Integration gescheitert? Presse gescheitert?

Kolumnist Sören Heim versteht die Zeit nicht. Warum bringt man einen Artikel, der das Gegenteil von dem belegt, was er behauptet?

Wer sperrt sich nicht gegen Schule? Grafik: AW

Ach, du liebe ZEIT! Ich verstehe dich nicht. Genauer gesagt, ich verstehe diesen Artikel nicht. Das ist ein Artikel über die Probleme der Integration, sagst Du? Und über Ahmad, der sich nicht integrieren kann und bei dem „660 Stunden Integrationskurs [nicht] reichen“. Was ist da nicht zu verstehen, sagst Du? Nun … ich glaube ja noch nicht mal, dass das ein Text zum Thema Integrationsprobleme ist. Verstehst du? Siehst Du: ich nicht.

Warum das, warum jetzt?

Du liebe ZEIT! Fangen wir doch mal beim großen Ganzen an. Ich verstehe zum Beispiel nicht, warum dieser Text gerade jetzt erscheint. Integrationskurse, liebe ZEIT, gibt es doch wie du selbst zugibst seit 2005. Das ist jetzt elf Jahre her! Einself!
Und in diesen elf Jahren soll niemand auf die Idee gekommen sein, die doch sicher schon länger bestehenden Schwierigkeiten mit Integrationskursen mal in den Blick der Öffentlichkeit zu rücken? Also weniger die sehr sinnvollen 600 Stunden Deutschunterricht als 60 absurde Stunden „Orientierung“, die wahrscheinlich bei niemandem, nicht nur bei Ahmad, einen ernsthaften Effekt haben werden. Wann haben sich je Schüler nicht ein wenig gegen den Moralismus gesperrt, der uns in der Schule entgegentrieft?
Jetzt fällt Dir das auf? Ausgerechnet jetzt? Wo das Klima so erhitzt ist, dass Flüchtlinge – polizeilich bestätigt – schon selbst schuld sind an den Angriffen auf sie?

Liebe ZEIT: Ein gut gemachter Artikel, der die Schwierigkeiten und die fragwürdige Effektivität von Integrationskursen durchleuchtet, wäre zwischen 2005 und 2015 bemerkenswerter investigativer Journalismus gewesen. Er hätte im Sommer und Herbst 2015, damals, als Du vor allem von gut integrierten nützlichen Ärzten und Ingenieuren berichtetest, möglicherweise einen wichtigen Kontrapunkt gesetzt.
Heute redet so ein Artikel nur der Masse nach dem Mund. Er wirkt wie der Versuch, subtil in die Verabschiedungsgeilheit einzutauchen. Ebenso, wie du vorher auch schon mit dem Willkommenstaumel … nunja, taumeltest.

Homosexualität, Regeln und Werte

Aber gut. Es ist ja gar kein Artikel, der die Schwierigkeiten und die fragwürdige Effektivität von Integrationskursen durchleuchtet. Das ist das andere, was ich nicht verstehe. Ahmad zum Beispiel sagt Folgendes (diese Argumentation zieht sich wie ein roter Faden durch das Gespräch):

Ja, aber du hast gesagt, es gibt Regeln, an die man sich halten muss. Und dann gibt es Werte, zum Beispiel, wer die Hausarbeit macht. Und welche Werte ich lebe, ist meine eigene Entscheidung.

Ich gebe zu, dahinter kann ein konservatives Weltbild stehen. Die eigenen Werte in den eigenen vier Wänden. Das ist das Maximum dessen, was auch der rechte Flügel der CDU, die CSU, AfD-isten und Alfalfas all denen, die nicht dem Männleinweiblein, verheiratet, Kind – Familienideal entsprechen, zugestehen wollen. Männleinmännlein ohne Kinder ließe man vielleicht auch noch gewähren, über die folgende Situation (mit Kindern) streitet die große Koalition bis jetzt noch immer ohne Ergebnis, und den letzten Satz würden wohl viele urdeutsche Konservative gerade nicht unterschreiben:

Ahmad antwortet, was darauf zu sehen ist: ein homosexuelles Ehepaar. Er diskutiert nicht. Claudia Berten will die Vor- und Nachteile wissen. Der Nachteil, sagt Ahmad: Den Kindern fehle Vater- oder Mutterfigur. Der Vorteil: Nicht alle Lebensformen in Deutschland seien gleich, das sei nicht so langweilig.

Ich verstehe es nicht. Oder falls ich es doch verstehe: Kann es sein, dass hier mit zweierlei Maß gemessen wird?

Weiter im Text. Auch das folgende Gespräch entwickelt sich zwischen Claudia und Ahmad:

Claudia: Und wenn deine Frau arbeitet und du nicht?
Ahmad: Nein, meine Frau muss sich um die Kinder kümmern.
Laura: Du hältst es für keine gute Idee, wenn Frauen arbeiten?
Ahmad: Nein, meine Schwester arbeitet auch, aber nur vier Stunden am Tag. Der Mann muss 40 Stunden oder mehr arbeiten, da habe ich keine Zeit für was anderes.
Claudia: In Deutschland kann es passieren, dass du keinen Job findest und deine Frau schon. Was dann?
Ahmad: Du meinst, wenn ich keine Arbeit habe? Nein, nein. Ich finde Arbeit.

Staatlich sanktionierte Frauenrollen

Wir dürfen wohl davon ausgehen, dass Ahmad ein Anhänger eher traditioneller Rollenmodelle ist. Vielleicht will er sogar eigentlich nicht, dass Frauen arbeiten und argumentiert, typisch Schule, kompromissbereit. Aber wir wissen es nicht! Ahmad geht wohl auch davon aus, deutlich mehr arbeiten zu müssen als seine zukünftige Frau, 40 im Vergleich zu 20 Stunden pro Woche, wenn man das Beispiel der Schwester heranzieht.

Das ist in etwa das Arrangement, das mir auch aus den meisten Beziehungen mit Kindern im erweiterten Freundes-, Bekannten- und Verwandtenkreis geläufig ist.

Was ich auch nicht verstehe: Wäre die Antwort: „Ja, vielleicht finde ich keinen Job“ die bessere gewesen? Oder hätte Ahmad sich dann auf der Beckskala bereits auf halbem Weg in Richtung klinische Depression befunden („Ich sehe mutlos in die Zukunft“ „Ich bin von mir enttäuscht“ usw.)? Und wäre er nicht zudem gefährlich nah in Richtung des sogenannten „Sozialschmarotzertums“ gerückt? Ich sagte ja: Ich verstehe es nicht.

Ein letztes Beispiel:

Ahmad: Frauen können nicht in den Krieg … Frauen haben Angst.
Laura: Nicht alle.
Ahmad: Aber die meisten, 99 Prozent.
Valeryia: Woher weißt du das, bist du eine Frau?
Ahmad: Ich habe fünf Jahre im Krieg gelebt. Sie haben alle Angst.

Die in diesem Gesprächsfetzen getätigten Aussagen könnte man vielleicht als misogyn bezeichnen. Man stünde ungleich besser damit, wäre das nicht auch die Leitlinie der meisten Armeen dieser Welt. Die Bundeswehr schickt Frauen nicht in Kampfeinsätze, selbst in den USA, wo in diesem Jahr die letzten Schranken bei den Bodentruppen fallen sollen, ist der Frauenanteil beim Militär gering. Und in der Frage der Wehrpflicht für Frauen sind Israel und seit neuestem Norwegen einsame Vorreiter.
Ahmads Einschätzungen der Wehr- und Kriegsfähigkeit von Frauen muss man nicht mögen. Aber er liegt damit voll und ganz auf der staatlicherseits vorgegebenen Linie des Landes in das er sich integrieren soll. Ich verstehe es nicht. Gelten für Flüchtlinge wirklich andere Regeln? Kann das sein? Sind die erst dann integriert, wenn sie ohne Berührungsängste beim „Transgenialen Cristopher Street Day“ mit ihrem Lebenspartner für die Wehrpflicht für Frauen demonstrieren (und dafür dann wahrscheinlich ausgerechnet von den linken Genossinnen und Genossen auf den Deckel bekommen)? Reicht es nicht, wenn man mit einer Haltung wie Ahmad nach 60 Stunden „Orientierung“ ohne weiteres Mitglied bei der Jungen Union werden könnte?

Übler Reaktionär? Oder ab zur CDU?

Oder ist Ahmad tatsächlich ein übler Reaktionär, der die Frau unters Kopftuch zwingt, sich vielleicht bald einer salafistischen Moschee anschließt und das Klima für weniger oder nichtreligiöse Migranten aus muslimisch geprägten Ländern in Deutschland bald noch unerträglicher machen wird?
Falls ja: Dann verstehe ich nicht wieso sich im Artikel nicht ein einziges Wort findet, das auf diesen doch bemerkenswerten Umstand hinweist!

Liebe ZEIT, Liebe Leser: Versteht nun mich. Integration ist ein schwieriges Geschäft. Es gibt viele Probleme in den Kursen, und bestimmt schon seit vielen Jahren. Ja, ich gehe sogar davon aus, dass der moralisierende Orientierungsteil bei der Integration etwa so viel leistet wie der schulische Sportunterricht aus Bewegungsmuffeln Sportskanonen macht. Aber wenn mir als Beispiel für diese Probleme ein junger Edmund Stoiber vorgesetzt wird, mit einer – na ja – für Stoiber bemerkenswerten Toleranz für alternative Lebensformen, solange sie ihm nicht zu nah kommen, dann rieche ich Stimmungsmache. Und soviel verstehe ich: Guter Journalismus ist das, egal welche Politik man nun bevorzugt, eher nicht.

Aber hey, liebe ZEIT. Ich mache dir keine Vorschriften.

Welche Werte du lebst ist deine Entscheidung…

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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