Die Farbe Lila – Eine Kolumne für Prince

In seiner neuen Kolumne erklärt Ulf Kubanke das überraschend verstorbene Genie Prince. Dabei gibt es manche Perle zu entdecken.


I’m not a woman, I’m not a man. I am something that you’ll never understand.
(Prince, „Would I Die 4 U“ 1984)

The Purple One hat das Gebäude all zu früh verlassen. Im ewigen Tower of Song jedoch kann er lässig eine ganze lila Etage beziehen. Allein die knapp 40 Studioalben in ebenso vielen Jahren hinterlassen einen kolossalen Notenberg, der als Vermächtnis lustvolle Ehrfucht gebietet. Musik und Inszenierung des Prince Rogers Nelson sind popkulturell wegweisend, musikhistorisch bedeutend und verdammt unentrinnbar sexy. Gönnen wir uns somit einen kleinen, feinen Streifzug durch die schillernde Ära jenes Prinzen, der in Wahrheit ein  König war.

Der junge Thronfolger – Princes Frühphase

Die ersten beiden Alben Ende der 70er waren kein besonders kommerzieller Erfolg. Unterhaltend, ihrer Zeit voraus und unfassbar souverän klangen sie dennoch. R&B, Soul und Funk reichen einander die Hand. Obgleich die Songs mitunter noch mit einem Bein in zeitgenössischem Disco/Funk stehen, zeigt sich der Innovator in Prince bereits. Statt typischer Bläser nutzt er die damals revolutionär neuen Synthies und schiebt die Tür zu den 80ern bereits einen Spalt auf. Hier mit “We’re Dancing Close And Slow” ein wunderschöner, lasziver Höhepunkt dieser Periode. Ein “Perfect Nightsong”, der  zu seinen atmosphärisch stärksten Tracks überhaupt gehört.

Die Prinzenrolle – Drei Meilensteine für die Ewigkeit

Die Liste meisterlicher Alben ist alles andere als kurz. Doch unter den vielen Bringern gibt es essentielle Glanzpunkte, auf denen Genie und Erfolg einander umarmen. Folgende drei Scheiben kann ich nur wärmstens empfehlen.

“Purple Rain” (1984)

Schon das vorherige “1999” war ein Trendsetter. Hier wird alles zu Perfektion gebracht. Sein gelegentlich fast nach New Wave duftender Synthie-Funk trifft auf lupenreinen Pop, harten Rock plus einer ordentlichen Kelle Soul. Jede relevante “Best Albums of all Time”-Liste platziert diesen  innovativen Giganten auf den vorderen Rängen. Zwei Lieder stechen dennoch als ewige Visitenkarten heraus.

Das Titelstück ist eine der besten Rockballaden aller Zeiten. Prince:  “Wenn Blut im Himmel ist, mischen sich rot und blau zu lila. Der lila Regen bezieht sich auf das Ende der Welt, wenn du von der einen, die du liebst und deinem Glauben durch den lila Regen geführt wirst.” Die spirituell-metaphorische Grundhaltung vieler Lyrics taucht hier erstmals auf mehreren Songs auf. Als absoluten Anspieltipp empfehle ich an dieser Stelle das unwiderstehliche “When Doves Cry”. Der ewige Beweis für die These, dass Hitqualität und musikalische Qualität kein Widerspruch zueinander sind, wenn man es drauf hat. Der Clou: Einerseits serviert der Song ansteckend sympathische Eingängigkeit. Andererseits punktet er mit unkonventionellen Ideen wie fehlender Basslinie und mehreren Soli (LP-Fassung!). Trotz letzteren geht der Flow nicht verloren. Trotz Basslosigkeit groovt es wie die Hölle. Brillanter geht es kaum.

Parade (1986)

Nicht wenige bezeichnen “Parade” als seine europäische bzw. französische Platte. Alles klingt anders als vorher. Mehr Pop aber sehr sophisticated. Ausflüge in minimalistischeren funky Groove und top Songwriting lassen die Platte auch nach 30 Jahren nicht eine Sekunde lang angestaubt klingen.  “Sometimes It Snows In April” ist ein purer Gefühlskokon. “Girls & Boys” erweist sich als optimaler Playlist-Nachbar von “When Doves Cry”. Und der weltweite Monsterhit “Kiss” wird sogar von führenden pretty Filmhuren in der Badewanne rezitiert. Mein Anspieltipp “Mountains” war nach dem Überhit ein vergleichsweise kleiner Hit. Die Stärken jedoch sind immens. Tanzbar und komplex zugleich ziehen diese Berge den Hörer in ihren Bann. Besonders zu empfehlen ist die 10 minütige Maxi-Version. Da bleibt kein Fuß lahm, keine Pore trocken. Versucht es nur…

“Sign O‘ The Times” (1987)

Diese Zeichen der Zeit markieren den dritten ultimativen Höhepunkt des Mannes aus Minneapolis. Mit dem Titelstück erfand er quasi das erste relevante Lyricvideo. Die intelligenten Texte befassen sich – weniger philosophisch und entrückt als sonst – mit galliger Sozialkritik. Das Doppelalbum zeigt sich stilistisch ebenso breit aufgestellt wie immer. Dennoch haben diese knapp anderthalb Stunden eine ganz und gar eigene Aura inne, die sich atmosphärisch von allem davor und danach kommenden LPs unterscheidet.

Prince – Sexgott, Rassismus und rätselhafter Einsiedler

Mr Nelson verstand es wie kaum ein anderer, Rassismus und Stereotypen der Hautfarbe weitgehend zu entkommen. Weder schwarz noch weiß, nein, er ist eben The Purple One. Treffend erklärt er  I’m not a woman, I’m not a man. I am something that you’ll never understand.“  („Would I Die 4 U“). Sehr passend setzt er in diesem Rahmen auch das gelungene Mr. Eros-Image ein. Fort von der Gattung, hin zum individualisierten Unikat. Nebenbei lehrt er Teenager und Erwachsene totale sexuelle Schamlosigkeit. Denn wofür auch sollte man sich schämen? Durch viele intelligente Zeilen beugt er zusätzlich der Gefahr vor, als oberflächlich und rein körperlich wahrgenommen zu werden. Eine Lehrstunde in Selbstinszenierung, die ihresgleichen sucht.

Seine private Zurückgezogenheit, Menschenscheue und Abgewandtheit von der Welt ist dermaßen das Gegenteil von Gigs und Platten. Sie trägt ihr Übriges zur endgültigen Mystifizierung bei. In 4 Dekaden Showbiz gibt er lediglich ca. ein Dutzend Interviews. Live-Auftritte passieren mit den Jahren seltener. Wenn, dann aber furios und stundenlang. Unfreiwillige Schnappschüsse aus der Öffentlichkeit existieren quasi nicht. Damit verdient er sich ein schönes Plätzchen zwischen berühmten Phantomen wie Marlene Dietrich, Greta Garbo oder Bobby Fischer.

Prince – Der nimmermüde Workaholic

Bezeichnete man ihn als Arbeitstier, die Untertreibung wäre fast schon grotesk. Sein schöpferischer Schaffensdrang ist ähnlich ausgeprägt wie der erwähnte Hang zu privater Abschottung. Das Wort „Lila Pause“ war ihm fremd. Den Satz „Produced, arranged, composed and performed by Prince“ erhob er nicht nur zum eigenen Markenzeichen. Er wurde darüber hinaus Blaupause für das Ideal der vollen künststlerischen Kontrolle im Musicbiz. Die Instrumente spielte er auf den Studioplatten bis auf gelegentliche Gäste – selbst ein. Veröfentlicht hat er ca 500 Songs. Weitere 400 sollen nach eigenen Angaben in den Archiven auf das Licht der Welt warten.

Prince oder Michael Jackson? – Die doofste aller Fragen

Die Frage ob Prince oder Michael Jackson der größere Gigant bzw 80er-Star war, ist medial leider ebenso hartnäckig wie degradierend und auch etwas dämlich. Gleicher Face-Palmen-Topf wie die unselige Hierarchisierung Marke „Stones vs Beatles“ Denn sie trifft den Kern nicht ansatzweise und mischt Äpfel mit Birnen. Jackson nämlich war als Songwriter/Instrumentalist keine unbedingte Leuchte. Dazu brauchte er Autoren und Mitspieler. In Ausdruck, Performance und Entertainment war er gleichwohl ein Titan wie Frank Sinatra oder Tina Turner. Prince dagegen zeigt sich in jeder Faser als Ausnahmekomponist, Multiinstrumentalist und musikalischer Erneuerer mit schöpferischem Entdeckerstatus. Er gehört somit nicht ins Regal der erwähnten drei Ikonen, sondern in jenes der großen Erneuerer wie Miles Davis, Hendrix oder Bowie.

Prince – Der Perfect Nightsong

Hier kann es nur einen geben als letztes Kapitel der Kolumne: „Nothing Compares 2U“! Herausragend von ihrer lila Hoheit komponiert, sodann komplett erobert durch den ergreifenden Gesang Sinead O‘ Connors. So klingt dieser Artikel mit genau jenen selbst geschneiderten Zeilen absoluter Unvergleichlichkeit aus, die Prince zu Lebzeiten stets verkörperte.

Ulf Kubanke

Ulf Kubanke

Ehemaliger Anwalt; nun Publizist, Gesprächspartner und Biograph; u.a. für Deutschlands größtes Online-Musikmagazin laut.de.

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