Zivilschutz – Dekadenz

Die Regierung hat ihr Konzept noch gar nicht vorgestellt, da macht sich das Netz schon lustig darüber, und die Opposition ist natürlich empört. Das ist dekadent.


Die Erklärung der Regierung ist noch gar nicht da, aber das Netz macht sich schon mal lustig darüber und die Opposition ist natürlich empört. Das neue Zivilschutzkonzept empfiehlt unter anderem, dass sich die Bürger für ein paar Tage mit Trinkwasser und Lebensmittel-Konserven bevorraten sollten. Da sprechen Grüne und Linke natürlich sofort von Angstmache, und da die nächste Bundestagswahl nur noch ein Jahr entfernt ist, ist natürlich auch der Nur-Wahlkampf-Vorwurf nicht weit.

Die Ablehnungsreflexe weisen aber auf ein grundlegendes Problem unseres Weltverständnisses hin: Wir glauben, dass uns nichts passieren kann, dass wir unverwundbar sind. Und wenn doch mal irgendwas Unvorhergesehenes passiert, dann ist doch klar: Der Staat soll sich kümmern, dass wir nicht zu Schaden kommen!

Wir sind extrem verwundbar

Man muss ja nicht gleich einen Terrorangriff befürchten. Ziemlich sicher sind wir, dass in den nächsten Jahren extreme Wetterlagen wahrscheinlicher und häufiger werden. Schneemassen oder Überschwemmungen lassen die Energieversorgung und die Kommunikationseinrichtungen für Tage zusammenbrechen – das kann uns jederzeit passieren.

Unsere moderne Zivilisation ist extrem verwundbar, auch wenn wir das im Alltag überhaupt nicht wahrnehmen. Alles hängt davon ab, dass in den Steckdosen gleichmäßig und stabil der Wechselstrom mit 230 Volt anliegt. Was wirklich alles zusammenbricht, wenn diese Versorgung für ein paar Tage in einer ländlichen Region oder einer Großstadt zusammenbricht, möchte man sich gar nicht ausmalen. Der Stromausfall im Westmünsterland im November 2005 vermittelte einen ersten Eindruck davon, aber der war natürlich, wie viele ähnliche Vorfälle, für die meisten Menschen sehr weit weg, nicht mehr als ein spannendes mediales Ereignis.

Bei lokal begrenzten Katastrophen ist die technisierte, gut ausgestattete Bundesrepublik natürlich in der Lage, den Betroffenen schnell zu helfen. Als erstes sind dann auch immer die Kamerateams vor Ort, die den Menschen Mikrofone hinhalten, in die jene dann ihre Klagen sprechen, dass alles so unorganisiert sei, dass man nichts erfahre, dass die Hilfen zu lange brauchen, dass die Versorgung auf sich warten lasse.

Soll dieses Land wirklich die staatliche Für- und Vorsorge soweit treiben, dass es innerhalb von Stunden und auch bei mehreren Extremwetterereignissen gleichzeitig alle Bürger mit Wasser und Nahrung, mit Strom und Wärme versorgen kann? Denn das ist die einzige Alternative, wenn wir Bürger selbst nicht bereit sind, uns ein paar Flaschen Wasser und einen Stapel Wurstkonserven in den Schrank oder in den Keller zu stellen. Eine solche staatliche Vorsorge dürfte teuer sein, und ob sie im Falle des Falls wirklich funktioniert, ob die Infrastruktur dann dazu taugt, in kürzester Zeit alle betroffenen Orte zu erreichen, bleibt ungewiss.

Aber die Armen!

Nun kommen die Advokaten der Ärmsten sogleich mit der rhetorischen Frage, was denn aber mit den Hartz-4-Empfängern und den Rentnern sei, die sich die Einlagerung von Mineralwasser und Fischdosen nicht leisten können? Diese Frage offenbart den tief sitzenden Egoismus der Fragenden mehr, als denen lieb sein dürfte. Denn die einzige Antwort kann doch sein: Lagere selbst ein paar Liter Wasser mehr ein, denn in der Not wirst du doch wohl denen gern abgeben, die für sich selbst nicht sorgen konnten.

Uns kann nichts passieren, wir sind so unverwundbar, uns können weder ein extremes Wetterereignis noch ein abgefeimter Terrorangriff etwas anhaben. Für unser Wohl in jeder Lage hat der Staat zu sorgen, wir selbst sind da nicht zuständig. Man könnte dieses Denken als dekadent bezeichnen. Dekadente Gesellschaften haben allerdings ihre guten Zeiten hinter sich.

Lesen Sie die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Heiligen Schriften.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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