonders nahe am Fundament ihres Glaubens? Das gegenteil ist wohl richtig. Sie klammern sich an eine längst überholte Oberfläche.

Japanese Jehovah's Witnesses. Foto: kc7fys. Lizenz: CC BY-SA 2.0

Oft werden Menschen, die sich besonders streng an den Wortlaut der heiligen Texte ihrer Religion halten, als Fundamentalisten bezeichnet. Es gibt sie in allen Religionen. Sie fordern die strikte Einhaltung der Forderungen ihres Gottes, so, wie sie in den jeweiligen Schriften formuliert worden sind.

Der Begriff „Fundamentalist“ ist dabei irreführend, denn er erweckt den Eindruck, dass diese Leute sich sozusagen auf das Fundament ihrer Religion beziehen, dass sie die Grundsätze, die fundamentalen Wahrheiten und Ursprünge, eben die Gründe ihres Glaubens besonders ernst nähmen. Demgegenüber würden dann „gemäßigte“ Gläubige, die keine Fundamentalisten sind, es vielleicht mit ihrem Glauben nicht ganz so ernst nehmen, würden mit ihrer Religion vielleicht einen lockeren Umgang pflegen, würden den Kontakt zu den eigentlichen Gründen ihres Glaubens schon etwas oder weitgehend verloren haben.

Das Gegenteil ist aber wohl der Fall.

Wer bei den Texten im Wortlaut einer heiligen Schrift stehenbleibt, der bleibt doch an der Oberfläche. Nehmen wir die Idee einer heiligen Schrift einmal ernst, dann ist sie ein Text, in dem der Gott zu den Menschen spricht, und zwar in einer Sprache und in Worten, die diese Gläubigen verstehen können. Notgedrungen muss der Gott sich der Sprache derer bedienen, die zu der Zeit und an dem Ort leben, wo er spricht. Er muss sich der Bilder bedienen, die sie aus ihrem Alltag verstehen, er muss ihre Erfahrungen aufgreifen, damit sie ihn verstehen. Er muss ihnen vor allem für ihr konkretes Leben konkrete Hinweise, Vorschläge und Anleitungen geben. Damit muss er eine Oberfläche über das eigentliche Fundament legen, welches den gläubigen Menschen als Grundlage ihres Lebens dienen soll.

Wer auch an anderen Orten und zu anderen Zeiten auf der Wahrheit dieses Wortlautes beharrt ohne zu verstehen, dass es mit einer bestimmten Situation von konkreten Menschen verknüpft war, bleibt an der Oberfläche eines längst vergangenen Bildes hängen. Er versteht nicht einmal das Bild, da er die Lebensumstände der Menschen, für die es gemacht war, ja nicht kennt. Zum Fundament des Glaubens kann er niemals vordringen.

Das Fundamentale eines Glaubens kann nur verstehen, wer durch den Text in den tieferen Sinn der Worte vordringt, wer sich die Mühe macht, den Sinn der Worte über das konkret-historische ihrer Niederschrift hinaus zu deuten. Das dürfte eine anstrengende Arbeit sein, die viel Beharrlichkeit verlangt und wohl auch einen tiefen, festen Glauben, dass der tiefe fundamentale Sinn vom Gott so in die Texte eingeschrieben ist, dass auch der spätere Mensch sie durch ernste Reflexion erkennen kann.

Also ist es genau umgekehrt: den fundamentalen, ernsten Glauben haben gerade nicht die, die an den Buchstaben kleben, sondern die, die durch die konkreten Geschichten und Gebote hindurch herausfinden möchten, was ihr Gott ihnen auch heute, in einer ganz anderen Zeit, an einem ganz anderen Ort, damit leitendes sagen kann. Wir sollten jene, die hinter den Buchstaben nicht den Sinn erkennen können, nicht damit als tiefere Gläubige bezeichnen, dass wir sie ganz zu Unrecht Fundamentalisten nennen.

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Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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