The Stars Look Very Different Today

Warum trauern wir um Künstler mehr als um alte Freunde? Manche halten es für ein Internet-Phänomen. Aber dahinter steckt vielleicht etwas ganz anderes.


Ich habe gestern nicht geweint, als ich hörte, dass David Bowie gestorben sei. Zugegeben, ich war etwas schockiert, weil ich doch wenige Tage zuvor von seinem neuen Album gelesen hatte. Sein Tod – glaube ich – geht mir auch nahe, aber ich habe nicht getrauert.

Es war anders, als ich vom Tode des kirgisischen Autors Tschingis Aitmatov hörte, oder als ich las, dass Christa Wolf gestorben ist. Da war ich richtig traurig. Ich nehme an, dass der Tod des Musikers Bowie für viele etwa das Gleiche bedeutete wie für mich der Tod der beiden Schriftsteller.

Woher kommt diese Traurigkeit?

Warum trauern wir um solche Menschen, die wir doch gar nicht persönlich kannten? Auf Facebook stellte Horst Kläuser gestern die Frage, warum wir in dem Moment, wenn wir vom Tod eines fernen berühmten Menschen hören, mehr trauern, als wenn wir etwa erfahren, dass ein alter Schulfreund oder eine ehemalige gute Nachbarin gestorben ist.

Ich glaube, es gibt tatsächlich einen großen Unterschied, der es rechtfertigt, dass uns große Trauer ergreift, wenn eine Autorin oder ein Musiker stirbt, während uns der Tod eines ehemaligen Freundes nicht so berührt. Im Falle des Künstlers wird uns schlagartig klar: Es gibt keine Hoffnung auf etwas Neues mehr. Unsere Beziehung zu diesem Menschen war noch nicht zu Ende. Wir haben mit ihm eine Erwartung verbunden – es wird noch etwas von ihnen kommen, was uns berühren und bewegen kann.

Ich weiß noch sehr genau, dass ich so schockiert vom Tode Aitmatovs war, weil ich dachte: Nie wieder werde ich ein neues Buch von ihm in den Händen halten. Alle, die es gab, hatte ich gelesen, und jeden weiteren Roman hätte ich begierig aufgenommen. Ähnlich ging es mir mit Christa Wolf.

Schade, nicht traurig

Man mag es bedauern, aber mit alten Freunden und Bekannten ist es anders. Die Beziehung zu ihnen hat sich allmählich verflüchtigt. Der Moment, in dem wir darüber hätten traurig sein sollen, ist längst vorbei. Wir sagen dann nicht, dass es traurig sei, dass wir uns aus den Augen verloren haben, sondern allenfalls, dass es schade ist, dass wir uns so voneinander entfernt haben.

Anders ist es, wenn etwas offen geblieben ist, wenn eine Geschichte noch nicht zu Ende ist. Wenn noch etwas zu klären gewesen wäre. Das ist aber mit ganz alten Freunden selten der Fall.

Vielleicht ist die Trauer tatsächlich umso größer, desto mehr wir einen Verlust für das erleben, was vor uns liegt. Ich komme auch in Zukunft gut ohne den alten Schulfreund zurecht, so wie ich in den letzten Jahren ohne ihn klar gekommen bin. Aber ohne die Vorfreude auf das nächste Album von David Bowie wird manchem etwas Wichtiges fehlen, so wie mir, der ich nicht mehr auf ein neues Werk von Tschingis Aitmatov oder Christa Wolf hoffen kann.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über die Härte des Liberalismus.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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