Neurechter Revanchismus, kollektive Opferneurose und Souveränitätsverlust

Die „neue Rechte“ sucht den Weg in die Mitte der Gesellschaft. Aber der „Kampf gegen Rechts“, schreibt Philipp Mauch in einem Gastbeitrag, wird immer mehr zum Teil des Problems.


Kein Zweifel, die „neue Rechte“ sucht den Weg in die Mitte der Gesellschaft. Nationalistisches und chauvinistisches Gedankengut soll wieder salonfähig werden. Bürgerliches Camouflage und Relativierung gehören zum strategischen Kalkül der Normalisierung. Das ist die eine, ausführlich dokumentierte und folglich sehr prominente, gleichsam gut polierte Seite der Medaille.

Neurechter Revanchismus

Weniger Beachtung findet leider, was man als „neurechten Revanchismus“ bezeichnen könnte. Damit ist das gezielte Nachahmen des Comments der radikalen Linken gemeint, der in Deutschland nach 1968 eine so große politisch-kulturelle Wirkmächtigkeit entfalten durfte. Das Motto ist denkbar einfach: Jahrzehnte konnten sich linke Spontis austoben, jetzt ist mal die Rechte mit Subversion dran. Revanche eben.

Die schärfste Klinge aus dem Arsenal der Achtundsechziger war freilich die gezielte Instrumentalisierung der Opferrolle zur Legitimierung ihrer radikalen Systemgegnerschaft. Wo der Linke ehedem gegen die Unterdrückung durch das kapitalistische „Schweinesystem“ gekämpft hat, möchte sich der Rechte von heute gegen den „linksversifften Mainstream“ wehren. Die „Lügenpresse“ scheint dabei ein zeitloses und lagerübergreifendes Feindbild zu sein.

Schlaue Retourkutschen

Aber es gibt auch ein vergleichsweise moderateres Opferdenken und darauf haben es die neurechten Normalisierungsstrategen besonders abgesehen. Die Schablonen des etablierten Diskriminierungsdiskurses werden einfach sozusagen auf rechts gestülpt: Traditionelle Familien werden als Opfer einer Verschwulung des Westens inszeniert, wo doch eigentlich nach linker Lesart Homosexuelle Opfer einer Vater-Mutter-Kind Leitkultur sind. Die gleiche Logik der Umkehrung gilt für die autochthone Bevölkerung als Opfer eines ethnosuizidalen Multikulturalismus und überhaupt das Abendland als Opfer eines durch Migration importierten islamistischen Fundamentalismus.

Diese Retourkutschen sind perfide, leider aber auch ziemlich schlau. Denn wenn hierbei politisch Unbedarfte auf Grund kontroverser Ansichten zwischen die Fronten geraten, landen sie schnell mal in der berühmt berüchtigten „rechten Ecke“. Eine Diskriminierungserfahrung der anderen Art, aus der sich für die neurechten Rattenfänger emotional bestens Kapital schlagen lässt. Geteiltes Opferleid sorgt schließlich für Solidarisierung nach dem Motto: „Ach, Du auch? Na dann willkommen im Club!“ Bei nüchterner Betrachtung ist ein Kampf gegen Rechts, der diesen Vermehrungsmechanismus bedient, gelinde gesagt, nicht gerade hilfreich.

Effektiv wäre, den hier sinnstiftenden verschwörungstheoretischen Sumpf auszutrocknen. Aber dazu müsste man sich argumentativ mit der rechtsintellektuellen Gesellschaftskritik abmühen. Das ist anstrengend und führt am Ende dazu, dass auch Linke Teile ihrer liebgewonnen Opferideologie zur Disposition stellen müssten. Dann doch lieber abkanzeln.

Den Abwehrkampf nicht radikalisieren

Eine ernsthafte Dummheit wäre jedoch, in der Auseinandersetzung als Mehrheitsgesellschaft selbst wiederum einer Opferallüre zu verfallen. Manchen Aktivisten scheint sich der gesamtgesellschaftliche Abwehrkampf gar nicht schnell genug radikalisieren zu können. Parole: „Wir müssen uns jetzt mit allen Mitteln gegen die Bedrohung der offenen Gesellschaft zur Wehr setzen!“ Wehren … mit allen Mitteln … und schon beginnt die Opfer-Eskalation, an deren Ende die Grenzen zwischen Legalität und Legitimität als im Eintreten für die gute Sache aufgehoben gelten sollen.

Rechtswidrige Störungen etwa von PEGIDA-Kundgebungen wie in München sind ein erstes Anzeichen, dass der Zivilgesellschaft die Contenance verloren geht. Eine Randnotiz verglichen mit brennenden Flüchtlingsheimen? Sicherlich. Was aber ist, wenn sich ein aggressives Lagerdenken, wie kürzlich auf der Berliner Schaubühne aufgeführt, erst einmal zum gnadenlosen Vernichtungswillen steigert und ebenfalls realiter Bahn bricht? Wer wird da zur Zielscheibe? Hassmails und sogar Morddrohungen etwa gegen in dieser Hinsicht unbescholtene katholische Blogger sind keine Einzelfälle. Auf was soll das hinauslaufen? Auf einen Bürgerkrieg, den großen Showdown Gut gegen Böse?

Dieser zur Selbstjustiz tendierende Laissez-faire ist so gefährlich, weil dabei dem Volk die Souveränität abhanden zu kommen beginnt, die in einer jeden Demokratie konstitutiv ist. Anstatt ausgleichend und integrierend zu wirken, wird von arglosen Bürgern verlangt, sich auf ein ähnlich radikales Niveau wie ihre Gegner zu begeben. Auf diesem Weg droht die vielbeschworene Mitte paradoxerweise selbst zu einer jener Fliehkräfte zu degenerieren, die ohnehin schon am Zusammenhalt im Land zerren.

Souveränität lebt von Distanz

Souveränität im Rahmen einer freiheitlich-demokratischen Grundordnung lebt von der Distanz zu radikalen Strömungen, die man sich auf Grund von Überlegenheit und Selbstsicherheit erlauben kann. Eine kollektive Opfer-Neurose jedoch, die Politiker zu Beschimpfungen und die Boulevardpresse zu Prangern verführt, ist Gift für eine in sich selbst ruhende Volksseele und folglich auch für die offene Gesellschaft.

Denn eines ist schließlich sicher: Die neurechten Revanchisten reiben sich bereits voll der schadenfrohen Erwartung die Hände, in Zukunft auch im Umgang mit dem Islamismus die bei PEGIDA, AfD & Co angelegten pauschalen und tendenziösen Maßstäbe einfordern zu können. Im gerade jetzt so wichtigen Bemühen um ein friedliches Miteinander mit den muslimischen Mitmenschen, könnte das dem einen oder anderen eifrigen Kämpfer gegen Rechts peinlichste Erklärungsnöte bereiten. Die Vorstellung indes, irgendwann würden die Deutschen auch hier die Zügel derart schießen lassen, wäre eine Katastrophe.

 

Philipp Mauch

Philipp Mauch

Philipp Mauch ist von Berufs wegen Stratege für Regulierungsmanagement in der Konsumgüterindustrie. Als Stipendiat der Hanns-Seidel-Stiftung hat er über Nietzsche promoviert – eine Kombination, die er als Ausweis seines liberal-konservativen Nonkonformismus verstanden wissen möchte. In seinem Blog „Variationen der Alternativlosigkeit“ grübelt er über Deutschlands politische Kultur.

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