Blind Willie, Ol‘ Blue Eyes und der Mann in Schwarz – Eine Kolumne für Bob Dylan

Bob Dylan wird 75 Jahre alt und bringt eine neue Scheibe heraus. In seiner Hörmal-Kolumne würdigt Ulf Kubanke den Musiker kritisch und serviert ein paar Dylan-Perlen, die auch dem größten Dylan-Muffel gefallen werden.


Quelle: Pixabay (Bearbeitung:HS)

Not a word of goodbye, not even a note…She’s gone with the man in the long black coat.“ (Bob Dylan 1989)

 

Oh, hear this Robert Zimmerman, I wrote a song for you

About a strange young man called Dylan, with a voice like sand and glue

Some words had truthful vengeance, that could pin us to the floor

Brought a few more people on. and put the fear in a whole lot more.

(David Bowie – Song For Bob Dylan 1971)

Bob Dylan feiert dieser Tage seinen 75. Geburtstag. Ein neues Album – „Fallen Angels“ – hat er auch im Gepäck. Doch wie soll man in einer einzelnen, kleinen Kolumne einen Mann würdigen, dessen komplexer Katalog ausufert und dessen Legendenstatus jenseits alles Irdischen rangiert? Es gibt schon jetzt zu viele Texte, die entweder dem Stereotyp des Heilsbringers bzw. hippiesken Friedensengels aufsitzen oder sich in drögem Oberlehrerstil seinen Texten/Alben ebenso idealisierend wie sedierend nähern, dass es nur so staubt.

Beides wollen wir einander ersparen. Der folgende Artikel geht deshalb explizit auf die neue Scheibe ein und erlaubt sich einen kleinen Trip durch große Songs, die man nicht unbedingt sofort auf dem Zettel hat. Befreien wir uns und den großen Songwriter vom Klischee. Selbstverständlich sind auch ein paar „Perfect Nightsongs“ dabei. „Blowin‘ In The Wind“ und co müssen leider draußen bleiben.

Die neue Platte oder „Leckt mich mit eurer Erwartungshaltung!“

Ich gestehe freimütig: Mein Eindruck von „Fallen Angels“ ist zwiegespalten. Wer auf frische eigene Songs und Lyrics für unsere ethisch wie ökonomisch abgefrühstückte Gegenwart hofft, der hat verloren. Studioalbum Nr 37 setzt – wie sein Vorgänger – erneut auf Tracks, die fast ausnahmslos auch von Frank Sinatra aufgenommen wurden. Allesamt Schätze des American Songbook, der Tin Pan Alley, der Zeit des großen Jazz, Swing & Soul. Doch Enttäuschung wäre ohnehin nur das Ende der auf subjektiver Erwartungshaltung beruhenden Selbsttäuschung und mithin nicht angebracht. Er hat sein entlarvendes Wort doch längst zu allem Unbill und jeglichem Misstand der Menschheit gesagt.

Entsprechend setzt er einen großen Haufen auf die seit 50 Jahren erdrückenden Forderungen zu vieler Fans, alle paar Jahre als kathartischer Heilands-Hampelmann funktionieren zu müssen. Insofern sind Dylans letzte CDs schelmische Akte verdienter Sebstverwirklichung; ein großes „Love it or fukk you!“. Die Rache des Künstlers am eigenen Image! Dafür muss man ihn einfach lieben. Zumindest ich tue das. Aus diesem Blickwinkel erscheint sogar sein vor Jahren erschienenes Weihnachtsalbum als mehr Punk als manch einschlägige Kombo.

Wir wissen nun also: Konzeptionell kann man Herrn Zimmerman nichts vorwerfen. Aber taugt das Teil auch? Hat er den 100fach gecoverten Tracks etwas hinzuzufügen oder ist das Ganze dennoch öde Langweilersoße? Onkel Bob macht einfach beides. Auf der Habenseite steht zunächst die großartige, erfreulich unkitschige Produktion, die smooth angelegten Arrangements und der tadellose Gesang. Dylans berüchtigtes, besonders Live gern eingestreutes Krächzen, als habe er einen Raben unter den Ahnen, existiert nicht. Die Lust am Singen, Croonen und Unterhalten katapultiert ihn zu einer der besten Gesangsleistungen seiner gesamten Karriere. Mal ausgelassen, gelegentlich melancholisch aber immer romantisch, eignet sich die LP hervorragend als beschwingte Frühlingsplatte.

So weit, so gut. Doch leider verströmen nicht alle Dylan-Variationen die Intensität bereits existierender Interpretationen. Wer von „Come Rain Or Come Shine“ etwa die definierenden Versionen Billie Holidays, Art Peppers (Sie erinnern sich? „Der Gefangene“ aus der Jazz-Kolumne vor einigen Wochen) oder Ray Charles kennt, dem ist die vorliegende Annäherung höchstens nettes Gedudel zum bügeln.

Zum Einstieg hier die durchaus gelungene Dylan-Fassung von „Melancholy Mood“:

Glanztaten jenseits der üblichen Verdächtigen

Zum einstieg erst einmal – bewusst unkommentiert – das packende „Love sick“ aus dem Jahr 1997:

„Gotta Serve Somebody“ oder „Valar Dohaeris“

Ausgerechnet die im Dylan-Kontext oft komplett verachteten 80er bieten neben vielen Totalausfällen ein paar Sternstunden sowie eines seiner besten Alben überhaupt. Seine Eighties beginnen bereits 1979 mit dem großartigen „Gotta Serve Somebody“. Ein fett groovender „Valar Dohaeris“-Song mit dem noch recht unbekannten Dire Straits-Frontman Mark Knopfler an der Leadgitarre. Das zugehörige Album „Slow Train Coming“ kann man – trotz mancher Saitenhexerei des Schotten – getrost vergessen. Unausgegorenes Songwriting und Dylans schräge Erweckungszeilen leiten Jahre merkwürdig christlichen Missionartums ein, die kein Mensch braucht. Doch für dieses wundervolle Stück hat sich der restliche Schmand fast gelohnt. Hier kommt „Gotta Serve somebody“:

„Oh Mercy“ – Ein Juwel für die Ewigkeit

Erst Ende der Dekade und sechs größtenteils gruselige Alben später schwingt er sich wie Phönix aus der Asche. Dann aber auch so richtig. Edelproduzent Danie Lanois fungiert als kongenialer Sidekick und Soundmeister. Sehr pur, sehr entkernt und extrem gefühlvoll inszenieren beide einen Dylan, der sich endlich wieder gefunden hat.

Die schnelleren Stücke sind abermals eine Bank – auch textlich. Doch besonders die sanften Töne geraten ihm zum absoluten Schaulaufen. „What Was It You Wanted“ hypnotisiert den Hörer wie schimmerndes Mondlicht. Das finster dräuende „Most Of The Time“ erzählt eine Geschichte von Liebeskummer und Selbstbetrug, wie es ein ein jeder von uns kennt. Sprachlich entwaffnend und fern allen Herzschmerz-Geleiers von der Stange erhebt sich das Lied auf nächtlichen Schwingen:

Doch es geht sogar noch weit intensiver und spannender. Vorhang auf für meinen zweitliebsten Dylan-Song überhaupt; „The Man In The Long Black Coat“. Etwas Apokalypse hie, eine ländliche Gemeinschaft samt langweilender Routine und angedeuteter Priesterhörigkeit dort, sowie ein geheimnisvoller Fremder im langen, schwarzen Mantel, würzen die herausragenden Zeilen. Die besungene Frau benötigt lediglich einen Blick ins Auge des Strangers, nur einen Tanz mit ihm. Schon ist es um sie geschehen. So verlässt sie Haus und Hof, geht mit ihm, ward nimmer gesehen. Ist er ein Dämon? Gar der Tod? Oder ein sinister-romantischer Held, der die bis dahin vergeudete Schöne aus dem Dorf der Degenerierten führt? Die Auslegung ist offen wie die Richterskala. Musikalisch hingegen herrscht ein perfekt geschlossenes Klangbild morriconesker Schwärze. Ein Western of Doom, den allesamt tatsächlich in nur einem einzigen Take aufnahmen. Was für ein Song!

Dylans bestes Stück überhaupt oder der „Perfect Nightsong“

Kann man den Mann in Schwarz noch toppen? Man mag es kaum glauben. Und doch gelingt es mit „Blind Willie McTell“. Es ist der perfekte Song zur Bekehrung aller Dylan-Hater, simultan das ultimative Lied aller Dylan-Verehrer und ein Burner für Nachteulen. Ausgerechnet dieses ebenso emotionale wie schroffe, sehr suggestive Kleinod beginnt sein Leben als verschmähtes Outtake des nicht ganz so üblen 1983er Albums „Infidels“.

In Wahrheit ist es gleichwohl sein womöglich stärkster Song überhaupt und schlägt selbst typische Dylan-Kultnummern um Längen.

Die großartigen Zeilen offenbaren lupenreine Poesie, die sich mit der Trauer des Sehenden und dem Sarkasmus der Desillusion paart. Der alte Schmerzensmann Blues verschwimmt mit den KKK-Geistern südstaatlicher Sklaverei. Ein Hammer für die Ewigkeit! Man beachte besonders den Dialog zwischen Dylans rahmenden Piano und Knopflers akustischer Gitarre. Der Rest ist Schweigen. Hiernach auch zu Recht. Denn nun wissen wir alle: No one else can sing the Blues like Blind Willie McTell.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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