Keine Diskussion!

Wir sollen sachlich diskutieren und nach richtigen Lösungen suchen. Aber eine leidenschaftliche Debatte wäre oft besser.

Hier wird sachlich argumentiert. Foto: KellarW, CC BY 2.0

Angewidert sitzt das Publikum vor den Bildschirmen und verfolgt Talkshows und Parlamentsdebatten. Auch wenn man sich damit offenbar gut unterhält, fordert man mehr sachliche Diskussion und den Austausch überzeugender Argumente statt persönlicher Angriffe. Fragt man nach, bekommt man immer wieder zu hören: statt unsachlich zu streiten, sollten Politiker lieber sachlich diskutieren, gemeinsam nach der richtigen Lösung für die anstehenden Probleme suchen. Am besten wäre, so hört man, wenn die Politiker überhaupt auf das emotionslose, objektiv begründete Urteil der Experten aus der Wissenschaft hören würden.

Eine schöne Theorie

Wir sollen nicht streiten, das haben uns schon unsere Eltern gesagt, als wir im Sandkasten mit gleichaltrigen um Schippchen und Platz kämpften. Stattdessen sollten wir ausdiskutieren, welche Lösung für alle die beste ist, wir sollten Kompromisse finden, miteinander einen Konsens suchen statt gegeneinander zu kämpfen.

So etwas nennt man Diskussion. Die Diskussion unterscheidet sich vom Streit: wir finden am Ende des Austausches von Ansichten und Argumenten ein Ergebnis, das für alle akzeptabel ist. Jürgen Habermas hat daraus bekanntlich eine wunderschöne Theorie über den herrschaftsfreien Diskurs gemacht, und da die so friedlich und gerecht klingt, schenken viele ihr Glauben. Seitdem wird die Welt eingeteilt in die Guten, die sachlich und lösungsorientiert diskutieren wollen, und die Bösen, die immer nur streiten.

Das hohe Ideal der sachlichen Diskussion geht von der Annahme aus, dass die menschliche Vernunft, wenn sie nur richtig angewandt wird, für jedes Problem die richtige Lösung finden kann. Damit das funktioniert, müsste es eine – genau eine – richtige Lösung für jedes Problem geben. Diese Lösung müsste dann jeder vernünftige Mensch einsehen und akzeptieren können.

Leute, die so etwas glauben, haben nie im Sandkasten gespielt, jedenfalls nicht auf einem öffentlichen Spielplatz. Sie haben auch nie einen Menschen begehrt, der auch von jemandem anders begehrt wurde. Sie haben nie auf den Genuss des letzten Tortenstücks auf dem Tisch spekuliert. Vermutlich lehnen sie Torten aus Gründen der Gesundheit oder des Tierschutzes ab.

Die wirklichen Probleme

Es gibt für kaum ein Problem eine richtige Lösung, schon gar nicht eine, die von allen Menschen, die klar denken können, aus rationalen Gründen der Logik und der Wissenschaft zu akzeptieren sei. Manche, die es für ein Problem halten, ein Raumschiff zum Mars zu schicken oder die Messwerte eines PKW beim Abgastest zu manipulieren, werden widersprechen. Aber die wirklichen Probleme der Menschen können durch Diskussionen nicht gelöst werden. Das weiß jeder, der schon mal die Frau des besten Freundes geliebt hat. „Wir fühlen, dass, selbst wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensprobleme noch gar nicht berührt sind.“ schrieb schon der junge Wittgenstein (Tractatus, 6.52).

Nun könnte man sagen: Die Politik soll sich aus diesen wirklichen Lebensproblemen heraushalten und sich lieber nur um die simplen Fragen kümmern, die dann doch mit der sachlichen Diskussion der kalten Vernunft erledigt werden können. Aber leider sind die meisten unserer Sehnsüchte und Wünsche und auch viele unserer Gewissensentscheidungen von gesellschaftlichen Ressourcen, Verpflichtungen und Einflüssen abhängig. Deshalb können wir kaum ein politisches Thema unabhängig von Emotionen und Begierden betrachten – und somit auch nicht mit Mitteln der logisch-rationalen Vernunft lösen.

Diskussionen, vor allem die sachlichen, leidenschaftslosen, die eine richtige Lösung für irgendwas erbringen sollen, helfen also im richtigen Leben nicht weiter. Es ist der größte Fehler der modernen Gesellschaft, auf den Sieg der Vernunft zu hoffen, jedenfalls so lange, wie man meint, dass Vernunft sich auf logisch richtiges Schlussfolgern aus Tatsachen und objektiven Gesetzen beschränkt. Der Sieg einer solchen Vernunft wäre immer nur der Sieg von „Vernünftigen“ über die „Unvernünftigen“ – eine kalte Diktatur ohne Gefühl und Leidenschaft.

Menschliche Vernunft ist ohne Sehnsucht und Gewissen gar nicht denkbar, wer das akzeptiert, kann auch damit leben, dass Diskussionen bei den großen Problemen der Menschen nicht viel bringen. Was aber soll an ihre Stelle treten? Genau das, was da schon steht: Die leidenschaftliche Debatte.

Probleme werden nicht gelöst

Eine wirkliche Debatte hat nicht das Ziel, nach der richtigen Lösung eines Problems zu suchen. In der Debatte geht es darum, den fraglichen Konflikt verständlich zu machen, Wünsche und Hoffnungen der debattierenden Personen erkennbar zu machen. Debatten schaffen Identifikationsfiguren. Leute, denen man vertraut, weil sie die gleichen Wünsche haben wie man selbst, oder weil sie in ihren Zielen und Ansichten wenigstens glaubwürdig erscheinen.

Natürlich gibt es in einer guten Debatte auch Argumente, aber die Logik der Argumentation muss nicht der nackte mathematische Syllogismus sein. In einer Debatte bringt man sich als ganzer Mensch ein, nicht nur den Teil des Geistes, den man eigentlich auch an einen Computer auslagern könnte.

Eine Debatte ist auch nicht dazu da, seine Gesprächspartner zu überzeugen, ihnen ihre Fehler nachzuweisen oder gar eines Besseren zu belehren. Am Ende der Debatte wird im besten Falle klar, warum jemand einen Standpunkt vertritt. Und wenn man das verstanden hat, dann kann man auch damit leben, mal in einer strittigen Frage zu unterliegen – um beim nächsten Mal mit mehr Leidenschaft und scharfen Argumenten eine neue Chance für die eigene Sache zu bekommen.
(Vielen Dank an Romy Straßenburg für die kritische Durchsicht des Manuskriptes.)

Jörg Friedrich

Jörg Friedrich

Der Philosoph und IT-Unternehmer Jörg Friedrich schreibt und spricht über die Möglichkeiten und Grenzen des digitalen Denkens. Aufsehen erregte sein Buch Kritik der vernetzten Vernunft, in dem er zeigte, dass digitales Denken nicht durch Computer und Internet entstanden ist, sondern umgekehrt: das digitale Denken hat sich seine passenden digitalen Medien geschaffen . Friedrich ist Diplom-Meteorologe und Master of Arts in Philosophie. Sie erreichen Jörg Friedrich per E-Mail: joerg.friedrich@diekolumnisten.de

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  • „Am Ende der Debatte wird im besten Falle klar, warum jemand einen Standpunkt vertritt.” Na ja – ich beteilige mich an Diskussionen schon auch in der Hoffnung auf Konsens. Ich spreche mit Menschen gerne in der Hoffnung darauf, voran zu kommen. Und dafür halte ich Konsens für unabdingbar.

    • Sören Heim

      Konsens ist ein schönes Ziel – Wird aber selbst unter zwei Diskutanten selten erreicht. Dass eine Debatte, die ja im Test auch noch mal in besonderer Weise definiert wird, erstmal Standpunkte klärt und nicht zur Überzeugung des Gegners führt, sollte aber doch unstrittig sein. Warum, das legt Jörg Friedrich für mich überzeugend 😉 dar.
      Und noch ein kleiner Haken: je stärker die Diskutanten mit dem Bedürfnis nach Konsens, also letztendlich: zu überzeugen, in die Debatte gehen, desto fester gemauert dürften am Ende die Standpunkte stehen 🙂

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