Jeder Stirbt. Wenn der Fan mitschreibt

Ein Algorithmus berechnet Sterbewahrscheinlichkeiten in Game of Thrones. Sören Heim hielte das für Unsinn, hätte die Show nicht eine Dynamik entwickelt, die sie für Maschinen vielleicht durchsichtiger macht als für Menschen. George R.R. Martin eingeschlossen.

Definitv lebendig und akut sterbegefährdet? Montage aus Jon Snow/Daenerys drawing by Zontal, CC BY-SA 4.0

Das klingt ja durchaus interessant. Wie die Süddeutsche berichtet, soll ein Algorithmus die Todeswahrscheinlichkeit von Game of Thrones-Charakteren vorausberechnen können. Ich bin skeptisch. Erstens: Was sagen Todeswahrscheinlichkeiten von zB. 96 % für Tommen Baratheon oder 91% für Petyr Baelish aus, wenn wir George R.R. Martins Ruf als erbarmungsloser Killer einmal ernst nehmen? Etwas nahe an 100 % wäre meist eine Voraussage, auf der man sich ausruhen könnte, zumal die Serie längst in eine so späte Phase fortgeschritten ist, dass auch in einem ganz traditionellen Film oder Buch der Tod von Hauptcharakteren nicht mehr verwundern dürfte (auch Shakespeare ließ schließlich oft kaum einen „Liebling der Fans“ überleben, nur war das damals noch kein Wert in sich und das Stück kurz genug, dass man wusste wer die eigentlich entscheidenden Figuren sind). Nein: Eine halbwegs aussagekräftige Voraussage müsste den ungefähren Zeitpunkt des Todes mitbestimmen können, dann wäre vielleicht gezeigt, was gezeigt werden soll. Nämlich, dass eine Maschine den Gang eines von Menschen entworfenen Werkes vorhersehen kann.

Um wen geht es eigentlich?

Ich halte dagegen: So wie die Rückkehr von Jon Snow ( Todeswahrscheinlichkeit 11%) vorauszusehen ist (vielmehr: war, denn die Grundlagen der Kalkulation verändern sich, s.u., rapide) lässt sich auch sagen, dass ein frühzeitiger Tod von Daenerys Tagerien (93% Todeswahrscheinlichkeit) nahezu ausgeschlossen ist. Das liegt daran, dass Game of Thrones und A Song of Ice and Fire, wie Matt Hilliard früh herausgearbeitet hat, zentral die Geschichte der Stark-Kinder (!) und Daenerys (auf der Seite des Feuers) sowie Jons (an der Front gegen das Eis) erzählt, all das eingebettet in ein hochtraditionelles Fantasy-Narrativ das ursprünglich auch auf die für diese Tradition so typischen drei Bücher ausgelegt war. Dass in diesem Rahmen frühe Tode wie die des Mentors (Ned Stark, ebenso Tywin Lannister, vlg. Obi Wan, Gandalf, Dumbledore), von Kriegerarchetypen (zB Rob Stark, vgl. Patroklos, Hektor, Boromir,) und ähnliche überraschen konnten und Martin seinen Ruf als Killer sicherten, liegt am Ausufern des Teils vom Thronfolgekrieg, der wahrscheinlich nie diesen Umfang und diese Detailtiefe erreichen sollte. Was Martin ja auch schon dazu zwang, zuzugeben, er habe sich „in eine Ecke geschrieben“. Jon als Messiasfigur und Daenerys, die womöglich eine ähnliche Rolle ausfüllen könnte wie Moses vor dem gelobten Land (es also zu erkämpfen, es noch sehen zu dürfen aber selbst nicht mehr einzutreten) mussten zwingend lang eine bedeutende Rolle spielen. Ebenso natürlich Tyrion, der in seiner ironisch-distanzierten Art den Blick des modernen Zuschauers kanalisiert, und die Stark-Kinder.

Was Fans wollen, was sie bekommen:

Hierbei könnte man es belassen, hätte sich die Art und Weise in der sowohl Game of Thrones als auch A Song of Ice and Fire entstehen, nicht mittlerweile in ganz entscheidender Form gewandelt. Denn während ein Algorithmus, der unter anderem „as much online data as it can find about both the book and the TV series“ auswertet, am Verlauf einer souveränen entworfenen Geschichte sich die Zähne aus beißen dürfte, muss spätestens seitdem die Serie das Buch überholt hat bezweifelt werden, ob ASOIAF so souverän überhaupt noch ist. Es ist gut möglich, dass, je größer der Hype wird, das Duo aus Buch und Serie immer weniger mit dem ursprünglich von Martin erdachten Werk zu tun hat und immer stärker von Fanspekulationen und Erwartungen beeinflusst wird. Also zu einer chaotischen Schwarmproduktion wird. Nicht unbedingt, indem Martin den Fans nach dem Mund schreibt. Aber wir wissen ja, wie wichtig dem Autor sein Ruf als Charakterkiller ist, wie sehr es ihm darum geht eine düstere „realistische“ Welt voller Ambivalenzen zu zeichnen. Schon vor einigen Jahren wiesen die Kollegen bei ferretbrain darauf hin, dass sich Martin in ein „Paradoxon des Todes“ verstrickt haben könnte, nach dem das Massensterben den einzelnen Tod immer unwichtiger macht und der Autor gezwungen ist um seine Message durchzuprügeln1 immer spektakulärere und unerwartetere Kills zu vollführen. Und der Druck wird größer. Dass Ned und Rob Stark, Tywin Lannister oder Joffrey Baratheon wahrscheinlich eher prominente Neben- den Hauptfiguren waren, dass also Martins Kills am Ende vielleicht ähnlich billige Schüsse waren wie Rowlings Exekution von Eule Hedwig und Hauself Dobby, das hat sich mittlerweile doch ein wenig herumgesprochen. Und so steigt die Gefahr (oder von mir aus auch die Hoffnung) dass Martin noch richtig Amok laufen wird und das oben skizzierte Gerüst vollends zusammenstürzen.

Dann ist wirklich niemand mehr sicher, und unser Algorithmus könnte eher wissen wohin die Reise geht als (bis jetzt) der Autor selbst.

Am Ende hat es dann das vielleicht berühmteste GOT-Meme überhaupt seit jeher am besten getroffen:

And then they all died. The End

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014.

In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel.

Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten.

Monographien:
Kleinstadtminiaturen: Ein Roman in 24 Bildern. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154181.Cover nur Front
Gewogene Worte: Nachdichtungen aus dem Chinesischen. edition maya: 2016 – ISBN: 978-3930758463.cover
kathaStrophen. Experimente in Rhythmus und Melodie. Chiliverlag: 2017 -ISBN: 978-3943292541.FrontCover 2_bleu
Algenhumor: Gedichte für das dritte Jahrtausend. Girgis Verlag: 2016 – ISBN: 978-3939154228.algen

Audio-Exklusiv:
La vie! La jeunesse! – Hörmordkartell 2017

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