Zivilschutz – Dekadenz

Die Regierung hat ihr Konzept noch gar nicht vorgestellt, da macht sich das Netz schon lustig darüber, und die Opposition ist natürlich empört. Das ist dekadent.


Die Erklärung der Regierung ist noch gar nicht da, aber das Netz macht sich schon mal lustig darüber und die Opposition ist natürlich empört. Das neue Zivilschutzkonzept empfiehlt unter anderem, dass sich die Bürger für ein paar Tage mit Trinkwasser und Lebensmittel-Konserven bevorraten sollten. Da sprechen Grüne und Linke natürlich sofort von Angstmache, und da die nächste Bundestagswahl nur noch ein Jahr entfernt ist, ist natürlich auch der Nur-Wahlkampf-Vorwurf nicht weit.

Die Ablehnungsreflexe weisen aber auf ein grundlegendes Problem unseres Weltverständnisses hin: Wir glauben, dass uns nichts passieren kann, dass wir unverwundbar sind. Und wenn doch mal irgendwas Unvorhergesehenes passiert, dann ist doch klar: Der Staat soll sich kümmern, dass wir nicht zu Schaden kommen!

Wir sind extrem verwundbar

Man muss ja nicht gleich einen Terrorangriff befürchten. Ziemlich sicher sind wir, dass in den nächsten Jahren extreme Wetterlagen wahrscheinlicher und häufiger werden. Schneemassen oder Überschwemmungen lassen die Energieversorgung und die Kommunikationseinrichtungen für Tage zusammenbrechen – das kann uns jederzeit passieren.

Unsere moderne Zivilisation ist extrem verwundbar, auch wenn wir das im Alltag überhaupt nicht wahrnehmen. Alles hängt davon ab, dass in den Steckdosen gleichmäßig und stabil der Wechselstrom mit 230 Volt anliegt. Was wirklich alles zusammenbricht, wenn diese Versorgung für ein paar Tage in einer ländlichen Region oder einer Großstadt zusammenbricht, möchte man sich gar nicht ausmalen. Der Stromausfall im Westmünsterland im November 2005 vermittelte einen ersten Eindruck davon, aber der war natürlich, wie viele ähnliche Vorfälle, für die meisten Menschen sehr weit weg, nicht mehr als ein spannendes mediales Ereignis.

Bei lokal begrenzten Katastrophen ist die technisierte, gut ausgestattete Bundesrepublik natürlich in der Lage, den Betroffenen schnell zu helfen. Als erstes sind dann auch immer die Kamerateams vor Ort, die den Menschen Mikrofone hinhalten, in die jene dann ihre Klagen sprechen, dass alles so unorganisiert sei, dass man nichts erfahre, dass die Hilfen zu lange brauchen, dass die Versorgung auf sich warten lasse.

Soll dieses Land wirklich die staatliche Für- und Vorsorge soweit treiben, dass es innerhalb von Stunden und auch bei mehreren Extremwetterereignissen gleichzeitig alle Bürger mit Wasser und Nahrung, mit Strom und Wärme versorgen kann? Denn das ist die einzige Alternative, wenn wir Bürger selbst nicht bereit sind, uns ein paar Flaschen Wasser und einen Stapel Wurstkonserven in den Schrank oder in den Keller zu stellen. Eine solche staatliche Vorsorge dürfte teuer sein, und ob sie im Falle des Falls wirklich funktioniert, ob die Infrastruktur dann dazu taugt, in kürzester Zeit alle betroffenen Orte zu erreichen, bleibt ungewiss.

Aber die Armen!

Nun kommen die Advokaten der Ärmsten sogleich mit der rhetorischen Frage, was denn aber mit den Hartz-4-Empfängern und den Rentnern sei, die sich die Einlagerung von Mineralwasser und Fischdosen nicht leisten können? Diese Frage offenbart den tief sitzenden Egoismus der Fragenden mehr, als denen lieb sein dürfte. Denn die einzige Antwort kann doch sein: Lagere selbst ein paar Liter Wasser mehr ein, denn in der Not wirst du doch wohl denen gern abgeben, die für sich selbst nicht sorgen konnten.

Uns kann nichts passieren, wir sind so unverwundbar, uns können weder ein extremes Wetterereignis noch ein abgefeimter Terrorangriff etwas anhaben. Für unser Wohl in jeder Lage hat der Staat zu sorgen, wir selbst sind da nicht zuständig. Man könnte dieses Denken als dekadent bezeichnen. Dekadente Gesellschaften haben allerdings ihre guten Zeiten hinter sich.

Lesen Sie die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Heiligen Schriften.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • „Nun kommen die Advokaten der Ärmsten sogleich mit der rhetorischen
    Frage, was denn aber mit den Hartz-4-Empfängern und den Rentnern sei,
    die sich die Einlagerung von Mineralwasser und Fischdosen nicht leisten
    können? Diese Frage offenbart den tief sitzenden Egoismus der Fragenden
    mehr, als denen lieb sein dürfte.
    Denn die einzige Antwort kann doch sein: Lagere selbst ein paar Liter
    Wasser mehr ein, denn in der Not wirst du doch wohl denen gern abgeben,
    die für sich selbst nicht sorgen konnten.“

    Gott, was für ein Schmuh!

    Zu den „Advokaten der Ärmsten“ zählen Sie sich offensichtlich nicht. Wenn man darauf verweist, wie zynisch es von der Bundesregierung ist, sich Vorräte anzulegen, während ein Harz-IV-Empfänger froh ist, ohne Hunger über den Monat zu kommen, muss man sich von Ihnen „tief sitzenden Egoismus“ vorwerfen lassen. Die sind dann in Katastrophenzeiten halt von der Mildtätigkeit der Anderen angewiesen. Ein Problem sehen Sie daran offensichtlich nicht.
    Wofür überhaupt noch Hartz-IV? Es gibt doch Suppenküche und genug Betuchte, bei denen man betteln kann?

    Ein schönes Beispiel dafür, wie man Solidarität mit Ausgebeuteten rhetorisch umdeuten kann.

    Werden „die Kolumnisten“ neuerdings von der Bundesregierung gesponsort?

    Auf ihre Mildtätigkeit wäre ich im Katastrophenfall äußerst ungern angewiesen.

    • Jörg Friedrich

      Von wem genau werden die Hartz-4-Empfänger ausgebeutet? Bitte keinen wütenden Aufschrei, nur eine präzise Antwort.

      • derblondehans

        … nur ein Beispiel, die Pflicht zum 1€uro-Job. Ich wiederhole, in Worten; ein €uro ‚Lohn‘ für eine Stunde arbeiten. Vom ’start-up-Quark‘ als ‚Ich-AG‘, der SPD, will ich gar nicht erst anfangen schreiben.

        • derblondehans

          … ooops? Korrektur: anfangen schreiben > anfangen zu schreiben

        • Jörg Friedrich

          Inwiefern wird denn durch 1-Euro-Jobs jemand ausgebeutet? Mal ganz davon abgesehen, dass der eine Euro bekanntlich als Aufwandentschädigung zusätzlich zur Grundsicherung bezahlt wird. Und wo wird durch die Ich-AG jemand ausgebeutet? Vielleicht beschäftigen Sie sich erst mal mit dem Begriff Ausbeutung.

          Des weiteren war meine Frage: Durch wen, ich wiederhole gern, durch wen werden die Hartz-4-Empfänger ausgebeutet?

          • derblondehans

            … nun ja werter J.F., es gibt viele Beispiele für Ausbeutung. Manchmal berichten sogar die Wahrheitsmedien.

            … hier ein aktuelles Beispiel aus dem ‚Leben‘ einer 1-Euro-Kraft: ‚ … Unsere Helfer werden aufs Übelste beleidigt und angepöbelt. Wir werden beschimpft, weil einige Bananen braune Flecken haben. Es wird gedrängelt, Alte und Kinder werden weggehauen. Da herrscht eine Aggressivität und ein Anspruchsdenken, das mich zur Weißglut bringt … Es tue ihm ’sehr leid, das zu sagen. Aber es sind fast ausschließlich Aussiedler aus Südosteuropa und zunehmend auch Flüchtlinge, die sich so benehmen.‘ Höhepunkt: eine Körperverletzung auf dem Tafel-Hof an der Laubenstraße. ‚Ich habe einem jungen Zuwanderer drei Äpfel gegeben‘, schildert die aus Iran stammende 1-Euro-Kraft Hendrik Ghariebihan (51) im WAZ-Gespräch. ‚Als ich ihm sagte, dass die anderen Leute auch Äpfel wollen, schlug er mir brutal ins Gesicht.‘

          • derblondehans

            … Nachtrag, um ganz Ihre Frage zu beantworten, wer die Hartz-4-Empfänger, das sind u.a. die Ein-Euro-Jobber, ausbeutet – Merkel und Ihre ‚Gäste‘. Wie es im Beispiel deutlich geschildert wird.

          • Sie scheinen tatsächlich ein gerüttelt Maß an Erkenntnisresistenz aufzubringen.
            Dass die ‚Beschäftigungsverhältnisse‘ in Arbeitsgelegenheiten bspw. Druck auf öffentlich Bedienstete der Stadtreinigung ausüben scheinen Sie nicht zu erkennen, oder erkennen zu wollen.

            Und Ich-AG-Ausführende beuten sich selbst aus, um der rigiden Hartz-IV-Gesetzgebung entfliehen zu können, in derer sie ansonst durch den Staat unmündig gemacht werden.

            Vielleicht mal ein wenig zurücklehnen, um über Argumente Anderer nachzudenken, anstatt aus purem Reflex die eigene Haltung zu verteidigen und nicht hinterfragen zu wollen.

      • H4-Empfänger werden nicht ausgebeutet, sondern sie sind das lästige, überflüssige (sic) Treibgut der Abgehängten dieser Gesellschaft.
        Weder die Regierung, noch Sie, halten sie anscheinend für einen relevanten Teil unserer Gesellschaft.
        Die publizierte Sorge um die Belange von Individuen gehen anscheinend nur von der sog. Mitte an aufwärts. Die, die nicht verwertbar sind – kosten, statt nützen, sind obsolet – lediglich geduldet.
        Um es schmissig auszudrücken: Der Wert des Individuums hängt von dessen Verwertbarkeit ab.
        In der Bedarfsermittlung von Hartz-IV-Empfänger sind weder Geburtstagsgeschenke, noch Schnittblumen oder Tierfutter (Hamsterkäufe also nicht finanzierbar – kleiner Scherz) eingerechnet.
        Was ich an Ihrer Argumentation kritisiere sind folgende Punkte:
        1.) Es gibt viele in dieser Gesellschaft, die kritisieren, dass der zugebilligte Bedarf eine Partizipation am gesellschaftlichen Leben verhindern. Wie kann man soziale Kontakte aufrecht erhalten, wenn nicht mal einer Geburtstagseinladung nachgekommen werden kann, da man schlicht das Geld nicht hat, um eine Fahrkarte zu lösen? Von einem Geburtstagsgeschenk ganz zu schweigen.
        Das Kind hat Geburtstag? Herzlichen Glückwunsch, aber für ein Geschenk wird denen nichts zugebilligt.
        Von Oma 50 Euro für den Kindergeburtstag geschenkt? Muss man angeben, wird dann vom Hartz-IV-Satz abgezogen.
        Klassenausflug?
        Das Töchterchen/der Sohnemann muss leider zu Hause bleiben.
        Dies lässt sich endlos fortsetzen.
        Die pauschale Herabwürdigung, aller, die am Beispiel dieser Notstandsregelung die zu niedrigen Hartz-IV-Sätze anprangern, als ‚tief sitzenden Egoismus‘ zu defamieren, macht mich dann doch wütend. Das empfinde ich zumindest, als übelste sozialdarwinistische Rabulistik.
        Und dann muss ich dann doch fragen, wie Sie zur Idee des Humanismus stehen.

        Wenn Notrationen von der Regierung als notwendig propagiert werden, wieso hat dann kein H4-Empfänger Anspruch darauf?
        Ihre Antwort darauf würde mich sehr interessieren!

        2.) Es ist müssig, Sie als Philosophen, davon überzeugen zu müssen, dass die Reichtumsverteilung ungerecht ist, dass immer mehr Reichtum von Arm zu Reich fließt. Finden Sie das gerecht?
        Glauben Sie an die Leistungsgesellschaft?
        Glauben Sie, dass die wirklich Reichen, dies durch ihre persönlichen Leistungen verdient haben?
        Millionenerben, Vorstandsvorsitzende von Konzernen, usw.?
        Durch Ihre Äußerungen legitimieren Sie indirekt das System.

        Sie legitimieren durch Ihre Äußerungen, dass die Solidarität (in Katastrophenlagen) von dem Gutwill der Betuchten abhängig ist (der schon längst widerlegte Trickle Down Effekt).

        Und Sie beurteilen die Kritiker dieser Zustände dann noch als Träger eines ‚tief sitzenden Egoismus’…

        Ich wollte es vermeiden, aber es wurde dann doch zu einem wütenden Aufschrei.

        Ihre Intelligenz mag ich Ihnen nicht absprechen, Ihre emotionale Intelligenz aber doch.

      • Hartz-Iv-Empfänger werden von den Systemprofiteuren dieser Reichtumsverteilung ausgebeutet. Als Arbeits-Reservearmee, die Druck durch ausgehebelten Niedriglohn auf bestehende Arbeitsverhältnisse ausüben. Es mag Sie überraschen, aber nicht nur Unausgebildetete beziehen SGB II-Leistungen.
        Es verwundert mich, dass gewisse Tatsachen sich Ihrer Erkenntnis entziehen.
        Und ich bin es auch ein wenig Leid, dass ich Ihnen dies alles erklären soll.

        Vielmehr macht es mir den Anschein, dass Sie in einer gewissen ideologischen Blase gefangen sind, denn sonst würden Sie die Kritiker von Hartz-IV nicht als Träger eines „tief sitzenden Egoismus“ bezeichnen. Eine Rechtfertigung dieser Denunzierung bleiben Sie bislang schuldig.

        Und wenn Sie schon dabei sind:
        Warum halten Sie es nicht für notwendig, dass SGB II-Leistungsempfängern einen Anspruch auf Notversorgung zugebilligt wird, die von der Regierung angeraten wird – und die Sie erklärtermassen doch für so sinnvoll halten?

        Eine präzise Antwort wäre schön!

      • Claudia Sperlich

        Ich bin lange Zeit – bis vor wenigen Monaten – Hartz-IV-Empfänger gewesen, bin jetzt auch durchaus nicht reich und stimme dem Artikel von Herzen zu.

        An Hartz IV und dem Umgang mit den Empfängern gibt es sehr viel zu kritisieren. Nicht zuletzt eine eher unsolidarische Mentalität. Wenn jetzt hier Solidarität angeregt wird – auf die übrigens fast alle fast immer angewiesen sind, auch wenn sie nicht direkt arm sind – ist das genau das Gegenteil vom Nanny-Staat, den erst recht keiner will.

        Was den sog. 1-€-Job angeht: Dabei ist man versichert, bekommt die Grundsicherung (also Hartz IV) und außerdem 1 € pro Stunde. Die Arbeiten, die es da gibt, sind i.d.R. sinnfrei und schlecht geleitet, aber zu behaupten, man bekäme nur einen Euro und sonst nichts, ist schlichtweg falsch.

  • Ich war so frei, mich dieses Textes in meinem Blog anzunehmen.
    http://aufzeichnungen-eines-gutmenschen.blogspot.de/2016/08/zitat-des-tages-jorg-friedrich-von-den.html

    Der Autor ist eingeladen, sich dort mit meiner Kritik auseinander zu setzen.

    • Hubert Daubmeier

      War so naiv und hab drauf geklickt. Was für ein erbärmlicher Schmarrn.

  • derblondehans

    … sorry Freunde, am Besten sorgen die ‚Menschen da draußen vor‘, O-Ton Merkel, in dem sie rein
    kommen und die verantwortliche Politik um die Ex-FDJ-Sekretärin und Kumpane, im wahrsten Sinn des Wortes, aus dem Amt jagen. Das sind die Deutschen ihren Kindern schuldig. Auf die Barrikade. Sofort.

  • ein anderer Stefan

    Wie wäre es denn, wenn wir mit den Hartz-IV-Empfängern so weit solidarisch wären, dass wir ihnen nicht nur im Katastrophenfall, sondern auch sonst dadurch helfen, dass sie von den Transferleistungen auch leben und nicht nur gerade so überleben können? Transferleistungen sind kein Almosen, sondern basieren auf einem Rechtsanspruch, den wir als Gesellschaft aus gutem Grund „leisten“. (so Kram wie Menschenwürde und so) Aber es ist natürlich kommod, all jene Menschen, die sich durchaus berechtigte Gedanken über die Gerechtigkeit in unserem Land machen, als dekadent abzukanzeln. Was das Abgeben angeht: Grundsätzlich kein Thema, aber eben gerade in der Not ein Problem. Wenn die Wasserversorgung tatsächlich mal länger ausfällt, wird es recht schnell eng. Und dann kommt auch der solidarischste Mensch an den Punkt, an dem ihm das Hemd näher ist als die Hose. Nein, wenn man diese Vorsorge ernst meint, muss jeder Mensch diese selber leisten können. In einer wirklich bedrohlichen Krise ist sich jeder zunächst selbst der nächste.

    Mal ganz abgesehen von den praktischen Problemen, den diese Vorratshaltungsidee aufwirft (Nicht jeder hat eine ausreichend große Vorratskammer oder -keller, gerade in Großstädten sind die Wohnungen aus Kostengründen oft arg begrenzt, umso mehr für Hartz-IV-Empfänger. Oder sieht der Soziale Wohnungsbau, den es ja eigentlich gar nicht mehr gibt, Vorratskammern vor? Von welchem Geld genau soll ein Hartz-IV-Empfänger einen Bargeldvorrat anlegen? Vom gerne mal gekürzten Existenzminimum? Wie schlau ist es, wenn in jeder Wohnung 200 Euro in Bar rumliegen, und es jetzt schon nicht möglich ist, Einbrecherbanden einhalt zu gebieten?), finde ich es auch absurd, dass hier der allseits beliebte Terroranschlag herhalten muss. Nach einem Terroranschlag wie in München lebt man doch nicht mehrere Tage in einer faktischen Belagerungssituation, und bisher haben Terroranschläge nicht auf Infrastruktur gezielt. Klar, das kann sich jederzeit ändern. Aber das Problem sehe ich eher in einem Versagen der in der Tat kritischen Infrastruktur, insbesondere der Stromversorgung. Wenn die mal großflächig zusammenbricht, haben wir eine ernste Krise, wie der schon öfter zitierte Stromausfall im Münsterland. Da habe ich weniger Angst vor Terroranschlägen mit Bomben, als vielmehr vor Angriffen über das Internet, wenn wir den dazu fähigen Staaten durch „verstärkte Aktivitäten“ übermäßig auf die Füße treten. Aber zuerst ist die systematische Vernachlässigung der Infrastruktur und deren mangelnde Sicherung im Netz zugunsten von Gewinngenerierung der „Shareholder“ das Problem, was mir einfällt. Die technische Infrastruktur ist extrem kritisch für unser Land und unser aller Leben und sollte meines Erachtens nicht einem neoliberalen Gewinnstreben ausgeliefert sein. Wie das im Extremfall aussehen kann, kann man ja in den USA „bewundern“. Beispiel sei die Wasserversorgung der Städte an den Großen Seen.

    • Jörg Friedrich

      Wie unterscheiden Sie „davon leben“ und „gerade so überleben“? Ich muss gestehen, dass ich die Grundsicherung in Deutschland für eine ganz außerordentliche Solidarleistung halte, auf der anderen Seite aber sicher bin, dass jede Leistung, die da gewährt wird, von irgendjemandem als zu gering eingestuft wird.
      Sie brauchen keine Vorratskammer um einen „Six Pack“ 1 1/2 Liter-Wasserflaschen pro Person, ein paar Nudeln usw. abzustellen. Probieren Sie es mal aus, das nimmt gar nicht viel Platz weg.
      Wenn Sie dann mal meinen Artikel lesen, werden Sie feststellen, dass es da gar nicht um Terroranschläge geht. Wie bei den meisten, die sich zu dem Thema äußern.

      • ein anderer Stefan

        Überleben heißt für mich, das notwendigste zum Leben haben, wie Nahrung, Wasser, Wohnung und Kleidung. Mit dem aktuellen Höchstsatz von 404 Euro im Monat (alleinstehende Person) ist nur wenig mehr als das Minimum drin, wage ich zu behaupten. In einer Tabelle dazu habe ich den Wert von knapp 145 Euro im Monat für Nahrung gesehen, keine fünf Euro am Tag. Das ist bestimmt zu schaffen – wenn man halt die berühmte Pferdefleischlasagne beim Discounter mag…

        Ich habe gerade mal das Thema Wasserverbrauch bei Wikipedia gesucht – mit einem „Sixpack“ kommen Sie da nicht weit. Der Pro-Kopf-Verbrauch nur für trinken und kochen wird da bei drei Litern am Tag angesetzt, was also überlebensnotwendig ist. Luxus wie Körperpflege, Geschirrspülen, Wäschewaschen, Toilettenspülung? Nicht mit einem Flaschenvorrat. Pro Kopf und Woche 20 Liter fürs Überleben – wer eine Familie hat und das ernst nimmt, darf gerne über die Anschaffung vo größeren Kanistern nachdenken. Trockennahrung und Konserven für eine oder zwei Wochen – das ist schon im Campingurlaub lästig, das alles mitzuschleppen. Für vier Personen gilt gemäß Hartz IV eine Wohnungsgröße von 90 m² normalerweise als angemessen – da wird sich sicher eine Ecke finden, in der man 80 Liter Wasser und Trockenfutter für eine Woche lagern kann. Aber eine dauerhafte Vorratshaltung nimmt mehr Platz, Zeit und Geld in Anspruch, als man meint.

        Der Staat meint doch offenbar, den Bürger zu seiner eigenen Sicherheit beliebig intensiv überwachen zu müssen und zu dürfen, wenn ich Herrn de Maiziere und andere so reden höre. Die Gesetzgebung geht in vielen Bereichen davon aus, dass man durch möglichst umfassende Vorschriften die Risiken für die Bevölkerung minimieren kann (das Bauwesen fällt mir da aus eigener Anschauung ein). Durch diese allgegenwärtige Bevormundung und Überwachung hat sich die Versorgungsmentalität ja erst entwickelt.
        Dann jetzt dahergehen, und die sich daraus entwickelnde Haltung „dafür muss der Staat sorgen“ jetzt als dekadente Haltung zu brandmarken und ausgerechnet im Katastrophenfall, den wir überwiegend ja zum Glück bisher nicht erlebt haben, Eigeninitiative einzuforden, kommt mir etwas schräg daher. Ich halte es in der Tat für eine staatliche Aufgabe, für eine Infrastruktur zu sorgen, die auch bei Teilausfällen noch mindestens einigermaßen funktioniert (Redundanz), eben weil wir alle so abhängig sind, insbesondere von einer Stromversorgung. Das ist natürlich extrem kostspielig, weswegen es sicher nicht von Privatunternehmen zu leisten ist, denn diese arbeiten ja gewinnoriertiert, was ja auch ihre Aufgabe ist. Unter anderem deswegen halte ich die Privatisierung von Infrastrukturaufgaben für eine ganz besonders schlechte Idee.

        Aber soll der Bürger allen Ernstes mit Wasserflaschen und Campingkochern die Fehlentscheidungen bezüglich der Absicherung unserer Infrastruktur ausbaden? Die erste Aufgabe des Staates und aller nachgeordneten Organe ist die Daseinsvorsorge für die Menschen im Staatsgebiet. Dieser Aufgabe haben sich meines Erachtens alle anderen Erwägungen unterzuordnen. Was genau die Daseinsvorsorge umfasst, unterliegt einem politischen Aushandlungsprozeß, unter dem Primat des Grundgesetzes. Infrastruktur gehört aber allemal dazu.

        • Volle Zustimmung!
          Übrigens, wenn ich meinte für den Notstand vorsorgen zu müssen, würde ich mir ein Notstromaggregat und viel Benzin versorgen. In unserer Stromversorgung sind wir wie Du schon andeutest angreifbar/verwundbar. In dem Roman ‚Blackout‘ wird sehr anschaulich beschrieben, was bereits nach ein paar Tagen Stromausfall mit dieser Gesellschaft passiert. Die Decke der Zivilisation ist dann sehr dünn… Ist zwar nur ein Roman, aber sehr sachkundig beschrieben und allseits gelobt. Lesetipp!
          Und diese berühmten Wasserflaschen und Nudeln, die uns im Notstand weiterhelfen sollen sind ja wohl ein schlechter, naiver Witz. Es wundert mich, dass ein gebilderter Mensch wie Herr Friedrich ernsthaft solch einen Quatsch propagiert. Ich habe es bereits an anderer Stelle geschrieben: Es erinnert mich an Zeiten wo Kindern das Kriechen unter die Schulbank bei einem Atomarschlag empfohlen wurde. Am besten noch ein Buch über den Kopf.
          Ich kann mir Herrn Friedrich richtig gut vorstellen – beim Nudelwasseraufsetzen während eines Notstandes.
          Lachhaft

          • ein anderer Stefan

            Ach ja, da fällt mir zum Thema Atomschlag noch die Selbstschutz-Aktentasche ein. „Duck and Cover“ geht auch. Auch wenn die Kriegsgefahr noch gering ist (wie sich das angesichts der neuen Lust auf militärische Abenteuer wandelt, bleibt abzuwarten), sind diese Hinweise wohl eher ein WItz auf genau diesen Niveau – allzu peinliche und durchsichtige Versuche, die Bevölkerung zu beruhigen und die Verantwortung wieder einmal abzuwälzen.

          • Ralph Eisermann

            Man braucht doch nur vor einem verlängerten Wochenende oder Festtagen einkaufen. Trotzdem die Unternehmen sich darauf einstellen können fehlt es in so manchem Regal. Eine jede Krise würde sofort dazu führen dass die Kaufhäuser leergekauft werden. Selbst bei einer funktionierenden Infrastruktur wäre es da schnell schwierig Nachschub zu beschaffen. Und erst recht wenn sie nicht funktioniert …

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