Wenn die Musi nimmer spuit

Das Unvorstellbare wird wahr: Der Bayerische Rundfunk verbannt Volks- und Blasmusik in einen Spartenkanal. Was beweist, auch im traditionsbewussten Freistaat ändern sich die Zeiten. Im Landtag kochen bei manchen die Emotionen hoch; selbst der Heimatminister schaltet sich ein.

Bayerischer Rundfunk ohne Volksmusik? Klingt irgendwie wie Ernie ohne Bert oder Mallorca ohne Ballermann. Nun aber soll das Unmögliche wahr werden. Grafik: Timo Rödiger

Hätte man mich nach drei Schlagzeilen gefragt, die niemals erscheinen werden, ohne langes Nachdenken wären dies meine Antworten gewesen: Papst tritt aus der Kirche aus; Frauke Petry hat Techtelmechtel mit Til Schweiger und Bayern 1 spielt keine Volksmusik mehr.

Noch immer bin ich überzeugt, dass ich die ersten bei Headlines nie lesen kann. Der dritte Punkt allerdings ist wahr geworden: Ab Pfingsten verbannt der Bayerische Rundfunk Volks- und Blasmusik in seinen digitalen Sender BR Heimat.

Trachtenradio Gottseibeiuns junger Menschen

Meine erste Reaktion: Das kommt 30 Jahre zu spät. Musste ich doch als Teenager in Haus und Auto meiner Eltern gezwungener Maßen zuhören, wenn auf der Bayern-Welle die Patrona Bavariae beschworen wurde und irgendeine volksmusikale Hupfdohle davon sang, dass über „jedes Bacherl a Brückerl“ führt. (Ich gebe zu, dass auf dem Programm auch viele Lieder von ehrenamtlichen, authentischen Heimat- und Blasmusikgruppen gespielt wurden. Die waren und sind zwar nicht meine „meine Tasse Tee“. Ausdrücklich jedoch schließe ich sie von jeder Lästerei aus.)

Bayern 1 war der Gottseibeiuns vieler junger Menschen mit akuter Trachtenphobie. Die Vorstellung aber, dass der Sender aus dem Land des damals noch real existierenden Franz-Josef Strauß auf die Idee kommen könnte, diese Klang gewordenen Inkarnationen eines beliebigen Vulgärbajuwarentums zu verbannen? Eher hätte ich den Fall der Berliner Mauer – die bald darauf wirklich auf dem Sondermüllhaufen der Geschichte landete – oder die Besiedelung des Mondes für möglich gehalten. Letzteres steht allerdings noch aus. Nun gut, damals in den 80ern hieß Twix auch noch Raider, der Bundeskanzler Helmut Kohl und Digitalradio gab es höchstens im Raumschiff Enterprise oder auf dem Todesstern von Darth Vader.

Gottschalk und Jauch als „Cool Bavaria“

Nun löste nicht alles, was über den Main auf die hessische Seite der Landesgrenze gesendet wurde, allergische Reaktionen aus. Im Gegenteil: Das dritte Radioprogramm des Bayerischen Rundfunks hatte gerade in Hessen eine treue Fan-Basis. Während der Hessische Rundfunk auch auf seinen Jugendwellen einen elitären Musikgeschmack pflegte und im Wortteil denselben erhobenen Zeigefinger kreisen ließ, der auch bei Alt-68er-Lehrern im Gemeinschaftskundeunterricht im Zustand der Dauer-Errektion verharrte, wichen viele Teenager auf die Welle von jenseits des Weißwurstäquators aus. Ein gewisser Thomas Gottschalk und ein gewisser Günther Jauch lieferten schon damals in „Thommys Radioshow“ coole Sprüche und die angesagtesten Hits aus den USA, dem UK – und wenn es passte auch aus Deutschland – ab.

Ungezwungener Spaß statt Weltverbesserung, Bavaria konnte cool sein!  Später kam noch der Privatsender Antenne Bayern hinzu, der bis heute oben auf der Playlist meines I-Radios steht. Wenn ich nicht gerade BBC Radio 1 höre, wo noch bessere Musik gespielt wird – und man nie Gefahr läuft, Sarah Connor, Johannes Oerding oder PUR zu hören. So wie Gottschalk und Jauch wussten, was bei jungen Hörern ankam, so traf Bayern 1 den Nerv der älteren Semester. Seit 1989 war die Welle die Nummer 1 zwischen Hof und Oberammergau.

Tourismusverband setzt auf Tattoos statt Trachten

Deshalb sind Verschwörungstheoretiker derzeit geneigt, alles mögliche hinter der Verbannung der Volksmusi zu vermuten. Die Leserbriefseiten der Lokalzeitungen und Foren im Internet etwa sind voll von entsprechendem Protest. Und wen vox populi an den Stammtischen südlich des Weißwurstäquators alles zu Sündeböcken macht, kann man sich vorstellen: Etwa, den Bayerischen Tourismusverband, der mittlerweile einen ganzkörpertätowierten Hipster zu seiner Werbeikone gemacht hat. Schließlich passen Marianne & Michael, die Sächsin Stefanie Härtel und das Naabtal-Duo nicht gerade zum angestrebten Image vom hippen und coolen Bayern. Oder vielleicht die Bundeskanzlerin, die geneigt sein könnte, den renitenten Südstaatlern und ihrem Landesfürsten mit internationalem Pop – am besten einschließlich Khaled, Ofra Haza und Youssu N`Dour – beizubringen, was so eine richtige musikalische Willkommenskultur ist. Vielleicht auch die Staatsregierung selbst, die beständig das Bild von Bayern als Heimat von Laptop und Lederhose verkaufen möchte. Wenn die volkstümlichen Klänge nur noch digital zu empfangen sind, dann wäre selbst der letzte Trachtler gezwungen, sich ein mobiles Datengerät zuzulegen. Eventuell nicht nur Laptop, vielleicht auch Tablet oder Smartphone. Der Freistaat als multimedialer Extrem-Hot-Spot. Diese Vorstellung würde selbst den modernistischsten aller Bajuwaren, Edi „Transrapid“ Stoiber, über den Verzicht auf die Magnetschwebebahn hinweg trösten.

Der Heimatminister macht mobil

Nur: Sogar im Bayerischen Landtag brennt ob der Volksmusik-Umsiedlung schon die Luft. Der Vorsitzende des Kulturausschuss ist ebenso empört wie die Freien Wähler, der Bezirkstag und Heimatminister Markus Söder. Letzterer gilt als echter Raubauz, der bekanntlich auch nicht davor scheut, sich mit Ministerpräsident, Kanzlerin und dem Vertreter Gottes im Bayern, Kardinal Marx, anzulegen. Außerdem hat der Mann beim BR als Journalist gewirkt und somit beste Beziehungen in den Sender. Nein, irgendwo bei den Großkopferten fand definitiv keine Verschwörung gegen die lustigen Musikanten statt.

Die offizielle Begründung des Bayerischen Rundfunks ist viel profaner – und irgendwie auch einleuchtender. Der Sender hat seine Kernklientel in der Altersgruppe der 45 bis 60 -Jährigen. Wie es der Kreislauf des Lebens will, seufz, sind die 15-Jährigen von 1985 die 45-Jährigen von heute. Und aus eigener Erfahrung weiß ich, dass die lieber Van Halen, Bon Jovi oder The Hooters hören, als die Kastelruther Spatzen und Stefan Mross. Was inzwischen die Einschaltquoten nach unten treibt, wenn die Volksmusikanten zum Auftritt blasen. Wohl deswegen schieben die Programmdirektoren den Originalsound Süd zwar nicht dorthin ab, wo der Pfeffer wächst, aber immerhin in einen Spartenkanal.

Internetradio zum Geburtstag

Meine Eltern indes werden ab Pfingsten Radio-technisch heimatlos. Internet-Radio oder Smartphone haben sie, zumindest meines Wissens, nicht. Immerhin bringt mich das auf die Idee für ein wirklich sinnvolles Geburtstagsgeschenk. So dürfte der Bayerische Rundfunk für die eine oder andere ungeplante Kaufentscheidung sorgen und den Absatz der Digitalradios pushen. Nur, davon profitieren werden vor allem die Hersteller in Fernost, von wo mittlerweile die meisten Laptops und vielleicht auch manche Lederhose herkommen.

Der Bayerische Rundfunk hingegen verliert schon eine identitätsstiftende Farbe sowie ein gewisses Alleinstellungsmerkmal. Irgendwie hat Söder recht, wenn er sagt, dass Bayern 1 sich künftig kaum von den entsprechenden Programmen des WDR oder des MDR unterscheiden wird. Menschen wie meine Eltern jedenfalls werden Bayern 1 vollständig abtrünnig werden. Aber so ist das eben, wenn die Zeiten sich ändern. Gottschalk und Jauch sind inzwischen ja auch bei RTL.

Wie sagt man bei uns auf der hessischen Seite des Mains: Lebbe geht weiter!

Andreas Kern

Andreas Kern

Der Diplom-Volkswirt und Journalist arbeitet seit mehreren Jahren in verschiedenen Funktionen im Bereich Öffentlichkeitsarbeit. Kern war unter anderem persönlicher Referent eines Ministers, Büroleiter des Präsidenten des Landtages von Sachsen-Anhalt sowie stellvertretender Pressesprecher des Landtages. Er hat nach einer journalistischen Ausbildung bei einer Tageszeitung im Rhein-Main-Gebiet als Wirtschaftsredakteur gearbeitet . Aufgrund familiärer Beziehungen hat er Politik und Gesellschaft Lateinamerikas besonders im Blick. Kern reist gerne auf eigene Faust durch Südamerika, Großbritannien und Südosteuropa.

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