Multikulturelles Meisterwerk? Dystopischer Unfall? Fantastische Reise II

Mit „Perdido Street Station“ von China Miéville rezensiert Sören Heim den zweiten Text, der ihm im Anschluss an die Fantasy- Debatte empfohlen wurde. Er entdeckt geniale Momente in einem Autor, der grandios am eigenen Anspruch scheitert.


„Sie ist ein immenser Giftkessel, ein Gestank, ein misstönender Posaunenstoß. Fette Schlote speien selbst jetzt, in tiefer Nacht, feurige Rußfahnen in den Himmel. Längst ist es nicht mehr die Strömung, die uns zieht, sondern die Stadt selbst, ihre Masse verschlingt uns. Gedämpfte Rufe, hier und dort die Stimmen von Tieren, obszönes Dröhnen und Stampfen aus den Fabriken, wo riesige Maschinen brunsten. Bahngleise durchziehen die urbane Anatomie wie hervortretende Adern. Rote Ziegel und schwarze Mauern, ungeschlachte Kirchen wie steinzeitliche Relikte, flatternde zerschlissene Markisen, das kopfsteingepflasterte Labyrinth der Alten Stadt, Sackgassen, Abwassergräben, die wie profane Katakomben durch die Erde schneiden, eine Hügellandschaft aus Müll, Schutthalden, Bibliotheken, gemästet mit vergessenen Folianten, heruntergekommene Hospitäler, Häuserblocks turmhoch, Schiffe und Stahlkrallen, die Lasten aus dem Wasser heben.“

Brutale Poesie in Prosa

Manche erzählenden Passagen von China Miévilles Perdido Street Station möchte man sich gern von Dylan Thomas voluminöser Bardenstimme vorlesen lassen. So dicht, von melodischen Anklängen durchzogen, so rhythmisch durchgearbeitet, von angemessenen Misstönen manchmal jäh zerrissen, zeichnet China Miéville seine fantastisch-dystopische, lose auf das moderne London gemodelte Großstadt New Crobuzon. Nun, Thomas ist leider nicht mehr zur Hand, und so ist Hörbuch Sprecher John Lee sicher die zweitbeste Wahl. Perdido Street Station ist der zweite Titel auf meiner Fantasy-Leseliste, die sich aus einer Debatte unter dem enstprechenden Artikel im European ergab. Ob es sich bei Perdido Street Station noch um Fantasy handelt, mag ich gar nicht groß zur Debatte stellen: Wer künstlerisch anspruchsvolle Fantastik verlangt, darf nicht meckern, wenn das Ergebnis nicht den ausgetretenen Pfaden entspricht. Und ein Entwurf mit künstlerischem Anspruch ist Perdido Street Station in jedem Fall, überhaupt scheint der Autor aufs Ganze zu gehen, was meinen Lieblingsfantastikrezensenten Matt Hilliard über ihn auch nach misslungenen Versuchen schreiben lässt:

„I’ll say this for the book: it might have failed with me, but it was an ambitious failure.  Better to fail through overreaching than from insufficient aspirations.  I don’t recommend this one but I’ll be eagerly awaiting Miéville’s next novel.“ [zu: The City and the City]

Als Roman einer Großstadt, besser noch als Gemälde in Worten, begeistert Perdido Street Station und ich bin bereit den Text passagenweise – was ich nicht leichtfertig tue – auf eine Ebene mit arrivierten Großstadtromanen wie Dos Passos Manhattan Transfer, Döblins Berlin Alexanderplatz, Belyjs Peterburg oder auch dem viel zu selten gelesenen Riverroad von Mwangi zu stellen.

Lieblose Charakterisierung

Zu meckern gibt es allerdings auch, und das ebenfalls bereits zu Anfang, sobald die Faszination ob jener Passagen, in denen die Stadt selbst Protagonistin ist, im Wortsinn, verklingen. Ausgerechnet die Hauptcharaktere werden hiernach mit einem gewaltigen Hintergrundstory-Abwurf („She was an Artist, bla bla bla“ … „He was a scientist, bla bla bla“) erschreckend lieblos eingeführt, was umso mehr erstaunt als dass uns Nebencharaktere oft eher subtil in ihren Handlungen und Äußerungen vorgestellt werden. Auch manche Hintergrundelemente zu Stadtvierteln, zu Kreaturen, die New Curbozon bewohnen (erwähnte ich, da gibt es bildhauerisch begabte Insektenmenschen, anarcho-kommunistische Vogelwesen, ästhetizistisch veranlagte Spinnenviecher und was nicht noch), sowie zu politischen Hintergründen und Historie, werden teils eher in einem großen Aufwasch über den Leser ausgeschüttet als tatsächlich narrativ entwickelt. Selbst die Inter-Spezies-Liebesgeschichte zwischen Mensch und Insekt, die unerhört sein soll und auf die die Gesellschaft herabblickt, ein Stoff aus dem Shakespeare eines seiner größten Stücke machte, wird in ihren Auswirkungen zwar anfangs beschrieben, aber in der Folge niemals wirklich fühlbar, erfahrbar gemacht. Man stelle sich vor Rushdie führte seine Gibreel Farishda und Salladin Chamcha auf diese Weise in Die Satanischen Verse ein.

Künstlerroman ohne Kunstinteresse

Der Plot widerum ist dabei entgegen anderslautender Behauptungen gerade im ersten Drittel des Romans mindestens ansprechend und hält bei der Stange, doch wer schon einmal einen Künstlerroman vom Schlage des Portrait of the Artist gelesen hat wird womöglich ein wenig Tiefe vermissen. Denn es handelt sich zu Anfang, auch im Wissenschaftsstrang, bei Perdido Street Station um einen Künstlerroman: Das Liebespaar Isaac und Lin versucht jeweils in seinem Gebiet absolutes Neuland zu betreten und wird dabei in chaotische Verwicklungen hineingezogen. Und Wissenschaft in Miévilles Universum ist größtenteils fiktiv und von magischen Momenten durchzogen, mithin: Kunst.

Die Beschwerde nicht weniger Leser, die Handlung komme zu spät in Fahrt und werde von Miéville regelmäßig zu Gunsten des Kosmos New Curbozons vernachlässigt, bezieht sich dagegen wohl vor allem auf den Thriller/Mystery/Verschwörungskomplex mit … ähhhm 400 Seiten grotesker Mottenjagt … der sich aus dem Künstlerplot in der zweiten Romanhälfte entwickelt. Tja. Die hätte sich Miéville mE im Zweifel besser gleich ganz gespart. Das Detektivische Mysterien nicht sein Ding sind, und die Idee des Romans durch einen großen, finalen Konflikt eher unterlaufen als gefördert wird, wird rasch deutlich. Die schwach entwickelten Charaktere tragen übrigens dazu bei die interessante Anlage zu verwässern. Perdido Street Station offenbart große Schwächen, gerade weil er noch viel zu handlungsgeleitet daherkommen möchte (ich will weitergehen: regelmäßig ist „Handlung“, was dem Roman als Kunstwerk auf Augenhöhe mit Musik und Malerei noch im Wege steht, aber davon ein andermal).

Lass die Motten weg!

Konkreter gesagt: China Miéville hätte gut getan sich zu entscheiden, welche Art Roman er eigentlich schreiben will. Einen Großstadtroman mit Liebesgeschichte zwischen unorthodoxer Künstlerin und Wissenschaftler? Dann hätte er sich besser auf das erste Drittel konzentriert, diese Handlung richtig ausgeführt und noch ein paar interessante Subplots dazu gestrickt, die uns tiefer in die Stadt einführen. Und vor allem: Die Motten beiseite gelassen!

Oder einen trashigen Mystery-Thriller über Mottenmonster, die stark an Dementoren aus Harry Potter erinnern? Dann brauchte es New Crubozon nur undeutlich im Hintergrund, aber die Story sollte ohne mehrfaches Deus Ex Machina funktionieren. Auf einen guten Thriller sollte man nicht herabschauen, er ist schwerer zu konstruieren als man denkt. Doch Perdido Street Station ist keiner.

Mein anderer Lieblingsrezensent, Dan Hemmens, weißt darauf hin, dass Perdido Street Station im Setting gar nicht so sehr von traditioneller Fantasie abweiche wie es auf den ersten Blick scheinen mag. Womöglich richtig, aber irrelevant. Tatsächlich macht Miéville für das große Kunstwerk, das ihm als Künstler ebenso vorzuschweben scheint wie mir als Leser, vor allem noch zu viele Kompromisse mit der Erzählweise klassischer Fantastik. Welch ein Meisterwerk könnte ein Perdido-Street Ulysses sein, oder der Alltag eines Kleinkriminellen in den von der Polizei ignorierten Armenvierteln, oder der eines Chirurgen, der zur Strafe solche Kleinkriminellen disfiguriert. Oder ein Panoptikum der Stadt, zusammengesetzt aus solchen Lebensläufen! Denn „spannende“ Konflikte sind für große Kunst, man glaubt es kaum, zweitrangig. Das beschauliche Staufenberg im Landkreis Gießen bildet den Hintergrund des vielleicht größten Romanwerkes deutscher Literaturgeschichte, und das, ich war selbst schon in Staufenberg, will etwas heißen. Das Innenleben des Wirtes des Prancing Pony zu Zeiten der Ringkriege, die Gespräche in der Schenke, die Wandlung des Dorfes Bree im Angesicht des fernen, doch nahen, Krieges, all das könnte ohne weiteres ein Roman (oder auch, warum nicht, eine Kurzgeschichte) von Weltgeltung sein.

Wie man eine Welt erschafft

Natürlich wäre es wirtschaftlicher Selbstmord, Jahre mit der Erfindung einer Welt zu verbringen und dann kein zumindest relativ breit vermarktbares Stück Literatur auszuspucken (Man muss allerdings keine ganze Welt erfinden und bis in die Details ausarbeiten, Gibson zeigt uns, dass man innerhalb einer fantastischen Kreation genauso anspielungsreich und voraussetzungsvoll schreiben kann wie in einem sogenannten realistischen Roman – auch der deutsche Leser kann ja zB River Road lesen, ohne je in Nairobi gewesen zu sein, ebenso wie der kenianische Leser den Alexanderplatz). Leichter wäre es, zugegeben, einen solchen Text in einem existierenden fiktiven Universum anzusiedeln. Was die Frage aufwirft: Könnte das von mir erträumte Kunstwerk schon irgendwo dort draußen, in den Sphären der Fanfiction, herumgeistern? Ansonsten ist Miéville der Autor, der es zumindest in sich hat.

Allerdings, dieser abschließende Hinweis sei gestattet: eine spektakuläre Vergewaltigungsenthüllung kurz vor Schluss wirkt zu aufmerksamkeitsheischend als dass es als sonderlich gelungener Weg gelten könnte einen Text mit moralischer Zwiespältigkeit aufzuladen.

Lesen Sie weitere Kolumnen von Sören Heim. Weitere Vorschläge lesenswerter fantastischer Literatur sind willkommen.

Fortschritt der Fantastischen Reise:

rezensiert:

Andrzej Sapkowski – Der Hexer
China Miéville – Perdido Street Station

nächster Text:

Esther Rochon – Der Träumer in der Zitadelle
oder
Walter Moers – Die 13½ Leben des Käpt’n Blaubär

ausstehend:

Joy Chant – Der Mond der Brennenden Bäume
Viktor Pelewin – Das 5. Imperium
Neil Gaiman – American Gods
Samit Basu – GameWorld trilogy

Die Vorschläge der letzten Woche werden gerade gesichtet.

Sören Heim

Sören Heim

Sören Heim ist Journalist, Übersetzer und Schriftsteller. Er ist Träger des kosovarischen Preises für moderne Dichtung „Pena e Anton Pashkut“ (Stift des Anton Pashku) und des Sonderpreises „Favorit von Daniel Glattauer“ der art.experience 2014. In HeimSpiel schreibt Sören Heim mit Heimvorteil zu den Schnittpunkten von Kunst, Kultur und Gesellschaftspolitik. Er beleuchtet die unerwartete Bedeutung ästhetischer Fragestellungen für zeitgenössische Debatten, die mit Kunst auf den ersten Blick kaum Berührungspunkte haben. Und wo immer, sei es in der Politik, sei es in der Ökonomie, sei es gar im Sport, er auf geballten Unsinn und Unverstand trifft, wagt der Kolumnist auch das ein oder andere Auswärtsspiel. Bisher erschien die Kolumne HeimSpiel im Online-Debattenmagazin The European. Daneben veröffentlicht Heim in mehreren Literaturzeitschriften vornehmlich Lyrik und dichte Kurzprosa, und bloggt auf der eigenen Homepage aus seinem Zettelkasten. Auf Youtube macht er gemeinfreie Lyrik und eigene Texte hörbar, zuletzt Rilkes Duineser Elegien. Im Juli erschien ein Gastbeitrag zu Jan Wagner auf dem Literaturportal Literaturschock. Heim ist mit seiner Autorenseite auch auf Facebook vertreten. 2016 veröffentlichte Heim den "Roman in 24 Bildern" Kleinstadtminiaturen. Erschienen im Girgisverlag, ISBN: 978-3939154181.

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