Warum Doping bestrafen?

Doping im Leistungssport soll bestraft werden wie Nötigung und Unterschlagung. Das ist Unsinn.


Am Freitag hat der Bundestag ein Anti-Doping-Gesetz beschlossen. Überführten Doping-Sündern droht nun eine Geldstrafe oder eine Haftstrafe von bis zu drei Jahren. Das ist das Strafmaß, welches das Strafgesetzbuch z.B. auch für Nötigung oder Unterschlagung vorsieht.

Der Sport soll dadurch wieder sauberer und ehrlicher werden, liest man. Und im Radiointerview höre ich die ersten Stimmen von Politikern, die nicht nur für Leistungssportler eine Bestrafung fordern, wenn die leistungsverbessernde Substanzen einnehmen, sondern auch für Freizeitsportler und Fitness-Studio-Besucher.

Da fragt man sich natürlich, was am Doping eigentlich so böse ist, dass es bestraft werden muss. Nötigung und Unterschlagung schädigt jemanden anders, es gibt einen Täter und ein Opfer, beide sind voneinander verschiedene Leute. Es ist schwer vorstellbar, dass jemand dafür bestraft wird, dass er sich selbst zu irgendwas nötigt. Auch wenn man sich selbst verletzt oder sich gar umzubringen versucht, wird man bekanntlich nicht bestraft.

Künstler für Drogenkonsum bestrafen?

Zumindest derzeit käme auch kaum jemand auf die Idee, einen Musiker dafür zu bestrafen, dass er Drogen nimmt, um die Bühnenshow besser durchzustehen. Auch ein Maler oder ein Schriftsteller, der nur im Alkoholrausch schaffen kann, wird dafür nicht bestraft. Warum soll man also Sportler ins Gefängnis stecken, wenn sie irgendwelche Chemikalien schlucken um schneller zu laufen oder weiter zu springen?

Man könnte einwenden, dass der Künstler nicht gegen einen anderen Künstler antritt, dass es bei ihm nicht um den Sieg in einem Wettbewerb geht. Doping im Sport – wenigstens im Leistungssport – wäre dann eine Art von Betrug: der dopende Sportler verschafft sich einen Vorteil gegenüber dem, der nicht dopt.

Aber das gilt nur so lange, wie das Doping verboten ist. Genau genommen werden Sportler, die nicht dopen dürfen, gegenüber denen benachteiligt, in deren Heimatländern die Sache lockerer gesehen wird. Wenn Doping für alle Sportler weltweit erlaubt wäre, weiß jeder Sportler, worauf er sich einlässt, wenn er zum Wettkampf antritt – und er weiß, was er tun muss, wenn er eine Chance auf den Sieg haben will.

Dagegen könnte man argumentieren, dass eine allgemeine Doping-Erlaubnis dazu führen würde, dass die, die sich die besten Chemiker, Biologen und Ärzte leisten können, bessere Chancen auf den Sieg hätten – dass also letztlich die ökonomische Stärke über Sieg oder Niederlage entscheiden würde. Aber das ist heute natürlich nicht anders. Auch jetzt entscheiden die besseren Techniker, die besseren Wissenschaftler über die Chancenverteilung im Hochleistungssport. Wo ist überhaupt der Unterschied, ob ich Physiologen, Materialforscher und andere Techniker zur Leistungsoptimierung beschäftige oder Chemiker und Biologen? Davon, dass natürlich auch der optimierte Einsatz von Schmerzmitteln und anderen erlaubten Substanzen über den Trainingserfolg mitentscheidet, wollen wir gar nicht reden.

Das einzige Argument, was für ein Dopingverbot und eine Bestrafung des Doping übrig bleibt, ist, dass der ganze kulturelle Sinn des Sportwettkampfs verloren geht, wenn die Leistungen der Sportler durch Chemie und nicht durch normales Training eines gesunden Menschen zustande kommen. Genau genommen ist das natürlich auch eine Illusion, denn auch ohne Doping sind sportliche Höchstleistungen, wie gesagt, nur noch durch den massiven Einsatz von Wissenschaft und Technik möglich, ein Olympiasieg ist längst schon nicht mehr das Ergebnis eines fleißig trainierenden Sportlers mit eisernem Willen, sondern Resultat einer Sport-Technologie, in der der Sportler nur noch eine Komponente ist.

Gebt das EPO frei!

Aber lassen wir dieses Argument einen Moment lang gelten: Erlaubtes Doping würde den Sinn, den der Leistungssport für unsere Kultur hat, mit einem Schlag vernichten. Wir verlören schlicht das Interesse an allen sportlichen Wettbewerben, wir würden die Sportler nicht mehr bewundern, sie könnten uns kein Vorbild mehr sein.

Na und? Ganz schnell wäre es vorbei mit diesem Sport, niemand würde mehr dafür zahlen, und damit könnte sich kein Sportler mehr die Doping-Mittel leisten. Das System würde zusammenbrechen, das wäre bitter für ein paar Funktionäre und Trainer, aber ganz so schlimm wie die Schließung von Zechen im Ruhrgebiet wäre es wohl nicht.

In einer Welt, in der es keinen hochgezüchteten Leistungssport mehr gäbe, würden wir ganz schnell wieder anfangen, die zu bewundern, die durch abendliches Training überhaupt einen Marathon durchstehen oder ein bisschen schneller rennen können als wir selbst. Niemand müsste dafür Dopingmittel nehmen – und es könnte sich auch keiner leisten. Die Maßstäbe wären ganz schnell wieder zurechtgerückt.

Deshalb kann man sich eigentlich nur wünschen, dass alle Leistungssportler dopen dürfen bis ihnen die Nähte der teuren Trikots platzen. Umso schneller ist der Spuk vorbei, und desto schneller gäbe es wieder ganz normalen Sport, den man bewundern könnte und dem es nachzueifern lohnte.

Lesen Sie auch die letzte Kolumne von Jörg Friedrich über seine ganz persönliche Energiewende.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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