Über Österreich lachen? Eine Karnevalsposse.

Österreicher Faschingsgilden geben sich einen Ethikkodex. Über Minderheiten und Religion soll nicht gelacht werden. Sören Heim schreibt über Humor und ungeahnte Schwierigkeiten mit Österreicher-Witzen.

Der Teufel (überzeugter Katholik) ist wütend! Karneval der Kulturen 2011 von abbilder unter (CC BY 2.0)

Einer der beliebtesten Büttenredner in meiner Heimatstadt ist katholischer Pfarrer. Er spart nicht mit Spott über die Marotten der eigenen Religionsgemeinschaft und versagt sich mit Sicherheit auch keine Spitze gegen protestantische Nachbargemeinden.

Österreicher und Karneval

Hätten die österreichischen Faschingsgilden am Rhein das Sagen, wäre es damit wohl vorbei. „Jesus Christ – grauer Star“ so der Titel eines Klamauks, der dem Vernehmen nach Zuschauer demonstrativ die Aufführung verlassen ließ. Daher geben sich die Gilden in diesem Jahr eine „an Vorbilder aus Deutschland und der Schweiz“ angelehnte Ethik-Charta, die verhindern soll das „Schwule, Minderheiten und Religionen“ dem Spott anheimfallen. Nun ja, Österreich und Karneval XXXXXXXXX XXXXXXXX XXXXXXXXXXXXXX XXXXXXX XXXXXXX XXXXXXXX XXXXXX XXX XXXX XXXXXX.

Hmm. Hier stand ein so niveauloser Witz, dass er unter den allgegenwärtigen Argusaugen der Gildenwächter wohl keinen Bestand hatte.

Gleichheit in der Ungleichheit

Witzeln wir nicht, loben wir lieber. Denn immerhin sorgt der Österreicher Verband für ein wenig mehr Gleichheit im Unsinn … ähh, in der Ungleichheit. Waren es bisher doch meist extreme Vertreter des Islam, die sich gegen die Freiheit der Satire und des Humors stellten, zumindest wenn es um die eigene Religion ging. Auch zeigte man hier selbst am Rhein schon vorauseilenden Gehorsam, etwa als im vergangenen Jahr darüber entschieden wurde den Charlie-Hebdo-Wagen des Kölner Karnevals zurückzuziehen, ohne dass sich zuvor überhaupt irgendjemand beschwert hätte. Und nun dürfen also, wie schon mehrfach prophezeit, auch die Christen wieder grollen. Wenn sie wollen.

Zugegeben, Selbstverspottung ist etwas anderes, als sich über Andere lustig zu machen. Ein Pfarrer, der in der Bütt vor allem gegen den Islam austeilen würde, ebenso natürlich ein Imam der allein gegen Christen schießt, würde die schmale Linie zwischen Witz und Wutrede noch ein wenig stärker verwischen. Auf der anderen Seite: Dass manche Religionen heute ein relativ lockeres Verhältnis zur Selbstverspottung haben können (und es gibt immer Hardliner die das Rad der Zeit zurückdrehen wollen) hat auch mit dem fremden Spott zu tun, der einst kübelweise über sie ausgegossen wurde. Man nannte das Aufklärung.

Überhaupt hat die Religion in einer Linie mit Witzen über „schwule und [andere] Minderheiten“ doch nichts zu suchen: Religionszugehörigkeit ist immer noch eine (wie auch immer durch äußere Umstände mitbestimmte) Wahl, der Witz kann hier, wo er nicht auf angeborene Merkmale zielt, durchaus kathartische Wirkung entfalten.

Ja, Scheißwitze gibt’s auch!

Denn tatsächlich enthält selbst der österreichische Gildenquatsch noch einen Funken Wahrheit. Die folgende nämlich: Es gibt beschissene Witze. Und fast alle Witze über egal wen gehören zu der schlechteren Sorte. Es gibt Humor, der witzig ist durch überraschende Wendungen, geschickte Beherrschung der Sprache, kluge Doppeldeutigkeit. Und dann gibt es Momente in denen sich Menschen zusammenrotten, mit dem Finger auf einen Ausgegrenzten zeigen und lachen. Nicht lustig.

Ein eher unpolitisches Beispiel: Zwischen zahlreichen rheinhessischen Dörfern gibt es traditionsreiche „Feindschaften“, die (nicht nur) zur Fastnacht schon immer zur Umdichtung von Ostfriesen-, Blondinen- und was nicht noch alles an Flachwitzen herhalten mussten. Relativ unproblematisch, weil es um wenig geht, aber doch nur leidlich komisch. Wenn sich aber, wie ich es gerade wieder auf einer Veranstaltung gesehen habe, Vortragende über die Ortsgrenzen hinweg organisieren und einen gemeinsamen Auftritt rund um die gegenseitigen Animositäten in Szene setzen, kann das tatsächlich zum Schießen sein. Also rein bildlich gesprochen.

Witze über Österreich

In diesem Sinne: Wenn Gilden, Vereine und andere Interessenverbände auf die Qualität ihres Humors stärker achten wollen, ist da nichts gegen einzuwenden. Über wen gelacht wird, ist dabei jedoch relativ zweitrangig. Wie so oft in der Kunst ist auch beim Humor die Form sehr viel entscheidender als manch einer wahrhaben will.

Zum Schluss: Geht ein Österreicher zum Arzt XXXX XXXXX XXXXXXXXX XXXXX XXX XXXXXXXXXX XXXX XXXXXXXXXXX XXXX XXXXXX … ach verdammt, diese Gilden!

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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