Meister Li. Die Fantastische Reise geht weiter

Ein amerikanischer Fantasyroman in einem alternativen „Alten China“ – Kann das gut gehen? Und wie, findet Kolumnist Sören Heim in der Fortsetzung der Fantastischen Reise

Shānjìng Chūnxíng Tú von Ma Yuan - gemeinfrei

Endlich. Ich bin mal wieder über ein Buch gestolpert, das Lust macht die fantastische Rezensionsreise fortzusetzen. Gestolpert trifft es tatsächlich. Denn eigentlich war ich auf der Suche nach Sekundärliteratur zum Traum der roten Kammer oder Die Geschichte vom Stein und der erste Treffer bei Wikipedia brachte mich, nun ja – auf Die Geschichte vom Stein. Allerdings: eine andere. Es handelt sich um den zweiten Band einer dreibändigen Serie von Barry Hughart, im Deutschen bekannt oder besser unbekannt als „Meister Li – Romane“, deren ersten Teil der Umschlag als „Eine Geschichte aus einem alten China das es niemals gab“ beschreibt.

Geschichte ohne Alternative

Die Brücke der Vögel (A Bridge of Birds) ist ein wahrscheinlich relativ einzigartiger fantastischer Roman, indem er sich einiger typischer Tricks von Alternativ-Geschichtsschreibungen bedient ohne dabei jemals tatsächlich das Territorium der Alternativgeschichte zu betreten. Denn diese setzen für gewöhnlich implizit oder explizit beim Leser ein Bestreben voraus, zu vergleichen, zu spekulieren: Was wäre geschehen, wenn …? Hughart ist all das reichlich egal. Er nutzt die zahlreichen quasi mythologischen Vorstellungen (nicht nur) beim westlichen Leser darüber, was das sogenannte „Alte China“ ausgemacht habe (historisch müsste man den Roman in der frühen Tang-Dynastie ansiedeln, aber davon ist wenig zu merken und zumindest an einer Stelle wird ein Dichter der viel späteren Song zitiert), und mischt daraus eine temporeiche abenteuerliche Märchenerzählung voll selten wirklich erklärter Magie, göttlicher Intervention sowie wiederum einer gehörigen Skepsis zahlreicher Charakteren gegenüber allem Übernatürlichen. Klischee und Klischeebruch liegen oft nah bei einander, werden dabei aber nie belehrend eingesetzt, sondern in erster Linie, um eine stimmige Welt und Geschichte zu schaffen, die Dank des halb-familiären Rahmens auf das schrecklich trockene detaillierte Worldbuilding der High Fantasy verzichten kann und trotzdem ungeheuer plastisch und relativ durchdacht wirkt. Kein Wunder: Der Leser füllt die Lücken.

Zu erwartende Einwände

Vereinzelt wird man unter den zahlreichen lobenden Rezensionen im englischen Sprachraum Zwischenrufe wie diesen hier auf Amazon finden:

The title of this book should be „How a naive U. S. citizen who has never left his country imagines ancient China while eating a cheeseburger.

Aber abseits von hardcore Critical-Whitenes Aktivisten sollte es kaum jemanden geben der Hughart Orientalismus vorwerfen dürfte. Schreckliche Fehlgriffe wie Mickey Rooneys I. Y. Yunioshi gibt es in Die Brücke der Vögel nicht, dafür einen wilden Plot und unvermitteltes Einbrechen der ästhetisch-philosophischen Kontemplation, die sich vor der Reise in den Westen und dem Traum der roten Kammer nicht schämen müssen. Auch ins Chinesische wurde Die Brücke der Vögel übersetzt.

Buddy-Movie, Sherlock Holmes, Dungeon Crawler

Zum Inhalt: Die Brücke der Vögel hebt an mit einer unerklärlichen Epidemie in einem entlegenen Dorf, die nur die Kinder von 8-13 Jahren befällt. Der junge Dörfler Nummer zehn der Ochse sucht den weisen Meister Li in Peking auf, der sich, seit er keine 90 mehr ist, so langsam von allen anstrengenden Geschäften zurückgezogen hat und nur noch von Zeit zu Zeit als eine Art Privatdetektiv in Erscheinung tritt. Im Kennenlernen und Umwerben kommen klassische Elemente des Buddy-Movie zum Einsatz.

Die beiden begeben sich dann, ein wenig an einen klassischen Dungeon Crawl gemahnend, auf eine dreiteilige Suche nach der Großen Wurzel der Macht, einer äußerst mächtigen Ginsengpflanze. Mit der Zeit enthüllt sich diese Queste als mit einer weitaus größeren verknüpft, die sich um nichts mehr und nichts weniger dreht als die unglückliche Liebe eines kleineren Gottes und die unglaubliche Langlebigkeit eines großen Imperators. Hughart versteht es meisterhaft, diese zweite Queste schon auf den ersten 20-30 Seiten des Romans anzulegen, ohne dass es zunächst ins Auge fällt. Auch die Verknüpfung einer Sherlock Holmesschen Detektivgeschichte mit Stoffen, die gewöhnlich Tragödienmaterial sind, macht er geschickt durch den Kunstgriff plausibel, dass „nichts im Himmel absolut“ sei, „außer das Gesetz: Auch der oberste Gott ist an das imperiale Buch der Etikette gebunden“. Zudem hat gerade dieser oberste Gott ein ureigenes Interesse, die Questen unsrer Helden zu verknüpfen. Zuletzt muss die Eleganz, mit der Hughart inmitten der ansonsten wie mit Hinblick auf eine mögliche Verfilmung geschrieben wirkenden Handlung atmosphärisch dichte, poetische Schlaglichter auf die Gesellschaft seines „China das es niemals gab“ wirft, begeistern. So etwa in kurzen Passagen zur Aufzucht der Seidenraupe, zu den Ritualen des Ginsengsammlers oder mit einem doppelten Besuch in Peking zuerst bei Nacht, dann bei Tage, wobei die zwei Städte harsch zu kontrastieren scheinen.

Mit Zizek, Lama und Jackie Chan?

Ja: Schade, dass an eine Verfilmung des Stoffes bisher noch nicht gedacht wurde. Die buddhistisch-taoistische Reichtumskritik, die immer wieder mit herrlichem Witz von verschiedenen Protagonisten entfaltet wird, und die gleichzeitige hemmungslose Bereicherung (und die Trunksucht, und die griechischer Götter würdigen fleischlichen Gelüste) lassen die fertige Hollywood Produktion bereits jetzt von meinem Inneren Auge ablaufen: Mit Slavoj Žižek als Nummer Zehn der Ochse und dem Dalai Lama (Stuntdouble: Jackie Chan) als Meister Li.

Wenn mir jemand so 50 bis 100 Millionen Euro (gern auch Dollar) bereitstellt, produzier ich’s. Versprochen. . .

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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