1000 Worte

„Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte“ heißt es, und dieser Spruch soll das Bild den Worten gegenüber aufwerten. Gastautorin Chris Kaiser hält dagegen.


Wenn man eine Woche Urlaub macht, zum Beispiel auf Kreta, mitten im Sommer, wenn Hitze und Sonne dort vorbehaltlos herrschen, dann kann man sich in diese Insel verlieben. Es gibt diese unwahrscheinlichen Farben des Meeres, diejenigen, die man sich sonst nur ausdenken kann für ein ideales Meer. Hellsandfarbener Sand, glasklares Wasser, bei dem die Wellen wie Murmeln herankommen, durchsichtig und leicht grün. Dann – bei etwas mehr Wellengang und beleuchtet von der Mittagssonne – dieses Türkis, das gegen den Horizont hin in dunkelblau übergeht, bevor es sich dann im Dunst der Ferne in das verwaschene Blau des Himmels verliert. Und diese wunderschönen Tupfer weißen Wellenschaums, die im Kontrast dieses Blaue Wunder erst so richtig bewusst machen.

Die Kinder können gar nicht genug davon kriegen, sich in die Wellen zu werfen, trotz dem sehr hohen Salzgehalt kennen sie nichts, da wird getaucht und getaucht und getaucht und das Brennen in den Augen vollkommen ignoriert.

Und am linken Rand des Strandes, gar nicht so weit weg, erheben sich die Berge steil aus dem Wasser, braun und fast völlig kahl, grün-grau getupft von einzelnen Felsen und Büschen. Sie sind nicht so nahe, um Einzelheiten zu erkennen, aber bei der Busfahrt um die Bucht konnte man in diesen Steilhängen die Ziegen an den unwahrscheinlichsten Stellen stehen sehen. Und kurz über dem Wasser sieht man bei bestimmten Lichtverhältnissen die Bruchlinien, wo das Wasser an diesen Bergen nagt und der Berg etwas seiner Substanz ans Nass verloren hat.

Überall wachsen Oleanderbäume in Weiß und vor allem Rosa

Ab und zu begeistern Kakteen mit dicken Feigen dran und natürlich sind da auch Palmen, in allen Formen und Größen. Vor allem die kleinen dicken scheinen sich durchzusetzen. Und beinahe jedes etwas hochsternige Hotel hat mindestens eine Zeder, die kunstvoll zu einem abgestuften Bürstenkopf zurechtgestutzt ist. An den Steilhängen am Straßenrand hingegen konnten sie sich nicht halten und fallen in alle Richtungen, meistens jedoch sind sie kurz vorm Abstürzen in die nasse Tiefe.

Wenn man dann noch eine Fahrt nach Knossos, zum berühmten minoischen Palast, bucht, dann kann man sich vor Eindrücken nicht mehr retten. Auf kleinstem Raum drängt sich 4000 Jahre alte Geschichte, mehr oder weniger liebevoll erhalten, aber imposant und erhaben. Selbst die alten Tongefäße, typisch rund und typisch tonfarben, in denen der Honig gelagert wurde – 2 m hoch und an der dicksten Stelle mit gleichem Durchmesser. Darin soll der Sohn des Minos ertrunken sein, in einem schrecklich süßen Tod.

Überall drängen sich Touristen auf engstem Raum, man steht Schlange, um in den Thronsaal des Königs und in das Schlafgemach der Königin zu sehen.  Und dann schweift der Blick über die ganze Anlage, das ist von fast jedem Punkt noch möglich. Und es stört nicht weiter, dass überall aus den Anlagen ein paar einzelne Bäume Schatten spenden, wo früher fest gemauerte Straßen standen, denn das Ganze gibt im Ensemble die Ruhe und die Abgrenzung von dem sonst so gedrängten Touristengeschäft, das man in geschlossenen musealen Anlagen erlebt. Wenn man es so schafft, sich in Gedanken von allen Mittouristen zu isolieren, dann bekommt man ein Gefühl der Verbundenheit mit dem Ort. Seltsamerweise wachsen da vor dem inneren Auge nicht die vergangenen Gebäude und das geschäftige Treiben der damaligen Menschen zu einem neuen Ganzen zusammen, sondern ein diachrones Bild entsteht, ein vierdimensionales Bild, in dem die Rückeroberung der Stätte durch die Natur ebenso ihren Platz hat, wie die glückliche Ausgrabung dieses historischen Ortes. Alles zusammen gibt einem den Platz darin und eine innere Stimme sagt: „Ich bin ein Kreter“ – man ist Europäer in nuce, von Minos damals bis Deutschland heute und man ist Natur und Kultur zugleich, man ist so vollständig, wie man sich selten fühlte.

Ich habe kein einziges Foto gemacht

Zuerst aus Bequemlichkeit, dann in vollem Bewusstsein, wohl merkend, dass alle diese Empfindungen und Eindrücke durch ein Foto oder mehrere nicht nur nicht eingefangen werden könnten, sondern völlig verlieren werden. Und ich verstehe diese Impressionisten, die – gerade das Meer und die Landschaften – alleine nach Eindruck, nicht nach Abbild wiedergeben wollten.

Ich mag das Medium der Schrift. Alles ist so reduziert auf einfaches schwarz-weiß, was das Medium selbst anbelangt. Alles spielt sich auf der Inhaltsebene ab, das was gesagt wird, das kommt an, man hat eine größere Kontrolle über den Prozess der Übermittlung der Botschaft.

Bei Bildern oder gar Filmen hingegen übernimmt das Medium eine dominante Rolle, die Übermittlung von Botschaften wird komplexer, oft auch zufälliger. Ein guter Fotograf nutzt die Ebene des Mediums für zusätzliche Mitteilungen, etwa in der Farbwahl, bei der Wahl des Filters, im Schneiden des Bildes, in der Komposition von Objekten. Ein Laie wie ich hingegen, der würde mit dem Foto zu viele Nebenschauplätze aufbauen, sei es durch das falsche Licht, den falschen Ausschnitt, meine eigenen Gefühle, die mich blind machen vor diesen „Nebenwirkungen“. Ich würde Botschaften mit transportieren, die ich gar nicht beabsichtige. Ein Betrachter würde ganz andere Details aus dem Bild für wichtig erachten, als ich, und Profis gar würden sich in Diskussionen ergehen, was man technisch alles falsch gemacht hat. Dabei will ich nur meinen Eindruck reproduzieren, den meine Augen für mich aufgefangen hatten, vor Ort.

Träume zum Beispiel sind auch interessant – sie wirken wie reine Requisiten- und Kulisseneinheiten. Man sagt ja, man träume schwarz-weiß. Das ist nicht ganz richtig. Aber Farbe ist nicht wichtig, es sei denn, sie hat eine besondere Bedeutung im Traum. Dann realisiert („traumisiert“) diese bedeutungsvolle Farbe prominent heraus. Ein Gegenstand aus der Kulisse wird wichtig – dann ersteht die wichtige Fassade, der wichtige Hintergrund wie eine Pappkulisse, soweit sie für die Traumhandlung vonnöten ist. Und ebenso sind viele Geschichten, die geschrieben werden. Sie beschreiben das, was der Autor beschreiben will, was er für wichtig erachtet und hat keine eigene Realität.

Meine 1000 Worte für diese Kolumne – sie sind schwarz-weiße abstrakte Zeichen, die ich für viel gehaltvoller halte, weil zurückhaltender, als jedes Foto, das ich zur Verfügung stellen könnte. Kreta verdient nur das Beste.

Chris Kaiser

Chris Kaiser

Chris Kaisers digitales Leben begann 1994, da entdeckte sie im CIP-Pool der Uni Erlangen das Internet und ein Jahr später das Chatten im damaligen IRC, was ihr ein aufregendes Leben ‚in and out‘ des Digitalen bescherte. Nachdem sie bedingt durch Studium, Kinder und andere analoge Kleinigkeiten das alles erstmal auf Eis legte, tauchte sie erst 2011 wieder auf, diesmal auf Facebook, vor allem, weil sie ihren eigenen ersten Roman „Die Jagd“ veröffentlichen wollte. Der Roman ist noch immer auf „bald erscheint er“. Ihre Spezialität ist die „Ästhetik des Widersprüchlichen“, um mit „ja, aber“ allzu feste Meinungen etwas ins Wanken geraten zu lassen.

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