Ein gewaltiges Buch mit vielen Namen

Der Traum der Roten Kammer gilt als einer der bedeutendsten Romane der chinesischen Literatur. Man sollte ihn sich (mindestens) einmal zu Gemüte führen

aus: Yongzheng - Screen of Twelve Beauties - - gemeinfrei

Ein so gewaltiges Buch lässt sich kaum nach einmaliger Lektüre rezensieren. Mao will es 5 mal gelesen haben und legte jedem Chinesen nahe, es mindestens einmal zu lesen. Ein ganzer Studienzweig, die sogenannte Redology, ist rund um dieses Werk erwachsen. Sie kreist einzig und allein um Quellenstudien und Auslegungen zu dem im 18. Jahrhundert erschienenen Roman.

Um eine Rezension sollte sich dann hier auch nicht handeln, mehr um lose Gedanken, Anregungen, einen Hinweis: Lesen Sie doch einmal, wenn Sie ein wenig Zeit übrig haben (zum Beispiel die, die Sie mit Game of Thrones verschwenden) dies:

Ein Roman – 5 Namen

Der Traum der roten Kammer. Oder: Die Geschichte vom Stein. Beziehungsweise: Die Geschichte von Bruder Liebe. Nein: Ein Spiegel der Romantik. Doch warum nicht: Erinnerung an goldene Tage? (die Geschichte von der Wandlung der Titel entnimmt man der Rahmenhandlung).

Auszugsweise schon einmal auf Deutsch übersetzt von Franz Kuhn, auf Englisch bei Penguin erhältlich in der Übertragung von David Hawkes, fertig gestellt von John Minford. Und auch auf Deutsch seit einiger Zeit in einer 2500seitigen „Taschenbuch“-Ausgabe im Bochumer Universitätsverlag.

Das Buch steht, seit ich mich über Jahre exzessiv mit klassischer chinesischer Lyrik beschäftigt habe auf einer Leseliste. Neben Die Geschichte der Drei Reiche, Die Räuber vom Liang-Schan-Moor, Die Reise nach Westen und Die Pflaumenblüte in der goldenen Vase gilt der Text als einer der fünf großen chinesischen Romane, und für den modernen Leser wohl als der zugänglichste.

Der vollendete Unvollendete

Was ist das für ein Buch? Ich möchte es – ich muss es ja – herunterbrechen: Ein womöglich vom Autor Cao Xueqin vollendeter, dann doch wieder unvollendeter, schließlich von Editor Gao E neu-vollendeter Roman aus der mittleren Ming Zeit in 80 bzw. 120 Kapiteln. Allein die Verlust- und Entdeckungsgeschichte der Manuskripte gäbe eine spannende Krimiserie ab, eine weitere die bis heute nicht abgeschlossene Suche nach den Identitäten der Kommentatoren Red Inkstone und Odd Tablet. Ein schwelgerisches Buch, das dennoch oft als naturalistisch beschrieben wird, ein Buch das aber auch die übersinnliche Begebenheit, sei es als reales Ereignis, sei es als Metapher, nicht scheut. Ein Buch voll oft bissigem anti-daostischem und antibuddhistischem Humor, dass am Ende doch eine spirituelle Wendung vollzieht und sich gewissermaßen mit der Tradition auf weltlicher und geistlicher Schiene aussöhnt, ohne auch dem Leser diese Aussöhnung aufzudrängen. Nebenbei auch ein Buch das zeigt, dass „fernöstliche“ Patchwork-Religionen keine moderne westliche Erfindung sind.

Die Handlung rankt sich um Bao-yu, mit einem Stück Jade im Mund geboren und wie uns die Rahmenhandlung nahelegt die Reinkarnation eines Steines, der beim Bau des Himmels übrig blieb, um die Zwölf Schönheiten von Jinling & die alltäglichen Verrichtungen der Familien Wang und Jia. Das Buch wird meines Erachtens nicht ganz zu Unrecht gern mit der Suche nach der verlorenen Zeit verglichen, die jedoch sehr viel selbstzentrierter daherkommt als dieses Panoptikum vom späten Ruhm und Verfall einer Familie, in dem dem zentralen Dreigestirn aus Bao-yu, der gebrechlich-nachdenklichen Dai-yu und der weltzugewandten pragmatischen Bao-chai eine kleine Armee an fast gleichberechtigt Nebencharakteren zur Seite steht.

Crossover aus Buddenbrooks und Au Rebours?

Wer sich ohne Vergleichsmodelle nicht auf ein Buch einlassen kann, dem möchte ich nahe legen, den Traum der roten Kammer als ein radikales Crossover aus Buddenbrooks und Huysmans Au Rebours zu lesen. Die Beschäftigung mit der Kunst und den schönen Dingen um ihrer selbst willen (wovon weder Geschlecht noch Pragmatik übrigens auch Bao-chai abhalten, wie überhaupt die Frauenrollen kaum gängigen vormodernen China-Klischees entsprechen) nimmt in diesem Roman eine so herrausragende Stellung ein, dass sich der Gedanke aufdrängt: Dies müsse das Paradies des freien und frei denkenden Menschen sein.

Ja: Wenn es denn nicht auf Ausbeutung und Sklaverei gegründet wäre. Denn was Hegel von Voß und Gessners Idyllik sagt (die allerdings genau diese Einsicht zu verdrängen suchte), gilt auch für den Traum der roten Kammer:

Kaffee und Zucker nun sind Produkte, welche in solchem Kreise nicht entstanden sein können und sogleich auf einen ganz anderen Zusammenhang, auf eine fremdartige Welt und deren mannigfache Vermittlungen des Handels, der Fabriken, überhaupt der modernen Industrie hinweisen.

Hegels Kaffee sind im Traum persische Schnitzereien ebenso wie die Webarbeiten der Dörfler und Tagelöhner, die in einem frühen Kapitel auch jäh als Menschen in die vergeistigten Welt der Elite einbrechen. Dass Entrückung eine zeitweilige ist, dass die Familien Wang und Jia nicht ewig die bleiben werden, die sie zu sein scheinen, ist in zahllosen Voraus- und Zurückdeutungen, auch und besonders in den unzähligen Gedichten, immer wieder thematisiert. Der Traum der roten Kammer lädt ein sich und alles rundherum zu vergessen, nur um sich der Welt umso schmerzlicher bewusst zu werden.

Lyrik. Und: Welche Ausgabe lesen?

Apropos Gedichte: von herausragender Bedeutung für dieses Buch ist sicher die Lyrik. Die jugendlichen Protagonisten versuchen sich im strengen klassischen Stil, ein Lyrik-Club wird gegründet (das wiederum erinnert an Romane Bolanos oder Llosas, allein dass hier das Einhalten gewisser Formen noch groß geschrieben wird, und die Abweichung bestraft wird – mit dem Genuss von viel Alkohol), und auch manches Gespräch und manche Beschreibung wird unvermittelt in lyrischer Form herausgehoben. Gerade im Verhältnis zur Lyrik wird auch das fürs ganze Buch prägende Verhältnis des Individuum zur Tradition und zur Gemeinschaft in bedenkenswerter Weise immer neu ausgelotet. Gilt es einerseits durchaus entscheidend Präzedenzfälle für jede Art des literarischen Sprechens zu finden, ist es andererseits aber zwingend notwendig, nicht so wie die Vorgänger, und seien es auch die ganz großen, zu sprechen. Banal? Steht alles schon bei Harold Bloom? Mir scheint es ist ein sehr ehrliches Verhältnis des Dichters zur Tradition innerhalb einer Gesellschaft, die Dichtung in für den Dichter schon fast bedrückender Weise schätzt, das hier wie selten sonst offen thematisiert wird.

Das soll es auch schon gewesen sein. Soweit ich die beiden Übersetzungen bis jetzt beurteilen kann, scheint mir für flüssige Leser des Englischen Hawkes‘ Ausgabe in der Prosa zugänglicher und lebendiger, die deutsche Ausgabe von Martin Woesler und Rainer Schwarz dagegen übersetzt in jedem Fall die Lyrik in einer lesenswerteren Weise. „Originaltreue“ ist aus dem Chinesischen eine noch größere Chimäre als bei Übersetzungen z.B. aus einer indogermanischen Sprache in eine andere, darum möchte ich hier nur beurteilen, ob die jeweiligen Übertragungen in sich als Kunstwerk funktionieren. Hawkes leiert in gezwungenen Reimschemata, die im englischen niemals auch nur annähernd ein Gefühl für die Dichterische Eleganz vermitteln können (Hörbeispiele allerdings sehr viel älterer Texte gibt es hier), Woesler/Schwarz schaffen in freien Versen zumindest ansprechende Lyrik.

Nungut, wir müssen die Wirtschaft ankurbeln, es macht ja sonst niemand. Ich empfehle, sich beide Ausgaben zuzulegen, mit ’nem knappen Hunderter sind Sie dabei. Man mag es nicht glauben, aber: Es lohnt sich!

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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