Don’t worry!

Alle wollen sie anders und besser leben. Wie wir mit den Welcome-Schildern und ihr, die ihr vor einem alten, abgeschotteten Dasein in Großfamilien flüchtet. Ein ganz anderer Blick aus dem Inneren ins Äußere.

Foto: René Gaens

Ich habe begonnen, mich auch mit dem Schreiben auf meinem Weg zu bestärken. Mehr zu werden als dieses Äußerliche. Für mich nicht einfach. Aber für wen ist es das schon? (Christa Ritter)

Traurig sein, muss ich nicht, aufgeben schon gar nicht. Weil alles so langsam geht, dieses Sich-ernst-Nehmen. Bleib dran, es wird schon, sagte mir gestern eine Freundin, die alles, was sie tut, ziemlich eigensinnig aufzieht. So trägt sie weiße Baumwollhemden mit den passenden Hosen und einen kahl geschorenen Kopf. Sie meditiert viel und verdient ihre Kröten als Deutschlehrerin für Emigranten und als Yoga-Lehrerin. Das bessere, ein anderes Leben, erfindet sie auf ihre Weise, erfinde ich auch schon seit fast 40 Jahren und habe doch immer wieder das Gefühl, ich trete auf der Stelle.

Gestern hörte ich auch von Rainer: Das ist immer so. Das Neue, dieses Bessere, zeigt sich nur manchmal. Dann poppt es plötzlich hoch und alle schauen erstaunt. Wie damals im Arabischen Frühling. Eine heilige Zeit: Die Jungen auf dem Tahrir scheuchten die Diktatoren weg. Mit ihren Smartphones. Sie jubelten und liebten sich. Dann waren sie plötzlich wie weggefegt und die alten Herren saßen zurück auf dem Thron. Occupy genauso. Kurzes Hochpoppen, dann weg. Alles verloren? Da ist nichts vorbei, raunt es in meinem Kopf. Oh Gott, sie kommen, sie schießen und schlachten. Die IS gehören zu diesem Aufbruch der Jungen Arabiens, sie sind die Wütenden, die verzweifelt Mordenden. Alles Internet-Leute, die sich auskennen mit den richtigen Bildern.

Dann die Jungen auf dem Maidan. Alle wollen sie anders und besser leben. Wie wir mit den Welcome-Schildern und ihr, die ihr vor einem alten, abgeschotteten Dasein in Großfamilien flüchtet. Vor der drohenden Scharia, vor einem Menschenbild, das aus eurer Erfahrung fiel. Diese junge Generation der Netizens hat von einem Leben des Teilens und Austauschens gekostet, kennt Facebook-Freunde bei uns, trägt Jeans und T-Shirts. Und die Frauen verstehen sich mit ihren Freunden anders, mehr wie wir. Wenn sie als Teil des Trecks zu uns drängen, bekommen viele Angst, wie wir hören.

Vor einer Welt, die die Zäune verliert und sich durch einen enormen Umbruchs-Prozess wälzt. Wenn sich ein Maidan/Tahrir wieder beruhigt, gegen den Treck wieder ein Zaun hochgezogen wurde, verschwinden diese jungen Menschen mit ihrer Sehnsucht nur für kurze Zeit unter das Pflaster, wo der Strand ist. Erfahrung verarbeiten, nachdenken, aufrappeln und weitersurfen. Denn immer poppt es wieder auf, der Weg ist das Ziel, sagen manche. So hört die Suche nach dem anderen Leben, dem besseren, nicht mehr auf. Wie bei mir, wie bei der Freundin mit dem kahl geschorenen Kopf.

Christa Ritter

Christa Ritter

Die Autorin ist seit 35 Jahren eine der Lebensgefährtinnen von Rainer Langhans, gehört zu den Frauen des Münchner Harems. Sie war in den Achtzigern freie Autorin für die Zeitgeist-Magazine Tempo und Wiener, schrieb auch für das FAZ-, Zeit- oder SZ-Magazin, sowie weitere Print-Medien. Von 1989 bis 1997 drehte sie mit Langhans diverse TV-Dokus (einmal Grimme-Preis, zweimal nominiert). 2008 erschien der gemeinsame Bildband „Die Kommune I – ein Bilderbuch“. Ritter ist derzeit Bloggerin und hat Mitte des Jahres das E-Book Styx die Reise beginnt ins Netz gestellt.

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