Niko Kovac – Der Retter

Für unseren Kolumnisten Andreas Kern hat die Arbeit von Niko Kovac in Frankfurt etwas Wunderbares. Und ein Wunder ist es wohl alle Male, dass die über eine so lange Strecke strauchelnde Eintracht vom Main den Klassenerhalt über die Relegation gegen Nürnberg noch gerissen hat.

Grafik: Timo Rödiger

Für die meisten war es nur irgendein Relegationsspiel, für Eintracht Frankfurt-Fans die Erlösung, für den Deutschen Fußball aber könnte der gestrige Kick zwischen dem 1. FC Nürnberg und dem hessischen Traditionsverein einen Kana-Erlebnis gewesen sein: das erste öffentlich vernehmbare Wirken eines großen Trainers. Gewiss, Niko Kovac hat in Nürnberg nicht wie Jesus bei der Hochzeit Wasser in Wein verwandelt. Mit dieser desolaten Eintracht-Truppe dem Abstieg zu entgehen, dürfte aber beinahe die größere Leistung gewesen sein.

Als der kroatische Altinternationale Mitte März das Ruder bei der Eintracht übernahmen, hätten wohl die wenigsten noch auf einen Verbleib in der Bundesliga gewettet. Erst recht nicht, als es dann auch noch Pleiten gegen Hoffenheim, Mönchengladbach und Leverkusen setzte. Zu verunsichert wirkte die Mannschaft, die unter Kovacs lust- und leidenschaftslosen Vorgänger Armin Veh stramm Kurs auf Liga Zwei nahm. Und in der Tat hatte Veh wohl alles falsch gemacht, was man falsch machen kann: den Kader schlecht zusammengestellt und dann noch versucht, mit dem falschen Kader den falschen Fußball zu spielen. Für Tempo- und Ballbesitzfußball waren Reinartz, Ignjovski, Seferovic und Co einfach nicht geschaffen. Und als quasi unersetzliche Leistungsträger wie Goalgetter Alex Meier und Abwehrchef Carlos Zambrano lange ausfielen, fand der Ex-Coach kein Rezept, um den Niedergang zu stoppen.

Veh: Planos in Frankfurt

Eher der Not gehorchend, denn aus Überzeugung schaltete man um auf Defensivfußball, der zwar etwas mehr Stabilität, aber nicht wirklich viele Punkte brachte. Und dann wurde in der Winterpause groß eingekauft. Fünf Spieler auf einen Streich holten Veh und Sportdirektor Hübner an den Main. Manche von denen, Szabolczs Huszti und Änis Ben-Hatira, hatten in der Bundesliga einst zwar ganz gute Namen. Nur, ihre besten Zeiten liegen wohl hinter ihnen. Dennoch erklärte der Trainer Defensivfußball prompt zum Mist und kündigte an, wieder stürmen zu wollen.

Gestürmt wurde bei der Eintracht schon, aber vor allem Schnurstracks in Richtung Tabellenende. Erst in den Iden des März, als es gegen Gegner auf Augenhöhe Niederlage um Niederlage setzte, handelte die Führung und entließ ihren leitenden Traumtänzer. Und Kovac kam.

Wunder ist harte Arbeit

Wunder gibt es zwar immer wieder, aber gerade Kovac hat bewiesen, dass Wunder keine Wunder, sondern immer eine Mischung aus realistischer Einschätzung vorhandener Möglichkeiten, vernünftiger Analyse und vor allem harter Arbeit sind. Einem so weltläufigen Mann wie Kovac, der mit dem FC Bayern München alles gewonnen hatte, was es im Vereinsfußball zu gewinnen gab und der es als Trainer der kroatischen Nationalmannschaft immerhin zur WM-Erfahrung gebracht hat, war klar, dass Eintracht Frankfurt absteigen musste, wenn sie Eintracht Frankfurt blieb. Also machte er Darmstadt 98 aus ihr. Er impfte seinen Spielern eine Underdog-Mentalität ein und brachte sie dazu, das zu tun, was man eigentlich tun muss, wenn man im Abstiegskampf steckt: nämlich kämpfen. Gleichzeitig gab er auch den Kickern eine Chance, die Veh längst aufs Abstiegsgleis gestellt hatte. Damit erreichte er vor allem zwei Dinge: Mehr Konkurrenzkampf und mehr Gemeinschaftsgefühl.

Aus Frankfurt wurde Darmstadt 98

Am Ende schlug die Kopie – Eintracht Frankfurt – das Original – Darmstadt 98 – mit dessen eigenen Waffen: Moral, Kampfgeist und unbedingtem Glauben an sich selbst. Und am Spieltag darauf musste sogar der bis dato in der Rückrunde ungeschlagene Großklub Borussia Dortmund in Frankfurt alle Punkte liegen lassen. Beinahe sah es so aus, dass die Eintracht nicht einmal mehr in die Hoffnungsrunde namens Relegation müsste. Doch ein unglückliches Tor in Bremen in allerletzter Minute machte diese Hoffnung zunichte. Kovacs Truppe steckte dies aber genauso weg, wie die Tumorerkrankung von Eintracht-Urgestein Marco Russ und ein unglückliches Eigentor im ersten Aufeinandertreffen mit den Nürnbergern. Es scheint also wirklich so, dass Kovac mehr geleistet hat, als bloß Wasser in Wein zu verwandeln.

Kovac kann sich beweisen

Nun hat der Kroate die Chance, zu beweisen, dass er mehr ist als bloß ein Retter, sondern eines der größten Trainertalente, das derzeit in Deutschland unterwegs ist. Wer Kovacs Vita als Spieler kennt, weiß, dass der Sieg in der Relegation seinen Ehrgeiz nicht einmal im Ansatz befriedigt hat. Aber in einer Trabi-Werkstatt lässt sich nunmal kein Mercedes bauen. Und mit dem aktuellen Eintracht-Kader kann auch das größte Trainertalent kaum mehr als den Klassenerhalt schaffen. Deshalb muss personell und strukturell viel passieren, damit Verein und Trainer sich andere Ziele stecken können.

Bessere Perspektiven für Trainer

Dass Kovac diese irgendwie, irgendwo, irgendwann erreicht, davon kann man fast ausgehen. Aber ob das auch dem Verein vergönnt sein wird, da ist man sich als Eintracht-Fan aus leidvoller Erfahrung nicht so sicher.

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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