Bewundert viel und viel gescholten: Die deutsche Leitkultur

Es gibt eine deutsche Leitkultur – und sie wird auch gebraucht. Wer einen Begriff von ihr finden will, sollte nachsichtig und ehrlich sein.

Deutsche Leitkultur: Ordnung ist das halbe Leben
Die deutsche Leitkultur: Ordnung ist das halbe Leben Foto: C MB 166 unter Lizenz CC BY SA 2.0

Jetzt ist sie wieder da, nachdem sie lange tot geglaubt war: die „deutsche Leitkultur“. Manch einer sieht sie erneut in Gefahr, weil so viele Fremde zu uns kommen, die aus einer anderen Kultur stammen und sich an die unsrige nicht gewöhnen wollen oder können. Andere meinen, dass es so etwas wie eine deutsche Leitkultur ohnehin nicht gäbe, und selbst wenn, dann wäre es nicht schade um sie, denn wir sollten sie lieber durch eine europäische, oder gar globale Leitkultur ersetzen, die dann geprägt wäre von allgemeiner Toleranz und Gleichberechtigung aller Lebensentwürfe, so lange diese selbst wieder die Toleranz und Gleichberechtigung aller akzeptieren.

Denn eben wo Begriffe fehlen

Hört man in die aufflammende Leitkultur-Debatte hinein, fällt auf: Weder ihre Verfechter noch ihre Feinde können präzise sagen, was der Begriff bedeutet. Es gibt keine klar abgrenzbare Menge von Verhaltensweisen, Traditionen, Normen und Regeln, die zur deutschen Leitkultur gehören. Es gibt schon gar keinen abstrakten Oberbegriff oder ein allgemeines Gesetz, aus dem sich ableiten ließe, ob etwas zu dieser Leitkultur gehört oder nicht. Und auch die Wittgensteinschen Familienähnlichkeiten, die in Fällen mangelnder begrifflicher Präzision gern hinzugezogen werden, helfen hier nicht weiter. Zu unterschiedlich sind die Felder sozialer Praxis, auf die sich die Beispiele der deutschen Leitkultur beziehen.

Man könnte meinen, „Leitkultur“, das sei nur ein nebulöses Wort, das man gern nutzt eben wo Begriffe fehlen. Aber die „deutsche Leitkultur“ – das ist nicht nur ein Wort, das ist kein leerer Begriff. Er knüpft an die Intuition an, dass wir uns an manchen Orten heimisch fühlen und an anderen Orten fremd. Manches Verhalten ist uns vertraut, auch wenn wir den Menschen nicht kennen, den wir dabei beobachten, und anderes scheint uns befremdlich. In manchem erkennen wir uns wieder, bei anderem sind wir irritiert. „Heimat ist da, wo man sich nicht erklären muss“ schreibt Herder. Der Grund für das Heimatgefühl liegt eben darin, dass das eigene Verhalten der alltäglichen Kultur entspricht. Das entlastet, das schafft Sicherheit.

Leitung oder Führung?

In dem Wort Leitkultur steckt aber nicht nur die Selbstverständlichkeit der vertrauten heimatlichen Kultur, darin steckt auch „Leitung“. Man könnte diesen Wortbestandteil als „Führung“ und damit als Norm verstehen. Leitung ist aber nur in dem Sinne normierend, dass man sich ihrer bedient, um sicher durch den Alltag und an ein Ziel zu kommen. Ich bediene mich der Leitung durch ein Navigationssystem nicht etwa, weil ich sicher bin, dass das System mich den besten Weg entlangführt. Ich habe vielmehr das Vertrauen, durch diese Leitung recht sicher und vor allem unkompliziert ans Ziel zu kommen. Die Leitung ist nicht in einem moralischen, ästhetischen oder ökonomischen Sinne besser als andere, sie ist einfach zuverlässig.

Leitkultur hat also nicht den Anspruch, eine moralische Überlegenheit, oder überhaupt irgendein Besser-Sein als andere Kulturen zu ermöglichen oder zu definieren. Sich an eine Leitkultur zu halten, heißt nicht mehr, als anderen gegenüber eine gewisse Zuverlässigkeit im Handeln (oder Unterlassen) zu signalisieren.

Man könnte einwenden, dass es umso wichtiger sei, klar zu sagen, was zu dieser Leitkultur denn nun gehört, und was nicht. Sind es Goethe, Schiller und Hölderlin, Kant und Hegel? Wohl kaum, denn die leiten uns im Alltag nicht. Ist es das Grundgesetz? Wohl auch nicht, denn ähnliche Verfassungen haben viele andere auch, denen wir eben intuitiv nicht genau die gleiche Kultur zusprechen, wie wir sie für Deutschland als leitend annehmen.

Wenn wir davon ausgehen, dass die Leitkultur uns im Alltag leitet, und dass wir sie eben im alltäglichen Verhalten der Anderen intuitiv erkennen, dann muss die Leitkultur vor allem im Alltäglichen zu finden sein. Außerdem ist es eben nicht unbedingt das Verhalten, welches wir besonders mögen oder besonders wertschätzen, es ist einfach das, worin wir uns wiedererkennen. Es ist auch möglich, dass wir uns in unseren Schwächen wiedererkennen, in unseren unerfüllten Wünschen, in dem, was wir uns versagen.

Eine ehrliche Leitkultur

Wenn wir ungefähr wissen wollen, was unsere Leitkultur ist, dann müssen wir also ehrlich zu uns selbst sein. Wir müssen nicht nur die Dinge aufführen, auf die wir stolz sind, sondern auch die, die wir an uns selbst weniger mögen, die aber zum Vertrauten dazu gehören.

Vermutlich gehört zur deutschen Leitkultur vor allem, dass wir eine Leitkultur brauchen: wir erwarten, dass man sich ordentlich an Regeln hält, dass man nicht „Fünfe grade sein lässt“, dass man exakt ist, aufgeräumt hat, auch pünktlich ist, dass man ein bisschen Sauberkeit hält. Ja, seien wir ehrlich, genau das ist unsere Leitkultur. Wir glauben auch, ganz tief in uns drin, dass wir deshalb so erfolgreich sind, dass wir deshalb gute Ingenieure haben, die Autos bauen können, die auf dem Prüfstand die Abgasnormen erfüllen, dass wir deshalb Fußballweltmeister sind, und dass wir deshalb auch ökonomisch ganz gut dastehen.

Gleichzeitig beneiden wir die, die ein bisschen lockerer sind, wir versuchen ja auch, Salsa zu tanzen oder Tango Argentino, und lernen eifrig die Tanzschritte in der ADTV-Tanzschule nach den Regeln, die der Verband dafür vorgibt. Am Ende drehen wir uns dann doch ordentlich im Dreiviertel-Takt, mit exakter Links- und Rechtsdrehung und vorschriftsmäßigem Heben und Senken, und wir finden, dass das auch besser zu uns passt.

Wir sollten zugeben, dass wir eine Leitkultur brauchen, weil sie uns Vertrauen in den Alltag gibt. Und deshalb ist es auch gut, wenn unsere Gäste aus aller Welt, aus welchen Gründen auch immer sie zu uns kommen, versuchen, sich ein wenig danach zu richten. Dabei müssen wir nachsichtig sein, denn eine Leitkultur kann man nicht aus dem Buch lernen, weder aus dem Grundgesetz noch aus einem Reiseführer Deutschland. Die lernt man nur durch Versuch und Irrtum, durch gemeinsames Ausprobieren und Korrigieren. Wer weiß, wahrscheinlich ändert sich dadurch auch die Leitkultur.

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • Der Begriff der Leitkultur (noch ohne das Adjektiv „deutsche“) stammt meines Wissens nach von Bassam Tibi, der damit den gesellschaftlichen Wertekonsens Europas (Demokratie, Menschenrechte und individuelle Freiheit) beschreiben wollte. Der Begriff war offensichtlich unglücklich gewählt – zu sehr ist vor allem im Deutschen der Kulturbegriff missverständlich und historisch belastet – aber es war der Versuch, für Einwanderergesellschaften übergeordnete, nicht an ethnische und somit exklusive Kriterien gebundene Werte zu definieren. Es ging Tibi gerade darum, die ethnische Identifikation zu Gunsten einer wertebasierenden aufzuheben, nach der jede und jeder französischer, deutscher oder schwedischer Citoyen werden kann, indem sie oder er die Werte der pluralistischen europäischen Gesellschaft akzeptiert und sich loyal zu ihrer Verfassung verhält – angelehnt an das amerikanische Modell, in dem „Amerikaner-werden“ in diesem Sinne verstanden wird.
    http://www.bpb.de/publikationen/40QIUX,1,0,Leitkultur_als_Wertekonsens.html#art1

    • Inwiefern ist denn der Kultur-Begriff missverständlich und historisch vorbelastet. Und selbst wenn es so wäre, dann ist es hohe Zeit, ihn zu klären, denn ich denke, er hat, gerade in dem von dir dargestellten Sinn, eine gute Kennzeichnungs- und Erklärungskraft. Ich sehe Kultur allerdings weniger als Wertekonsens – dann hat er immer etwas normatives – sondern vor allem und primär als Handlungskonsens.

      • Der Kultur-Begriff, der im Deutschen verwendet wird, ist in anderen Sprachen in dieser Form unbekannt. Im Englischen kommt ihm vermutlich der Begriff civilisation am nächsten, aber schon der Versuch der Rückübersetzung zeigt das Dilemma: Aus Clash of Civilisations wird dann der Kampf der Kulturen. Anders gesagt: Das englische Civilisation lässt sich so wenig adäquat ins Deutsche übersetzen, wie das deutsche Kultur ins Englische. Im deutschen Kultur schwingt eine emotionale Saite mit, die in anderen „Kulturen“ – zumindest in dieser Form – unbekannt ist. Da ist man dann schnell von der „deutschen Kultur“ beim „deutschen Wesen“.
        Den Unterschied zwischen Wertekonsens und Handlungskonsens kann ich nicht ganz nachvollziehen. Denn worauf sollte ein Handlungskonsens beruhen, wenn nicht auf gemeinsamen Werten? Und normativ wäre er in jedem Fall.
        Was Bassam Tibi am Herzen lag, war eine Leitkultur der Einwanderungsgesellschaft und die kann nur schwerlich auf etwas basieren, das den Hinzukommenden versperrt ist, also etwa nicht auf deutscher Küche oder deutschem Wohnen. Sie muss zwingend auf etwas basieren, was allen offen steht, was allen einsichtig ist und von allen geteilt werden kann. Und da bin ich der Meinung Tibis: Eine Einwanderungsgesellschaft braucht zwingend gemeinsame Werten des Zusammenlebens, wie sie in den Menschenrechten festgeschrieben sind.

        • Der Begriff Kultur ist im Deutschen weit vielfältiger als du es hier andeutest. Gerade in der Verbindung zu Leitkultur oder etwa auch im Begriff der Willkommenskultur wird das deutlich. Hier ist Kultur eben genau ein Set von durchschnittlichen, vertrauten Verhaltensweisen und akzeptierten Regeln (kulturelle Praxis). Es geht eben doch eher in die Richtung der Bedeutung des englischenund auch französischen „culture“ wie es auch in den verschiedenen Übersetzungen von Bourdieus „La distiction“ verwendet wird (wobei ich Bourdieu mit seinem wertenden und messenden Gebrauch nicht zustimmen würde – dieser verweist allerdings darauf, dass auch in anderen Sprachen die „emotionale Saite“ nicht fremd ist.)

  • Alexander Wallasch

    Ein sehr sehr guter Artikel, weil er die Debatte weiterführt. Schlüsselsatz wohl hier: „Vermutlich gehört zur deutschen Leitkultur vor allem, dass wir eine Leitkultur brauchen“
    Wenn wir jetzt noch dieses Missing Link ausmachen zwischen Vererbung und Sozialisation, dieses „Mem“ oder „Meme“, könnte es spannend werden!

    • Ich sehe Memes eigentlich weniger als Link zwischen Vererbung und Sozialisation, sondern sozusagen als den „materiellen Träger“ von kulurellen Bedeutungen. Aber dazu müsste ich etwas mehr aufschreiben als einen kurzen Kommentar. Danke aber für den Hinweis, darüber lohnt sich im Kontext Leitkultur auf jeden Fall nachzudenken.

  • Pingback: Unsere kleine Leitkultur | Die Kolumnisten. Persönlich. Parteiisch. Provokant.()

  • Peter Brunner

    In dem hier vorgeschlagenen Sinn sehe ich das Paradoxon, dass Leitkultur wenig mit Nationalität zu tun hat. Beschreibe ich meine Verhaltensweisen im Alltag, so beschreibe ich einen protestantischen Südhessen. Ob ich das will oder nicht – ich bins. Und der findet im Alltäglichen Lebens- und Verhaltensparallelen eher bei Elsässern und Österreichern, Deutschschweizern und Westböhmen als bei Hanseaten und Vorpommern.

    Anlässlich der Grenzöffnung nach Osten hat man die vormalige Frankfurter Kulturdezernentin Linda Reisch gescholten, weil sie sich in Florenz mehr zuhause fühlen erklärte als in Erfurt oder Schwerin. Natürlich war das unklug – aber es trug im Kern die gleiche Überlegung, die ich hier anstelle. Im europäischen Sinn ist das auch gar kein Problem: da kann das jede für sich wie einen langsam abfallenden Hügel von Gemeinsamkeiten begreifen. Für echte Identität ist Nation wahrscheinlich einfach eine Nummer zu groß, und so kann „unsere“ Leitkultur, denke ich, eine regionale, aber ganz gewiß kein sein, die sich über Nationengrenzen definiert.

    „Hesse ist, wer Hesse sein will“ hat der frühere hessische Ministerpräsident Georg August Zinn einmal geagt, und verblüffenderweise hat das der heutige, Volker Bouffier, kürzlich wiederholt. Das ist kein schlechter Ansatz (wenn auch, im oben genannten Sinn, ich den Badensern viel näher bin als den Kasselanern …).

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