Sea-Watch und Grüne. Mehr als nur ein PR-Debakel

Sich auf der Spree für ein paar Minuten in einem Flüchtlingsboot ablichten zu lassen ist reine Solidaritätssimulation, meint Kolumnist Hasso Mansfeld. Sea-Watch und Grüne tun damit Flüchtlingen keinen Gefallen.

Boat People
Flüchtlinge auf Boot vor Lampedusa Von Vito Manzari, bearbeitet. Lizenz CC BY 2.0

Dramatische Musik. Stimme aus dem Off. 121 winzige Menschlein auf einem wackelnden Schlauchboot. Wie hilflos sie wirken. Der Wind heult. Später werden die Bootsinsassen berichten, wie beengt man sich fühlte, sie können nachempfinden, wie schrecklich eine solche Situation für Flüchtlinge sein muss. Allerdings: Die Ufer der Spree sind derweil kaum mehr als zehn Meter von den Flüchtlingsdarstellern entfernt. Und alle Beteiligten tragen ohnmachtssichere, feuerrote Schwimmwesten. Das hier beschriebene Video wurde bei Spiegel Online mittlerweile fast eine Million Mal angesehen. Und ein regelrechter Schwall negativer Kommentare ergoss sich über die Protagonisten.
Was die Nichtregierungsorganisation Seawatch hier inszeniert hat, ist ein PR-Debakel. Dabei hatte man doch alles beisammen, was normalerweise einen großen Werbeerfolg verspricht: Viel Prominenz, ein anrührendes Thema, und freundlich gesinnte Medien. Jedoch: „Politiker schippern gemütlich in „Originalflüchtlingsboot“ auf der Spree“ so nur einer von zahlreichen hämischen Kritikern. „Fehlt nur noch, dass Häppchen gereicht werden“.
Und nicht in erster Linie die üblichen Verdächtigen von PEGIDA, AfD und Co tobten sich aus. Nicht wenige Menschen, die sich ansonsten solidarisch mit Flüchtlingen äußern oder sogar in der Flüchtlingshilfe tätig sind, nennen die Aktion zynisch und menschenverachtend.

So viele Fehler!

Was ist nur schief gegangen? Alles.
Erstens: Für den unbedarften Zuschauer wird nicht klar, dass es sich um eine Aktion einer NGO handelt, die schon mehrfach durch private Seenotrettung von sich reden gemacht hat. Damit fällt der NGO-Bonus ebenso weg wie die Street-Credibility einer Gruppe, die dort einspringt, wo’s weh tut. Stattdessen sieht der Zuschauer Politiker (die mag er sowieso nicht), vor allem von den Parteien der Berufsbetroffenen (noch schlimmer), und die setzen sich selbst in Szene, ohne dafür persönliche Opfer zu bringen. Schrecklich.

Zweitens: Dass die Medien jegliche Distanz aufgegeben haben, gereicht den Aktivisten in diesem Fall nicht zum Vorteil. Wenn Spiegel Online, statt die Hintergründe zu durchleuchten, noch die passende musikalische Untermalung zum Video liefert, fühlt sich der Zuschauer zurecht verarscht. So geht Journalismus nicht. Alles wirkt wie eine koordinierte Kampagne, in der Politik und Medien an einem Strang ziehen. Wer da nicht misstrauisch wird, hat ein ungesundes Verhältnis zur medialen Öffentlichkeit.

Und drittens: Die Aktion wirkt nunmal zynisch und menschenverachtend. Es handelt sich um eine billige Solidaritätssimulation der übelsten Sorte. Als könnte eine Schlauchboottour auf der Spree auch nur ansatzweise vermitteln, was Menschen durchmachen, die tagelang in überfüllten unsicheren Booten auf dem Mittelmeer ausharren.

Fähigkeit zur Selbstkritik?

Sea-Watch und alle an der Erstellung des Videos Beteiligten haben ein Eigentor geschossen. Vom Standpunkt einer verantwortungsvollen Öffentlichkeitsarbeit gilt es jetzt, Schadensbegrenzung zu betreiben. Dazu würde vor allem gehören, sich von der unter NGO-Aktivisten und auch in der Politik verbreiteten Vorstellung zu verabschieden, man sei im Besitz der absoluten Wahrheit und jeder Kritiker bestätige nur die eigene Position. Man darf gespannt sein, ob sich Sea-Watch in den nächsten Tagen zu ein wenig Selbstkritik durchringen kann.

Sieht man sich jedoch einmal an, mit welch breiter medialer Unterstützung Sea-Watch nicht erst seit gestern zu Werke geht, ist das wohl mehr als unwahrscheinlich. Ich selbst wurde auf die Organisation erst vergangene Woche so richtig aufmerksam, als in der Sendung Frontal 21 Grünen-Politiker sekundiert von Sea-Watch-Aktivisten der militärischen EU-Mittelmeeroperation „Sophia“, die gegen Schlepper vorgehen und Flüchtlingen Hilfe leisten soll, vorwarfen, was sich nun auch Sea-Watch vorwerfen lassen muss: Zynismus und schamlose Selbstinszenierung. Auch in der Folgewoche gab es wieder einen grünen Überschuss in der gleichen Sendung. Solche politisch orchestrierte Nabelschau lässt nicht gerade auf Kritikfähigkeit hoffen.

Die Schweigeminute für Flüchtlinge

Und Sea-Watch Gründer Harald Höppner hat ja bereits Anfang des Jahres gezeigt, wie weit er zu gehen bereit ist um seine Vorstellung von moralisch richtigem Verhalten einem Millionenpublikum aufzudrängen. Damals forderte er die vieldiskutierte Schweigeminute für Flüchtlinge in der Talkshow von Günther Jauch. Das stolz auf dem Shirt getragene Sea-Watch-Logo natürlich immer im Fokus der Kamera. Man muss Höppner zugestehen, er hat Chuzpe und einen Sinn für öffentlichkeitswirksame Auftritte. Dass von einer solchen Schweigeminute aber auch ein großer moralischer Zwang ausgeht, dass die Frage durchaus berechtigt ist, ob man von anderen Menschen Empathie einfach einfordern kann, dass es ein Recht zur Abgrenzung von Elend geben könnte, ohne das der einzelne Mensch kaum lebensfähig wäre – und auch, das weiß jeder, der schon einmal im sozialen Sektor tätig war, irgendwann nicht mehr fähig ist zu helfen – all das kommt in Höppners Gedankenwelt nicht vor.

Nun gut, mag man einwenden. Ein PR-Profi, der sein Anliegen vorantreibt. Er gebärdet sich doch auch nicht schlimmer als mancher PR-Berater oder Unternehmer. Schon richtig. Aber wollen NGOs wie Sea-Watch nicht stets zu den Guten gehören?

Kein Interesse an kritischer Presse

Auch in anderen Bereichen ist das Gebaren von Sea-Watch zumindest dubios zu nennen. So warf das Sea-Watch-Team beispielsweise den Radio Eins Mitarbeiter Michael Hölzen, der vorher sozusagen als „Embedded correspondent“ von der Sea-Watch berichtete, im Sommer in Lampedusa kurzerhand von Bord. Die kritische Berichterstattung war den Aktivisten ein Dorn im Auge. Gleichzeitig erklärte man, man wolle an der Zusammenarbeit mit Korrespondenten unter anderem von der ARD prinzipiell festhalten und bedauere sehr, dass es mit Hölzen zu keiner Einigung gekommen sei. Dieser Ton legt zumindest nahe, dass Hofberichterstattung nicht nur von Sea-Watch erwartet wird, sondern dass auch die Verantwortlichen bei den öffentlich-rechtlichen signalisiert haben, dass eine allzu kritische Berichterstattung nicht geduldet werden muss. Man problematisiert den „Embedded Journalism“ in der Kriegsberichterstattung (Udo Ulfkotte war einst eingebetteter Berichterstatter), und Unternehmen, die ähnliche Bedingungen wie Sea-Watch stellen, sehen sich zurecht im Kreuzfeuer der Kritik. Doch bei „gemeinnützigen“ Institutionen und ihren Aktivisten schaut man nicht so genau hin.

Dramatische Musik. Stimme aus dem Off. Cut. Die ganze Art und Weise der unkritischen Inszenierung bei Spiegel Online verdeutlicht, was falsch läuft: Denn das Problem sind nicht in erster Linie Aktivisten, die für ihr Anliegen werben. Wenn ich Menschen überzeugen will, muss ich mich gut verkaufen. Manchmal gelingt das, manchmal schlägt das fehl. Das eigentliche Problem sind Medien, die überhaupt kein Gespür mehr dafür haben, wann sie Teil einer groß angelegten PR-Kampagne sind. Oder, was noch schlimmer wäre: Die das gar nicht mehr kümmert.

Hasso Mansfeld

Hasso Mansfeld

Mit seinen Kampagnen Ostpakete für den Westen und Bio goes Lifestyle setzte Hasso Mansfeld gesellschaftliche Akzente. Er ist Diplom-Agraringenieur und fand durch seine Karriere in der Markenartikel-Industrie zur Publizistik. Dreimal wurde er mit dem deutschen PR-Preis ausgezeichnet. Gemeinsam mit Christoph Giesa organisierte er die Facebookkampagne „Joachim Gauck als Bundespräsident“ und hat die liberale Ideenschmiede FDP Liberté im Netz initiiert. Mansfeld trat als Kandidat der FDP für die Europawahl an. Hasso Mansfeld arbeitet als selbstständiger Unternehmensberater und Kommunikationsexperte in Bingen am Rhein.

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