Kurz fassen! Ratschlag für Dichter & andere Narren

Schriftsteller, Vortragskünstler, Karnevalisten. Wer sein Werk in mühsamer Kleinarbeit, die Außenstehende kaum überblicken können, vorbereitet, will es auch präsentieren. Dabei schießt man leicht einmal über das Ziel hinaus.

Narr - von Stefan Muth von Stefan Muth unter CC BY-SA 2.0

Literarische Lesungen sind der Horror. Das Publikum ist gezwungenermaßen da, oder begreift spätestens nach der ersten Stunde, dass es gezwungen sein wird, weiter zuzuhören. Regelmäßig reiht sich Beitrag an Beitrag, als höre der Vortragende sich vor allem selbst gern sprechen. Von Fastnachtssitzungen kennt man das ebenso. Durch fünf, sechs, fast sieben Stunden hab ich da schon gesessen. Es mag das Material noch so gut sein, zu viel ist zu viel. Wenn einer etwas zu sagen habe, dann fasse er sich, wusste der Komiker Heinz Erhardt: „aber kurz“.

Die Menge ist die Crux

Nachwuchsliteratinnen und -literaten aller Stilrichtungen und Altersklassen (auch vortragende Narren dürfen sich angesprochen fühlen) wollen von dieser kleinen Weisheit nichts wissen. Als Gast auf und Ausrichter von literarischen Veranstaltungen habe ich so meine Erfahrungen. Insbesondere, wenn man aus beruflichen Gründen zugegen ist, fragt man sich auf so mancher Lesung: „Warum glaubt ihr eigentlich, euch möchte jemand geschlagene drei Stunden zuhören?“

Dabei soll es nicht um Qualität gehen. Auf mancher dorf- oder Kleinstadtveranstaltung wird mehr Hörenswertes präsentiert als auf einem langen literarischen Abend im Umfeld der Frankfurter Buchmesse.

Die schiere Menge ist die Krux der meisten Lesungen und Vorträge. Gerade bei anspruchsvoller Literatur ist der Geist nur begrenzt aufnahmefähig, und lässt, überfordert man ihn, mit zunehmender Dauer das Gelesene nur noch auf sich einplätschern. Der Engels’sche Satz vom Umschlagen von Quantität in Qualität gilt (nicht nur) in der Literatur keineswegs. Und ob geschliffene Polemiken Karl Kraus’scher Manier oder Kurzgeschichten des lokalen Schreibkurses: Ist die Grenze der Aufnahmefähigkeit erst einmal erreicht, gehen die besten Momente im Einheitsbrei unter. Und: Auch Witze funktionieren besser – pointiert!

„Kraweel Kraweel“

Aber warum neigen ausgerechnet Literaten (im weitesten Sinne) zu derartigen Ausschweifungen, wie sie einst Loriot im Dichter Lothar Frohwein („Kraweel Kraweel“) so gekonnt karikierte? Musiker, Akrobaten, Tänzer wissen es doch besser! Und auch ein Fußballspiel ist nach 120 Minuten plus Elfmeterschießen spätestens vorbei. Mir scheint, es hat etwas mit dem großen Angebot an Literatur und der im Vergleich dazu geringen Wertschätzung zu tun. In der Zukunft sei jeder für 15 Minuten berühmt, charakterisierte Andy Warhol die moderne Medienkultur, und Literaten, die sich besonders abmühen, sich auch nur fünf dieser Minuten zu sichern, sind versucht, sich mit Gewalt dem Publikum aufzudrängen.

Das Publikum gerät aus dem Blick

Nirgends wird sonst, ohne dass Zugaben verlangt würden, so überzogen wie auf Lesungen. Die Tatsache, dass Fähigkeit und Bereitschaft zwischen guter und schlechter Literatur zu unterscheiden, immer weiter verloren gehen, tut ihr Übriges. Doch auch der Literat, der sein Werk nach dem Motto „die Masse macht’s“ vorträgt, schätzt das eigene Schaffen gering. Er zeigt sich unfähig, sein Bestes pointiert zu präsentieren. Das Publikum, das ich mit meiner Lesung eigentlich erreichen möchte, wird zusehends aus dem Blick verloren.

Am Ende sind alle schlecht dran: die Zuhörer sowieso. Die Literaten, weil wer sich auf einer Lesung gelangweilt hat, mit Sicherheit nicht so schnell wiederkommt. Und das breitere Publikum, weil in der Folge womöglich zahlreiche interessante Autoren immer weniger Chancen bekommen, sich vorzustellen. Mit Publikum, Vortragenden und Vorsitzenden mehrerer Fastnachtsvereine sprach ich schon das ein oder andere Mal darüber, ob man denn noch nie darüber nachgedacht habe, die oft ausufernden Sitzungen zum Wohle aller Beteiligten ein wenig zu kürzen. Die Anregung wurde durchaus interessiert aufgenommen. Nur wollte keiner den Anfang machen aus Angst, ein anderer könnte ihm etwas von den kostbaren 15 Minuten Ruhm wegschnappen.

Meine schönsten Lesungen, als Autor, als Gast, waren solche, die, musikalische Unterbrechungen schon mit eingerechnet, kaum länger als eine Stunde gedauert haben. Umso wacher, umso angeregter dann auch regelmäßig die Gespräche im Anschluss. Allen Schreibenden, denen an Literatur und Publikum mehr gelegen ist als an der Pflege des eigenen Ego, kann man daher nur raten: Fassen Sie sich, aber kurz.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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