Bin ich schwul? Bist du lesbisch?

Was wäre, wenn wir versuchsweise mal die feste Gewissheit über unsere sexuelle Orientierung aufgeben?


Seit Jahrtausenden sind wir der Meinung, die sexuelle Attraktivität sei vor allem durch das Geschlecht der attraktiven Person bestimmt. Diese Überzeugung ist sogar schon in dem Wort „Sex“ verankert, denn es kommt vom lateinischen  sexus, was (biologisches) Geschlecht bedeutet. Aber vielleicht ist dem gänzlich anders.

In einem Merkblatt der Amerikanischen Psychologischen Gesellschaft, das auch in deutscher Übersetzung verfügbar ist, kann man nachlesen, dass es keinen wissenschaftlichen Konsens über die exakten Ursachen gibt, die zur Ausprägung einer individuellen sexuellen Orientierung führen. Vieles wurde untersucht, doch kein Faktor, weder genetisch oder hormonell, noch kulturell oder sozial, wurde gefunden, von dem man sagen könnte, er determiniere die sexuelle Orientierung des Menschen.

Ist sexuelle Attraktivität durch das Geschlecht bestimmt?

Das sollte Anlass genug sein, über die Konsequenzen folgender These nachzudenken: Kein Mensch ist eindeutig auf ein Geschlecht orientiert, weder auf das eigene, noch auf das andere. Vielmehr ist das Geschlecht nur einer von mehreren Faktoren, die die sexuelle Attraktivität ausmachen. Das, was eine Person attraktiv findet, ist eher ein Gesamteindruck, der sich aus Aussehen, Verhalten, Gerüchen und anderen Sinneseindrücken zusammensetzt. Diese Wahrnehmungen sind zwar vom Geschlecht mitbestimmt, werden aber auch durch anderes hervorgerufen.

Wir finden ja beileibe nicht alle Angehörigen des anderen Geschlechts sexuell attraktiv, wenn wir uns als heterosexuell empfinden, im Gegenteil, erotische Anziehungskraft geht eher von Wenigen aus. Vieles muss stimmen, und wer sagt, dass vieles nicht auch bei einem Angehörigen des Geschlechtes stimmt, zu welchem wir uns nicht hingezogen fühlen?

Zudem könnte man annehmen, dass wir die Wahrnehmung der sexuellen Attraktivität im Laufe des Lebens erlernen, so wie wir auch ästhetische Urteile erlernen können. Zudem verändert sich das, was als sexuelle Attraktivität wahrgenommen wird, im Verlauf des Lebens und kann auch aktiv gestaltet werden. Die Rolle des Geschlechts (welches wir hier mal selbst als unveränderlich annehmen) kann dann im Laufe des Lebens auf die sexuelle Attraktivität ganz unterschiedliche Auswirkungen haben.

Eine Konsequenz dieser These wäre, dass sich die sexuelle Präferenz eines Menschen während seines Lebens tatsächlich verändern kann, und dass diese Veränderung auch ein bewusster, aktiv gestalteter Prozess sein kann. Diese Konsequenz wird vermutlich von vielen Menschen, seien sie homosexuell oder heterosexuell, spontan rundweg abgelehnt. Wir sind uns, glaube ich, spätestens als Erwachsene zumeist ziemlich sicher, ob wir schwul oder lesbisch, hetero- oder bisexuell orientiert sind.

Aber diese Gewissheit kann, wie die meisten kulturellen normativen Gewissheiten, ja durchaus im Laufe der Kindheit erworben worden sein: durch Beobachtung, Nachahmung, positive und negative Erfahrung.

Die erotische Attraktivität

Nehmen wir ein Kind, das seine heterosexuellen Eltern und viele andere heterosexuelle Paare beobachtet. Es wird diese Konstellation als „normal“ betrachten, es wird erwarten, dass es selbst auch auf einen andersgeschlechtlichen Partner trifft. Es wird diese Situation spätestens als Jugendlicher suchen. Erlebt es einen andersgeschlechtlichen Partner in dieser Erwartungshaltung als sexuell attraktiv und wird es selbst von andersgeschlechtlichen Personen als sexuell attraktiv empfunden, wird es seine Erwartung bestätigt finden.

Vielleicht sollte man hier lieber von erotischer Attraktivität sprechen, um die Orientierung am Geschlecht (sexus) einen Moment zu vergessen. Ob das erotische Bedürfnis tatsächlich primär durch das Geschlecht des anderen hervorgerufen wird oder durch seine Gesamterscheinung, seinen Eros, wird das Kind nicht reflektieren. Weitere sexuelle Aktivitäten werden dann auf das andere Geschlecht eingeschränkt, man kommt gleichgeschlechtlichen Menschen gar nicht mehr auf eine Weise nahe, dass sich das Gefühl der erotischen Anziehung einstellen könnte.

Ist die Erfahrung mit andersgeschlechtlichen Partnern aber negativ, werden diese auch nicht als attraktiv empfunden. Erscheinen stattdessen gleichgeschlechtliche Personen anziehend, dann wird sich ein Mensch auch als homosexuell empfinden und seine Sexualpartner, vorausgesetzt, in der Gesellschaft ist das akzeptiert, auch unter gleichgeschlechtlichen Personen suchen. Wiederum muss man nicht darüber reflektieren, ob das Geschlecht dieser Person ausschlaggebend ist, oder ob es schlicht zu einem gewissen Gesamtverhalten und einer Gesamterscheinung beiträgt, der erotischen Ausstrahlung, die als anziehend empfunden wird, die aber auch bei Personen des anderen Geschlechts möglich ist.

Feste Gewissheiten

Im Laufe des Lebens bilden sich so durch Erfahrung feste Gewissheiten aus.

Eine solche dynamische Vorstellung von Sexualität würde erklären, warum sich in offenen, toleranten Gesellschaften mehr Menschen als homosexuell erkennen als in heteronormativen Gesellschaften. In letzteren ist die positive Erfahrung homosexueller Attraktivität kaum möglich. Deshalb suchen junge Menschen nach heterosexueller Erfahrung und prägen, positive Erlebnisse vorausgesetzt, ihr heterosexuelles Selbstverständnis stabil aus, ohne überhaupt auf die Idee zu kommen, andere Erfahrungen mit dem eigenen Geschlecht machen zu wollen oder zu können. Sie erleben sich als heterosexuell und kämen nie auf die Idee, dass es auch anders sein könnte und ihnen auch gefallen würde.

Andersherum besteht in der toleranten Gesellschaft diese Option, und so können homosexuelle Experimente gemacht werden, die zu einem großen Spektrum sexueller Orientierung führen können. Auch dieser Orientierung sind sich die Menschen dann jedoch ziemlich gewiss, denn selbst wenn es nicht die Norm ist, dass man heterosexuell ist, so ist es die Norm, dass man genau irgendwas ist, dass man eben eine sexuelle Orientierung hat, die unveränderlich ist.

Aber selbst diese Norm könnten wir probeweise verabschieden. Dann könnten homosexuelle Menschen tatsächlich herauszufinden versuchen, ob sie vielleicht doch auch andersgeschlechtliche Menschen attraktiv finden, und Heterosexuelle könnten Erfahrungen mit Personen des gleichen Geschlechts machen. Ob man homo- oder heterosexuell ist, ist vielleicht keine Frage der Intuition oder der theoretischen Erwägung, sondern des Zulassens praktischer Erfahrungen mit dem Eros der Anderen. Vermutlich könnte man da einige Überraschungen erleben, wenn man wollte. Die Frage ist allerdings, ob ein Mensch, der sich seiner Sexualität gewiss ist, überhaupt auf Menschen erotisch wirken kann, die er selbst bisher gar nicht anziehend fand. Aber das ist eine andere Geschichte.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über einen ästhetischen Blick auf die Politik.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • Aufgeklärter

    Verzeihung, Herr Friedrich,
    ich muss Ihren Hypothesen energisch widersprechen. Lassen Sie sich gesagt sein, dass man nicht schwul wird, weil die Männer/ Jungs im eigenen Erleben nett und die Frauen alle Megären waren, oder dass man hetero wird, wenn sich Mama und Papi immer recht lieb haben, wenn sie sich aber streiten, wendet sich die Tochter dem eigenen Geschlecht zu…? Geht’s noch? Und man kann sich das Heterosein auch nicht ab- oder angewöhnen. Wenn das so toll ginge, gäbe es keine Homosexuellen, den entgegen der vielleicht inzwischen unter Heterosein verbreiteten Meinung ist Schwulsein kein Spaß in unserer nach wie vor heteronormativen Gesellschaft, und die meisten LGBTs wären äußerst gern “ normal“! Klappt aber nicht. Sie, Herr Friedrich, reden den Pray-the-gay-away Verbrechern das Wort und denen, für die die sexuelle Orientierung nur ein „lifestyle“ ist, und denen, die der Meinung sind, Schwulsein könnte irgendwie abfärben und den Eltern, die ihre homosexuellen Kinder rausschmeissen. Alles was Sie mit Ihren vielen „vielleicht“ andeuten, ist zigtausendfach widerlegt. Homosexuelle kommen in „offenen“ Gesellschaften nur deshalb scheinbar häufiger vor, weil sie dort nicht um ihr Leben fürchten und sich nicht verstecken müssen, nicht weil sie plötzlich entstehen. Ich könnte noch einiges über Ihre Kolumne sagen, aber ich denke, Sie merken, worauf ich hinauswill.

    • Jörg Friedrich

      Das, was ich zu beschreiben versuche, ist etwas komplizierter, als das, was Sie in Ihrer verständlichen emotionalen Lesart daraus gemacht haben. Aber vor allem antworte ich Ihnen um deutlich zu sagen, dass ich mir das Denken schon lange nicht mehr mit dem Argument verbieten lasse, dass ich damit irgendwelchen Bösen „das Wort reden“ würde. Im gegenteil: Das sollte einen Aufgeklärten nur noch mehr dazu veranlassen, ohne Schere im Kopf weiter zu denken.

      • Aufgeklärter

        Das Denken wollte ich ihnen nicht verbieten, lieber Herr Friedrich, nichts läge mir ferner!
        Im Gegenteil, wenn heutzutage vor dem Handeln mehr gedacht würde, wäre das nur zu begrüßen.
        Ich denke, ich habe die Komplexität ihres Themas schon verstanden, ich hätte auch eine sehr viel differenziertere Erwiderung auf Ihre Thesen schreiben können, aber Kürze bedingt eben auch eine Simplifizierung.
        Ich wollte nur darauf hinweisen, dass Sie für mich, den unbedarften Leser, gedanklich die gleichen Pfade beschritten, wie eben jene „irgendwelchen Bösen“ (ich könnte Ihne ganz konkrete Böse nennen, aber sie finden die sicher selbst, wenn Sie wollen) und dass diese Gedankengänge keineswegs neu sind.
        Im richtigen politischen Umfeld (z. B. bei den Unterstützern von „Demo für alle“, um auch mal ein bisschen konkret zu werden), können sie erfahrungsgemäß für die Betroffenen äußerst gefährlich wirken, je nachdem welche Konsequenzen man aus den Erkenntnissen dieser Gedankengänge zieht.
        Und zu ihrem letzten Satz: glauben Sie mir, wenn ich in meinem Leben über irgendetwas lange nachgedacht habe, dann über die Frage sexueller Orientierung, Prägung, Rollenbilder, etc. nur eine Kolumne habe ich bisher noch nicht darüber geschrieben. Vielleicht sollte ich das mal tun…?

  • Fred Helbig

    Bravo Herr Friedrich,
    jetzt räumen wir mal richtig auf mit den Vorurteilen. Hunger und Durst sind auch nur schlechte Angewohnheiten. Hätte Mutti uns nicht ihre Brust aufgezwungen, könnten wir heute die Alternativen Essen oder Lichtnahrung wählen. Bleiben Sie dran.

  • The Saint

    Es stimmt zwar, dass nicht alle Frauen mich gleichermassen anziehen, aber ich darf Ihnen versichern, Herr Friedrich, dass alleine die Vorstellung einer Knutscherei mit einem Mann, und sei es Brad Pit, Würgreiz in mir erzeugt (nichts für ungut, Herr Brosche).

  • Nemos

    Die Frage, wie sehr und in welcher Art und Weise Geschlecht in unserer Gesellschaft Bedeutung erfährt, ist imo kein deterministisches oder biologisch vorgeschriebenes Faktum. Ein bedenkenswerter Punkt ist daher möglicherweise die soziale Konstruiertheit der Geschlechterrollen und -kategorien und damit implizit auch der schwerpunktmäßigen Einordnung sexueller Orientierung in geschlechtliche Kategorien sowie des Fokusses der Orientierung auf die sexuelle Komponente.
    Würde man in einer Gesellschaft, die weniger stark durch geschlechtliche Kategorien separiert wird, in der Geschlecht bspw. nicht bedeutsamer wäre als die Haar- oder Hautfarbe einer Person in gleicher Weise über die (sexuelle) Orientierung denken?

    Ich streite dabei nicht ab, dass es biologisch genetisch oder hormonell geprägte Präferenzen in der (sexuellen) Orientierung gibt, die hochgradig mit dem, was wir in unserer Gesellschaft als Geschlecht auffassen, wie definiert sich eigentlich Geschlecht?, korreliert ist. Aber unseren Blickwinkel und unsere Definition der jeweiligen (eigenen sexuellen) Orientierungen werden hierdurch imo schon beeinflusst.

    Mein Eindruck, welcher nicht stimmem muss, ist außerdem, dass die geschlechtliche Zuordnung einer Person auch bei androgynem äußerlichen Erscheinungsbildern, das Attraktivitätsempfinden der jeweiligen Person im Hinblick auf die (sexuelle) Orientierung beeinflusst. Weshalb wollen wir eigentlich bei Menschen i.d.R. immer wissen, ob sie männlich oder weiblich zuzuordnen sind, wenngleich sie androgyn erscheinen? Gibt es dazu wissenschaftliche Erkenntnisse?

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